Das wars.

Vielleicht ist es das verflixte siebte Jahr, vielleicht sind es die guten Gründe, die ich unten anführe – auf jeden Fall ist das der letzte Beitrag auf diesem Blog. Bis Ende Jahr lasse ich einmal alles noch so bleiben, wie es ist – danach verschiebe ich die Beiträge auf eine andere Plattform, damit sie zugänglich sind, und nutze die hier neu: Wahrscheinlich führe ich sie einfach mit meiner persönlichen Seite zusammen.

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So viel zum Vorgehen, nun zu den Gründen:

  1. Ich beginne, mich zu wiederholen. Viele meiner Positionen habe ich differenziert begründet – meine Ausführungen drohen länger zu werden, aber nicht origineller, präziser oder differenzierter.
  2. Im letzten  Jahr habe ich mir vermehrt Gedanken über Privilegien gemacht. Die Möglichkeit, für seine Meinung im Internet eine Leserschaft zu finden, ist ein enormes Privileg, das ich nicht weiter beanspruchen möchte. Meine Meinung ist nicht wichtiger als andere (auch wenn ich sie ungeheuer eloquent begründen kann) – und doch beanspruche ich viel Raum dafür. Diesen Raum möchte ich freigeben.
  3. Der Blog führt mich in Versuchung, mich auf gedankliche Gefechte einzulassen, die ich besser meiden würde.
  4. Kürzlich habe ich ein Gespräch darüber geführt, warum ich Social Media mit meinem Klarnamen verwende. Kurz: Ich möchte, auch aus beruflichen Gründen, professioneller auftreten. Dazu gehört (in der Schweiz) auch, dass politische Meinungen und Haltungen zurückhaltend kundgetan werden. (Vor etwas mehr als zwei Jahren hatte ich einen heftigen Konflikt mit einer Nationalrätin, die ich im Blog angegriffen hatte – ein Konflikt, der mir beruflich stark hätte schaden können, und mich zu größerer Zurückhaltung animiert hat.)
  5. Diese Meinungen und Haltungen haben oft auch Themen betroffen, mit denen ich mich intensiv auseinandergesetzt habe, aber bei denen ich nicht Experte war: Journalismus, Gender und Politik sind Steckenpferde von mir, aber nicht mehr.
  6. Mein Blog über Schule, Lernen und digitale Kommunikation hat auch wegen meines Buchprojekts eine höhere Dynamik erhalten als dieses Blog. Darauf möchte ich mich konzentrieren.
  7. Mein Blog hat für mein Wissensmanagement eine große Rolle gespielt – was ich gelesen und reflektiert habe, habe ich oft hier abgelegt. Aber die Form des Blogposts hat meinen Wissensprozess auch in gewisse Bahnen gelenkt: Die Möglichkeit, etwas zu publizieren und die damit verbundenen Lesestatistiken haben ihn beeinflusst. Davon möchte ich mich lösen – werde aber weiterhin mein Denken schriftlich und öffentlich verarbeiten.

Ich habe zu danken: Den Leserinnen und Lesern. Den Kommentierenden (ich habe 3’600 Kommentare erhalten) und den Korrigierenden, die meine Beiträge kritisch geprüft haben und mich auf viele Fehler aufmerksam gemacht haben. Ich habe viel gelernt in den letzten fast sieben Jahren auf dieser Plattform. Danke.

»Täter« und »Opfer« 

Bei Gewaltverbrechen wird in den darauf folgenden Diskussionen schnell der »Täterschutz« mit dem »Opferschutz« verglichen, oder generell die Situation eines Täters (kaum: einer Täterin) mit der seiner (ihrer) Opfer.

Dieser Vergleich impliziert, die Behandlung oder Strafe von Verurteilten würde etwas an der Situation der von Straftaten Betroffenen ändern. Er gibt vor, härtere Strafen oder weniger Therapieangebote für verurteilte Straftäterinnen und Straftäter führten zu mehr Ressourcen oder Anteilnahme an der Situation der unter diesen Straftaten Leidenden.

Natürlich soll in einer Demokratie darüber diskutiert werden, wie man Opfer von Straftaten unterstützen kann. Der Staat soll und muss Solidarität mit den Schwachen ermöglichen und einfordern. Wer etwas so Traumatisches wie ein Gewaltverbrechen erlebt hat, hat ein Anrecht auf Therapien und ein breites Unterstützungsangebot.

Aber das hat nichts mit einer Beschränkung der Rechte von Verurteilten zu tun. Selbstverständlich dient der Strafvollzug auch dazu, die Gesellschaft von erwiesenermaßen gefährlichen Menschen zu schützen. Aber ein System, in dem Strafen auch in Hinsicht auf eine Therapiefähigkeit und Resozialisierung von Gewaltverbrechern (und, eben kaum: Gewaltverbrecherinnen) erwiesenermaßen Funktionieren, schützt die Gesellschaft besser als eines, das Strafen als Vergeltung konzipiert.

Bettina Weber schreibt:

Ein Staat hat deutlich zu machen, dass er Gewalt nicht duldet, sondern ächtet. Und noch mehr hat er dafür zu sorgen, dass der Schutz potenzieller Opfer in jedem Fall vorgeht.

Das mag auf den ersten Blick einleuchten, ist aber auf den zweiten Blick kompletter Nonsense. Kein zivilisierter Staat der Welt duldet Gewalt. Der Satz hat denselben Informationsgehalt wie die Aussage, ein Staat müsse deutlich machen, dass er reiche Menschen nicht subventioniere, sondern besteuere. Er ist schlicht selbstverständlich. Und die Forderung, der Staat habe dafür zu sorgen, dass der Schutz »potenzieller Opfer in jedem Fall vorgeht«, suggeriert, Therapien wären kein Mittel, um Opfer zu schützen. Sind sie aber. Und zwar das beste, das die Menschen kennen.

Ich verstehe so wenig wie all die Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, warum ein gefährlicher Mann mit einer Therapeutin reiten soll. Und ich verstehe die Frustration, die tiefe Trauer und die Verunsicherung, die seine Tat hervorruft. Aber beides ist kein Grund, Vorgehensweisen zu fordern, die irrational sind, in keinem Zusammenhang stehen und erwiesenermaßen nicht funktionieren.

Sind Fingerabdrücke ein wesentliches Merkmal unserer Identität?

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Robert Scoble lobt die Bemühungen von Apple, Userdaten so gut wie möglich zu schützen:

Only Apple seems to be working to keep my data safe (and remove theft rewards). The fingerprint scanner is really key at keeping people out of your “personal cloud.” Most of my friends don’t use passwords. Why? It’s a real pain in the behind keeping your life secure (I use all two-factor authentication, most people in my life don’t).

Diese Interpretation der neuesten Apple-Innovation, das iPhone per Fingerabdruck zu sichern, ist aber selten. Verbreitet ist die Ansicht, Apple verfüge nun zu der Unmenge an Benutzerdaten (Kontakte, Bewegungsprofile, E-Mails etc.) auch Fingerabdrücke – ein gravierendes Problem.

557137_10151554549931734_323775946_nSpontan hielt ich diese Kritik für ein Vorurteil – basierend auf der analogen, überholten Vorstellung, ein Fingerabdruck sei ein wesentliches Stück meiner Identität. Ich halte viele andere Daten für wesentlich schützenswerter als meinen Fingerabdruck.

Auch den Einwand, dass aber Behörden weiterhin Fingerabdrücke verwenden, ließ ich zunächst nicht gelten. (Die USA haben beispielsweise eine Datenbank mit 100 Millionen Fingerabdrücken – 50 von US-Bürgerinnen und Bürgern, 50 von Einreisenden). Es ist nicht überraschend, dass Behörden weiterhin auf analoge Modelle setzen.

Allerdings – das machte mir eine kurze Diskussion mit Dierk deutlich – gibt es unter all meinen Daten kaum sichere Wege, sie mit einem Körper zu verbinden. Der Fingerabdruck leistet gerade das: Er identifiziert mich als einen körperlichen Menschen (während alle anderen Datenspuren auf dem iPhone nur etwas über die Nutzung des Geräts sagen, nicht aber direkt etwas über die Nutzenden).

Fazit: Biometrische Daten haben durchaus ein anderes Gewicht als körperlose Informationen.

 

 

Heute erhielt ich einen Strafbefehl

Update:  Bei der genaueren Lektüre wurde mir klar, dass ich ein Recht darauf hätte, Einspruch dagegen einzulegen, wenn der Sachverhalt nicht stimmen würde, weil ich davon betroffen war. Mir ist nun klar, weshalb ich eine Kopie erhalten habe, finde aber weiterhin, eine reduzierte Form (in der nur die mich betreffenden Straftaten aufgelistet werden), würde ausreichen.

Erhalte ich eingeschrieben Briefe, rechne ich immer damit, dass ich eine Rechnung zu zahlen vergessen habe, weil ich ein sehr ambivalentes Verhältnis zur Briefpost habe. Heute überraschte mich aber die Postangestellte: In zwei Couverts der Staatsanwaltschaft Zürich-Limmat steckten zwei Strafbefehle. Als ich schon weiche Knie hatte, bemerkte ich, dass es sich um Kopien von Strafbefehlen handelte, die zwei andere Personen betreffen.

Um zu erklären, wie es dazu kam, dass ich Strafbefehl-Kopien zugeschickt bekomme, muss ich kurz zurückgreifen: Am so genannten Dörflifäscht im Zürcher Niederdorf wurde meine Tasche gestohlen. Da ich mit meinen Schülerinnen und Schülern in ein Gespräch verwickelt war, bemerkte ich das allerdings erst, als ein in Zivil gekleideter Polizist mir meine Tasche zurückbrachte. Er wies mich darauf hin, die beiden Diebe würden soeben in ein Polizeifahrzeug verladen, sie seien auf frischer Tat ertappt worden. Meine Tasche wurde dann noch einen Tag als Beweismittel verwendet, ich konnte sie erst später bei der Stadtpolizei abholen.

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Ich hatte Glück. Laptop und Portemonnaie zu ersetzen wäre möglich gewesen, aber enorm aufwändig und unangenehm. Dennoch blieb ein ungutes Gefühl: Die Angaben der Polizei, sie seien den beiden Tätern gefolgt, führten zusammen mit dem oben stehenden Zeitungsartikel bei mir zur Frage, ob die Polizei aufgrund des Aussehens von Personen ermittelt, was ich für problematisch hielte.

Und nun wurden mir also die Strafbefehle der beiden Männer zugestellt. Darin stehen ihre Vorstrafen, ihre Adressen, die Namen ihrer Eltern, die Namen von anderen Bestohlenen, ihr Aufenthaltsstatus in der Schweiz und die Strafe, die sie erhalten haben. Ich frage mich, warum mir ein solches Dokument automatisch zugeschickt wird, zumal es durchaus sensible Daten enthält. Ein Hinweis darauf, was ich mit dem Dokument tun darf und was nicht, fehlt ebenso wie ein Begleitschreiben.

Sinnvoller schiene mir:

  1. Eine Bestätigung über den Abschluss des Falls zu verschicken (»In Ihrem Fall wurden zwei Strafbefehle an die Täter verschickt.«).
  2. Die Möglichkeit der Einsicht in die Strafbefehle zu geben, sie aber nicht automatisch zu verschicken.

Meine Tasche, nach dem Diebstahl.

Meinung und Verantwortung – Zum Fall »Carlos« 

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Andreas Schürer schreibt in der NZZ:

Jetzt ist die Justizdirektion in der Defensive. Während sie einen auf Freitag angekündigten Bericht erarbeiten lässt, werden immer mehr Details über den Umgang mit dem 17-jährigen «Carlos» bekannt, der vor zwei Jahren in Zürich einen Jugendlichen niedergestochen und schwer verletzt hatte. Nicht nachvollziehbar ist, wie umfangreich das monatlich 29 000 Franken teure Programm für «Carlos» ausgestattet wurde und dass er auf Staatskosten von einem vorbestraften Thaibox-Trainer zum Profi ausgebildet werden sollte. Der Justizdirektor Martin Graf (gp.) ist mit dem ersten Ernstfall in seiner Zeit als Regierungsrat konfrontiert. Die Krisenkommunikation kann nur glücken, wenn er die Fehler in dieser Geschichte schonungslos benennt, fallbezogen Konsequenzen zieht und allgemeine Missstände im Umgang mit jugendlichen Gewalttätern ans Licht zerrt. Tut er dies in seiner angekündigten Stellungnahme nicht, fällt die Geschichte auf ihn zurück.

Diese Meinung vertreten viele Menschen: Das Programm ist zu teuer, es verwöhnt einen Straftäter und bildet ihn in einer Kampfsportart aus, wo er doch schon gewalttätig geworden ist.

Bezeichnend an dieser Passage ist die Aussage, es sei »nicht nachvollziehbar«, wie das Programm entstanden sei. Genau so geht es mir: Ich kann es nicht nachvollziehen, weil ich die Geschichte von »Carlos« nicht kenne, die Bemühungen der Behörden und Gerichte, ihn einer Therapie zuzuführen und zu resozialisieren. Ich kenne mich generell im Umgang mit jugendlichen Straftätern nicht aus, bin dafür nicht ausgebildet und kann keine kompetente Meinung vertreten. Ebenso verstehe ich nichts von Kampfsportarten und ihrem therapeutischen Einsatz bei einem jugendlichen Intensivtäter.

Meinungsfreiheit mag ich, staatliche Kontrolle von Meinungen lehne ich ab. Aber Freiheit, das ist schon fast eine Platitüde, bringt Verantwortung mit sich. Wer eine Meinung äußert, hat meiner Meinung nach die Pflicht, sich zu informieren, die Meinung zu begründen.

Nehmen wir ein Beispiel: 29’000 Franken kostet das Programm pro Monat.

  1. Wie viel kosten alternative Programme wie die geschlossene Psychiatrie?
  2. Was wird mit diesen 29’000 Franken genau finanziert?
  3. Kostet das Programm jeden Monat 29’000 Franken oder ist das Spitzenwert?
  4. Werden Kosten abgewälzt auf Verwandte von »Carlos«?

Wer diese Fragen nicht beantworten kann, darf natürlich finden, 29’000 Franken seien zu viel. Aber diese Meinung muss ich nicht ernst nehmen, weil sie mir nichts sagt. Zu viel im Vergleich womit? Mit dem Lohn einer Person, die arbeitet? Mit den Kosten, die »Carlos« verursacht, wenn er nicht therapiert werden kann? Mit anderen Unterbringungsformen?

Und zum Schluss ein Bekenntnis: Ich mag Expertinnen, ich mag Experten. Ich höre ihnen gerne zu, weil sie sich auskennen, weil sie Erfahrung haben und weil sie Alternativen aufzeigen können. Dass Expertinnen und Experten einen schlechten Ruf haben, ist ein Problem, das meiner Meinung nach viele negative Auswirkungen haben kann. Es ist richtig, die Öffentlichkeit transparent über den Strafvollzug, auch bei Jugendlichen zu informieren – aber nicht aufgehängt an Einzelfällen, sondern ein klares, präzises und breit abgestütztes Bild. Aber es ist nicht richtig, die Öffentlichkeit auf solche Prozess Einfluss nehmen zu lassen, wenn das nicht auf einem demokratisch abgestützten Weg passiert.

Dimensionen von Stil in Sprache und Mode

Der »Stil-Experte« Jeroen van Rooijen formulierte 2009 seine Ansicht dazu, wie Lehrpersonen gekleidet sein sollen. Hier ein Auszug:

Ein Lehrer, der seinen Job ernst nimmt, sollte im Sommer wie Winter gedeckte Naturtöne tragen, vorzugsweise also Anzüge oder Kombinationen aus (Bundfalten-)Hose und Veston aus mehr oder minder breit geripptem Kord, Moleskin, Tweed oder robustem Baumwoll-Twill. […]  In der Schule geht es um die Vermittlung von Wissen und um Werte. Ein bisschen gepflegter Konservativismus kann da nicht schaden. Das gilt auch für die Berufsbekleidung der im Edukativen tätigen Frauen. Es muss also dazu geraten werden, auf Elemente der Freizeitgarderobe oder der Sportswear zu verzichten, wenn man vor die Klasse tritt. Im Grunde ist als Basis nur das Kostüm (wahlweise mit kniebedeckendem Rock oder langer Hose) denkbar.

So unterrichte ich. Aber gelegentlich auch im T-Shirt…

So unterrichte ich. Aber gelegentlich auch im T-Shirt…

Was solche Überlegungen wie von van Rooijen ausblenden, sind die verschiedenen Dimensionen von Stil:

  1. Stil als eine Übereinkunft über menschliche Handlungen, die beliebige Freiräume lassen; also kontingent sind
  2. Stil als ein Management von Erwartungen zwischen Menschen
  3. Stil als die Möglichkeit, in einem Kontext eine bestimmte Wirkung zu erzeugen
  4. Stil als die Möglichkeit, persönliche Vorlieben oder Eigenschaften auszudrücken

Wenn ich als Lehrperson mich als besonders locker geben möchte, dann kann gerade das Tragen von ausgeschnittenem T-Shirt und leucht-grüner Hose dazu führen, dass ich diese Eigenschaften ausdrücken kann und die entsprechende Wirkung erziele; zudem verstoße ich gegen bestimmte Erwartungen.

Luhmann bemerkt zur Funktion von Stil in der Kunst:

Vielmehr gibt der Stil selbst die Direktiven für ein Abweichen vom Stil, das immer dann berechtigt ist, wenn die Durchführung als Kunstwerk gelingt.

Dasselbe trifft auch auf sprachlichen Stil vor. Wer da Regeln vorgibt, wie z.B. Wolf Schneider, ignoriert, dass Stil mehrere Dimension hat. Wenn Stil mit Regeln erklärt wird, ist die Annahme immer die, eine Konvention (oben 1.) sei zu beschreiben und deshalb zu befolgen, weil sich das Muster in der Vergangenheit gebildet hat. Dass dadurch ebenso eine Möglichkeit eröffnet wird, die Konvention zu verletzen oder zu umgehen – um gerade damit einen Effekt zu erzeugen, wird von diesen normorientierten »Stil-Päpsten« kaum reflektiert.

So heißt es denn auch in einer Kritik an Wolf Schneider:

‚Guten Stil‘ kann man eben nicht in wenigen ‚Lektionen‘ beschreiben und lehren. Was ihn ausmacht, ist mindestens davon abhängig, was man mit einem Text erreichen möchte und an wen sich dieser Text richtet. Der Stil eines packenden Krimis kann ‚quick and dirty‘ sein, der einer Abiturklausur besser nicht.

Und so müssen auch die Stil-Tipps von Constatin Seibt lediglich als Beschreibung seiner eigenen Schreibstrategie gelesen werden – nicht als Regeln, die universale Gültigkeit unabhängig von Kontext und Absicht beanspruchen können.

 

Ein Gedanke zu Whistleblowing

Wenn wir annehmen, dass die Gesetze eines Staates demokratisch legitimiert und deshalb gerecht sind: Dann müssen Verstöße dagegen im Rahmen fairer und gesetzlich legitimierter Prozesse geahndet werden. 

Whistleblowing ist nun aber eine Rechtfertigung, gegen das Gesetz zu verstoßen. Diese Rechtfertigung, so scheint mir, müsste wiederum eine gesetzliche Grundlage haben – und wäre insbesondere klar einzugrenzen: Wenn Amtsinhaberinnen oder Amtsinhaber die Privilegien ihres Amtes missbrauchen, um einen Verstoß gegen Gesetze zu verheimlichen, dann muss das aufgedeckt werden können, ohne dass die Betroffenen dafür sanktioniert werden (weil die Sanktionen ja gerade missbräuchlich eingesetzt würden). 

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Bradley Manning.

Im Fall von Bradley Manning scheint mir nicht ganz klar zu sein, inwiefern diese Rechtfertigung tatsächlich anwendbar ist. Manning hat enorm viele Daten veröffentlicht – auch solche, die absolut zurecht als geheim klassifiziert worden ist. Es ist zu bezweifeln, ob er überhaupt wusste, welche Informationen er weitergab. Dass er dafür bestraft wird, scheint mir weder ungerecht noch problematisch. 

Aus rechtsstaatlicher Sicht diffizil sehe ich in seinem Fall: 

  1. der Verlauf, die Umstände und die Dauer seines Verfahrens inklusive der Folter
  2. die Frage, ob seine Strafe verhältnismäßig ist
  3. die Regierungsbemühungen, ein Exempel zu statuieren – die Exekutive hat sich nicht in die Belange der Judikative einzumischen. 

Generell stört mich aber die reflexartige Verteidigung Mannings und die Verurteilung des Urteils in breiten Kreise in Europa. Manning hat bewusst gegen (gerechte) Gesetze verstoßen – warum sollte er nicht bestraft werden?