Erst wenn mein Vertrauen missbraucht wurde, kann ich wissen, dass jemand mein Vertrauen nicht verdient. Der positive Nachweis der Möglichkeit, jemandem vertrauen zu können, kann nicht erbracht werden. Niemand kann mir beweisen, meines Vertrauens würdig zu sein. Vertrauen kann zwar erwidert werden, aber auch damit ist der Nachweis nicht erbracht, dass eine Person vertrauenswürdig ist.
Ich muss Menschen, aber auch Systemen vertrauen, um die Komplexität meiner Umwelt zu reduzieren - so die einschlägige Definition von Niklas Luhmann. Vertrauen kann aber auch produktiv eingesetzt werden: Vertraut mir jemand ganz bewusst, so fällt es mir sehr schwer, die Person zu enttäuschen, weil sie mich mit einem positiven Bild von mir konfrontiert. Ein einfaches Beispiel: Jemanden im Zug bitten, kurz auf den Laptop / das Gepäck aufzupassen, während man zur Toilette geht. Die Peson müsste ein rechtes Maß an krimineller Energie aufbringen, um das Gerät oder das Gepäck selber zu entwenden, und passt mit großer Wahrscheinlichkeit gut auf.
Ähnlich verhält es sich mit Respekt. Valentin Abgottspon kritisiert heute »Gratisrespekt«, er sei »überbewertet«. Die Implikation: Respekt muss verdient werden. Eine Person müsste also beweisen, dass sie es verdient, von mir respektiert zu werden - ich verstehe darunter eine Achtung, aus der ein Verhalten folgt, das sich weit gehend mit den Erwartungen dieser Person deckt. Man denkt z.B. an Fachkompetenz oder ein autoritäres Auftreten, wahrscheinlich an eine Lehrerin, die eine Klasse im Griff hat, ohne ein ausgeklügeltes System von Strafen einführen zu müssen.
Mein Vorschlag wäre ein anderer: Menschen einfach als Grundhaltung respektieren. Natürlich können sie meinen Respekt verlieren. Ich respektiere Menschen nicht, die anderen bewusst schaden. Ich stelle mich ihnen entgegen, kritisiere sie, verhalte mich gerade nicht so, wie sie es gerne hätten. Aber wenn ich andere häufig respektiere, ohne dass sie den Beweis erbringen müssen, diesen Respekt zu verdienen, dann werde wohl auch ich eher respektiert. Und das mag ich.
Natürlich meine ich mit Respekt nicht, keine Kritik zu üben, eigene Gedanken zu verschweigen; sondern vielmehr: Die Möglichkeiten eines Dialogs aufrecht zu erhalten.
