Warum ich kein Internet-Superstar sein möchte – eine Bemerkung zur Funktion von Socialmedia

David Worni erklärt in seinem neuesten Blogpost, wie man »ohne Socialmedia-Burnout« erfolgreich auf Twitter und Facebook aktiv ist: »Unterhaltung mit einem Schuss Mehrwert« – »mehr Erfolg mit weniger Aufwand«. Nun kann man es nicht bestreiten: Worni ist erfolgreich in der Socialmedia-Welt unterwegs. Vor gefühlten Jahren habe ich mich schon einmal kritisch über die Oberflächlichkeit dieses Erfolgs ausgelassen, finde aber die Blogposts nicht mehr in den Untiefen des Internets und möchte auch diese Kritik nicht mehr aufrollen.

Es geht mir vielmehr um die Frage, weshalb man Twitter und Facebook braucht. Meine Grundregel lautet:

Biete deinen Mitlesenden etwas.

Was man ihnen bietet, hängt von den eigenen Interessen und Fähigkeiten ab. Aber man bietet ihnen nichts, indem man die eigene Person in den Mittelpunkt stellt. Die Untersuchung, die feststellt, dass sich Twitter-Benutzer nicht für Tweets interessieren, in denen der persönliche Sandwich-Konsum, Pendelerlebnisse und unangenehme Momente beim Aufstehen dokumentiert werden, überrascht mich nicht. Deshalb würde ich Worni widersprechen, wenn er schreibt:

[Z]eige mal was aus deinem Leben (Foto von dir, deinem Umfeld), man kann sich so besser eine Vorstellung machen, wem man folgt und es stärkt die Beziehung zwischen dir und deinen Followern (es sei denn, die Fotos sind hässlich).

Damit zeigt sich, dass er eine Art persönliche Beziehung zwischen sich und seinen Followern anstrebt. Er will – pointiert gesagt – geliebt werden. Er will ein Superstar sein, auch wenn er mit dem Begriff kokettiert.

Diese Vorstellung stammt für mich aus einer Experimentalphase von Socialmedia, wo man das Gefühl hatte, bei Facebook eine neue Art Freunde zu versammeln, mit denen man dann seine eigene Digitalnativeness abfeiert und sich mit seinen Twitter-Followern zu Tweetups verabredet, wo man Bier trinkt oder Laubsägewettbewerbe abhält. Das Motto: »Wir gehören zusammen, weil wir auf Twitter sind.«

Mein Motto: »Ich will das lesen, was andere schreiben und verlinken – nicht weil sie spannende Personen sind, sondern weil die Texte lesenswert sind.« Twitter ist meine Zeitung, nicht mein Turnverein.

Nun ist klar: Worni kann sein Ding machen und ich meines. Das Konzept der Filtersouveränität bedeutet, dass jeder diese Inhalte bereitstellen kann, die er will – andere filtern dann so, wie sie wollen. Und ich habe auch auf Twitter und Facebook Menschen getroffen, mit denen ich persönlich bekannt sein möchte, die mich als Personen interessieren. Aber ich betrachte mich dann als erfolgreich, wenn Leute mit meinen Inhalten etwas anfangen können, wenn sich Informationen verbreiten, sich Wissen entwickelt. Sie können gerne auch einfach mitlesen, ohne dass ich jemanden als Schmarotzer bezeichnen würde. Meine Ferienfotos zeige ich meinen Freunden und meiner Familie.

Wenn Worni mit der Regel schließt »befolge nie irgendwelche Regeln, die du scheisse findest«, dann würde ich leicht modifiziert sagen:

Befolge nie irgendwelche Regeln, ohne sie ab und zu zu verletzen.

So hats mal in den Flumserbergen ausgehen, als ich da war.

Twitter, nicht Facebook: Social Media privat und beruflich nutzen

Es gibt eine Reihe von Berufen, in denen man viel mit Kundinnen, Patienten, Mandantinnen, Schülerinnen und Studierenden zu tun hat. Social Media bieten sich an, um  niederschwellige Kommunikationsmöglichkeiten zu bieten.

Selbstverständlich kann man in seiner beruflichen Rolle darauf verzichten, im Netz präsent zu sein: Eine Email-Adresse anbieten und damit hat sichs. Ich will nicht für Social Media Werbung machen. Für viele handelt es sich um einen vergnüglichen Zeitvertrieb, viele finden es stressig, so regelmäßig und intensiv zu kommunizieren – und andere unerlässlich.

Aber ich möchte für den vermehrten Einsatz von Twitter plädieren. Twitter hat gegenüber Facebook zwei entscheidende Vorteile:

  1. Erstellt man ein öffentliches Twitter-Profil, dann können die Nachrichten, die man verschickt, auf dem Netz eingesehen werden. Gerade im beruflichen Umfeld heißt das, dass es keine private oder halb-private Kommunikation gibt – ein massiver Vorteil, wie ich finde. [Bei Twitter gibt es die Möglichkeit privater Nachrichten zwar auch, ich nutze die aber nur zum Verschicken von Telefonnummern o.Ä.].
  2. Dadurch muss man auch nicht befreundet sein. Wenn jemand lesen will, was ich schreibe, kann er oder sie das jederzeit anonym hier einsehen. Ich werde es nicht erfahren. Anders bei Facebook: Dort braucht es in den meisten Fällen Freundschaftsanfragen oder Abos, von denen die Publizierenden immer erfahren.

Diese zwei Vorteile sind mit einem massiven Nachteil verbunden: Man darf sich keine Fehler erlauben, gerade weil die Nachrichten öffentlich sind. Ein sinnvolles, halb-privates und halb-berufliches Twitterprofil weist auf interessante Texte hin, enthält Meinungen, zu denen man öffentlich stehen kann, unterhält und vermittelt möglicherweise ein paar Eindrücke aus dem Leben der twitternden Person – aber wiederum: Nur solche, von denen alle wissen können und sollen.

Diese Botschaften können aber alle gelesen und sogar in einer Zeitung zitiert werden, wie ich finde. Dazu hat sich eine interessante Diskussion zwischen Journalisten ergeben, die man hier nachlesen kann.

Wie man in einer Woche zu 3500 Hits kommt – eine Kurzanalyse

Mein SOPA-Post war in den letzten Tagen recht erfolgreich – für meine Verhältnisse. Schon am ersten Tag habe ich recht viele Leserinnen und Leser mit dem Artikel erreicht, danach erlosch das Interesse, wie das üblich ist. Diese Woche wurde der Artikel aber noch einmal stark verbreitet, so dass ich gestern über 1’200 Hits bekommen habe.

Wie kommen 3’500 Leute auf die Idee, einen Blogpost zu lesen?

  1. Durch eine Reihe von Links auf anderen Blogs (wohl rund 10), am prominentesten die Blogs von Blogwerk, die den Link alle gepostet haben und der Blog kotzendes-einhorn.de.
    Total Hits über Bloglinks: Rund 200.
  2. Über die Verbreitung via Twitter und Facebook: WordPress gibt an, der Link sei über 300 Mal getwittert worden, Topsy meint, über 150 Mal. Auf Facebook wurde der Artikel etwas weniger häufig verbreitet, aber gleichwohl sicher über 100 Mal.
    Total Hits über Social Media: Rund 2400.
  3. In der Google-Suche wird mein Post wird im Durchschnitt  in den Top 10 Ergebnissen für »SOPA« angezeigt.
    Total Hits über Suchmaschinen: Rund 600.
  4. Direktzugriffe auf meine Seite und Abonnements (Email, RSS):
    Total Hits: Rund 300.

Alle diese Zahlen basieren auf Analyse-Tools, aber auch auf Rundungen und Schätzungen.

Eine letzte Bemerkung noch zu den Hits über Twitter: Peter Hogenkamp schätzt, dass man 3% der Follower erreiche, die einen Tweet mit einem Link lesen. Ich habe wohl rund 1200 Hits über Twitter erhalten. Zurückgerechnet hätte ich also 40’000 Follower erreicht. Davon hat alleine @haekelschwein über 16’000, die restlichen 150 Twitterer zusätzlich also 24’000 weitere. Dürfte ungefähr hinkommen. Fazit wäre also: Ein Link wird auf Twitter in rund 3% der Fälle angeklickt. Von meinen rund 900 Follower klicken also knapp 30 einen Link an, den ich twittere.

Wozu wir Social Media brauchen

Die Diskussionen um die Frage, welches soziale Netzwerk sich durchsetzen wird, hat etwas ungeheuer Ermüdendes (wie auch Guy Kawasaki, von dem die Grafik stammt, festgehalten hat): Man übertrifft sich in Mutmassungen, entwickelt Zusammenhänge, blickt auf die Vergangenheit zurück – und diskutiert etwas, was letztlich niemand wissen kann und worüber zu diskutieren sich meist nur dann lohnt, wenn man damit Geld verdient. Ich nehme mich nicht aus – auch ich habe my fair share von Spekulationen abgeliefert.

Letztlich kann man sich darauf besinnen, wofür man Social Media eigentlich braucht – um zu sehen, dass man immer wieder andere Dienste einsetzen wird, um diese Funktionen auszuüben. Letztlich wird es auch immer wieder Tendenzen geben, diese Funktionen zu bündeln oder neu zu definieren. Viel ändern dürfte sich daran aber wohl nicht – seit Briefe geschrieben werden, gibt es wohl diese sechs Funktionen. Seit sie hauptsächlich in die digitale Sphäre verlagert worden sind, ändern sich die Dienste schneller, welche man benötigt. Aber etwas wirklich Neues entsteht nicht – auch wenn man Begriffe benutzt, welche klingen, als gäbe es immer wieder etwas Neues.

  1. Wir wollen mit den uns nahe Stehenden kommunizieren.
  2. Wir wollen mit Menschen in Kontakt kommen, von denen wir etwas benötigen.
  3. Wir informieren uns über Geschehnisse in der Welt.
  4. Wir lassen uns unterhalten und unterhalten andere.
  5. Wir wollen Aufmerksamkeit erregen und Aufmerksamkeit verteilen.
  6. Wir wollen zeigen, dass wir dazugehören und Medien- bzw. Technikkompetenz beweisen.

Wenn wir nun zum Schluss doch noch Google Plus als Beispiel nehmen, dann tritt man dort einmal als early adopter bei, um Funktion 6 zu erfüllen: Ich bin dabei. Und nun? – Die Frage ist, ob eine der anderen Funktionen anschlussfähig ist: Werde ich unterhalten? Bekomme ich Aufmerksamkeit? Kann ich Informationen erhalten? Treffe ich die Leute, von denen ich etwas will? Oder die, die mir etwas bedeuten?

Nun könnte man als technikaffiner Mensch denken, dass Google innerhalb von Wochen erreichen muss, dass all das, was ich sonst mit anderen Dienstleistungen tue, auch in Google Plus möglich ist – sprich: Dass alle meine Kontakte auch bei Google Plus sind. Das halte ich aber für falsch. Google kann durchaus auch über eine andere Funktion Menschen ansprechen. Es wird sich letztlich nicht das durchsetzen, was die early adopter adopted haben: Sondern das, womit man das machen kann, was man machen will.

Auch in den Zeiten des Internets dauert es Jahre, bis sich ein Dienst oder eine Technologie durchsetzt. Wie lange ging es, bis man auch ältere Menschen per Mail erreichen konnte? Wie lange ging es, bis es Standard war, dass Menschen ein Mobiltelefon mit sich tragen? Wie lange wird es noch dauern, bis es Standard ist, dass Menschen das Internet mobil nutzen? Wann werden mehr als 10% aller Menschen wissen, was Twitter ist?

Wir schreiben einen Rant

Als ich in den USA im Austauschjahr war, fuhr ich viel Auto. Genauer: Ich fuhr in vielen Autos mit. Nicht selten wünschte ich mir, an den Autos wären Lautsprecher befestigt, damit alle Passanten hören könnten, wie schön meine Fahrerin oder mein Fahrer schimpften. Sie produzierten das, was man heute ohne viel Aufhebens ins Internet stellt: Einen Rant.

Einen Rant hat heute Michael Seemann geschrieben. Er bezweifelt, dass GeisteswissenschaftlerInnen was Sinnvolles täten, weil sich ihre Forschung nicht hinreichend auf digitale Medien konzentriere.

Im Folgenden will ich die Logik und Funktionsweise des Rants kurz darstellen.

  1. Man zeige, dass man viel von etwas versteht, ohne von der Kritik daran selbst betroffen zu sein. “Ich war mal einer wie ihr, Geisteswissenschaftler”, so Seemann, “deshalb verstehe ich genau, was ihr so macht. Aber nun bin ich fortgeschritten zum Medientheoretiker, während ihr zurückgeblieben seid.”
  2. Man formuliert eine möglichst radikale Kritik, die nicht auf Fakten beruhen muss. Man rantet ja schließlich.
  3. Man wartet auf Reaktionen, die eintreffen, wenn man provokativ genug war.
  4. Man reagiert darauf auf zwei Arten:
    a) Alles war nicht so gemeint, war nur ein Rant.
    b) Toll, diese Reaktionen, da zeigt sich mal wieder, was so ein Rant auslösen kann.
  5. Man ignoriert den Gedanken, man könnte einfach haltlose Halbwahrheiten formuliert haben.
  6. Man nimmt den eigenen Rant als Beleg dafür, dass man Recht gehabt hat – schließlich haben noch keine GeisteswissenschaftlerInnen die Textsorte Rant untersucht.

Mein Fazit: Rants gehören in die mündliche Sphäre. Da darf man was sagen, was man nicht recherchiert hat, was man spontant formuliert und womit man provoziert. Digital schaffen sie Strukturen, die wenig Gehalt haben und viel Energie konsumieren. Lesen sollte man zu Seemanns Rant auch diesen Blogpost - und diese Twitterkonversation:

 

Wahrheit und Fiktion in sozialen Netzwerken

Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass wir Menschen immer das für wahr halten, woran wir glauben (möchten): Manchmal ist es erstaunlich, wie schnell sich Halbwahrheiten oder falsche Behauptungen in sozialen Netzwerken verbreiten.

Ein Beispiel ist die Studie, wonach die Nutzer von Internet Explorer dümmer seien als die anderer Browser, andere sind die Beschreibungen der Vorgänge bei aktuellen Ereignissen wie den Plünderungen in England. Generell kann man sagen, dass soziale Netzwerke Wahrheit und Fiktion vermischen – ja vermischen müssen.

Dafür sehe ich eine Reihe von Gründen:

  1. Aufmerksamkeit ist die Währung in sozialen Netzwerken. Aufmerksamkeit generiert man mit erstaunlichen Botschaften – z.B. mit erfundenen.
  2. Soziale Netzwerke basieren auf der Verbreitung von Information. Oft werden Informationen verbreitet, die nicht ganz gelesen wurden und deren Titel die Mitlesenden interessieren könnte. Falsche und halbwahre Informationen können viral verbreitet werden, ohne dass die Masse an Lesenden bzw. Verbreitenden darauf aufmerksam würde.
  3. Soziale Netzwerke sind schnell und aktuell. Die Zeit reicht nicht aus, durch Recherchen etc. zu verifizieren, ob eine Information stimmt.
  4. Soziale Netzwerke schaffen Kommunikation in Gruppen. Auch wenn sie nicht so angelegt sind – meistens informieren sich Gleichgesinnte bei Gleichgesinnten. Wenn man also als Nicht-Explorer-Nutzende hört, dass Explorer-User dumm sind, dann passt das zur Gruppenmeinung und kann verbreitet werden.
  5. Soziale Netzwerke verbinden User, welche sich damit unterhalten (und dabei vor allem scherzen), mit solchen, welche sich ernsthaft informieren wollen bzw. andere informieren wollen. Die Abgrenzung fällt nicht immer leicht – wo beginnt die Ironie bzw. der Witz und wo hört die faktische Information auf?

Selbstverständlich hat man als Nutzer von Social Media die Möglichkeit, sich diesem Problem zu stellen. Der Guardian schlägt – im Zusammenhang mit den Ereignissen in London – acht Möglichkeiten vor, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Twitter (und mit sozialen Medien generell) ermöglichen (ich danke Konrad Weber für den Hinweis auf diesen Artikel):

  1. Augenzeugenberichte nur dann verbreiten, wenn man selber Augenzeuge gewesen ist.
  2. Informationen, die man aus erster Hand hat (z.B. Beobachtung) so präzise wie möglich formulieren.
  3. Davon ausgehen, dass andere User scherzen könnten.
  4. Was passieren könnte ist nicht dasselbe wie das, was passiert ist.
  5. Wenn man Gerüchte erkennt, soll man sie direkt infrage stellen.
  6. Wenn man auf falsche Informationen trifft, soll man sie korrigieren.
  7. Sich überlegen, woher man weiß, dass etwas wahr ist. Nachfragen, recherchieren.
  8. Usern folgen, denen man vertrauen kann.

Google Plus oder Filtersouveränität: Über Redundanz und Selektion in sozialen Netzwerken

Soziale Netzwerke teste ich meist recht früh – habe aber bisher nur zwei genutzt: Twitter und Facebook. Es gibt viele Sprüche, die das Verhältnis von Twitter und Facebook beschreiben, in meinem Fall vernetze ich mich auf Twitter mit Menschen, die ähnliche Themen interessieren, wie mich – und auf Facebook mit den Menschen, die ich persönlich kenne.

Ich versende aber sowohl auf Twitter als auch auf Facebook primär sachliche Diskussionsbeiträge: Meine Blogposts, Links zu anderen Blogs, interessante Beiträge aus Printmedien, ab und zu eher scherzhafte Beiträge. Bisher habe ich Tweets, die ich auch auf Facebook posten wollte, via Selective Tweets an FB gesendet, weniges (z.B. Bilder) nur auf Facebook gepostet und sehr vieles nur auf Twitter. Meine Blogposts werden automatisch auf Twitter und Facebook veröffentlicht, mein Fragenblog publiziere ich über eine FB-Page auf Facebook.

Neu gibt es auch Google Plus. Ich mag Google Plus: Es ermöglich tief schürfende Diskussionen, fühlt sich besser an als Facebook und lässt sich besser bedienen, es scheint zudem geeignet zu sein, andere Webdienste zu integrieren. Kurz: Ich möchte gern aus Facebook aussteigen und Google Plus benutzen.

Mit dem Chrome-Addon Start G+ ist es mir möglich, einen Post auf G+ sowohl auf Twitter als auch auf Facebook zu veröffentlichen. Das scheint mir sehr effizient zu sein – hat aber den Nachteil, dass Kontakte, die ich sowohl auf allen drei Diensten habe, von mir drei Mal dasselbe zu lesen bekommen. Gregor Lüthy meint dazu:

der filter wäre dann wohl, dass man dich bei FB auf ignorieren stellt und dich bei Twitter “entfolgt”. Also sich einfach für einen Kanal entscheidet. Wenn du alle drei Kanäle weiter bedienen willst, müsstest du entweder je Kanal eigene Inhalte senden, oder sonst denselben Inhalt jeweils dem Kanal anpassen; so wie ein klassisches Medienunternehmen dieselben Inhalte jeweils dem Medium (TV, Radio, Print) anpasst.

Wir wären dann bei Michael Seemanns Konzept der Filtersouveränität:

[D]er Andere kann, weil er in unendlichen Quellen mit perfekt konfigurierbaren Werkzeugen hantiert, keinen Anspruch mehr an den Autor stellen – weder einen moralisch-normativen noch einen thematisch-informationellen. Die Freiheit des Anderen, zu lesen oder nicht zu lesen, was er will, ist die Freiheit des Senders, zu sein, wie er will.

Die Frage wäre, ob es diese Filter bereits gibt. In FB gibt es Filter, mit denen es möglich ist, alles, was ich poste, zu ignorieren – und gleichwohl mit mir befreundet zu sein. Auf Twitter kann ich nur Inhalte von Listen lesen und könnte so Konten, die mich nicht interessieren, in die entsprechende Liste verschieben – oder jemanden gleich ganz entfolgen. Filter gibt es auch auf Google Plus.

Fazit: Auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich nicht doch weiterhin nur partielle Redundanzen schaffe und vieles nur auf einem Kanal veröffentliche, theoretisch sollte es unbedenklich sein, darauf zu vertrauen, dass die Lesenden zu filtern verstehen und ich nicht für sie vorfiltern muss. Oder habe ich etwas übersehen?

Warum ich nur für News und Hintergrundlektüre nur noch Twitter brauche

In einem meiner letzten Blogposts habe ich erwähnt, dass ich für meine tägliche News- und Hintergrundlektüre nur noch Twitter verwende. In einem Kommentar wurde ich gefragt, wie denn das funktioniert: Deshalb hier diese Anleitung.

 

1. Was ist Twitter?

Twitter ist nichts als eine Sammlung von Kurztexten (nicht länger als 140 Zeichen). Jeder angemeldete User kann selber solche Texte (so genannte Tweets) erstellen, aber auch lesen. Dazu »folgt« man anderen Usern, deren Tweets interessant sein könnten. Tweets erhalten sehr oft Links zu Bildern oder Webseiten. Es ist sinnvoll, Twitter nicht nur auf dem Computer, sondern auch auf mobilen Geräten zu benutzen.

Es gibt viele Twitterer, die Twitter dazu benutzen, ihren Tages- und Wochenablauf zu dokumentieren – und ihrer Leserschaft jeweils mitteilen, wann Montag ist, wann es schneit und was sie gerade zum Znacht essen. Man kann sie aber gerne ignorieren, wenn man möchte – und sich auf die Quellen konzentrieren, welche interessante Inhalte bereitstellen.

 

2. Wie sehen News- und Hintergrundartikel auf Twitter aus?

Hier drei Beispiele:

Man sieht: Die 140 Zeichen lassen nur eine Ahnung darüber zu, worum es im Text selber geht. Man informiert sich also nicht per se via Twitter, sondern über die darin verlinkten Artikel, die den Artikeln auf den Online-Portalen und oft auch denen in den gedruckten Zeitungen entsprechen.

 

3.  Was ist der Vorteil von Twitter?

Würde man nicht Twitter nutzen, könnte man
a) Zeitungen abonnieren
b) Feeds im RSS-Feedreader abonnieren
c) Booksmarks verwenden, um Newsportale regelmässig anzusehen.

Twitter hat in Bezug auf diese Möglichkeiten folgende Vorteile:

  • Informationen aus allen Kanälen (auch aus internationalen)
  • genaue Auswahl von Themen: viele Newsportale wie die FAZ und die Zeit bieten nach Themen getrennte Twitterkanäle an
  • aktuellste Form der Newsbeschaffung
  • personalisierte Empfehlungen – man weiß, wer und warum einen Text empfiehlt
  • direkter Zugang über JournalistInnen: viele twitternde JournalistInnen kommentieren die eigene Arbeit und ermöglichen einen persönlichen Zugang zu Informationen

 

4.  Fragen und Antworten

Muss man immer alle Texte sofort lesen?
Mit Instapaper kann man Links für eine spätere Lektüre markieren und sie dann auf dem Gerät lesen, auf dem man sie lesen möchte (oder auch ausdrucken…)

Muss man auch selber twittern – oder kann man nur lesen?
Es ist völlig unnötig, selber Tweets zu verfassen. Twitter basiert generell nicht auf gegenseitigen Freundschaften, sondern auf einseitiger Leserschaft: Nur weil ich bei der FAZ mitlese, liest die FAZ natürlich nicht bei mir mit.

Wie findet man interessante Twitter-Konten, denen man folgen kann?
Ich folge momentan 175 Konten. Ich lese fast alle Tweets, zumindest überfliege ich sie. Wenn man regelmäßig Tweets liest, kommen immer auch Tweets von Konten vor, denen man nicht folgt. Dann kann man probehalber mal eine Weile lang lesen, was die Leute twittern – und so entscheiden, ob sie längerfristig lohnend sind.

Gibts auch Nachteile?

  1. Nicht alle interessanten Print-Artikel sind online verlinkbar. Aber auch die werden auf Twitter erwähnt. Nicht alle können dann SMD oder Swissdox online abrufen und die Artikel nachlesen. Doch dieser Nachteil wird m.E. dadurch aufgewogen, dass man viel mehr Publikationen lesen kann.
  2. Twitter transportiert traditionell technik- und interenetaffine Artikel und spricht eine gebildete Elite an. So kann eine gewisse Einseitigkeit entstehen.
  3. Man muss sehr aufpassen, dass man seine Quellen immer wieder überprüft und anpasst. Es passiert gern, dass man unliebsame Twitterer abstellt – und so verpasst, was Leute mit einer anderen Gesinnung denken.
  4. Overkill – man kann so viel lesen, dass man vielleicht nicht mehr mitkommt. Man darf sich nicht scheuen, auch einmal ein paar Stunden Tweets zu ignorieren.
  5. Gratiskultur: All das kostet nichts, das heißt, die JournalistInnen, welche wichtige Arbeit leisten, erhalten kein Geld dafür. Das ist tatsächlich ein Problem – für gute Texte will ich etwas zahlen. Ich hoffe und erwarte, dass mir die wichtigsten Newsportale dafür auch die Möglichkeit geben.

So, das kann man nun diskutieren…

Mein Leserbrief im Tages-Anzeiger – auch das gibt es noch

Eben habe ich eine Mail von einem mir unbekannten Absender erhalten:

Ich habe gerade deinen Leserbrief im Tagi gelesen. Super Sache, dass Du versuchst, auch durch die Printmedien Vernunft zu verbreiten. […]

Tatsächlich habe ich dem Aufruf der Facebook-Gruppe »Ausschaffungsinitiative 2xNein« Folge geleistet und auf dem Forum des Tages-Anzeigers einen Leserbrief verfasst (online), der tatsächlich publiziert worden ist:

Mein Leserbrief ist unten rechts. Klicken zum Vergrößern.

Die Geschichte zeigt, wie online mein Medienkonsum geworden ist: Ich brauche, um ehrlich zu sein, eigentlich nur noch Twitter für meine tägliche News- und Hintergrundlektüre. Twitter erlaubt mir, alle relevanten Medien gleichzeitig zu lesen und mit mächtigen Filtern das auszublenden, was mich nicht interessiert. Und doch liegt mir daran, dass JournalistInnen anständig bezahlt werden und viel Zeit haben, um zu recherchieren. Ein Fazit möchte ich jetzt nicht ziehen, sonst kommt mir noch der Gedanke eines Leistungsschutzrechtes.

Die Swiss Twittercharts und ihre Nummer 1: @felnzz

Ranglisten. Total daneben, natürlich. Weil: Wie soll man messen, wer wie gut. So wohl der allgemeine Konsens. Gerade auch bei Twitter: Schließlich twittert jede(r) aus einem anderen Grund, hat einen anderen Stil, eine andere LeserInnenschaft etc. – weshalb sollte da eine Rangliste überhaupt erstellt werden?

Da kann man nun doch einen guten Grund angeben: Meiner Meinung nach macht Twittern auch spannend, dass man das Denken/Lesen/Schreiben von Menschen verfolgen kann, die man im Reallife nie kennen lernen würde und für die man sich auch nicht interessieren würde. Nun will man sich natürlich mit diesen Menschen nicht ständig auseinandersetzen, sondern immer mal wieder neue finden: Und so macht es durchaus Sinn, in einer Rangliste den Einfluss bestimmter Twitterer festzuhalten.

@Hetty hat auf der Seite twittercharts.ch eine solche Rangliste erstellt, die wöchentlich aktualisiert wird. Auch wenn ich gerne zugebe, dass eine solche Rangliste zu erstellen und einen entsprechenden Algorithmus zu basteln keine ganz einfache Aufgabe ist (wie will man den »Einfluss« oder die »Bedeutung« von Leuten, die twittern, messen?) – so gibt es doch zwei Probleme mit dieser Rangliste:

  1. Der Algorithmus ist nicht transparent - man weiß aus Gründen, die nicht nachvollziehbar nicht, wie die Rangliste entsteht.
  2. Der Betreiber der Seite reagiert in letzter Zeit kaum auf Probleme beim Erstellen der Charts.

Darum gehts aber nicht hauptsächlich: Eigentlich wollte ich kurz darauf eingehen, was denn der Spitzenreiter dieser Charts so twittert. Ich lasse die direkten @-Replies weg, und zitiere kurz seine letzten 12 Tweets. Vielleicht sollte man vorher anmerken, dass es sich um einen NZZ-Journalisten handelt: Um Markus Felber.

Die drei Damen am Nebentisch zählen zusammen gut 250 Jahre und die aufgetragene Schminke hätte früher ihren Jahresbedarf gedeckt…

Herzlichen Dank für alle RTs, DMs etc. zu meiner heutigen Placierung auf http://twittercharts.ch

Wenn das Verfolgen der Verfolger (moralische) Pflicht wird, sind wir faktisch wieder bei Facebock !

Auch nicht wenn’s ein Mücker war? ~~~ RT @eine_wie_keine: Was nicht unter sexuelle Belästigung fällt: Mückenstich neben Brustwarze

Befürchte Inzuchtschäden… ~~~ RT @RAinBraun: Gibt es eigentlich auch Partnerbörsen nur für Rechtsanwälte? Marktlücke? #JU

Eine zivilisierte Gesellschaft braucht kein Faustrecht. Das macht die Justiz.

Im alten Rom wurde auf dem Marktplatz Recht gesprochen. Die geheime Kabinettsjustiz wurde viel später erfunden.

Hübsch aber eher unpraktisch so ein kleiner Arsch… ~~~ RT @Emillota Meine tweets werden mir unter dem Hintern weggezogen.

Ein Shampoo für schuldenfreies Haar? Dafür würde ich sogar Schuppen machen…

Wer mich richtig ärgern will, kauft mir ein iPhone, bestreicht es mit Nutella und packt das Ganze in Zuckerwatte.

Warum ich die zitiere? Weil ich dem Account eine Weile gefolgt bin. NZZ-Schreiber. Bundesgericht. Klingt spannend. Wäre es auch. Und doch scheinen mir hier Witze, die man in eine persönliche Konversation durchaus einfügen kann, noch durch zwei juristische Bemerkungen aufgelockert. Irgendwie sehr dünn und sehr belanglos. Keine spannenden Links, keine Aussagen, nichts Aktuelles – aber die Nr. 1 in der Schweiz.

(Ja, dieser Post ist eine Kritik. An Twitter. An der Schweiz. Und wohl auch an mir: Dass ich über solche Dinge einen solchen Text schreibe, anstatt ein gutes Buch (via Nation of Swine) zu lesen.)

Update: Markus Felber denkt selber über ähnliche Themen in einem »Kalenderblatt« nach. Er schreibt dort:

Wichtiges und Interessantes zu vermitteln ist sicher eine Möglichkeit von Twitter. Es können aber auch ganz einfach soziale Kontakte gepflegt und neue geknüpft werden. Eine weitere Option ist der fachliche Gedankenaustausch – in meinem Fall unter Juristen – auch über Landesgrenzen hinweg. Und schliesslich eignet sich Twitter auch für etwas, das ich nur in Schweizerdeutsch präzis umschreiben kann: “geistig Sändele”. Persönlich nutze ich alle diese Möglichkeiten sehr intensiv und mit Genuss.