Sei es das generische Maskulinum, das N-Wort, ein bestimmtes Schnitzel oder eine Süssspeise aus Eiweiß und Schokolade: Menschen streiten sich um Bezeichnungen und um Sprache. Der Forderung, auf die Gefühle bestimmter Menschen Rücksicht zu nehmen und also Bezeichnungen und Wendungen zu verwenden, die so genannt »politisch korrekt« sind, reagieren viele mit folgenden Argumenten:
Es handelt sich bei diesen Bezeichnungen um Traditionen - die Verwendung erfolgt nicht, um jemanden zu verletzen, sondern weil man einfach schon immer so geredet hat.
Über die Bedeutung und die Verwendung der eigenen Sprache bestimmen die, die sie verwenden: So lange sie keine diskriminierenden Absichten hegten - und wer tut das schon? -, könnte man gegen den Sprachgebrauch (der dann lediglich ein Detail, eine Art Schmuck sei), nichts einwenden.
Die beiden Argumente wären dann gültig, wenn sich Sprache erstens nicht verändern würde und wenn sie zweitens rein privat genutzt würde: Privat meint hier, dass eine Person mit sich selber spricht. Wer in Selbstgesprächen eine traditionell etablierte Sprache verwendet und dabei gegen sämtliche Gebote der politisch korrekten Ausdrucksweise verstößt, wird kaum auf Widerstand treffen.
Falls Sprache aber verwendet wird, um mit anderen Menschen zu interagieren, so ist es unsinnig zu behaupten, man könne selbst darüber bestimmen, wie etwas gemeint sei. Wer Sprache hört, bestimmt ebenso, was ihrer oder seiner Meinung nach gemeint sei.
»Politisch korrekt« bedeutet letztlich nichts anderes, als die Wahrnehmung und die Gefühle anderer Menschen zu respektieren. Zu denken, eine meist falsch konstruierte Sprachtradition oder ein meist schräges Gefühl für sprachliche Eleganz sei höher zu werten als das, was andere Menschen empfinden, scheint mir reichlich absurd und nichts als eine Entschuldigung dafür, dass man die Gefühle anderer Menschen mit Füssen treten möchte. Und zu suggerieren, es gäbe ein imaginäres Zentralorgan, das Menschen die Freiheit nehmen will, die herkömmlichen, bewährten und präzisen Wendungen zu verwenden, ohne die sie kaum vernünftig kommunizieren können, ist ein weiterer hilfloser Versuch, die eigene Ignoranz zu kaschieren.
Es ist, als würde man Michael weiterhin Mike nennen, nachdem er mehrmals zu verstehen gegeben hat, er möge diese Bezeichnung nicht: Natürlich kann man das machen. Aber man soll bitte nicht noch so tun, als gäbe es einen guten Grund dafür.
Für die NZZ schreibt Claudia Wirz heute darüber, was »’normal’ empfindende[] Menschen« über politisch korrekte Sprache denken: Es finde eine »Entstellung der deutschen Sprache« statt, nicht nur durch den Feminismus, der das generische Maskulinum verhindern will, sondern ganz allgemein:
Auch das Tugenddiktat des allgemeinen guten Denkens hinterlässt seine Spuren. Sein beliebtestes Stilmittel: der Euphemismus, um nicht zu sagen die Euphemismus-Kette, also die ständige Suche nach dem schönen Wort, um alle möglichen Opfer aller möglichen gesellschaftlichen Problemphänomene aufzuwerten.
Ich möchte Frau Wirz zwei Argumente entgegenhalten - zuerst ein allgemeines und dann ein spezifisch auf das generische Maskulinum zugeschnittenes.
1. Betroffene entscheiden über angemessene Sprache.
Auch wenn Frau Wirz »normal« in Anführungs- und Schlusszeichen setzt: Schon allein die Verwendung des Wortes disqualifiziert ihre Überlegungen. Betroffene von Diskriminierung sollen angehört werden, wenn es darum geht, Phänomene zu bezeichnen. Sie sind es, die durch Sprache verletzt, benachteiligt, oder unsichtbar gemacht werden - also sollten wir sie fragen, wie wir anständig mit ihnen umgehen sollen, weil wir als privilegierte Menschen uns oft für so »normal« halten, dass wir neben allen anderen Rechten, die wir genießen, auch noch abschließend über die Sprachwahl urteilen wollen.
Nehmen wir ein Beispiel aus Wirz’ Kritik:
So wird zum Beispiel aus dem verhaltensgestörten Kind ein verhaltensauffälliges, und dieses entwickelt sich später zum verhaltensoriginellen Kind. Das Negative muss in positive Begriffe gefasst werden.
Ein Kind ist nichts Negatives - auch sein Verhalten nicht. Es ist auch nicht gestört, sondern es verhält sich nicht so, wie sich das viele Menschen wünschen oder wie es Normen festlegen. Es als »gestört« zu bezeichnen, impliziert ganz viele weitere Dinge: Z.B. dass die Störung behoben werden könnte oder sollte, dass sie jemand verursacht hat (wahrscheinlich die Eltern), dass alle, die Normen befolgen, nicht-gestört seien etc. Warum nicht einfach die Eltern fragen, wie sie gerne über das Verhalten ihres Kindes sprechen möchten? Was sie verletzt oder was das Kind verletzt - und welche Wortwahl nicht?
Das funktioniert auf jeder Ebene der politisch korrekten Sprache: Betroffene Mitmenschen anhören, ihre Perspektive berücksichtigen und versuchen, sie nicht zu verletzen, sondern sie zu behandeln, wie sie gerne behandelt werden möchten. Das hat weder mit einem »Tugenddiktat« zu tun noch mit einer »Entstellung« einer Sprache, sondern mit Anstand. Und Vernunft. Und Intelligenz.
2. Das generische Maskulinum hält nicht, was es verspricht.
Der Gewährsmann von Claudia Wirz, Arthur Brühlmeier, versteht leider nicht, wovon er spricht (nur am Rande: warum nicht einfach eine Linguistin fragen, was sie vom generischen Maskulinum hält? - Zusatzbemerkung, 14 Uhr: Wirz interviewt auch eine Linguistin, Luise F. Pusch.):
Die Gleichsetzung von biologischem und grammatischem Geschlecht ist laut Brühlmeier allein schon deswegen unstatthaft, weil die Natur nur zwei, die Grammatik aber drei Geschlechter kennt. Der grammatische Genus hat nach dieser Lesart also nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. So wird niemand dem Mädchen die biologische Weiblichkeit absprechen, nur weil es grammatisch sächlich ist.
Dass solche Sätze die Qualitätskontrolle bei der NZZ passieren, ist bedenklich genug. Natürlich gibt es ein grammatische Kategorien, die mit Geschlecht zu tun haben (»genus«) und nicht-grammatische (»sexus«). Nur verhalten sich die nicht so zueinander, wie Brühlmeier meint. Anatol Stefanowitsch erklärt das im Video sehr anschaulich. Kurzversion: Wenn wir sagen, »drei Studenten und vier Studentinnen haben eine Umfrage durchgeführt«, dann meinen wir mit den maskulinen und femininen Formen nicht-grammatische Kategorien, sondern biologisch/soziale.
Die Haltung, das generische Maskulinum als Vereinfachung zu sehen, mit der männliche und weibliche Personen bezeichnet werden können, ist nicht nur deshalb problematisch, weil Frauen unsichtbar gemacht werden, sondern deshalb, weil es sich um eine Fiktion handelt. Eine schlechte Fiktion, wie Stefanowitsch ausführt:
Das generische Maskulinum führt zu notorisch ungenauer Sprache.
Frauen müssen konstant überlegen, ob sie tatsächlich mitgemeint sind oder nicht (»Sieben Studenten haben eine Umfrage durchgeführt.« - Waren da jetzt auch Frauen dabei oder nicht?)
Wir verarbeiten Sprache nicht so, wie das die Fiktion des generischen Maskulinums besagt. Stefanowitsch zeigt anhand eines Experiments, bei dem Versuchspersonen angeben mussten, ob ein Satz wie (2) oder (3) unten als mögliche Fortsetzung von (1) angesehen werden konnten. Fazit für die Sprache Deutsch: »[E]in „generisches Maskulinum“ [existiert] im Deutschen (und Französischen) aus psycholinguistischer Sicht nicht.«
Quelle: GYGAX, Pascal, Ute GABRIEL, Oriane SARRASIN, Jane OAKHILL und Alan GARNHAM (2008) Generically intended, but specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men. Language and Cognitive Processes 23(3), 464-48. Zitiert nach Stefanowitsch.
Fazit: Menschen mögen sich an gerechter Sprache aus ästhetischen Gründen stören. Doch diese Gründe sind keine Entschuldigung dafür, linguistisch unhaltbare Theorien zu verbreiten oder andere Menschen mit Sprache zu verletzen.