Die Wahrheit – oder: Warum alles so ist, wie wir denken, dass es ist.

Ohne jetzt ins Detail zu gehen: Eines der gravierendsten Missverständnisse über die Wahrheit ist die Meinung, eine wahre Aussage müsse die Realität korrekt abbilden. Vielmehr ist eine Aussage dann wahr, wenn sie das Realitätskonzept der Menschen richtig abbildet, anders gesagt: Wahr ist meist das, was die Menschen für wahr halten – und nicht, was wahr ist.

Dazu drei Beispiele, die klären sollen, wie das gemeint ist:

  1. Freier Wille.
    Wir schreiben und oft in einem stärkeren Ausmass freien Willen zu als anderen Menschen. Dazu schreiben Emily Pronin und Matthew Kugler, die das in Princeton untersucht haben: 

    The present experiments suggest that people, on the whole, believe that their own lives are more guided by free will than others’ lives.

  2. Vermögensverteilung.
    Menschen denken (zumindest in den USA), dass das Vermögen gerechter verteilt sei, als es das tatsächlich ist. Dazu eine Graphik von MotherJones
  3. Die Invalidenversicherung.
    In einem Artikel für Agile hat Mia aufgezeigt, wie die Missbrauchspolemik in Bezug auf die IV »vom Stammtisch in den Bundesrat« gekommen sei. 

    Als schliesslich im Herbst 2010 die offiziellen Zahlen zur Betrugsbekämpfung in der Invalidenversicherung des Vorjahrs veröffentlicht wurden, «vergass» das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), in der Medienmitteilung die Gesamtzahl der überprüften Dossiers (108’000) zu erwähnen. Es stellte nur die aus dieser Gesamtzahl herausgefilterten Verdachtsfälle (1180) den aufgedeckten Betrugsfällen (240) gegenüber – so dass der Tagesanzeiger am folgenden Tag effektvoll titeln konnte: «Jeder fünfte Verdachtsfall ein Betrug».
    Und bei den meisten Lesern und Leserinnen blieb im Unterbewusstsein wohl hängen: «Jeder fünfte ein Betrüger.» Womit dann auch die Ungleichbehandlung und der Generalverdacht gegenüber den IV-BezügerInnen gerechtfertigt wären.

Das letzte Beispiel zeigt: Diese Realitätskonzepte, auf welchen unser Handeln basiert, sind nicht immer einfach »automatisch« entstanden, sondern können auch gezielt manipuliert werden.

Entscheidend ist dann aber die Einsicht, dass jedes Handeln (vor allem auch das Politische) nicht ausgeht von Tatsachen, sondern von vermeintlichen Tatsachen.

Das merken wir bei einfachen Beispielen aus unserem Alltag, z.B. Trivialmedizin oder Kochen. Darf man im Winter mit nassen Haaren nach draussen gehen? Nützt es etwas, wenn man Cola trinkt bei Unwohlsein? Nur reguläres Cola oder auch Cola light? Soll man das Salz beim Kochen von Pasta ins Kalte oder kochende Wasser geben? Soll man eine Speise möglichst früh oder möglichst spät würzen? Kann man Wasser auch zwei Mal kochen, um einen schmackhaften Tee zu machen?

Selbstverständlich könnten wir in diesen Fällen Expertinnen und Experten fragen. Aber wir tun es nicht – wir leben unser Leben so, als spielte es keine Rolle, wie die Dinge wirklich sind. Und verpassen dabei wohl die eine oder andere Gelegenheit, die Dinge zu ändern.

7 thoughts on “Die Wahrheit – oder: Warum alles so ist, wie wir denken, dass es ist.

  1. Wahrheit ist subjektiv, jedenfalls was die eigene Geschichte betrifft. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit. Wenn man in einer systemischen Aufstellung eine Familie aufstellt, dann sieht man oft, dass Mutter, Vater und jedes der Kinder ganz unterschiedliche «Wahrheiten» haben, bzw. Dinge und Gegebenheiten innerhalb der Familie für wahr halten, die andere wiederum anders sehen. Interessante Sache, das. Was die Sache mit den nassen Haaren usw. betrifft: Das sind nicht Wahrheiten, sondern Glaubenssätze. Wer glaubt, dass Durchzug krank macht, wird auch krank. Das geht ins Gebiet der sich selbst erfüllenden Prophezeihungen.

    • Ich glaube, das Problem des »Glaubens« ist das Fundament dieser Diskussion. Wenn das wahr ist, wovon ich glaube, es sei wahr – dann gibt es keinen Unterschied zwischen wissen und glauben mehr. Es mag Belange geben, in denen dieser Unterschied ohnehin wenig Bedeutung hat (eine Beziehung funktioniert für mich nie über objektive Wahrheiten), aber in anderen – z.B. in der Politik – kann man eigentlich sehr leicht fragen, wie ist es wirklich. Aber das wird zu wenig getan… 

  2. Letzthin bin ich über den hierfür passenden Begriff der «Alltagstheorien» gestossen, womit ich hier wahrscheinlich nichts Neues erzähle, aber der Begriff scheint mir die Gewichtung auf den Punkt zu bringen, die scheinbare Wahrheiten in unserem Leben einnehmen. Was mich zur Frage bringt, ob die Verwendung solcher Alltagstheorien (sei dies in der Politik aber auch in Literaturen und Medien) unterbunden werden müsste, sobald diese durch die wissenschaftliche Theorie wiederlegt werden können oder ihre «Wahrheit» zumindest als sehr unwahrscheinlich erklärt werden kann.
    Nicht wegen dem Tee, der ein- oder zweimal kocht, aber wegen der «Theorie» Ausländer seien nun mal krimineller als Schweizer (wofür sich scheinbar empirische «Beweise» im eigenen Erfahrungshorizont finden lassen) oder der Vorstellung, die grosse Liebe finde sich nur einmal (was uns durch die stetige mediale Vermittlung «bewiesen» wird) oder wegen der Überzeugung, der Mensch sei von Grund auf faul (wie es die vielen IV-Betrüger «belegen»).

  3. Was ist Wahrheit, was ist Realität und wie ist sie erfassbar? Was ist Sinnd und wie lässt sich Bedeutung erfassen? Wir versuchen das mit verschiedenen Systemen. Die Grundlage von allem ist immer eine Sprache, die Sinnd, Bedeutung organisiert. Und Bedeutung ist immer eine Frage der Interpretation. So können wir auch Fakten niemals unmittelbar, sondern immer nur vermittels Interpretation verstehen. Interpretationen formen Überzeugungen, diese dann Meinungen. Diese bestehen so lange die interpretierten Fakten dem Realitätskonzept nicht widersprechen. Ist dies der Fall, wird es angepasst, indem Uberzeugungen und Meinungen modifiziert werden. Es gibt Meinungen, Überzeugungen oder Realitätskonzepte. Wahrheit ist ein transzendentes Konzept.

  4. Deshalb: Wieso sollten wir Experten fragen? Wir merken ja, ob wir krank werden oder nicht, wenn wir mit nassen Haaren in die Kälte gehen. Und wenn es uns wichtig ist, finden wir auch das mit dem Tee schnell raus. Aber wenn man es in einem grösseren Rahmen verstehen will, so grosse soziale Systeme umfassend, da geht es uns wie Kafka auf der Suche nach dem Schloss.

  5. Pingback: Wissen, Verschwörungstheorien und Medien – zu Osama und Obama | Philippe Wampfler bloggt.

  6. Pingback: Wahrheit und Fiktion in sozialen Netzwerken | Philippe Wampfler bloggt.

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