Die Altkleiderlüge - oder: Wohltätigkeit gibts nicht gratis

Peter Singer mag ein streitbarer Philosoph sein. Seinen Aussage zur Verpflichtung, mit Spenden Menschen in Not zu helfen, kann man jedoch kaum gültige Argumente entgegensetzen. Singer forderte in einem Interview mit dem Tages Anzeiger-Magazin (nicht mehr online) beispielsweise:

Das Magazin: Also eine Art obligatorische Entwicklungshilfe, ein Lohnabzug oder eine Steuer?
SINGER: Manche Banker machen das — Bear Stearns etwa, bevor das Institut in der Finanzkrise an JPMorgan ging. Rund tausend der höchstbezahlten Angestellten waren verpflichtet, vier Prozent ihres Einkommens und Bonus an Non-Profit-Organisationen zu spenden. Sie mussten ihre Steuererklärung vorlegen zum Beweis, dass sie es getan hatten. Es war Teil der Unternehmenskultur — 2006 gingen so 45 Millionen Dollar an die Wohlfahrt. Goldman Sachs macht etwas Ähnliches, Google ebenso.

Eine Pflicht zu spenden gibt es natürlich schon via Steuern - gleichwohl gilt Singers Argument, dass man sich bei einem Kinobesuch oder einem Mineralwasser im Restaurant auch überlegen könnte, was jemand anderes mit diesem Geld anfangen könnte.

Eine weitere verbreitete Form von Spenden sind Altkleider. Regelmäßig übergeben Menschen in Industrieländern ihre zu kleinen, aus der Mode geratenen und leicht verwaschenen Kleider eine Organisation, welche die Kleidung einsammelt. Die Vorstellung dahinter ist, dass notleidende Menschen diese Kleider gratis zur Verfügung gestellt bekommen. Filme, wie der folgende Dokumentarfilm des NDR, zeigen, dass diese Vorstellung falsch ist:

Die Hilfsorganisationen verkaufen die Kleider an profitorientierte Unternehmen, welche die Altkleider in Entwicklungsländern verkaufen. Oft werden Designkleider aussortiert und in Japan in Second Hand-Läden verkauft. Der Effekt für die Textilwirtschaft in den betroffenen Ländern ist verheerend, wobei auch die Konkurrenz in Schwellenländern wie Indien und China in der Lage ist, beispielsweise afrikanische Textilproduzenten vom Markt zu verdrängen.

Dazu ein paar Bemerkungen:

  1. Die Vorstellung, meine getragenen Kleider würden jemand anderem nützen, hat etwas Entlastendes: Mein Konsumverhalten (ich kaufe zu viele Kleider, verschwende Ressourcen, nutze Menschen aus, die diese Kleider herstellen) erfährt eine psychologische Entlastung über meine Wohltätigkeit.
  2. Die Entrüstung, die Menschen zeigen, welche die wahren Hintergründe erfahren, erstaunt mich immer wieder aufs Neue. Letztlich erhalten Hilfsorganisationen Geld und Menschen Kleider, die noch getragen werden können.
  3. Der Freakonomics-Blog befasst sich immer wieder mit Fragen der Wohltätigkeit. Unter anderem rechnete Dean Karlan ein spezifisches Hilfsprogramm nach. Es ging darum, dass benutzte Seifen aus US-Hotels gesammelt und in Afrika verteilt werden. Wie schon bei der Frage, was mit unbrauchbaren T-Shirts geschehen soll, vergleicht Karlan zwei Möglichkeiten: Entweder, man nutzt die Seifen in den USA oder wirft sie weg und schickt das Geld, das man für das Einsammeln und den Transport verwendet hätte, direkt nach Afrika - oder man führt das Programm durch. Karlans Datenlage ist etwas unklar, er plädiert aber grundsätzlich dafür, dass in Afrika eine eigenständige Wirtschaft entstehen sollte.
    Sein Fazit wäre: Es wäre besser, die Kleider in Europa zu sortieren und zu verkaufen, und das Geld in Hilfsprojekte zu investieren. Man stelle sich so Apple-Stores in den Einkaufsmeilen der Großstädte vor, wo man innovativ präsentierte Second Hand-Kleider kaufen könnte (evtl. bedruckt, nach Farben und Größen sortiert etc., mit riesiger Auswahl und H&M-Preisen).
  4. Das Problem ist natürlich, dass alle beteiligten Organisationen keinen Anreiz für eine Veränderung bzw. Optimierung haben. Die Hilfsorganisationen kriegen dafür Geld, ihren Namen auf die Tüten und Abgabestellen zu schreiben - sie haben keinen Aufwand. Die Sammelorganisationen haben einen Aufwand, aber verdienen mit ihrem Geschäft gut.

uniqlo T-Shirt Geschäft, CC BY 2.0, Flickr urbanpromoterflickr

Zum Schluss noch dies: Wer in den Kommentaren notieren will, dass Hilfsorganisationen ineffizient sind und man ohnehin nicht wisse, was die mit ihrem Geld machten, kann sich den Kommentar sparen. Das sind die Ausreden der Menschen, die nicht spenden wollen. Es gibt genügend Möglichkeiten, wirkungsvolle Hilfe zu ermöglichen.

Eltern und die Ernährung ihrer Kinder - angewandte Ethik

In einem Interview auf Newsnet formuliert der Leiter der Ethikstelle am Inselspital Bern, Rouven Porz, bemerkenswerte Aussagen in Bezug auf vegane Ernährung:

Die Frage ist also: Welche Handlungen sind so unmoralisch, dass man die Kinder vor ihren Eltern schützen muss? Für mich geht die vegane Ernährung in eine solche falsche Richtung. Sie ist unmoralisch. Die Kinder gehören in dieser Hinsicht also nicht den Eltern, sondern uns allen.

Seine Argumentation ist zunächst deskriptiv: Er stellt fest, dass die Gesellschaft den Eltern nicht sämtliche Freiheiten im Umgang mit ihre Kindern gibt, sondern diese Freiheiten einer bestimmten Beschränkung unterworfen sind - man also über diese Beschränkung nachdenken kann. Das wäre dann Ethik.

So weit bin ich einverstanden. Nun fällt Porz aber einfach ein höchst willkürliches moralisches Urteil, das auf Annahmen in Bezug auf Ernährung basiert: Vegane Ernährung schade Kindern (implizit spricht Porz von »körperlichen Gewalt«), also müsse die Gesellschaft Eltern in dieser Hinsicht Vorschriften machen.

Nun schaden Eltern ihren Kindern auf allen Ebenen des Lebens: Jede Entscheidung, die sie innerhalb der Erziehung fällen, hat wahrscheinlich auch negative Konsequenzen für das Kind. Und jede Entscheidung, die sie nicht fällen, wohl auch.

Die Frage ist letztlich, wie gravierend diese Konsequenzen sind, wie klar absehbar sie sind und wie sicher sie eintreten. In Bezug auf vegane Ernährung gibt es zumindest berechtigte Zweifel daran, dass sie Kindern schade, wenn man ihnen genug Vitamin B12 abgibt (hier die Stellungnahme der Vegangen Gesellschaft Schweiz).

Vergessen geht bei Porz, dass die sich und ihre Kinder vegan ernährenden Eltern ja durchaus ein großes ethisches Bewusstsein aufweisen. Sie beziehen sich häufig auf philosophische Positionen wie die von Peter Singer. Singer selbst reduziert seine Ethik auf eine knappe Formel:

In meiner Theorie geht es um die Vermeidung unnötiger Leiden.

Das Leiden der Tiere, welche industriell gehalten werden, um Lebensmittel zu produzieren, ist in der Ansicht dieser Menschen größer als das Leiden unter einer verantwortungsbewussten veganen Ernährung. Und dieser Gedanke ist nicht völlig von der Hand zu weisen, sondern äußerst rational und äußerst ethisch. Singer merkt weiter an:

Natürlich haben Eltern um das Wohl ihrer Kinder besorgt zu sein. Aber es ist eine Frage des Masses. Wenn die Bevorzugung der eigenen Kinder gegenüber fremden Kindern bedeutet, dass man meint, es sei beispielsweise in Ordnung, dem eigenen Kind ein teures Fahrrad zu kaufen, obwohl das alte noch brauchbar ist, statt den entsprechenden Betrag zu spenden, um anderen Kindern das Leben zu retten: Dann würde ich sagen, eine solche Bevorzugung sei moralisch nicht zu rechtfertigen. Der Grund ist einfach der, dass das Retten eines Lebens moralisch wichtiger ist, als dem eigenen Kind eine Freude zu machen.

Da sollte man wohl mal drüber nachdenken.

Noch einmal JRZ - »Fundraising« und »Gegenaktion«

Vorgestern habe ich kurz notiert, warum die die Aktion »Jeder Rappen zählt« zum Kotzen finde - und nicht nur die Aktion, sondern vor allem auch die damit verbundenen Aktionen wie die von @leumund (Money-Quote: »Ehrlich gesagt, ich hatte in keiner Weise darüber nachgedacht dass mir jemand ankreiden würde damit mehr Follower zu generieren.«) und von TrittbrettfahrerInnen. Dies habe ich nicht nur aus einer persönlichen Befindlichkeit notiert, sondern theoretisch auch etwas illustriert - insbesondere festgehalten, dass »helfen« nicht ein Marketingprojekt sein soll und darf, sondern eine Pflicht ist für uns.

Die Reaktion der Betroffenen enthielt ungefähr drei Aspekte:

  • Solange man »hilft«, darf man alles.
  • So geht eben »Fundraising«.
  • Mach doch eine Gegenaktion.

Die Gegenaktion müsste natürlich wie folgt aussehen:

Gerade so setzt sie sich aber derselben Kritik aus, die ich in meinem Blogpost formuliert habe.

Zu den anderen beiden Punkten: »Fundraising« habe ich in meinem Austauschjahr in den USA erlebt. Wir haben in der High School damals mit schöner Regelmäßigkeit saure Gurken, M&Ms oder industrielle Backwaren verkauft, um für irgendein Projekt irgendwelche Funds zu raisen. Natürlich geht das. Man überredet Leute, etwas zu tun, was sie nicht tun würden, wenn man sie nicht überreden würde - und verhilft ihnen dafür im Fall von JRZ zu etwas Aufmerksamkeit.

Ich habe nicht gesagt, dass man sowas verbieten sollte. Aber ich bin überzeugt, dass das niemand zu einer besseren Person macht und man sich auf so gespendete Franken an JRZ nichts einbilden darf und soll.

Eine »Gegenaktion« müsste sich von all diesen verqueren moralischen Vorstellungen lösen und darin bestehen, dass man es mit sich selber vereinbart, vom steuerbaren Einkommen im nächsten Kalenderjahr mindestens 10% zu spenden. Dazu als Input der streitbare Peter Singer:

Das Magazin: Wie könnte man die psychologischen Barrieren abbauen, die uns hindern, Unbekannten zu helfen?
SINGER: Oft braucht es nur einen kleinen Schubs. Wie beim Organspenden. In Deutschland sind lediglich zwölf Prozent der Bevölkerung als Organspender registriert, in Österreich 99,98 Prozent. Der Grund ist einfach: In Österreich ist man automatisch Organspender. Will man es nicht sein, muss man dies ausdrücklich kundtun. In Deutschland ist es genau umgekehrt.
Das Magazin: Also eine Art obligatorische Entwicklungshilfe, ein Lohnabzug oder eine Steuer?
SINGER: Manche Banker machen das — Bear Stearns etwa, bevor das Institut in der Finanzkrise an JPMorgan ging. Rund tausend der höchstbezahlten Angestellten waren verpflichtet, vier Prozent ihres Einkommens und Bonus an Non-Profit-Organisationen zu spenden. Sie mussten ihre Steuererklärung vorlegen zum Beweis, dass sie es getan hatten. Es war Teil der Unternehmenskultur — 2006 gingen so 45 Millionen Dollar an die Wohlfahrt. Goldman Sachs macht etwas Ähnliches, Google ebenso.
Das Magazin: So werden Banker plötzlich zu Vorbildern.
SINGER: Wenn aus Grossunternehmen, Universitäten und anderen Institutionen ein Prozent der Saläre Organisationen gespendet würden, welche die Weltarmut bekämpfen, würde das nicht nur Milliarden von Dollar bereitstellen. Es würde auchdie Angestellten zu mehr Generosität bewegen. Wer nicht mitmachen will, muss nicht. Doch es sollte als normales Verhalten gelten, dass man spendet — und nicht, dass man es nicht tut.