Eltern und die Ernährung ihrer Kinder – angewandte Ethik

In einem Interview auf Newsnet formuliert der Leiter der Ethikstelle am Inselspital Bern, Rouven Porz, bemerkenswerte Aussagen in Bezug auf vegane Ernährung:

Die Frage ist also: Welche Handlungen sind so unmoralisch, dass man die Kinder vor ihren Eltern schützen muss? Für mich geht die vegane Ernährung in eine solche falsche Richtung. Sie ist unmoralisch. Die Kinder gehören in dieser Hinsicht also nicht den Eltern, sondern uns allen.

Seine Argumentation ist zunächst deskriptiv: Er stellt fest, dass die Gesellschaft den Eltern nicht sämtliche Freiheiten im Umgang mit ihre Kindern gibt, sondern diese Freiheiten einer bestimmten Beschränkung unterworfen sind – man also über diese Beschränkung nachdenken kann. Das wäre dann Ethik.

So weit bin ich einverstanden. Nun fällt Porz aber einfach ein höchst willkürliches moralisches Urteil, das auf Annahmen in Bezug auf Ernährung basiert: Vegane Ernährung schade Kindern (implizit spricht Porz von »körperlichen Gewalt«), also müsse die Gesellschaft Eltern in dieser Hinsicht Vorschriften machen.

Nun schaden Eltern ihren Kindern auf allen Ebenen des Lebens: Jede Entscheidung, die sie innerhalb der Erziehung fällen, hat wahrscheinlich auch negative Konsequenzen für das Kind. Und jede Entscheidung, die sie nicht fällen, wohl auch.

Die Frage ist letztlich, wie gravierend diese Konsequenzen sind, wie klar absehbar sie sind und wie sicher sie eintreten. In Bezug auf vegane Ernährung gibt es zumindest berechtigte Zweifel daran, dass sie Kindern schade, wenn man ihnen genug Vitamin B12 abgibt (hier die Stellungnahme der Vegangen Gesellschaft Schweiz).

Vergessen geht bei Porz, dass die sich und ihre Kinder vegan ernährenden Eltern ja durchaus ein großes ethisches Bewusstsein aufweisen. Sie beziehen sich häufig auf philosophische Positionen wie die von Peter Singer. Singer selbst reduziert seine Ethik auf eine knappe Formel:

In meiner Theorie geht es um die Vermeidung unnötiger Leiden.

Das Leiden der Tiere, welche industriell gehalten werden, um Lebensmittel zu produzieren, ist in der Ansicht dieser Menschen größer als das Leiden unter einer verantwortungsbewussten veganen Ernährung. Und dieser Gedanke ist nicht völlig von der Hand zu weisen, sondern äußerst rational und äußerst ethisch. Singer merkt weiter an:

Natürlich haben Eltern um das Wohl ihrer Kinder besorgt zu sein. Aber es ist eine Frage des Masses. Wenn die Bevorzugung der eigenen Kinder gegenüber fremden Kindern bedeutet, dass man meint, es sei beispielsweise in Ordnung, dem eigenen Kind ein teures Fahrrad zu kaufen, obwohl das alte noch brauchbar ist, statt den entsprechenden Betrag zu spenden, um anderen Kindern das Leben zu retten: Dann würde ich sagen, eine solche Bevorzugung sei moralisch nicht zu rechtfertigen. Der Grund ist einfach der, dass das Retten eines Lebens moralisch wichtiger ist, als dem eigenen Kind eine Freude zu machen.

Da sollte man wohl mal drüber nachdenken.

13 thoughts on “Eltern und die Ernährung ihrer Kinder – angewandte Ethik

  1. Ich lebe seit vielen Jahren vegetarisch, habe meinem Sohn aber nie verboten, Fleisch zu essen. Ich finde, es muss jeder Mensch für sich entscheiden, ob er tote Tiere essen will oder nicht. Mich befremdet es, wenn Elten sich auf die Fahne schreiben, ihre Kinder zu selbst bestimmten, reflektierenden Menschen erziehen zu wollen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen, und diese Kinder gleichzeitig nicht darüber entscheiden lassen, was sie essen wollen und was nicht. So nach dem Motto: Du kannst frei und selbstverantwortlich entscheiden, so lange es das ist, was ich auch gut finde.
    Was vegane Ernährung betrifft: Die Aussage von Rouven Porz, wonach vegane Ernährung unmoralisch ist, brachte mich kurz dazu, darüber nachzudenken, wie es Herr Porz wohl allgemein hält mit Meinungen und Ansichten, die nicht in seine Glaubensstruktur passen. «Unmoralisch» ist aus meiner Sicht, dass man Kühe dauerschwanger hält und ihnen die Kälbchen sofort nach der Geburt weg nimmt, damit die Muttermilch nicht dem Kalb, sondern der Milchwirtschaft zugute kommt. (Dass Milchprodukte zwar lecker, aber nicht wirklich gesund sind, sei hier am Rande erwähnt.)
    Ich finde, jeder Konsument von tierischen Produkten sollte ab und zu darüber nachdenken, was er sich auf Kosten anderer gönnt. Die Herstellung tierischer Produkte ist mehrheitlich mit Leiden verbunden. Damit wir Fleisch essen können, müssen Tiere sterben. Damit wir Milch trinken, Joghurt und Käse essen können, müssen Muttertiere ihre Milch und meistens auch ihr Kind hergeben. So ist das. Man kann es ethisch vertretbar finden oder nicht, aber man sollte nicht so tun, als wüsste man es nicht.

    • Selbstverständlich sollen Menschen mündig sein und solche Dinge selbst entscheiden. Aber gleichzeitig ist es paradox, wenn man es unmoralisch findet, Tiere zu essen – solche dann aber seinen Kindern vorsetzen soll. Dass Kleinkinder Fleisch essen, kann man nicht bestreiten – eine bewusste ethische Entscheidung ist das noch nicht.

      • Ich finde es für mich persönlich unmoralisch und abgesehen davon auch nicht mehr zeitgemäss, Tiere zu essen. Das ist meine persönliche Meinung, und mein Sohn kann es halten, wie er will. Ich setze ihm auch kein Fleisch vor, denn ich koche selber keins. Aber wenn er es bei der Oma oder sonstwo angeboten bekommt, darf er das essen, wenn er will. Es ist klar, dass Kleinkinder keine bewusste ethische Entscheidung für oder gegen Fleischessen treffen. Sie essen in der Regel, was ihnen gut tut. Wenn man sie lässt.

    • Okay, es kann ethisch sein oder nicht. Nur, woher denkst du wohl, kommt das Gemüse, etc. das du jeden Tag geniessen kannst? Das wird meistens im Ausland irgendwo produziert zu Bedingungen, die teilw. unter jeder Menschenwürde sind. Oder kaufst du nur Schweizer Produkte ein? :-)

      • Allerdings. Wir haben einen Bio-Bauern aus der Region, der uns das meiste Gemüse von seinem Hof vor die Haustür liefert, und einen Hofladen um die Ecke, der dort seine Produkte verkauft. Im Laden achte ich auf die Herkunft der Produkte. Und wenn es doch etwas aus dem Ausland ist, gibt es mittlerweile etliche Produkte aus fairem Handel, die man meines Erachtens mit gutem Gewissen kaufen kann. Das gilt übrigens auch für Kleidung.

  2. Ich lebe seit einiger Zeit vegetarisch und befasse mich auch zur Zeit intensiv mit veganer Ernährung… Ich finde es geradezu lächerlich, dass vegane Ernährung so negativ Schlagzeilen macht, nach dem Tod von Steve Jobs wurden ebenfalls Stimmen laut die seinen Tod seiner Ernährung zuschrieben. Meiner Meinung nach ist es wichtig sich ausgewogen zu ernähren! Es gibt sicherlich sowohl Vegetarier, als auch Veganer als auch Allesfresser welche sich unausgewogen ernähren, aber weil veganer klar auf einen Teil des Ernährungsangebots verzichten und dies auch zugeben ist es um ein Vielfaches einfacher sie dafür zu verurteilen, statt sich mal anzuschauen wie viele Eltern ihre Kinder von Fastfood ernähre und ihnen beibringen Fertiggerichte hätten etwas mit kochen zu tun. Es ist erwiesen, dass es viel gefährlicher ist, wenn KInder übergewichtig sind, als wenn sie auf Fleisch verzichten, aber Eltern zu verurteilen welche ihre Kinder mässten wäre natürlich unmoralisch weil man gegenüber Fettleibigen keine Vorurteile haben kann, aber meiner Meinung nach ist das Körperverletzung! Stark übergwichtige Kinder kommen teilweise bereits zu früh in die Pubertät unter anderem aufgrund der Hormone welche im Fleisch sind!
    Man kann beispielsweise Fleisch durch natürliche Omega 3 Tabletten ersetzen oder auch durch Soyaprodukte. Generell essen die meisten Menschen heute zu viele Proteine und ich finde es schade eine „Randgruppe“ zu verurteilen statt sich um Probleme zu kümmern die fast alle betreffen, wozu meiner Meinung nach Übergewicht bei Kindern zu zählen wäre!

    Zum Schluss denke ich, dass Veganer sich sehr um ihre Ernährung kümmern, sehr bewusst essen und deshalb auch meist sensibilisiert sind Mängel auszugleichen. Ausserdem habe ich für meinen Teil noch keinen übergewichtigen Veganer gesehen! ;)

    • Vegane (nicht vegetarische!) Ernährung ist für Kinder nicht empfehlenswert. Im Übrigen: Im erwähnten Artikel ging es auch um Eltern, die ihren Kindern bewusst Vitamine vorenthalten.

  3. „Vergessen geht bei Porz, dass die sich und ihre Kinder vegan ernährenden Eltern ja durchaus ein großes ethisches Bewusstsein aufweisen. Sie beziehen sich häufig auf philosophische Positionen wie die von Peter Singer.“

    Das glaube ich kaum, dass das bei ihm vergessen geht, jedenfalls darf man das nicht aus dem Artikel schliessen, der kennt das _natürlich_ auch.
    Vergessen gehen eben auch die vielen konkreten Fälle von, sorry, Spinnern, von denen Dir Leute in entsprechenden Gremien berichten können (ich habe etwas Einsicht).
    Porz sitzt nicht auf einem reinen Philosophenstuhl, da fliesst sehr viel konkrete Praxis ein.

    • Danke, das ist ein wichtiger Hinweis. Im Interview wirken gewisse Aussagen sehr pauschal – sie lesen sich fast als Forderung nach einem staatlichen Ernährungsmonitoring bei Kindern (es gibt ja auch Spinner, die ihre Kinder regelmäßig bei McDonald’s essen lassen.)

  4. Tja, in realen Fällen sieht das dann halt häufig anders aus, da finden sie dann eher selten eine wohlüberlegte Singersche Radikalität.
    Ich kämpfe sicher mit meinen Vorurteilen, wäre aber wahrscheinlich bereit darauf zu wetten, dass man es in >2/3 der Fälle gleichzeitig mit Impfgegnern etc etc zu tun hat.

  5. Ich fand meine Aussage ziemlich klar, ich _vermute_, dass der Anteil an Impfgegnern unter Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren wollen, überproportional hoch ist.
    Ist eine vorurteilsbehaftete Vermutung, die ich aus ein wenig Erfahrung mit „idealistischen“ Eltern ableite.
    Ansonsten dürfen sich Impfgegner gerne selber nicht impfen, bei ihren Kindern sollen sie sich bitte nicht nur auf ihre Erkenntnisse stützen.
    C’est tout.

  6. Interessant, dass die Menschen über den Ethik- Umweg wieder langsam zu ihrer artgerechten Ernährung zurückkommen.
    Es gibt einen höchst einfachen Zusammenhang: Je artgerechter wir essen, desto besser ist es für uns und desto besser ist es für die Mitwelt. Ich versteh also nicht, wieso man so Simples, wie die Ernährung überhaupt, noch dazu so hochkompliziert, diskutieren muss.
    In diesem Sinne:
    paradise your live ! ;-)

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