Meinung und Verantwortung – Zum Fall »Carlos« 

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Andreas Schürer schreibt in der NZZ:

Jetzt ist die Justizdirektion in der Defensive. Während sie einen auf Freitag angekündigten Bericht erarbeiten lässt, werden immer mehr Details über den Umgang mit dem 17-jährigen «Carlos» bekannt, der vor zwei Jahren in Zürich einen Jugendlichen niedergestochen und schwer verletzt hatte. Nicht nachvollziehbar ist, wie umfangreich das monatlich 29 000 Franken teure Programm für «Carlos» ausgestattet wurde und dass er auf Staatskosten von einem vorbestraften Thaibox-Trainer zum Profi ausgebildet werden sollte. Der Justizdirektor Martin Graf (gp.) ist mit dem ersten Ernstfall in seiner Zeit als Regierungsrat konfrontiert. Die Krisenkommunikation kann nur glücken, wenn er die Fehler in dieser Geschichte schonungslos benennt, fallbezogen Konsequenzen zieht und allgemeine Missstände im Umgang mit jugendlichen Gewalttätern ans Licht zerrt. Tut er dies in seiner angekündigten Stellungnahme nicht, fällt die Geschichte auf ihn zurück.

Diese Meinung vertreten viele Menschen: Das Programm ist zu teuer, es verwöhnt einen Straftäter und bildet ihn in einer Kampfsportart aus, wo er doch schon gewalttätig geworden ist.

Bezeichnend an dieser Passage ist die Aussage, es sei »nicht nachvollziehbar«, wie das Programm entstanden sei. Genau so geht es mir: Ich kann es nicht nachvollziehen, weil ich die Geschichte von »Carlos« nicht kenne, die Bemühungen der Behörden und Gerichte, ihn einer Therapie zuzuführen und zu resozialisieren. Ich kenne mich generell im Umgang mit jugendlichen Straftätern nicht aus, bin dafür nicht ausgebildet und kann keine kompetente Meinung vertreten. Ebenso verstehe ich nichts von Kampfsportarten und ihrem therapeutischen Einsatz bei einem jugendlichen Intensivtäter.

Meinungsfreiheit mag ich, staatliche Kontrolle von Meinungen lehne ich ab. Aber Freiheit, das ist schon fast eine Platitüde, bringt Verantwortung mit sich. Wer eine Meinung äußert, hat meiner Meinung nach die Pflicht, sich zu informieren, die Meinung zu begründen.

Nehmen wir ein Beispiel: 29’000 Franken kostet das Programm pro Monat.

  1. Wie viel kosten alternative Programme wie die geschlossene Psychiatrie?
  2. Was wird mit diesen 29’000 Franken genau finanziert?
  3. Kostet das Programm jeden Monat 29’000 Franken oder ist das Spitzenwert?
  4. Werden Kosten abgewälzt auf Verwandte von »Carlos«?

Wer diese Fragen nicht beantworten kann, darf natürlich finden, 29’000 Franken seien zu viel. Aber diese Meinung muss ich nicht ernst nehmen, weil sie mir nichts sagt. Zu viel im Vergleich womit? Mit dem Lohn einer Person, die arbeitet? Mit den Kosten, die »Carlos« verursacht, wenn er nicht therapiert werden kann? Mit anderen Unterbringungsformen?

Und zum Schluss ein Bekenntnis: Ich mag Expertinnen, ich mag Experten. Ich höre ihnen gerne zu, weil sie sich auskennen, weil sie Erfahrung haben und weil sie Alternativen aufzeigen können. Dass Expertinnen und Experten einen schlechten Ruf haben, ist ein Problem, das meiner Meinung nach viele negative Auswirkungen haben kann. Es ist richtig, die Öffentlichkeit transparent über den Strafvollzug, auch bei Jugendlichen zu informieren – aber nicht aufgehängt an Einzelfällen, sondern ein klares, präzises und breit abgestütztes Bild. Aber es ist nicht richtig, die Öffentlichkeit auf solche Prozess Einfluss nehmen zu lassen, wenn das nicht auf einem demokratisch abgestützten Weg passiert.

10 thoughts on “Meinung und Verantwortung – Zum Fall »Carlos« 

  1. Danke dafür. Der erste sinnvolle Kommentar, den ich in diesem Zusammenhang lese. Interessant finde ich im zitierten NZZ Artikel auch den Satz „[…]und allgemeine Missstände im Umgang mit jugendlichen Gewalttätern ans Licht zerrt“. Da wird einfach als Missstand bezeichnet, was gar nicht unbedingt einer sein muss.
    Sagen wir C würde weiterhin in seinem Programm therapiert, das 29’000 s.Fr. pro Monat kostet. Sagen wir C. würde dadurch „resozialisiert“. Sagen wir, er könnte nach Monaten oder Jahren gefahrlos in die Öffentlichkeit entlassen werden.
    War dann das Programm ein Missstand, wenn die Alternative wäre, dass er einfach eingesperrt und nicht therapiert würde, was nicht einmal aus finanzieller Sicht viel günstiger käme. Auch dieser C. würde irgendwann frei kommen. Mit welchen Konsequenzen?
    Natürlich ist das Spekulation. Es ist nicht erwiesen, dass das Programm für C. Erfolg haben wird. Aber muss man es nicht wenigstens versuchen?

  2. Der Fall Carlos erscheint mir für die Thematisierung von „Meinung und Verantwortung“ ziemlich ungeeignet. Möglicherweise täusche ich mich, aber zwischen Deinen Zeilen lese ich, dass ausser Experten kaum jemand befähigt sei, die Angelegenheit kompetent einzuordnen.

    Nach meiner Einschätzung haben aber gerade Experten versagt. Sie sind dafür verantwortlich, dass der ansonsten erfolgsversprechende Weg im Umgang mit jugendlichen Straftätern nun in Frage gestellt wird.

    Die Fakten zu Carlos liegen auf dem Tisch: sie wurden paradoxerweise vom Betroffenen und seinem Betreuerumfeld (in naiver Einschätzung der Brisanz) selber offen gelegt. Auch die von Dir aufgeworfenen Fragen wurden weitgehend beantwortet, z.B. im Tages-Anzeiger:
    http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/Was-jugendliche-Straftaeter-den-Kanton-Zuerich-kosten/story/31837188

    Und die Frage des therapeutischen Einsatzes von Kampfsportarten bei jugendlichen Straftätern kann nicht einzig unter dem Aspekt der Wirksamkeit betrachtet werden. In diesem Bereich spielen auch ethische Aspekte und persönliche Werte eine Rolle und nicht zuletzt geht es dabei auch darum, welche Signale der Staat gegenüber Opfern von Gewalttaten aussendet.

    Ohne dass man alle Details zum Fall Carlos kennt, kann man durchaus begründet zur Ansicht gelangen, dass hier einiges aus dem Ruder gelaufen ist und weitere Untersuchungen gerechtfertigt sind. Dass sich in diesem Fall öffentliche Meinung gegen die zu lasche und teure Behandlung von Carlos richtet, ist für mich also durchaus nachvollziehbar. Ob es sich um einen Einzelfall handelt, muss noch abgeklärt werden. Ich hoffe es.

    • Mittlerweile liegen viele Fakten auf dem Tisch. Nach der Lektüre der Darstellung der Verwaltung – http://ow.ly/oCKE5 – halte ich das Vorgehen der Expertinnen und Experten für gut begründet und ergebnisorientiert.
      Ich finde den Fall sehr geeignet. Natürlich können sich auch Nicht-ExpertInnen Meinungen bilden. Aber sie sollen sie bilden, aufgrund von Informationen.
      Im übrigen finde ich tatsächlich, dass schwierige Probleme von Fachleuten gelöst werden soll, auch wenn die Fehler machen.

      • Ich finde es einen guten Bericht, der zeigt, dass nicht generelle Probleme beim Jugendstrafvollzug bestehen. Die öffentliche Diskussion war wichtig und hat offenbar dazu geführt, dass in der Jugendanwaltschaft Schwachstellen erkannt wurden und nun entsprechende Anpassungen vorgenommen werden (Thaiboxen, Kosten und personelle Entscheide).

  3. Ich denke dass sich in diesem Fall in der öffentlichen Diskussion mehrere Ebenen überlagern:

    a) Ist diese Art der speziellen Einzeltherapie geeignet, um den jugendlichen Straftäter soweit zu sozialisieren dass er ab einem bestimmten Zeitpunkt ein weitgehend selbständiges Leben führen kann?

    b) Besteht generell eine wirksame Wirksamkeitskontrolle solcher Massnahmen, welche unabhängig vom Engagement der direkt Beteiligten sicherstellt, dass es nicht zu Betriebsblindheit kommt?

    c) Entspricht es dem allgemeinen Gerechtigkeitsempfinden dass in diesem Fall (und in den seltenen ähnlichen Fällen) ein solcher Aufwand getrieben wird?

    Zu a) will ich, da nicht Experte, relativ wenig sagen. Aus der Ferne betrachtet (und vor dem Hintergrund eigener Erziehungserfahrung) wirken einzelne Massnahmen (oder eben Nicht-Massnahmen) etwas speziell, aber da Erziehung oft das Abwägen von verschiedenen Faktoren bedeutet, wäre ein Urteil hierzu wohl verfehlt. Allenfalls wäre es interessant zu wissen, bis wann aus Sicht der Experten diese Sonderbehandlung dazu führen wird dass „Carlos“ ein selbständiges Leben führen kann.

    Bei b) hat inzwischen der Bericht der Justizdirektion zumindest ein bisschen Licht ins Dunkel gebraucht und auch den einen oder andere Missstand aufgedeckt. Wenn das System dadurch „besser“ wird, dürfte das allen recht sein.

    Schlussendlich kein Expertenwissen braucht es allerdings bei c), da dies ein Thema ist welches uns alle angeht und bei dem jeder in der Lage und berechtigt ist, aus seinem Weltbild und seinem Erfahrungshorizont heraus mitzudiskutieren. Ist es gerecht, den Täter intensiv und aufwändig zu therapieren während das Opfer mit den Folgen der Tat weitgehend selber fertig werden muss? Wie wirkt der für Carlos jeden Monat ausgegebene Geldbetrag auf all diejenigen, die unterhalb des oder knapp am Existenzminimum leben und kaum wissen wie sie über die Runden kommen sollen? Sendet das Justizwesen mit solchen Massnahmen das richtige Signal an jugendliche Straftäter oder ist es eher eine Einladung dazu, so richtig über die Stränge zu schlagen und solange renitent zu sein bis man auch eine Sonderbehandlung kriegt? Wie lange ist eine solche Therapie gerechtfertigt und wer trägt schlussendlich die Verantwortung falls sie nichts fruchtet?

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