Die Schweiz – ein rassistisches Land?

3.56 Asylgesuche pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner, 23 Prozent ausländische Wohnbevölkerung – mit diesen Werte, so die Politreporter der Schweiz am Sonntag, seien »rekordverdächtig«. Sie sind erstaunt darüber, dass in der Schweiz ein Badi-Verbot und ein Zwischenfall mit einer prominenten Amerikanerin für internationale Resonanz sorgt, die der Schweiz ein rassistisches Image gibt.

Zu diesen Vorfällen wurde schon viel gesagt. Ich möchte nur vier eigentlich selbstverständliche Bemerkungen festhalten:

  1. In der Schweiz gibt es rassistisch denkende und handelnde Menschen. Das ist so selbstverständlich, dass ich mich frage, warum ich das überhaupt aufschreibe. Wer in öffentlichen Verkehrsmitteln, in den Kommentarspalten der Zeitungen oder im Internet liest und hört, was Menschen von sich geben, weiß das.
  2. Bei rassistischen Vorfällen (generell: bei jeder Art von psychischem oder physischem Übergriff) ist komplett irrelevant, was Nicht-Betroffene davon halten. Ob die Handtasche aus Krokodilleder war, die Verkäuferin mässig gut Englisch kann, die Boutiquebesitzerin mit Tina Turner befreundet ist oder das Badi-Verbot ein Verbot oder keines ist:  Relevant ist, wie sich die Menschen fühlen, die von diesen Übergriffen betroffen sind. Zur Struktur dieser Übergriffe gehört es, dass die Betroffenen über die Vorfälle nicht reden (können/dürfen) oder nicht gehört werden. Ihnen muss Raum gegeben werden. Deshalb hier die Worte von Oprah Winfrey:

    I go into a store and I say to the woman, ‘Excuse me, could I see the bag right above your head?’ and she says to me, ‘No. It’s too expensive.’ And I said, ‘No, no, no, the black one, the one that’s folded over’, and she said, ‘No, no, no, you don’t want to see that one, you want to see this one because that one will cost too much. You won’t be able to afford that one’.
    There’s two different ways to handle it. I could’ve had the whole blow-up thing, but it still exists, of course it does. True racism is being able to have power over somebody else. So that doesn’t happen to me that way.
    It shows up for me this way, it shows up that sometimes I’m in a board room or I’m in certain situations where I’m the only woman, or I’m the only African American person within a 100 mile radius, and I can see in the energy of the people there, they don’t sense that I should be holding one of those seats. I can sense that. I can never tell is it racism or is it sexism, because often it’s both. The sexism thing is huge. The higher the ladder you climb, it gets huge.

  3. Das Argument, es gäbe viel stärker Betroffene oder viel größeres Leid in der Welt als eine Frau, die statt einer enorm teuren nur eine sehr teure Handtasche anfassen darf, dient dazu, Rassismus unsichtbar zu machen. Der Vorfall um Winfrey macht Rassismus sichtbar – Rassismus, der sich oft in Vorfällen äußert, die für die Nicht-Betroffenen »Missverständnisse« oder Kleinigkeiten sein mögen: Es aber für die Betroffenen nicht sind. Ein Beispiel: Tibetischstämmige Jugendliche erzählen mir oft, dass Menschen ihnen im Alltag nicht zutrauen, Schweizerdeutsch zu verstehen oder zu sprechen, obwohl sie hier aufgewachsen sind und Schweizerdeutsch ihre Muttersprache ist. Ihre äußere Erscheinung wirkt so stark, dass selbst wenn sie Schweizerdeutsch sprechen, die Annahme aufrecht erhalten wird, sie könnten es nicht.
  4. Aber natürlich gibt es gewichtigere rassistische Probleme als die, die in Boutiquen an der Bahnhofstrasse stattfinden. Wie ein anderer Prominenter, Edward Snowden, bei seinem Zuzug bemerkte, werden in der Schweiz die schlecht bezahlten Arbeiten von Immigrantinnen und Immigranten verrichtet, die kaum ausgebildet werden und kaum Chancen haben, ihre Situation zu verbessern. Snowden schrieb im Chat von Ars Technica:

    [a large immigrant population does the lower-class work], lots of unidentifiable southeast asian people and eastern europeans who don’t speak french or english […] everybody hates gypsies apparently […] immediately “those goddamned gypsies!” - “it wasn’t a gypsy” - “oh, it must be those fucking muslims!” “no? then those goddamned africans!” - i have never, EVER seen a people more racist than the swiss jesus god they look down on EVERYONE. even each other.

Die Statistiken, die in der Schweiz am Sonntag angeführt werden, zeigen nicht etwa die große Toleranz der Schweizerinnen und Schweizer, sondern reflektieren schlicht und ergreifend ein System, das strukturell rassistisch ist: Arbeiten, die Schweizerinnen und Schweizer nicht selbst erledigen und nicht anständig bezahlen wollen, lassen sie von Ausländerinnen und Ausländern verrichten.

Preisvergleich Schweiz – Deutschland

Wer in der Schweiz Zeitschriften aus Deutschland am Kiosk kauft, beginnt schnell zu meckern: Wenn man die Europreise, die da draufstehen, umrechnen würde, dann müsste die Zeitschrift in der Schweiz viel günstiger sein, als sie tatsächlich ist. Unternehmen würden von unfairen Wechselkursen profitieren ist ein Vorwurf, der schnell geäußert wird.

Dieser Vorwurf basiert auf dem Axiom, ein Produkt müsse alle Kundinnen und Kunden zu demselben Preis angeboten werden (im Idealfall der Produktionspreis plus ein moderater Gewinnaufschlag). Dabei stimmt das überhaupt nicht. Wie z.B. die ersten Kapitel von Freakonomics zeigen, sind Billiglinien, Exklusivprodukte sowie Fair Trade-Labels häufig ein Mechanismus, mit dem dasselbe Produkt zu unterschiedlichen Preisen angeboten werden kann – weil eben Kundinnen und Kunden bereit sind, unterschiedlich viel für das Produkt zu zahlen. Gerade die jammernden Zeitschriftenkaufenden sind ja der Beweis dafür, dass die Strategie der Verlage durchaus vernünftig ist.

Dennoch kann man diese Vorgehensweise als unfair empfinden. Ich würde jedoch empfehlen, eine andere Betrachtungsweise zu wählen. Wer mit deutschen Löhnen vertraut ist, kann schnell berechnen, dass man für einen Euro ungefähr so lange arbeiten muss wie für drei Franken, vielleicht für zwei Franken fünfzig. Wäre es nicht sehr fair, wenn alle Käuferinnen und Käufer gleich lange arbeiten müssten, um sich ein Produkt leisten zu können?

Wer so rechnet, kann einfach deutsche Europreise mit 2.5 oder 3 multiplizieren – und merkt dann schnell, wie teuer das Einkaufen in Deutschland wäre, wenn man das Geld in Deutschland erarbeiten müsste.

* * *

Zusatz: Zu den Löhnen noch die Statistik: 2010 war die Kaufkraft in Deutschland für Vollzeitarbeitende leicht höher als die in der Schweiz. Bezieht man aber die Entwicklung des Eurokurses bis heute ein, so liegt die Schweizer Kaufkraft heute deutlich über der von Deutschland – auch mit den hohen Preisen.

Meine Liebe zur Schweiz

Kürzlich habe ich auf Twitter gesagt, ich wüsste auch ohne öffentlich finanzierte Weihnachtsbäume, wer ich sei und wofür ich einstehe. Der Aufforderung, das auszuformulieren, komme ich hiermit nach.

Meine Liebe zur Schweiz ist die Liebe zu meinen Großvätern. (Ich liebe auch meine Großmütter, aber für (noch) wichtigere Dinge.) Mein Großvater mütterlicherseits lebt noch. Er pflegt seine Frau in einer Alterswohnung, hat während ihrer depressiven Phasen mit 70 gelernt zu kochen, zu waschen und zu putzen. Mittlerweile ist er 94. Er liest jeden Tag die Zeitung und mag es, aus seinem Leben zu erzählen. Dazu gehört sein Aktivdienst, den im Aargau am Rhein gleistet hat. Als er noch etwas jünger war, habe ich mir ein Auto geliehen um mit ihm Fahrten durchs Fricktal zu machen, auf denen er erzählt hat, wo er stationiert war, was für Märsche anstanden und – das ist in meiner Familie wichtig – was es zu essen gab. Am meisten Eindruck machten mir die Erzählungen, in denen er zum Ausdruck brachte, wie groß die Angst war während dem Aktivdienst. Meinem Großvater war immer klar, dass er und seine Dienstkameraden die Schweiz nicht vor der Nazi-Invasion gerettet haben. Gleichwohl war er auf seinen Dienst stolz, er verhalf ihm auch dazu, vom Schriftsetzer zum Polizisten zu werden. Diese Aufgabe führte er sein restliches Leben lang aus, er leitete zudem ehrenamtlich eine Krankenkasse und war im Vorstand des Turnvereins aktiv.

Mein Großvater erzählte mir, als ich noch ein kleiner Junge war, auf ausgedehnten Zugreisen durch die symbolischen Gegenden der Schweiz von der Schweizer Geschichte und der Schweizer Politik. Er hat ein sehr positivistisches Geschichtsbild und erzählte eine offizielle Version der Geschichte des Landes, die mit Mythen und Verzerrungen durchzogen war. Sie präsentierte aber nie ein Land als Einheit: Für ihn, der im Schenkenbergertal aufgewachsen war, wäre es nicht in Frage gekommen, eine Frau aus dem Fricktal zu heiraten (die wäre nämlich katholisch gewesen). Die Schweiz war in seinen Erzählungen durchzogen von Gräben sprachlicher, religiöser, sozialer Natur, die immer wieder überbrückt werden konnten. Es war in der Schweiz möglich, den eigenen Horizont zu erweitern, vom Dorf übers Tal in die Stadt zu gelangen. Es war möglich, in die Mittelschicht vorzustossen und dafür zu sorgen, dass die eigenen Kinder besser gebildet waren und ein besseres Einkommen hatten als man selber.

Mein Großvater sah das aber nicht als Eigenschaft der Schweiz an – es gab nichts im Wesen des Landes, das dazu führte, das dies möglich war. Vielmehr ging das immer auf den Willen von Menschen zurück, gemeinsam nach Lösungen zu suchen – und um eine Einzelne oder ein Einzelner das Glück hatte, im richtigen Moment am richtigen Ort die richtige Entscheidung zu treffen, war eben immer genau das: Glücksache.

Als Mitarbeiter und Chef des polizeilichen Erkennungsdienstes erlebte mein Großvater häufig genug, wie Menschen einander Leid zufügten. Von diesem Leid wurde auch er nicht verschont: 1963 verbrachte er über 50 Stunden ohne Schlaf an der Absturzstelle der Caravelle HB-ICV in Dürrenäsch, wo 80 Menschen starben. Er sammelte Leichenteile ein und versuchte sie zu identifizieren: Ein ungeheures Trauma, das dazu führte, dass er mehrmals auch mit mir Dürrenäsch aufsuchte und detailliert erzählte, woran er sich erinnern konnte.

Flugzeugabsturz in Dürrenäsch, 1963. Bildarchiv der ETH Zürich, CC-BY-NC-ND.

Jetzt habe ich viel von meinem Großvater erzählt. Er hat mir eine Schweiz näher gebracht, die Möglichkeiten bietet. Nicht allen, nicht immer, nie selbstverständlich. Die wichtigste Möglichkeit ist die, Ereignissen, Erlebnissen, Ortschaften und Beziehungen selber eine Bedeutung zu geben. Diese Bedeutungen können sich wandeln: Meine Großmutter wurde in Wochen von einer souveränen Matriarchin zu einem Wesen, das kaum mehr unter der Bettdecke hervorzubringen war – um einige Jahre später wieder fröhlich Witze zu erzählen und das Leben rücksichtslos zu genießen. Sie rieb sich ständig an den Erwartungen »der anderen Leute«, drangsalierte sie aber ebenso mit ihren eigenen Erwartungen. Alles kann sich ändern. Wir sind nicht, wer unsere Eltern waren; wir sind nicht, wo wir aufgewachsen sind; wir sind nicht, wofür wir gehalten werden. Wir können selber Bedeutungen schaffen, oder es versuchen.

Das liebe ich an meinem Großvater, und das führt dazu, dass ich an meine eigenen Möglichkeiten zur Schaffung von Bedeutung glaube. Ich möchte keine Bedeutungen vorgegeben bekommen, nicht von Autoritäten, nicht von einer Mehrheit, nicht von der Religion und nicht vom Staat. Aber ich weiß, dass andere auch das Recht haben, das zu leben, was ihnen wichtig ist. Gerade weil ich nicht isoliert über Bedeutungen nachdenke, sondern mit Menschen, zu denen ich immer einige der vielen Gräben in der Schweiz überschreiten muss.

Mein anderer Großvater hat sich das Leben genommen, bevor ich auf die Welt gekommen bin. Er zeigt mir, dass meine Liebe zur Schweiz, die mir in vielem entgegenkommt – ich mag eine gewisse Harmonie, Stabilität, sichere Verhältnisse – vielleicht nicht gerechtfertigt ist. Die Schweiz ist ein Suizidland, jedes Jahr bringen sich 1000 Menschen um, 30’000 versuchen es. So lange viele unserer Mitmenschen das Bedürfnis haben, sich das Leben zu nehmen, sollten wir mit unserer Liebe zu einer Idee oder einem Symbol zurückhaltend sein.

Wer bin ich also? Jemand, der gerne Bedeutungen schafft, Gelegenheiten nutzt – ohne zu vergessen, dass das ein ungeheures Privileg ist, das in der Schweiz zwar viele Menschen haben, aber fast immer auf Kosten anderer Menschen. (Privilegiert ist, wer nicht auffällt: Dass ich lebe, wie ich lebe, hat noch nie jemand gestört – bis auf eine Phase in der Primarschule, wo ich wohl für ein Dorf im Aargau etwas zu vergeistigt und zu wenig beweglich war – war ich immer akzeptiert, gehörte dazu, hatte alle Rechte, ohne schief angesehen zu werden. Viel Schweizerischer als der Sohn eines Wampflers und einer Roth kann man wohl nicht sein…)

Wofür stehe ich ein? Dass alle Menschen den Raum haben sollen, eigene Bedeutungen zu schaffen oder andere Bedeutungen anzunehmen, wenn sie ihnen wichtig sind. Damit sie diesen Raum haben, muss ihnen unsere Gemeinschaft manchmal helfen und manchmal andere zurückbinden, die ihnen den Raum nehmen wollen. Das wäre Politik.

Die Blogger-Generationen – und die Frage, was aus der ersten Generation geworden ist

Gestern habe ich den Tweet zitiert und gefragt, ob sich das in der Schweiz auch so verhalte:

Ich habe zwei Reaktionen erhalten:

Natürlich will ich jetzt auch nicht beurteilen, aus wem »etwas geworden« ist. Gemeint ist damit wohl: Hat sich aus diesen Blogs etwas entwickelt? Sind die Betreiber zu Autoritäten geworden, zu einer Kraft neben den Medien?

»Ich verstehe mich als Entertainer ohne thematische Scheuklappen«, ließ sich Christian Leu vor zwei Jahren in einer Geschichte über die Schweizer Blog-Szene zitieren. Genau das war wohl die erste Generation von Bloggerinnen und Bloggern in der Schweiz. Haben sich daraus Plattformen mit Relevanz entwickelt? Gibt es Themen ausser Technologie, Mode, Fankultur und vielleicht Medienkritik, bei denen Blogs das »go-to«-Medium sind? Ich denke nicht.

Bloggen ist in der Schweiz ein Hobby – und verschwindet zunehmend hinter Social Media. Man schreibt Blogtexte, wenn Gedanken zu lang werden für Twitter. Der Austausch und die Vernetzung findet dann aber immer dort statt. Insofern würde ich dem Tweet-Autor für meine Generation, das ist wohl die dritte, durchaus Recht geben.

Manchmal habe ich den Eindruck, ich operiere in einem Vakuum. Ich bin wohl einer der aktivsten und engagiertesten Blogger der Schweiz – ich habe alleine in diesem Jahr schon über 300 Blogposts verfasst. Ab und zu ergibt sich eine Diskussion, ich werde darauf angesprochen oder es entsteht eine Twitter-Debatte. Aber eine Blogosphäre gibt es nicht, als Informationsmedium werden Blogs nicht genutzt, journalistisch ernst genommen werden sie auch nicht – sonst würde ein Weltwoche-Autor nicht eine Woche brauchen, um zu merken, dass er in der SMD-Datenbank als Autor eines anonym publizierten Artikels angegeben wird.

Fazit: Ich will nicht jammern. Es ist wohl einfach so. Und damit will ich niemandem zu nahe treten. Natürlich ist aus den Herren Leu, Lüthi und Brühwiler etwas geworden. Aber hängt das mit ihrer Tätigkeit als Blogger zusammen? Und haben sich ihre Blogs entwickelt? Die Diskussion ist eröffnet.

Relevante Geschichten aus Schweizer Blogs

  1. Die Frage, ob Blogs in der Schweiz für den Journalismus relevant sind, hängt meiner Meinung nach davon ab, ob Blogs Resonanz erzeugen können – d.h. ob sie Debatten auslösen, Reaktionen provozieren und für reichenweitenstarke Medien interessante Inhalte produzieren.
    Diese Frage habe ich in einer kurzen Anfrage auf Twitter aufgeworfen und mit Storify bearbeitet. (Die Petardengeschichte habe ich bewusst außen vor gelassen – ihre Resonanz gründet m.E. alleine in der Beschwerde beim Presserat.)
  2. phwampfler
    Gesucht:
    Geschichten aus Schweizer Blogs, die Resonanz erhalten haben (z.B. in anderen Medien, Debatten ausgelöst etc.).
    Ab 2010 z.B.
    Wed, May 16 2012 11:35:53
  3. Selbstverständlich gibt es zunächst zwei Definitionsprobleme: Was ist genau ein »Schweizer Blog« und was meint man damit, eine Geschichte erhalte »Resonanz«? Beide Fragen habe ich kurz angedacht:
  4. phwampfler
    @julianschmidli @ivinfo @jeduta Relevanz heißt für mich: Erzeugt Reaktionen. Gibt es 10 Bloggeschichten, die 2011 Resonanz erzeugt haben?
    Wed, May 16 2012 11:27:31
  5. Fazit: Blogger sind in einem gewissen Sinne Amateure – und Resonanz heißt, dass in irgend einer beschreibbaren Form darauf reagiert worden ist (außerhalb des Blogs und damit verbundenen sozialen Netzwerke).
  6. aline_wanner
    @phwampfler Vom fröhlichen Sesselrücken und einer Punktlandung http://arlesheimreloaded.ch/vom-frohlichen-sesselrucken-und-einer-punktlandung/ zum beispiel die landete in der baz
    Wed, May 16 2012 11:50:34
  7. ManfredMessmer
    @aline_wanner @phwampfler lokalteil BaZ, AZ-BZ, Sonntag zb. Fraktionsewchsel im Landrat und andere :-)
    Wed, May 16 2012 12:03:14
  8. Das wohl treffendste Beispiel ist der Blog von Manfred Messmer. Er zeigt, dass eine erfahrene, gut informierte und sehr engagierte Person zumindest lokal (und lokal heißt immerhin: im Raum Basel) Geschichten anbieten kann, welche von etablierten Lokalmedien aufgenommen und übernommen werden.
  9. Ein ähnliches Beispiel: Die Betreiber des Blogs »Nation of Swine« sind engagierte Journalisten, die einige Nischen abdecken, die sonst wenig Aufmerksamkeit erfahren. Sie erhalten so auch Informationen, die sie auf ihrem Blog publizieren und so ebenfalls lokal aufgegriffen werden.
  10. KueddeR
    @phwampfler Es gab die Story über die träumende Schweizer “Astronautin”, die weiterverfolgt wurde vom Tagi und drr Journi Preis dafür bekam.
    Thu, May 17 2012 10:11:31
  11. Diese Geschichte ist nicht gleich gelagert: Ein Blogpost vom Januar 2010 wurde im August von Mauricie Thiriet im Tages Anzeiger aufgegriffen und mit weiteren Recherchen vertieft. Der Blogpost wurde nicht erwähnt, war aber sicher ausschlaggebend für die Geschichte um die Lehrerin Barbara Burtscher, die sich als potentielle Astronautin ausgab, obwohl dies weit von der Wahrheit entfernt war.
  12. Auch hier handelt es sich um eine Geschichte von einem Profi: David Bauer ist ein vielseitiger Journalist, der sich Gedanken zur Musikförderung in der Schweiz macht und einen Blick auf das Erfolgsmodell Sophie Hunger geworfen hat, der über 130 Kommentare erhalten hat und damit eine tiefschürfende Diskussion ausgelöst hat.
  13. ivinfo
    @phwampfler Ironischerweise fällt mir dazu ausgerechnet die Batz/Neininger-Urheberrechtsdiskussion ein.
    Wed, May 16 2012 11:45:46
  14. cloudista
    @phwampfler natürlich der Blog von @ConstSeibt , worauf ihn dann #Schawinski ins Radio einlud. Und der Blog zu #Bausparen von @BatzMonika
    Wed, May 16 2012 11:58:33
  15. Monika Bütler ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der HSG in St. Gallen – ihre Blogposts werden in der NZZ am Sonntag abgedruckt. Aus diesen Gründen kann man also zunächst nicht davon sprechen, dass es sich um einen Blog handelt, viel eher um ein Portfolio, wo Bütler ihre Texte präsentiert. Allerdings geht es gerade im Fall Neiniger um eine Debatte, die durch einen Blogpost von Bütler ausgelöst worden ist – der wiederum eine Reaktion auf einen ungefragt und verändert in den Schaffhauser Nachrichten abgedruckten Text von Bütler (ebenfalls ein Blogpost) zum Bausparen ist.
  16. agossweiler
    @phwampfler EIn Beispiel für Resonanz: Dieses Blogpost http://bit.ly/JQp3NI wurde 2011 vom Radio aufgegriffen http://bit.ly/JijDOX
    Thu, May 17 2012 03:15:33
  17. Hier wird eine Beobachtung eines bloggenden Journalisten vom Konsumentenschutzmagazin Espresso vom Schweizer Radio aufgenommen.
  18. Der ehemalige Präsident der Pirtatenpartei, Denis Simonet, hat mit zwei Anliegen, die er per Blogpost angerissen hat, eine Reaktion etablierter Medien hervorgerufen. Die Piratenpartei ist gerade das politische Gefäss, das Blogposts und Twitter als Medium nutzt, um politische Anliegen zu vermitteln – und damit darauf angewiesen ist, damit Reaktionen hervorzurufen.
  19. Zum Schluss auch ein sehr webaffines Thema: Die Frage, wie man mit »Shitstorms« umgeht, also negativen Reaktionen in Sozialen Netzwerken. Die schöne Grafik vom Feinheit-Team wurde bei einem Tagungsreferat vorgestellt und danach für den Blog ausgearbeitet – und hat so viele Reaktionen provoziert.

    Fazit
  20. phwampfler
    @Jeduta @thbenkoe @mazluzern Ehrlich gesagt haben Blogs in der Schweiz keine journalistische Relevanz.
    Wed, May 16 2012 10:23:14
  21. Ich bleibe bei meinem Urteil. Es gibt zwar Geschichten in Blogs, die relevant sind – die jedoch in den hier diskutierten Fällen von einer Expertin, einigen Journalisten, einem Politiker und von PR-Profis verfasst worden sind. Es gibt kein Beispiel aus den letzten zwei Jahren, bei denen ein klassischer Blogger ein Thema aufgegriffen hat, das bedeutsam war.
    Das heißt nicht, das Blogs kein sinnvolles Medium sein können – sie können die eigene Arbeit dokumentieren, können wichtige Kommentare enthalten oder als Gefäss für Diskussionen in den Kommentaren dienen. Aber journalistische Relevanz genießen sie in der Schweiz nicht.
    Das ist oft schade – es gibt sehr gute Bloggeschichten, die aber oft einseitig und nur angedacht sind. Gleichzeitig erhalten sie nicht die nötige Aufmerksamkeit, es gibt kaum Medien, die auf Blogs verlinken.
    Und eine letzte Bemerkung: Ich denke, die Schweizer »Alphablogger« haben der Schweiz ein problematisches Blogkonzept vorgelebt. Sie betrieben Lifestyle-, Technik- und Erlebnisblogs, sie waren das Tummelfeld für das Kind im Manne. Bloggen war etwas, womit man Spass haben sollte oder womit man zeigen sollte, wie viel Spass man sonst so hat. Es waren Wohlfühlblogs, in denen allenfalls ein wenig Konsumentenschutz betrieben worden ist. Das ist wohl ein Grund dafür, warum sich Blogs im journalistischen Bereich in der Schweiz nicht behaupten können.

Das Hakeem Olajuwon-Problem – oder warum man Frauen wählen sollte

Hakeem Olajuwon war ein ausgezeichneter Basketball-Spieler in der NBA. Bill Simmons, ein Sportreporter in den USA, hält ihn für den 11. besten Spieler aller Zeiten. In seinem Buch »The Book of Basketball« fragt er sich in einem Gedankenexperiment, wie groß die Chancen waren, dass Olajuwon ein Star wird:

  1. Er wuchs in Nigeria auf, wo alle Jugendlichen und Kinder Fussball spielen. Er dachte nie daran, Basketball zu spielen und träumte von einer Karriere als Fussballer.
  2. In der Pubertät wächst er enorm.
  3. Ein Lehrer weist ihn darauf hin, dass er Basketball spielen könnte.
  4. Er tut das, reist in die USA, wird an einem College aufgenommen und lernt alles, was man lernen muss.
  5. Im Sommer trainierte er mit dem arrivierten NBA-Star Moses Malone, der in der Nähe wohnte.
  6. Er wird von einem NBA-Team gedraftet.
  7. Sein Körper entwickelt sich weiter.

Man kann sich vorstellen: Die Wahrscheinlichkeit, dass das so ein zweites Mal passiert, ist ziemlich klein. Simmons rechnet nicht einmal mehr mit. Das Beispiel zeigt aber auch, dass es wohl in Nigeria und vielen anderen Ländern hochtalentierte Basketballspieler und -spielerinnen gibt, die nie Basketball spielen.

Wenn man die Frage verallgemeinert, so geht es um folgendes Problem: Wie schafft es eine Gesellschaft, dass die wichtigen beruflichen Funktionen von den Menschen ausgeübt werden, die dafür am besten geeignet sind? Dass z.B. in der Schweiz die besten Fussballspieler in der Nationalmannschaft enden, ist recht wahrscheinlich. Nicht ganz sicher, aber wahrscheinlich. Wie wahrscheinlich ist es nun, dass die besten Ärztinnen und Ärzte diesen Beruf ergreifen? Oder die besten Lehrerinnen und Lehrer? Oder die besten Politikerinnen und Politiker?

Wenn nun auf nationaler Ebene Frauen nur mit einem Anteil von rund 30% halbberuflich Politik betreiben, dann kann man sich fragen, ob das Politik-Talent tatsächlich nicht gleich verteilt wird. Wäre das so, gäbe es dafür nur einen möglichen Grund: Die Biologie.

Ich halte diese Erklärung aber für unwahrscheinlich. Frauen können praktisch alle Aufgaben, die nichts mit körperlicher Kraft zu tun haben, gleich gut ausüben wie Männer. Also hieße das, dass es viele Frauen mit Politik-Talent gibt, welche nicht gewählt werden – während es einige Männer mit weniger Politik-Talent gibt, die gewählt werden.

Das ist nun der entscheidende Grund, weshalb Frauen gewählt werden sollen. Es braucht nicht viel Scharfsinn um diesem Aufruf entgegenzuhalten, dass er ja gerade die sinnlose Geschlechterzuordnung repliziere, dass der ideale Zustand ja der wäre, in dem nicht nach Geschlecht gewählt würde. Das Problem dabei ist, dass es den idealen Zustand erst gibt, wenn Frauen in Bezug auf politische Karriere dieselben Möglichkeiten haben wie Männer.

Dies ist aber heute nicht so. Die »Kinderlobby Schweiz« bringt z.B. zwei Jugendliche als Lobbyisten ins Bundeshaus. Zwei Männer, notabene. Auf meine Nachfrage meinte Daniel Goldberg, der Verantwortliche:

Wir hatten bewusst sowohl nach einer weiblichen als als auch einer männlichen Vertretung gesucht und auch ausgeschrieben. Aber wie es so oft in der Politik passiert – 1. die jungen Frauen, die wir angefragt hatten, hatten kein Interesse für politisches Engagement 2. hatten wir leider keine weiblichen Bewerberinnen, die als Kinderlobbyistinnen aktiv werden wollten.

Wenn wir eine Liste machen, was es alles braucht, um als Politikerin oder Politiker in Erscheinung treten zu wollen, wäre sie ungefähr so lang wie die oben. Und vor Wahlen geht es eben darum, ob man »Interesse für politische Engagements« hat und sich auf Aufrufe meldet. Das tut man dann, wenn man darauf vorbereitet worden ist, wenn man in seiner Peer-Group und in seiner Familie dafür Anerkennung erhält etc. Hier liegt meines Erachtens das Problem: Wir lassen es zu, dass sich Frauen zu wenig um Politik kümmern und geben so vielen Talenten die Chance nicht, mitzuwirken und sich einzubringen.

Wählt man nun Frauen, so sendet man ein Signal: Es wird attraktiv für Parteien, mehr Frauen aufzustellen, sie beginnen, Frauen zu rekrutieren und sich zu überlegen, unter welchen Umständen sich Frauen für Politik interessieren könnten. Es wird zudem selbstverständlich, dass politische Geschäfte gleich oft von Frauen wie von Männern betreut werden etc.

Was sich ändern muss

Im Anschluss an meinen Post zum Frauentag hat sich in den Kommentaren eine rege Diskussion ergeben. Zum Schluss ergab sich so die Frage, weshalb eigentlich alles so ist, wie es ist – weshalb das Leben in unserer Gesellschaft generell einfacher ist, wenn man ein Mann ist:

Und – immer die gleiche Frage – wer verhindert das? Sind das nicht einfach individuelle Entscheide, die die Menschen in ihren Lebenssituationen treffen? Was habe ich mit dieser Realität zu tun? Was müsste sich denn Ihrer Meinung nach konkret ändern, damit das “besser” wird?

Dazu möchte ich kurz Stellung nehmen.

Das Perfide an solchen sozialen Phänomenen ist ja gerade, dass es uns vorkommt, als seien wir frei und würden Zustände in autonomen Entscheidungen herbeiführen. Ein Beispiel – die Familienformen bei Familien mit Kindern unter 6 Jahren (Quelle, pdf):

Man würde sagen: »All diese Familien haben selbst entschieden, welches Modell für sie am besten ist. Offenbar möchten viele Frauen lieber bei den Kindern bleiben und viele Männer möchten gerne Vollzeit arbeiten. Sollen sie doch, wenn sie das so wollen.«

Das ist Quatsch. Eine Reihe von Faktoren beeinflussen diesen Entscheid: Z.B. die Höhe der Löhne, die Erwartungen an den Partner und die Partnerin, soziale Akzeptanz, Verfügbarkeit von externer Kinderbetreuung etc. Damit wird klar, dass die freie Entscheidung durch politische, soziale, wirtschaftliche, psychologische und, von mir aus, auch biologische Faktoren beeinflusst, wenn nicht gar verunmöglicht wird.

Man kann viele Beispiele so analysieren und kommt zum selben Ergebnis: Junge Frauen haben nicht deshalb häufig Körper, die den Normvorstellungen entsprechen, weil sie das gerne möchten, sondern weil sie sonst nicht akzeptiert werden, nicht geliebt werden, für dumm und faul gehalten werden und eine radikal eingeschränkte berufliche Zukunft haben. An den Gymnasien gibt es keine dicken Mädchen. Auch hier wieder: Politische, soziale, wirtschaftliche, psychologische und biologische Vorgaben.

Aber eigentlich wollte ich ja festhalten, was wir tun können. Hier also eine kleine Liste – gerade für die Schweiz, die in Bezug auf Gleichstellung ein absolut rückständiges Land ist, aber von sich denkt, eine Art Frauen- und Männerparadies zu sein, besonders wichtig:

  1. Sich ein Bewusstsein bilden: Kritisch sein. Nachrichten, Werbung, Medien kritisch hinterfragen. Geschlechterklischees und -rollen erkennen.
  2. Den Fernseher ausschalten, wenn GNTM läuft. Immer. Sich die Miss Schweiz Wahlen auch nicht ironisch anschauen. (Das klingt jetzt arg moralistisch – aber irgendwie schauen alle diese Sendungen mit der nötigen kritischen Distanz und essen am Tag drauf trotzdem nur Salat. Es bleibt etwas hängen.)
  3. Frauen wählen. (Aktuelle Quote im NR: 29%, SR: 19%).
  4. Frauen und ihre Leistungen sichtbar machen: Bücher von Frauen lesen. Biographien von Frauen nachschlagen. Sport von Frauen ansehen.
  5. Nicht automatisch Männer für besser qualifiziert halten, weil sie viel von ihren Qualifikationen erzählen.
  6. Teilzeitarbeit möglich und populär machen – gerade für Männer.
  7. Körper nur dort in den Blick nehmen, wo Körper relevant sind. Coiffeusen müssen Haare schneiden und smalltalken. Verkäuferinnen beraten und tippen.
  8. Gesunde Beziehungen leben: Hausarbeit und Betreuung teilen. Erwartungen aussprechen und diskutieren. Möglichkeiten sehen, Freiheiten ermöglichen.
  9. Lohntransparenz einfordern: In der Pause Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fragen, wie viel sie verdienen. Erzählen, wie viel man selbst verdient.
  10. Mütter, werdende Mütter und Frauen im besten Mutteralter befördern, in die Arbeitswelt einbinden – und ihnen die Verbindung von Arbeit und Beruf ermöglichen.
  11. Mit Frauen über Fussball, interessante Bücher und Politik sprechen – mit Männern über Feuchtigkeitscrèmene, Epiliermethoden und Mode.
  12. Menschen als Individuen anschauen und nicht als Frauen oder Männer. Kochen, Texte schreiben, Tennis oder Geige spielen kann man nicht deswegen, weil man bestimmte Chromosomen hat – sondern weil man es geübt hat und weil man die dazu nötigen Fähigkeiten hat.

Damit höre ich mal auf. Kommentare freuen mich, wie immer.

ACTA kurz erklärt

ACTA steht für Anti-Counterfeiting Trade Agreement, ein Handelsabkommen. Das Abkommen wurde schon von verschiedenen Nationen bzw. Staatenbünden unterzeichnet (u.a. durch die meisten Länder der EU und durch die USA, nicht aber durch Deutschland und die Schweiz), jedoch noch in keinem Land ratifiziert. D.h. ACTA ist momentan für keine Nation verbindlich. Die Ratifizierungsprozesse laufen aber in verschiedenen Ländern.

Die Verhandlungen über ACTA erfolgten seit 2007 hinter geschlossenen Türen. Informationen wurden immer wieder geleakt. Die definitive Version ist als pdf verfügbar.

Was ist der Inhalt von ACTA? 

ACTA soll die rechtlichen Ansprüche, die aus dem Geistigen Eigentum resultieren, besser durchsetzbar machen und das Geistige Eigentum besser schützen. Geistiges Eigentum ist in einem sehr umfassenden Sinne gemeint: Marken, Patente, Design und Copyright fallen alle in den von ACTA geregelten Bereich.

In ACTA sind nun recht vage Angaben darüber enthalten, wie diese Ansprüche umgesetzt werden sollen. In der Tendenz versucht das Abkommen jedoch mit massiven Mitteln, die Ansprüche der Rechteinhaber durchzusetzen.

Die Konsequenzen von ACTA

Die Folgen einer Ratifizierung von ACTA sind zu einem Teil Interpretationssache, weil die Protokolle, welche die Auslegung zentraler Formulierungen regeln, nicht öffentlich einsehbar sind. Man kann jedoch mit folgenden Konsequenzen rechnen:

  1. Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen werden möglich sein, ohne dass ein begründeter Verdacht gegen eine Person vorliegen muss.
  2. Für Internetprovider wird es fast zur Pflicht, die Kommunikation ihrer Kunden zu überwachen und sie auf ihre Rechtmässigkeit zu überprüfen, weil die Provider sonst für mögliche Vergehen ihrer Kunden mithaften.
  3. Allgemein wird das Urheberrecht dem Recht auf freie Meinungsäußerung übergeordnet. Es wird möglich, dass private Unternehmen erlaubt wird, Menschen in ihrer Meinungsäußerung einzuschränken und ihre Privatsphäre zu verletzen, um sicherzustellen, dass sie keine Urheberrechtsverletzungen begehen.
  4. Urheberrechtsfragen könnten die Nutzung des Internets, wie wir es heute kennen, verunmöglichen. Dienste wie Youtube, Facebook und Twitter publizieren viele Filme und Bilder, mit denen möglicherweise Urheberrecht verletzt wird. Ergreifen Sie keine Massnahmen, um diese Verletzungen zu verhindern (gemeint ist z.B. auch ein Partyvideo, in dessen Hintergrund ein geschützter Song läuft), drohen ihnen massive rechtliche Konsequenzen.
  5. ACTA könnte auch für Wettbewerbsverzerrung und Innovationshemmungen verwendet werden. Das Abkommen sieht massive Hürden für freie Software vor, weil diese unter keinen Umständen Urheberrechtsverletzungen ermöglichen dürfte. Aber auch die Verbreitung von nicht geschützter Kultur und der Betrieb kleiner Internetdienstleister würde erschwert wenn nicht verunmöglicht.
  6. ACTA kriminalisiert insbesondere auch die indirekte Verletzung von Urheberrecht. D.h. viele Dienste, welche keine Urheberrechtsverletzungen beabsichtigen, ermöglichen Urheberrechtsverletzungen (sagen wir z.B. eine Bibliothek mit einem frei verfügbaren Computer), ohne das zu beabsichtigen.
  7. ACTA betrifft auch die Patentierung von Saatgut und Medikamenten. Hier werden Lösungen verhindert, die Menschen mit Essen und medizinischer Versorgung ausstatten, weil sie dabei möglicherweise Urheberrechte verletzen.

Kritik an ACTA

Aus diesen Gründen gibt es massive Kritik an ACTA. Diese umfasst aber nicht nur die Konsequenzen, sondern auch den Weg, auf dem ACTA entstanden ist. In der Broschüre (pdf) der Digitalen Gesellschaft heißt es:

ACTA und die Schweiz

ACTA wird in der Schweiz ein Thema, sobald das Abkommen von EU-Staaten ratifiziert ist.  Das Vorgehen der Befürworter eines maximalen Copyrights, also von Institutionen und Firmen, deren Ansicht nach Urheberrecht wichtiger ist als das Recht auf freie Meinungsäußerung und das Recht auf einen fairen Prozess, verwenden internationale Verträge als eine Art Strategie. So heißt es auf Techdirt.com: 

Finally, international trade agreements are a favorite tool of the copyright maximalist. You see it all the time. If they can’t pass legislation they want, they resort to getting these things put into international trade agreements, which get significantly less scrutiny. This also allows for two tricks: the first is leapfrogging, where you get each country to implement the laws required by these agreements in slightly different ways, and then push other countries to match (or better yet, exceed) the rules in the other countries to stay in compliance. Then you use those agreements to demand the same thing from other countries to “harmonize” international laws.

Es geht also darum, ein Gesetz in einigen Ländern über internationale Verträge einzuführen, weil es sich auf direktem Wege nicht verabschieden lässt. Dann wird darauf gedrängt, dass sich alle Länder auf eine Version ändern, es entsteht ein Anpassungsdruck. Die Schweiz wird in dieser Frage auf den Druck der EU reagieren müssen. Wenn ACTA in der EU gilt, wird es auch in der Schweiz gelten müssen.

(Zusatz: Eine kritische Prüfung eines Punktes aus diesem Post habe ich hier vorgenommen.)

Zum Schluss ein Film von La Quadrature du Net:

Schmerzfreie Politik.

Hätte ich am Samstag eine Prognose machen müssen, hätte ich gesagt, die drei Blöcke links, Mitte und rechts bleiben bis auf ein Prozent gleich stark. Damit hätte ich mich getäuscht:

  • das rechte Lager [SVP, Lega, MCR] verliert voraussichtlich 5 Sitze im Nationalrat, neu 58.
  • die Mitte [Rest] gewinnt 10 Sitze, neu 82.
  • das linke Lager [Grüne, SP, CSP, Linke] verliert 5 Sitze, neu 60.

Damit wurde aus drei ungefähr gleich starken Blöcken eine starke Mitte mit der GLP und der BDP als gewichtigen neuen Parteien – also eine stärkere, aber auch stärker zersplitterte Mitte.

Dieses Ergebnis interpretiere ich als den Wunsch nach einer schmerzfreien Politik, nicht als Bereitschaft zum Kompromiss. Das heißt beispielsweise:

  • Solide staatliche Leistungen, aber keine Steuererhöhungen.
  • Umweltschutz, aber kein Verzicht auf Mobilität, Energie und Komfort.
  • Tolle Lösungen mit der EU, aber ohne Gedanke an einen Beitritt.
  • Offenheit und Menschenrechte, aber nicht zu viele AusländerInnen.
  • Viel Freiheit für alle (z.B. liberale Ladenöffnungszeiten), aber keine Freiheit für Jugendliche und Nicht-Konforme.
  • Möglichst gute Löhne für den Mittelstand, aber eine Auslagerung der minderwertigen Arbeit ins Ausland und an Unprivilegierte ohne kostspielige Formen der Solidarität (Entwicklungshilfe, Mindeslöhne).

Diese Wünsche mögen (psychologisch) nachvollziehbar sein – lassen sich aber meiner Meinung nach nicht mit konkreter Politik vereinbaren. Politik, die sich auf eine so verstandene Mitte konzentriert, wird mittelfristig wichtige Entscheide umgehen, um niemandem die Illusion der Möglichkeit einer schmerzfreien Politik zu nehmen. Die neuen und alten Parteien der Mitte werden versuchen, sich nicht festlegen zu müssen.

Ähnlich äußert sich auch Balthasar Glättli im Interview auf Newsnet:

[Die Grünliberalen] werden nun ihre politische Haltung klarer vertreten und auch begründen müssen. Zum Beispiel ihre Härte in der Sozialpolitik, ihre undifferenzierten Sparbefehle. […]
Und anders als die Grünliberalen glauben wir, dass Umweltschutz nicht gratis zu haben ist – es wird auch wehtun. Das klingt nicht besonders gefällig, aber es stimmt: Wir brauchen eine strengere Umweltpolitik. Wer das nicht klar benennt, lügt seine Wähler an. Der Kampf gegen Umweltverschmutzung, Klimawandel und Ressourcenverschleuderung ist eine gigantische Herausforderung. Das ist keine moralische Frage, sondern eine Realität. Als Politiker muss ich nicht meine Positionen der Mehrheit anpassen, sondern versuchen, möglichst viele Leute von meiner Position zu überzeugen.
Ich halte nichts von einem Rechtsruck der Grünen. Auch ich bin dafür, Steuergelder sorgfältig auszugeben. Ich bin aber sehr dagegen, Steuergeschenke an Reiche zu machen und andere soziale Ungerechtigkeiten hinzunehmen, zum Beispiel in der Asylpolitik.

Zumindest mit dem Titel dieser Analyse trifft man die neue Mitte sehr gut (mit dem behaupteten Linksrutsch wohl weniger):

* * * 

Zu wünschen wäre, dass sich eine andere Kultur durchsetzt: Eine Politik, die sich am besseren Argument und an der Sache orientiert und nicht so sehr an der Parteilinie, an den Lobbys und an einer Ideologie; welche die divergierenden Bedürfnisse aller Menschen in Kompromisslösungen zu sammeln versucht und dabei Rücksicht auf die Schwächsten nimmt; letztlich auch eine Politik, in der die mediale Inszenierung und der Personenkult hinter die Geschäfte zurücktritt.

* * *

Update 29. Oktober: Regula Stämpfli hat in ihrer Kolumne auf news.ch Bezug auf diesen Post genommen:

Wampflers Beispiele sind: Solide staatliche Leistungen, aber ja keine Steuererhöhungen. Umweltschutz ohne Verzicht auf Mobilität, Energie und Komfort. Möglichst hohe Löhne bei gleichzeitiger Auslagerung minderwertiger Arbeit. Auf ersten Blick ist klar, dass diese Wünsche unerfüllbar bleiben. Ohne Steuererhöhungen oder -umbelastung können staatliche Leistungen nicht finanziert werden. Ist der Umweltschutz ernstgemeint, bedeutet dies auch ein Umdenken und Andershandeln bezüglich Mobilität, Energie und Komfort. Hohe Löhne sind von ausgebauten sozialen und internationalen Mindeststandards abhängig etc. Wer also Schmerzfreiheit und Harmonie in der Politik propagiert, lügt sich und uns allen ganz gewaltig etwas vor.

Ich spinne Philippe Wampflers Gedanken zur Politik philosophisch weiter. Denn nicht nur die Wahlen vom letzten Sonntag zeigen den Wunsch nach möglichst schmerzfreien politischen Lösungen, sondern alles, was uns Menschen betrifft, soll plötzlich schmerzfrei sein. Koffeinfreier Kaffee, safer Sex, alkoholfreies Bier, Schönheitsoperationen, nikotinfreie Zigaretten, fettlose Hamburger, zuckerlose Schokolade, kalorienfreie Süssgetränke, polierte Psychoratgeber etc. sind alles Bestrebungen, die dunklen Seiten von deftigem Leben auszublenden.

Was es zur Entführung von »Zottel« zu sagen gibt

Nichts.

Bildquelle: Blick am Abend; Bearbeitung von mir.

Zottel ist eine Ziege. Werden Ziegen entführt bzw. entwendet, können ihre Besitzer die Polizei einschalten. Die Polizei wird wissen, wie man mit (angeblichen) Ziegendiebstählen umgeht – schließlich werden in der Schweiz wohl schon seit 163 Jahren (so lange gibt es die Schweiz) Tiere entwendet und wieder gefunden.

Das ist übrigens der Besitzer von Zottel, befragt von der UNIA:

Zottel hat nichts mit Politik zu tun. Weder Ziegen noch Schafe noch Ratten oder Raben sind dazu geeignet, politische Zusammenhänge darzustellen. Politik hat mit dem Zusammenleben von Menschen zu tun. Mit Argumenten. Mit dem Abwägen von Argumenten. Mit Haltungen. Positionen, Programmen. Auch mit Visionen.

Am Wochenende wird in der Schweiz gewählt. Den politischen Diskurs beherrschen eine Ziege und das Mutmassen darüber, welche Partei wie viel Geld für Plakate ausgibt.

Es könnte einem Angst und Bange werden. Sagt auch Dr. Gonzo.