Der Sprache oder den Menschen Unrecht tun? – Zu einem Einwand gegen gerechte Sprache

Für die NZZ schreibt Claudia Wirz heute darüber, was »’normal‘ empfindende[] Menschen« über politisch korrekte Sprache denken: Es finde eine »Entstellung der deutschen Sprache« statt, nicht nur durch den Feminismus, der das generische Maskulinum verhindern will, sondern ganz allgemein:

Auch das Tugenddiktat des allgemeinen guten Denkens hinterlässt seine Spuren. Sein beliebtestes Stilmittel: der Euphemismus, um nicht zu sagen die Euphemismus-Kette, also die ständige Suche nach dem schönen Wort, um alle möglichen Opfer aller möglichen gesellschaftlichen Problemphänomene aufzuwerten.

Ich möchte Frau Wirz zwei Argumente entgegenhalten – zuerst ein allgemeines und dann ein spezifisch auf das generische Maskulinum zugeschnittenes.

1. Betroffene entscheiden über angemessene Sprache. 

Auch wenn Frau Wirz »normal« in Anführungs- und Schlusszeichen setzt: Schon allein die Verwendung des Wortes disqualifiziert ihre Überlegungen. Betroffene von Diskriminierung sollen angehört werden, wenn es darum geht, Phänomene zu bezeichnen. Sie sind es, die durch Sprache verletzt, benachteiligt, oder unsichtbar gemacht werden – also sollten wir sie fragen, wie wir anständig mit ihnen umgehen sollen, weil wir als privilegierte Menschen uns oft für so »normal« halten, dass wir neben allen anderen Rechten, die wir genießen, auch noch abschließend über die Sprachwahl urteilen wollen.

Nehmen wir ein Beispiel aus Wirz‘ Kritik:

So wird zum Beispiel aus dem verhaltensgestörten Kind ein verhaltensauffälliges, und dieses entwickelt sich später zum verhaltensoriginellen Kind. Das Negative muss in positive Begriffe gefasst werden.

Ein Kind ist nichts Negatives – auch sein Verhalten nicht. Es ist auch nicht gestört, sondern es verhält sich nicht so, wie sich das viele Menschen wünschen oder wie es Normen festlegen. Es als »gestört« zu bezeichnen, impliziert ganz viele weitere Dinge: Z.B. dass die Störung behoben werden könnte oder sollte, dass sie jemand verursacht hat (wahrscheinlich die Eltern), dass alle, die Normen befolgen, nicht-gestört seien etc. Warum nicht einfach die Eltern fragen, wie sie gerne über das Verhalten ihres Kindes sprechen möchten? Was sie verletzt oder was das Kind verletzt – und welche Wortwahl nicht?

Das funktioniert auf jeder Ebene der politisch korrekten Sprache: Betroffene Mitmenschen anhören, ihre Perspektive berücksichtigen und versuchen, sie nicht zu verletzen, sondern sie zu behandeln, wie sie gerne behandelt werden möchten. Das hat weder mit einem »Tugenddiktat« zu tun noch mit einer »Entstellung« einer Sprache, sondern mit Anstand. Und Vernunft. Und Intelligenz.

2. Das generische Maskulinum hält nicht, was es verspricht. 

Der Gewährsmann von Claudia Wirz, Arthur Brühlmeier, versteht leider nicht, wovon er spricht (nur am Rande: warum nicht einfach eine Linguistin fragen, was sie vom generischen Maskulinum hält? – Zusatzbemerkung, 14 Uhr: Wirz interviewt auch eine Linguistin, Luise F. Pusch.):

Die Gleichsetzung von biologischem und grammatischem Geschlecht ist laut Brühlmeier allein schon deswegen unstatthaft, weil die Natur nur zwei, die Grammatik aber drei Geschlechter kennt. Der grammatische Genus hat nach dieser Lesart also nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. So wird niemand dem Mädchen die biologische Weiblichkeit absprechen, nur weil es grammatisch sächlich ist.

Dass solche Sätze die Qualitätskontrolle bei der NZZ passieren, ist bedenklich genug. Natürlich gibt es ein grammatische Kategorien, die mit Geschlecht zu tun haben (»genus«) und nicht-grammatische (»sexus«). Nur verhalten sich die nicht so zueinander, wie Brühlmeier meint. Anatol Stefanowitsch erklärt das im Video sehr anschaulich. Kurzversion: Wenn wir sagen, »drei Studenten und vier Studentinnen haben eine Umfrage durchgeführt«, dann meinen wir mit den maskulinen und femininen Formen nicht-grammatische Kategorien, sondern biologisch/soziale.

Die Haltung, das generische Maskulinum als Vereinfachung zu sehen, mit der männliche und weibliche Personen bezeichnet werden können, ist nicht nur deshalb problematisch, weil Frauen unsichtbar gemacht werden, sondern deshalb, weil es sich um eine Fiktion handelt. Eine schlechte Fiktion, wie Stefanowitsch ausführt:

  1. Das generische Maskulinum führt zu notorisch ungenauer Sprache.
    Frauen müssen konstant überlegen, ob sie tatsächlich mitgemeint sind oder nicht (»Sieben Studenten haben eine Umfrage durchgeführt.« – Waren da jetzt auch Frauen dabei oder nicht?)
  2. Wir verarbeiten Sprache nicht so, wie das die Fiktion des generischen Maskulinums besagt. 
    Stefanowitsch zeigt anhand eines Experiments, bei dem Versuchspersonen angeben mussten, ob ein Satz wie (2) oder (3) unten als mögliche Fortsetzung von (1) angesehen werden konnten. Fazit für die Sprache Deutsch: »[E]in „generisches Maskulinum“ [existiert] im Deutschen (und Französischen) aus psycholinguistischer Sicht nicht.«
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Quelle: GYGAX, Pascal, Ute GABRIEL, Oriane SARRASIN, Jane OAKHILL und Alan GARNHAM (2008) Generically intended, but specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men. Language and Cognitive Processes 23(3), 464-48. Zitiert nach Stefanowitsch.

Fazit: Menschen mögen sich an gerechter Sprache aus ästhetischen Gründen stören. Doch diese Gründe sind keine Entschuldigung dafür, linguistisch unhaltbare Theorien zu verbreiten oder andere Menschen mit Sprache zu verletzen.

22 thoughts on “Der Sprache oder den Menschen Unrecht tun? – Zu einem Einwand gegen gerechte Sprache

  1. Es gibt durchaus Kinder (und natürlich auch Erwachsene), deren Verhalten gemäss so ziemlich jeder vorstellbaren Norm gestört resp. negativ ist, denen mit der richtigen Behandlung aber tatsächlich geholfen werden kann.

    Ich musste kürzlich einen Artikel über „Menschen mit Behinderung auf der Bühne“ schreiben und hatte auch grosse Mühe mit den hier praktizierten Sprachregelungen. „Behinderte“ ist anscheinend nicht mehr statthaft, stattdessen „Menschen mit Behinderung“ oder am besten eine so blumige Formulierung, dass man gar nicht mehr weiss, was gemeint ist. Ich finde das Ausblenden aller negativen Aspekte ebenfalls seltsam, weil es auf mich letztlich so wirkt, als wolle man zu tun, als hätten die Menschen, von denen die Rede ist, gar keine Probleme (was natürlich absurd ist, denn dann bräuchte man solche Veranstaltungen ja gar nicht). Tatsächlich aber waren die Betroffenen in diesem Fall bei ganz banalen Dingen, wie zum Beispiel dem Erklimmen der Bühne mit dem Rollstuhl, in einem sehr handfesten Sinne behindert.

  2. Die Frage bei der diskriminierungsfreien Sprache ist einzig, ob der Gebrauch positiv konnotierter Wörter eben diese Konnotation auf das damit beschriebene Verhalten überträgt und somit unsere Einstellung gegenüber dieser Sache zu verändern vermag. Ich zweifle daran.

    Zum einen gilt der Umkehrschluss nicht. Ich sage „behindert“ und meine damit Menschen, die in ihrem Alltag behindert sind. Das Wort hat für mich keine negative Konnotation. Das Wort mag als entwürdigend und beleidigend empfunden werden, aber auf meine Einstellung gegenüber Behinderten hat dies bislang keinen Einfluss gehabt. Ich begegne ihnen im Alltag keineswegs anders als anderen Menschen und meine Gefühle, die ich für sie habe, unterscheiden sich in keinster Weise von denen, die ich für andere Leute habe. Manche finde ich unsympathisch, andere nicht. Genau wie ich unbehinderte Menschen unsympathisch finde und andere nicht. Natürlich kann man gerade bei Behinderungen präziser sein und die konkrete Behinderung benennen. Daher kann ich sogar verstehen, dass das Wort hinfällig wird. Um auf mein Argument zurückzukommen: Bei jeder solchen Diskussion werden von beiden Seiten Studien zitiert, die untermauern sollen, dass Sprache den Geist formt oder dies eben nicht zu tun vermag. Bei keiner dieser Studien, die ich bis jetzt gelesen habe, konnten Einflussfaktoren wie Sprachgebrauch isoliert analysiert werden. Dies ist aufgrund der Komplexität des menschlichen Denkens mit unseren heutigen Mitteln nahezu unmöglich.

    Zweitens: Das Beispiel mit Alleinerziehend mag jetzt von Wirz selektiv herausgepickt worden sein, aber es steht beispielhaft für eine Tendenz Wörter auszuschliessen, weil sie eine gesellschaftliche Position, Situation, Rolle beschreiben, die einst, in diesem Fall vielleicht vor 10 Jahren, in ländlichen Gebieten möglicherweise sogar noch heute, eher verachtet und belächelt wurden. Wem hilft es heute solche Worte zu leugnen? Es bräuchte in jedem Einzelfall eine Untersuchung, ob die Worte für junge Menschen heute ihrem Gebrauch vor 15 Jahren wegen negativ konnotiert sind. Erst dann lohnt sich ein künstlicher Eingriff in eine Sprache, die sich ohnehin nur sehr schwer formen lässt. Kannst das ja mal mit einer Schulklasse durchführen. Wenn man die verschiedenen Ratgeber für diskriminierungsfreie Sprache durchliest, stösst man auf unzählige Beispiele. Natürlich, du kannst argumentieren, dass uns die schlimme Geschichte dieser Worte nicht bewusst ist. Aber vielleicht geht die Geschichte dieser Worte ganz verloren (so wie es hundertausenden Worten in der deutschen Sprache passiert ist. Passiert ausserdem sehr sehr schnell und ist kein Zeichen für eine Gesellschaft ohne Geschichtsbewusstsein). Und wem schaden die Worte, die als diskriminierend empfunden wurden, weil sie einst von einem Teil der Gesellschaft als abgrenzender negativer Begriff verwendet, wurden, wenn eben diese Funktion vergessen geht?

    • Das angeführte Beispiel „alleinerziehend“ finde ich ebenfalls sehr seltsam. Nicht nur, weil mir vollkommen schleierhaft ist, was hier ein akzeptables Synonym wäre, sondern vor alle, weil ich die Argumentation dahinter überhaupt nicht nachvollziehen kann.

      Grundsätzlich kann jedes Wort eine negative Konnotation haben resp. die Konnotation kann je nach Kontext stark variieren. Aber gerade im Falle von alleinerziehend geht es wirklich nicht um das Wort, sondern darum, dass manche Leute, mit dem, was es bedeutet, Mühe haben. Den Umstand, dass es Menschen (mehrheitlich Frauen) gibt, die alleine Kinder aufziehen müssen, und vor allem, dass es Menschen gibt, die das anrüchig finden, schafft man aber nicht aus der Welt, in dem man das Wort verbannt.

      Ohnehin finde ich die Strategie, die etwa Schwulen-Aktivisten angewandt haben, in dem sie sich das ursprüngliche Schimpfwort „schwul“ angeeignet haben, weitaus interessanter und auch wirkungsvoller. Oder das Beispiel, das Pusch im Interview anführt: Die Uni Leipzig bedient sich des generischen Feminismus und spricht im Plural nur noch von „Studentinnen“ und „Professorinnen“. Das ist nicht nur wesentlich eleganter als In- oder Partizip-Präsens-Lösungen, sondern in seiner irritierenden Wirkung auch viel wirkungsvoller.

    • Die NAK schreibt: »Alleinerziehend (=Sagt nichts über mangelnde soziale Einbettung oder gar Erziehungsqualität aus. Beides wird jedoch häufig mit „alleinerziehend“ assoziiert)« – http://nationalearmutskonferenz.de/index.php/presse/pressemitteilungen/253-25022013-liste-der-sozialen-unwoerter
      Scheint mir ganz einfach: Betroffene werden diskriminiert. Natürlich liegt das Problem nicht nur in der Bezeichnung – aber nur die Bezeichnung verbindet Menschen zu einer Gruppe, die weder zusammengehören noch zusammengehören wollen. Auch hier wieder: Bequemlichkeit verhindert Klarheit.

      • Da würde mich doch interessieren, woher die NAK diese Erkenntnisse hat. Zumindest für mich drängen sich diese Assoziationen überhaupt nicht auf; ich assoziiere „alleinerziehend“ vor allem mit Riesenchramp. Was natürlich nicht heisst, dass meine individuelle Assoziation ausschlaggebend ist, aber momentan scheint sie mir so relevant resp. irrelevant wie die der NAK.

    • Zudem, noch einmal allgemein: Relevant ist, was die Betroffenen für angemessen halten. Die Frage ist nicht, welche Konnotation ein Wort für die Menschen hat, die es äußern, sondern die, die unter dieser Konnotation leiden. Und es geht hier nicht um ein Verbot oder eine Form von Zensur: Sondern um die Rücksichtnahme auf Bedürfnisse von Menschen, denen es im Leben nicht besonders gut geht. Und auch nicht darum, die Realität verzerrt darzustellen, sondern darum, mit der Darstellung niemanden zu verletzen.

      • „Relevant ist, was die Betroffenen für angemessen halten“. Sehr schwierig. Wer sind denn die Betroffenen? Die gibt es ja als homogene Gruppe in keinem Fall. Und ob nun die NAK (oder wer es sonst ist) tatsächlich befugt ist, in deren Namen zu sprechen? Und was wäre, wenn die Mehrheit der Alleinerziehenden mit dem Begriff kein Problem hätte?

        Wie wir ja beide wissen, entsteht Bedeutung zu einem hohen Grade beim Empfänger. Die blosse Tatsache, dass jemand eine bestimmte Bezeichnung als beleidigend empfindet, heisst für mich noch lange nicht, dass ich auf diese Empfindlichkeit Rücksicht nehmen muss (kürzlich war jemand beleidigt, weil ich eine Gruppe von Science-Fiction-Fans als „Subkultur“ bezeichnet habe, was natürlich vollkommen korrekt ist. Da der Betroffene aber offensichtlich nicht wusste, was der Begriff bedeutet, war er betupft). Vor allem kann es nicht das einzige Kriterium sein, denn potenziell kann fast jeder Begriff von jemandem als unangemessen eingestuft werden.

      • Die NAK sammelt Meldungen von Betroffenen – das ist natürlich nur ein Kanal. Selbstverständlich: Wenn es da widersprüchliche Rückmeldungen gibt, muss ein Kompromiss gefunden werden. Aber in der Regel finden sich Formulierungen, an denen sich niemand stößt. Ich orientiere mich gerne im Leben an denen, die sich an etwas stören, und versuche das Problem zu beheben. Und ich verstehe z.B., dass es für einige Menschen mit Behinderung so klingt, als würden sie durch ihre Behinderung definiert, wenn man sie Behinderte nennt.

  3. „Die NAK sammelt Meldungen von Betroffenen – das ist natürlich nur ein Kanal. Selbstverständlich: Wenn es da widersprüchliche Rückmeldungen gibt, muss ein Kompromiss gefunden werden.“ – Vor allem ist das eine negative Auslese. All jene, die mit der Bezeichnung „alleinerziehend“ kein Problem haben, werden sich kaum melden.

    Und eben: Wenn ein an sich harmloser Begriff eine negative Konnotation hat – ist es dann wirklich die beste Strategie den Begriff zu meiden? Oder wäre es nicht in jedem Fall sinnvoller, dafür zu sorgen, dass der Begriff diese Konnotation verliert?

  4. Der krampfhafte Versuch, die Geschlechter sprachlich zu trennen, führt zu einer Verbreiterung des Geschlechtergrabens.

    Viel besser wäre eine „Entschlechtlichung“ der Sprache. Nur diese würde Männer und Frauen gleichstellen und zu Menschen machen.

  5. Sicher, Sprache muss präzise sein. Das versuche ich auch Studierenden immer wieder mitzugeben.
    Aber man kann die Welt auch komplizierter machen als sie schon ist: Ich habe vor mehr als 20 Jahren studiert, und bei einer Aussage wie „(»Sieben Studenten haben eine Umfrage durchgeführt.« …)“ hat nicht ein einziger meiner Mitstudierenden (um es politisch korrekt zu formulieren) auch nur entfernt daran gedacht, dass hier Frauen nicht gemeint sein könnten. Und das kommt mir heute noch nicht in den Sinn, wenn ich von ‚Studenten‘ lese.

  6. Die Frage, ob bei den sieben Studenten auch Männer oder auch Frauen waren, ist irrelevant, weil es um die Umfrage geht und nicht ums Geschlecht der Studenten. Selbst wenn sieben Studentinnen die Umfrage gemacht haben, ist die Bezeichnung „sieben Studenten“ korrekt und wird von Frauen, die Gleichberechtigung als die Selbstverständlichkeit sehen, (als) die sie (anzusehen) ist, mit gutem Grund so verwendet. (Es geht nämlich immer noch um die Umfrage und nicht darum, ob das nun Männer oder Frauen waren.) Bei der Bezeichnung „sieben Studenten“ ist deshalb genauso unklar, ob da überhaupt Männer dabei waren. Schlimmer als das: Männer werden massiv diskriminiert, weil es keine Bezeichnung gibt, die Frauen explizit ausschliesst. Wenn schon neusprechliche Geschlechtergleichstellung, dann braucht es eine explizit männliche Form, die man dann für die geschlechtergetrennte Aufführung verwendet, z.B. Student-eriche/-innen. Langfristig wird sich dieses tatsächlich geschlechtlich korrekte Neusprech freilich nicht durchsetzen und man wird zur praktischeren und kürzeren Form „Student“ zurückkehren. Aber vielleicht braucht es den Umweg über die Studenteriche wirklich, bis man das auch in Linguistenkreisen erkennt und ohne Groll akzeptiert…

    Und bitte jetzt nicht damit kommen, dass die Betroffenen (i.e. selbstverständlich die armen, sprachlich schutzlosen Frauen) das vielleicht anders sehen. Frauen als (von einer schlimmen Krankheit(?)) Betroffene zu bezeichnen, ist schlicht dumm und zeugt in keinster Weise davon, dass man Frauen wirklich ernst sind. Frauen sind Frauen und nicht Betroffene.

    • Ich kann Ihnen nur in Gänze Recht geben und bin froh, dass derart vernünftige Ansichten noch offen kommuniziert werden (können). Es ist geradezu ekelhaft, wie jene, die sich angeblich für Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen, sich „fürsorglich“ über die „Betroffenen“ beugen, seien das nun Frauen, Behinderte, Ausländer, Zigeuner oder Studenten. Ob das von diesen „Gruppen“ jemanden interessiert, ist für die gendergerechten Neusprechingenieure nachrangig, solange sie das Gefühl haben, niemanden mehr zu diskriminieren.

      Ich fühle mich diskriminiert, wenn das Wort „alleinerziehend“ mit negativer Konnotation verwendet wird. Ist es deshalb sinnvoll, ein Wort aus dem Sprachgebrauch zu streichen? Befördert das nicht eher die negative Konnotation? Wäre es nicht sinnvoller, an den Zuständen etwas zu ändern oder einfach manchmal ein bisschen auf den Kontext einer Äußerung zu schauen? Der Versuch, die Sprache auf Konferenzen oder mit hochtrabenden Empfehlungen zu verändern, wird scheitern. Jedenfalls solange es in der „normalen“ Bevölkerung (und dazu zählen sämtliche Behinderte, Frauen und was man sonst noch alles eigentlich gar nicht in einem Satz erwähnen dürfte) noch vernünftige Einstellungen gibt.

  7. Zwei kleine Anmerkung:
    1. Es ist von Vorteil, sich diese Studie durchzulesen um die entsprechenden Randbedingungen des Experiments zu kennen. Erst diese machen eine Studie aussagekräftig oder eben nicht. Man würde dann zb erkennen, das in der Studie alle Probanten Studenten waren, dh. die Studie würde wenn überhaupt nur das Bild an Universitäten, keinesfalls jedoch das Bild in der gesamten Bevölkerung wiederspiegeln.
    Zudem:
    Es gab 3 Untergruppen (deutsche, französische und englische Studenten), mit jeweils 36 Personen.
    Eine statistische Auswertung bei einer so geringen Teilnehmerzahl ist zwar möglich, allerdings nicht aussagekräftig.

    2.:
    Das Argument (aus dem blog), dass man die Meinung der „diskriminierten“ mehr Bedeutung zuteil werden lassen muss, stimme ich nur bedingt zu. Klar ist, Bezeichnungen sollen nicht beleidigend sein. Wenn jemand allerdings dumm/behindert/gestört ist, hilft auch der schönste Euphemismus nicht. Die Leute wissen immer was gemeint ist, und sie werden sich beleidigt fühlen oder eben nicht, das hängt von der Situation ab. Für die Debatte bezüglich der Sprache ist das Argument btw totaler Nonsense. Wenn gesagt wird, Frauen fühlen sich durch das generische Maskulinum diskriminiert kann ein Mann ja sagen – ich fühle mich durch dessen Nichbenutzung diskriminiert…. Neverending story
    PS: Ich habe in meinem Kommentar „Studenten“ geschrieben. Obwohl auch in der Studie nicht näher ausgeführt (auch dort wird nur von „students“ gesprochen), gehe ich davon aus, dass auch Studentinnen an der Studie teilnahmen. Trotzdem glaube ich, dass mein Text weder diskriminierend noch missverständlich in diesem Aspekt war…..

  8. Pingback: Sprachfeminismus: Gegen die Neutralität?

  9. Nur zur Ehrenrettung der Linguisten: Ich bin ausgebildeter Linguist und entschiedener Gegner sogenannter politisch korrekter Euphemismensprache, und andere Linguisten, die ich persönlich kenne, sind, soweit für mich (ggf. durch ihren Sprachgebrauch) erkennbar, mehrheitlich (sogar deutlich überwiegend) ebenfalls zumindest keine Anhänger. Die Euphemismen-Tretmühle ist uns allen wohlvertraut und der Tatsache, daß man die Welt durch gezielte Sprachmanipulation nicht verbessern kann, sind wir uns bestens bewußt. So etwas ist reiner Aktionismus – Placebopolitik.

      • Sie haben nicht nur ein Argument verpasst. Mit dem Neusprech werden gleichberechtigte Mitmenschen, z.B. Frauen, zu „Betroffenen“ stigmatisiert. Das Gutmenschen-Neusprech wird Sprache nicht gerecht, weil Sprache in erster Linie dazu da ist, sich verständlich zu machen und erst bei sprachlich sehr Versierten überhaupt als politisches Instrument erkannt und verwendet wird. Zwanghaftes Neusprech stellt Leute unter rassistischen-/sexistischen-/etc. Generalverdacht, der völlig haltlos ist und den sogenannt Betroffenen nicht nur nicht hilft, sondern sie ausschliesst und unnötig zu Betroffenen macht. Neusprech führt dazu, dass man „Betroffene“ fast schon als Aussätzige behandelt, weil man nicht mehr weiss, wie man sie bezeichnen sollte. Ich wüsste beispielsweise, Neusprech und Neuneusprech sei dank, auch nicht mehr so genau, wie man Menschen nach neuestem Stand des Neuneuneusprechs korrekt bezeichnet, deren Haut elektromagnetische Wellen im sichtbaren Wellenlängenbereich zu höheren Anteilen absorbiert. Neusprech führt dazu, dass man sich kaum noch traut, Sprache dafür zu verwenden, wofür sie gemacht ist: Für Verständigung; nicht für schnöselig-arrogante Gutmenschenpolitik, die keinem hilft, ausser dem schnöseligen Linguisten, der damit Geld abkassiert.
        (P.S.: Ich habe nichts gegen Neger. Wirklich nicht. Auch wenn mich Neusprech zu einem Verdächtigen macht.)

  10. Tatsächlich ist Sprachmanipulation ja sogar kontraproduktiv, weil sie die eigentlichen Probleme nicht löst, nur verschleiert und von den tatsächlichen wunden Punkten ablenkt. Schmutz unter den Teppich zu kehren, ist reine Kosmetik. Außerdem ist Sprachmanipulation in aller Regel inkonsequent, parteiisch und alles andere als politisch und weltanschaulich neutral.

  11. Pingback: - Gino Brenni | Berner Schreiberling

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