Fernsehen und Internet – oder doch noch zu Wikileaks

Als ich in die Oberstufe ging, war die Aussage, man habe zuhause keinen Fernseher, klares Indiz dafür, dass man auch einem bildungsbürgerlichen Haushalt stammte. Vor einigen Tagen habe ich den Fernseher in meiner Wohnung weggeräumt – und ich bin sicher, ich werde ihn nie vermissen: Nicht, weil ich nun nur noch Bücher lesen werden und Gesellschaftsspiele spielen, sondern weil das Gerät »Fernseher« in einem digitalen Zeitalter obsolet geworden ist. In zehn Jahren werden Jugendliche wohl nicht mehr verstehen, wie es war, als Fernsehsendungen nur zu einer bestimmten Zeit liefen.

Ganz allgemein: Mein Fernsehen, meine Filme, meine Bücher, meine Zeitschriften, meine Tageszeitungen – sie sind alle im Internet. Luhmann schrieb am Anfang von Die Realität der Massenmedien:

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.

Heute kann man »Massenmedien« getrost durch »Internet« ersetzen. Klar gibt es noch JournalistInnen, welche Wissen auf Papier vermitteln – aber dieses Papier wird mit digitalen Inhalten gedruckt, genau so wie das Fernsehen mit digitalen Inhalten gemacht wird.

Das an sich ist eine völlig triviale Feststellung. Das Problem entsteht, wenn man sich die Konsequenzen vor Augen führt. Die Konsequenzen zeigt uns der Fall Wikileaks auf. Die Infrastruktur, welche wir für das Internet benötigen, wird staatlich kontrolliert. Und zwar nicht unbedingt so, dass der Staat, in dem ich lebe, die Infrastruktur kontrolliert, die ich nutze – sondern so, dass irgendein Staat Infrastruktur zur Verfügung stellt, Instanzen kontrolliert und letztlich Inhalte überwachen und ausschließen kann. Anonymous formuliert das wie so:

In the 21st century, technology allows states to bemore intrusive than ever, and governments are making the most of these new abilities.

Die Gefahr ist dabei, dass diese Kontrollmechanismen intransparent sind und bleiben und man sich so lange nicht für das Internet interessiert, wie es als Tummelplatz von Jugendlichen und Technikfreaks angeschaut wird – und doch letztlich sämtliche Alternativen absorbiert. Die Horrorvision: Ein kontrolliertes, reguliertes, unfreies Internet ohne demokratische Kontrolle – und keine anderen Medien, welche eine andere Perspektive anbieten können.

Die Hoffnung besteht, dass es immer Staaten geben wird, welche mächtig und vernünftig genug sind, um sich wehren zu können. Diese Hoffnung ist aber eine kleine – welche Staaten sollen das denn letztlich sein?

* * *

Der Journalismus-Professor Jay Rosen hat fünf Konsequenzen aus der Wikileaks-Geschichte (in Bezug auf journalistische Arbeit) gezogen. Er hat sie getwittert, ich übersetze sie recht frei:

  1. Wikileaks ist der erste staatenlose Verlag (»news organisation«), der aufzeigt, wie statisch Journalismus im herkömmlichen Sinne funktioniert.
  2. Die Quellen, welche Wikileaks die Dokumente zuspielen, wählen Wikileaks um zu zeigen, dass diese Art von Journalismus der herkömmlichen vorzuziehen ist.
  3. Die Presse als »Wachhund« ist gestorben und wurde ersetzt durch eine Überwachung der Mächtigen, bei der die herkömmliche Presse nur noch ein Teil ist.
  4. Staaten haben ein Gewaltmonopol. Aber er hat kein Monopol auf legitimer »digitaler Gewalt«.
  5. Wenn Journalisten etwas wissen, was sie der Öffentlichkeit nicht mitteilen können, entfremden sie sich von diesem Publikum. Wikileaks minimiert dieses Problem.

 

3 thoughts on “Fernsehen und Internet – oder doch noch zu Wikileaks

  1. Ich glaube dennoch dass sich Papier als „ewiges“ Medium weiterhin durchsetzen kann. Zwar bezweifle ich dass es, bedingt durch die Verbilligung von Digitalmedien wie Smartphones oder Tablets, in gleichen Mengen verwendet sein soll wie bis anhin, aber ich bin fest davon überzeugt dass Steinzeitmedien wie es die Römer und Ägypter noch taten sowie Papiermedien gegenüber allen Vorzügen des schnell abrufbaren Digitalismus immer noch einen Riesenvorteil mit sich bringen: sie brauchen keinen Strom. Und Strom ist alles andere als selbstverständlich, genauso wenig wie die Instandhaltung einer Telekommunikationsinfrastruktur. Man überzeuge sich doch am besten, wenn man in Entwicklungsländer geht und dort eine Bibel oder ein Mark Twain durch viele Hände geht während mehreren Generationen. Oder auch einfach mal die Schweiz verlässt und sieht, dass Smartphones wie ein Siphon kein Muss ist und das Leben auch so funktioniert.

    Eins ist klar und das hat sich bereits in den letzten Wochen gut gezeigt: Nicht nur, dass ein Staat seine Kontrollen im Volk effizienter und unauffälliger durchführen kann, sondern beweist uns doch gerade die Kombination eines Hacker der Superlative mit nach Skandalen schreienden Pressen, dass das System immer noch so anfällig ist, genauso wie es auch mal auf ein Buch regnen könnte.

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