Wie die Weltwoche einen schlechten Kommentar erarbeitet – oder Wikileaks revisited

Nachdem ich gestern zum Thema Transparenz gebloggt habe, lese ich nun heute ausnahmsweise einen Weltwoche-Kommentar und muss ihn kurz kommentieren.

Man stellt sich den Ablauf so vor:

  1. Redaktionssitzung bei der Weltwoche.
  2. Auf dem Programm: Wikileaks. (Dokumente. Afghanistan. Allgemeine Meinung in der Tagespresse: Wikileaks wird ein neuer Medienplayer. Erstaunliche Dokumente. Kaum zu überblicken, muss man mal auswerten. Differenzierte Analyse – Kritik an Amerikanern und Vorbehalte gegen Veröffentlichung (Gefährdung von Menschenleben).)
  3. »Da müssen wir was machen – aber sowas von Weltwoche-Style: Einfach mal gegen den Strich, das Thema.«
  4. Urs Gehriger – dessen Arbeitsweise bereits andernorts kritisch beleuchtet wurde – meldet sich: »Da lässt sich was machen, so richtig auf die Schnelle. Nein, die Dokumente müssen wir nicht lesen, das haben ja andere Zeitungen schon gemacht. Wir schreiben dort einfach was ab und spielen noch ein bisschen auf den Mann, dieser, wie heißt der nochmal, Assange von Wikileaks, da graben wir schon noch ein paar Leichen auf seiner Wikipedia-Seite aus.«
  5. Er »recherchiert«, sprich, er liest diesen Artikel, übersetzt Teile ins Deutsche und liest bei Wikipedia nach.
    Update
    : Und  übernimmt so 1:1 US-Propaganda.
  6. Dann haut er in die Tasten. Ob das, was da steht, richtig ist, interessiert niemanden – Hauptsache, es ist nicht das, was vernünftige Menschen denken. Und Hauptsache, es ist pro-amerikanisch.

Konkret steht dann da Folgendes:

Assange ist Freibeuter in den Datenmeeren der Mächtigen, von einer Mission getrieben, die Machenschaften der Potentaten zu «demaskieren» und sabotieren.

Das ist, was hinter der »Maskerade« steckt – aber genau das würde wohl Assange selber auch unterschreiben.

Diesen Frühling editierte er ein 38-minuten Video von einem US-Helikopter-Angriff im Irak, verknappte es auf eine 17-minuten Version, welche die Crew als Mörder eines unschuldigen Mannes präsentierte. Das Ganze versah er mit dem Titel «Collateral Murder».

Tatsächlich hat Wikileaks das Video mit diesem Titel veröffentlicht – der allerdings so reißerisch gar nicht ist. Aber auf der entsprechenden Seite ist das Originalvideo (ungeschnitten) und die gekürzte Version zu sehen: Von einer Manipulation kann nicht die Rede sein.

Ronnie Grob bringt in einem Kommentar zum Ausdruck, wie verquer der besagte Kommentar selbst innerhalb dem Weltwoche-Denken selbst daherkommt:

Diese Story steht witzigerweise zwischen “Professor Zensor” und “Indiskretionen – Fluch oder Segen?” – in beiden wird Offenheit gefordert und Zensur verdammt.
Aber beim US-Militär soll alles anders sein? Und Wikileaks furchtbar unverantwortlich?

2 thoughts on “Wie die Weltwoche einen schlechten Kommentar erarbeitet – oder Wikileaks revisited

  1. Pingback: Schlechte Wikileaks-Kommentare Teil 2: Der Tagi « Ws Blog

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