»Täter« und »Opfer« 

Bei Gewaltverbrechen wird in den darauf folgenden Diskussionen schnell der »Täterschutz« mit dem »Opferschutz« verglichen, oder generell die Situation eines Täters (kaum: einer Täterin) mit der seiner (ihrer) Opfer.

Dieser Vergleich impliziert, die Behandlung oder Strafe von Verurteilten würde etwas an der Situation der von Straftaten Betroffenen ändern. Er gibt vor, härtere Strafen oder weniger Therapieangebote für verurteilte Straftäterinnen und Straftäter führten zu mehr Ressourcen oder Anteilnahme an der Situation der unter diesen Straftaten Leidenden.

Natürlich soll in einer Demokratie darüber diskutiert werden, wie man Opfer von Straftaten unterstützen kann. Der Staat soll und muss Solidarität mit den Schwachen ermöglichen und einfordern. Wer etwas so Traumatisches wie ein Gewaltverbrechen erlebt hat, hat ein Anrecht auf Therapien und ein breites Unterstützungsangebot.

Aber das hat nichts mit einer Beschränkung der Rechte von Verurteilten zu tun. Selbstverständlich dient der Strafvollzug auch dazu, die Gesellschaft von erwiesenermaßen gefährlichen Menschen zu schützen. Aber ein System, in dem Strafen auch in Hinsicht auf eine Therapiefähigkeit und Resozialisierung von Gewaltverbrechern (und, eben kaum: Gewaltverbrecherinnen) erwiesenermaßen Funktionieren, schützt die Gesellschaft besser als eines, das Strafen als Vergeltung konzipiert.

Bettina Weber schreibt:

Ein Staat hat deutlich zu machen, dass er Gewalt nicht duldet, sondern ächtet. Und noch mehr hat er dafür zu sorgen, dass der Schutz potenzieller Opfer in jedem Fall vorgeht.

Das mag auf den ersten Blick einleuchten, ist aber auf den zweiten Blick kompletter Nonsense. Kein zivilisierter Staat der Welt duldet Gewalt. Der Satz hat denselben Informationsgehalt wie die Aussage, ein Staat müsse deutlich machen, dass er reiche Menschen nicht subventioniere, sondern besteuere. Er ist schlicht selbstverständlich. Und die Forderung, der Staat habe dafür zu sorgen, dass der Schutz »potenzieller Opfer in jedem Fall vorgeht«, suggeriert, Therapien wären kein Mittel, um Opfer zu schützen. Sind sie aber. Und zwar das beste, das die Menschen kennen.

Ich verstehe so wenig wie all die Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, warum ein gefährlicher Mann mit einer Therapeutin reiten soll. Und ich verstehe die Frustration, die tiefe Trauer und die Verunsicherung, die seine Tat hervorruft. Aber beides ist kein Grund, Vorgehensweisen zu fordern, die irrational sind, in keinem Zusammenhang stehen und erwiesenermaßen nicht funktionieren.

4 thoughts on “»Täter« und »Opfer« 

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