Dimensionen von Stil in Sprache und Mode

Der »Stil-Experte« Jeroen van Rooijen formulierte 2009 seine Ansicht dazu, wie Lehrpersonen gekleidet sein sollen. Hier ein Auszug:

Ein Lehrer, der seinen Job ernst nimmt, sollte im Sommer wie Winter gedeckte Naturtöne tragen, vorzugsweise also Anzüge oder Kombinationen aus (Bundfalten-)Hose und Veston aus mehr oder minder breit geripptem Kord, Moleskin, Tweed oder robustem Baumwoll-Twill. […]  In der Schule geht es um die Vermittlung von Wissen und um Werte. Ein bisschen gepflegter Konservativismus kann da nicht schaden. Das gilt auch für die Berufsbekleidung der im Edukativen tätigen Frauen. Es muss also dazu geraten werden, auf Elemente der Freizeitgarderobe oder der Sportswear zu verzichten, wenn man vor die Klasse tritt. Im Grunde ist als Basis nur das Kostüm (wahlweise mit kniebedeckendem Rock oder langer Hose) denkbar.

So unterrichte ich. Aber gelegentlich auch im T-Shirt…

So unterrichte ich. Aber gelegentlich auch im T-Shirt…

Was solche Überlegungen wie von van Rooijen ausblenden, sind die verschiedenen Dimensionen von Stil:

  1. Stil als eine Übereinkunft über menschliche Handlungen, die beliebige Freiräume lassen; also kontingent sind
  2. Stil als ein Management von Erwartungen zwischen Menschen
  3. Stil als die Möglichkeit, in einem Kontext eine bestimmte Wirkung zu erzeugen
  4. Stil als die Möglichkeit, persönliche Vorlieben oder Eigenschaften auszudrücken

Wenn ich als Lehrperson mich als besonders locker geben möchte, dann kann gerade das Tragen von ausgeschnittenem T-Shirt und leucht-grüner Hose dazu führen, dass ich diese Eigenschaften ausdrücken kann und die entsprechende Wirkung erziele; zudem verstoße ich gegen bestimmte Erwartungen.

Luhmann bemerkt zur Funktion von Stil in der Kunst:

Vielmehr gibt der Stil selbst die Direktiven für ein Abweichen vom Stil, das immer dann berechtigt ist, wenn die Durchführung als Kunstwerk gelingt.

Dasselbe trifft auch auf sprachlichen Stil vor. Wer da Regeln vorgibt, wie z.B. Wolf Schneider, ignoriert, dass Stil mehrere Dimension hat. Wenn Stil mit Regeln erklärt wird, ist die Annahme immer die, eine Konvention (oben 1.) sei zu beschreiben und deshalb zu befolgen, weil sich das Muster in der Vergangenheit gebildet hat. Dass dadurch ebenso eine Möglichkeit eröffnet wird, die Konvention zu verletzen oder zu umgehen – um gerade damit einen Effekt zu erzeugen, wird von diesen normorientierten »Stil-Päpsten« kaum reflektiert.

So heißt es denn auch in einer Kritik an Wolf Schneider:

‚Guten Stil‘ kann man eben nicht in wenigen ‚Lektionen‘ beschreiben und lehren. Was ihn ausmacht, ist mindestens davon abhängig, was man mit einem Text erreichen möchte und an wen sich dieser Text richtet. Der Stil eines packenden Krimis kann ‚quick and dirty‘ sein, der einer Abiturklausur besser nicht.

Und so müssen auch die Stil-Tipps von Constatin Seibt lediglich als Beschreibung seiner eigenen Schreibstrategie gelesen werden – nicht als Regeln, die universale Gültigkeit unabhängig von Kontext und Absicht beanspruchen können.

 

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