Nach seinem brillanten Eidenbenz-Essay im Tages-Anzeiger, mit dem er die Minarettabstimmung kommentiert hatte, meldet sich Charles Lewinksy auch zur »Volksbefragung« der SVP zu Worte (so füllt man sie übrigens richtig aus).
Seine Aussagen sind durchaus vernünftig oder klar:
Einfache Argumente haben die Tendenz, das Richtige zu schlagen, wenn das Richtige kompliziert ist. Probleme zu analysieren, ist schwieriger.
Im Moment ist das Störende ausländisch oder islamistisch. Es wird immer eine Gruppe geben, die als Zielscheibe für einfache Antworten dient.
Man muss mit allen Mitteln die Integration fördern. Dazu braucht es Geld, aber auch eine gewisse Pflicht zur Integration.
Wir können nicht Leute ausgrenzen und gleichzeitig von ihnen Integration fordern.
Doch bis jemand ein Parteiprogramm entwirft, das ich zu hundert Prozent unterschreiben kann, werde ich zu alt sein, um noch den Kugelschreiber zu halten.
Absolut unerträglich ist aber das Interview. Daniel Foppa stellt nicht nur Fragen, die Lewinsky provozieren oder ihm die andere Seite seiner Argumentation vorhalten, sondern absolut tendenziös sind und Aussagen voraussetzen, die so nicht stimmen:
- Die SVP [greift] Probleme auf, die die Leute tatsächlich bewegen.
- Dann ganz ohne Bildungs- und Vereinfachungsdünkel gefragt: Wie soll man beispielsweise mit schlecht integrierten Ausländern umgehen?
- Die Minarett-Initiative war auch ein Votum gegen Parallelgesellschaften.
- Verwirkt ein krimineller Ausländer nicht sein Gastrecht?
Man stelle sich nun vor, wer dieses Interview liest (die Kommentarfunktion ist verdankenswerterweise abgeschaltet auf Newsnetz): Leute wie ich, die denken: Okay, Lewinsky, der hat wirklich was drauf, der bringts auf den Punkt. Und Leute wie Eidenbenz, die denken:
»Eben, die SVP behandelt schon die Probleme, mit denen ich mich auseinandersetzen sollte (1.), zum Beispiel die schlecht integrierten Ausländer, die es allenthalben gibt (2.), so dass es schon eine Reihe von Parallelgesellschaften gibt in der Schweiz (3.). Ausländer sind schließlich Gäste hier, Kriminelle gehören ausgeschafft (4.).«
Das ist ein Problem - diese Voraussetzungen, die Foppa macht. Das andere Problem ist die Agenda des Tages-Anzeigers, Sommerloch hin oder her - er greift gerade auf, was die SVP will, dass er aufgreift: Schlecht integrierte und kriminelle Ausländer verbunden mit der EU-Frage. Diese beiden Themen gehören nicht zusammen, aber die SVP unternimmt alles, dass eine negative Einstellung zur EU mit der Ausschaffungsinitiative und umgekehrt verbunden werden kann, weil sie sowohl bei der Ausschaffungsinitiative wie auch beim EU-Beitritt zahlreichen Argumente der Gegenseite rational nicht begegnen kann.
Man würde sich wünschen, dass Lewinsky sagt: »Gibt es in der Schweiz schlecht integrierte AusländerInnen?« »Wo erleben Sie denn Parallelgesellschaften?«
(Dazu noch eine Statistik am Rande: Die NZZ berichtet zwar auch über den Basler Islamisten Osmanoglu, der seine Töchter nicht zum Schwimmen schickt, stellt seine Position aber als Einzelposition dar - und erwähnt, dass in Basel 7 von 1033 muslimischen PrimarschülerInnen dem Schwimmunterricht fernbleiben: Ein Problem also, das sieben Promille der Kinder betrifft.)