Wem gehört die Sprache – über politisch korrekten Sprachgebrauch

Sei es das generische Maskulinum, das N-Wort, ein bestimmtes Schnitzel oder eine Süssspeise aus Eiweiß und Schokolade: Menschen streiten sich um Bezeichnungen und um Sprache. Der Forderung, auf die Gefühle bestimmter Menschen Rücksicht zu nehmen und also Bezeichnungen und Wendungen zu verwenden, die so genannt »politisch korrekt« sind, reagieren viele mit folgenden Argumenten:

  1. Es handelt sich bei diesen Bezeichnungen um Traditionen – die Verwendung erfolgt nicht, um jemanden zu verletzen, sondern weil man einfach schon immer so geredet hat.
  2. Über die Bedeutung und die Verwendung der eigenen Sprache bestimmen die, die sie verwenden: So lange sie keine diskriminierenden Absichten hegten – und wer tut das schon? -, könnte man gegen den Sprachgebrauch (der dann lediglich ein Detail, eine Art Schmuck sei), nichts einwenden.

Die beiden Argumente wären dann gültig, wenn sich Sprache erstens nicht verändern würde und wenn sie zweitens rein privat genutzt würde: Privat meint hier, dass eine Person mit sich selber spricht. Wer in Selbstgesprächen eine traditionell etablierte Sprache verwendet und dabei gegen sämtliche Gebote der politisch korrekten Ausdrucksweise verstößt, wird kaum auf Widerstand treffen.

Falls Sprache aber verwendet wird, um mit anderen Menschen zu interagieren, so ist es unsinnig zu behaupten, man könne selbst darüber bestimmen, wie etwas gemeint sei. Wer Sprache hört, bestimmt ebenso, was ihrer oder seiner Meinung nach gemeint sei.

»Politisch korrekt« bedeutet letztlich nichts anderes, als die Wahrnehmung und die Gefühle anderer Menschen zu respektieren. Zu denken, eine meist falsch konstruierte Sprachtradition oder ein meist schräges Gefühl für sprachliche Eleganz sei höher zu werten als das, was andere Menschen empfinden, scheint mir reichlich absurd und nichts als eine Entschuldigung dafür, dass man die Gefühle anderer Menschen mit Füssen treten möchte. Und zu suggerieren, es gäbe ein imaginäres Zentralorgan, das Menschen die Freiheit nehmen will, die herkömmlichen, bewährten und präzisen Wendungen zu verwenden, ohne die sie kaum vernünftig kommunizieren können, ist ein weiterer hilfloser Versuch, die eigene Ignoranz zu kaschieren.

Es ist, als würde man Michael weiterhin Mike nennen, nachdem er mehrmals zu verstehen gegeben hat, er möge diese Bezeichnung nicht: Natürlich kann man das machen. Aber man soll bitte nicht noch so tun, als gäbe es einen guten Grund dafür.

4 thoughts on “Wem gehört die Sprache – über politisch korrekten Sprachgebrauch

  1. Interessante Gedanken! Als Teenager habe ich mich sehr für eine politisch korrekte Sprache eingesetzt, wurde dessen aber vor vielen Jahren sehr müde. Das Deutsche ist insbesondere bezüglich geschlechtergerechter Sprache anstrengend. Und Luise F. Pusch hat zwar kreative Vorschläge gemacht, die mir heute aber als komplett unumsetzbar erscheinen. Amüsant ist hingegen das Buch „die Töchter Egalias“.

  2. Interessante Gedanken. In der Germanistik unterscheiden wir zwischen der Grammatik als „Normsprache“ und der generativen Transformationsgrammatik (Linguistik), die Sprachvarianten sammelt. Für die forensische Rhetorik ist der normativer Sprachgebrauch von entscheidender Bedeutung, weil schon die falsche Verwendung des Konjunktivs eine protokollierte Zeugenaussage vor Gericht nichtig macht.
    In der privaten Kommunikation kann dagegen die Verwendung von Vulgärausdrücken die erotische Spannung steigern. „Dirty talk“. –
    Was ist das „Politisch Korrekte“? Die Homosexuellen haben einst den Begriff „schwul“ für ihre Emanzipation erobert. Heute würde ein regierender Bürgermeister den Begriff „homosexuell“ diskriminierender empfinden als „schwul“.

  3. Man™ kann natürlich auch versuchen, es allen Recht zu machen, die (vermuteten) Gefühle einer. jeden. einzelnen. Person. zu berücksichtigen. Allein, wer kann das schon? Und wer will das? Wie sarahgenner oben schon anmerkt: es ist zu anstrengend. Nicht praktikabel. So soll Sprache doch auch nicht sein.

    Ich zum Beispiel habe nicht vor auf den Gefühlen von Menschen herumzutrampeln aber diese sind mir auch nicht über alle Massen wichtig.

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