Findet sich auf Wikipedia die Wahrheit?

Karl-Marx-Alee, Berlin (Quelle: Wikimedia)

Man versteht viel über Wikipedia, wenn man sich diese kuriose Geschichte anhört: 2009 hat der Journalist Andreas Kopietz (nach dem zweiten Glas Rotwein, notabene) den Wikipedia-Artikel zur Karl-Marx-Allee mit dem Zusatz versehen:

Wegen der charakteristischen Keramikfliesen wurde die Straße zu DDR-Zeiten im Volksmund auch ,Stalins Badezimmer‘ genannt.

Kurios ist, was im Anschluss passierte: Ein erfahrener Wikipedia-User bestätigte die Änderung, so dass der Artikel diesen Zusatz fortan anzeigte. Der Begriff »Stalins Badezimmer« tauchte auf immer mehr Webseiten auf, schließlich im April 2010 im Stern und daraufhin in verschiedenen Zeitungen.

Kopietz löschte dann seinen Zusatz am 17. März 2011, nachdem ein Leser sich bei einer Zeitung beschwert habe, er habe als Berliner diese Bezeichnung noch nie gehört. Die Änderung von Kopietz wurde aber von einem erfahrenen Wikipedia-User wieder rückgängig gemacht – d.h. das System Wikipedia verhindert, dass offensichtlicher Unfug aus der Wikipedia gelöscht werden konnte. Kopietz lakonisch dazu:

Und seitdem ist es die Wahrheit, dass die Karl-Marx-Allee zu DDR-Zeiten im Volksmund Stalins Badezimmer genannt wurde.

Damit sollte er nicht Recht behalten. Auf Wikipedia steht heute nämlich:

Im Februar 2009 ergänzte ein anonymer Autor diesen Wikipedia-Artikel zur Karl-Marx-Allee um die Behauptung, die Straße sei zu DDR-Zeiten im Berliner Volksmundwegen der Fassadenfliesen auch als „Stalins Badezimmer“ bezeichnet worden.[7] Diese Bezeichnung griffen in der Folgezeit mehrere Medien auf und wiederholten, es handele sich um einen in der DDR gebräuchlichen Ausdruck.[8][9][10] Ein Beleg für die tatsächliche Verwendung dieses Begriffes in der DDR konnte nicht gegeben werden.

Nachdem ein Leserbriefschreiber in der Berliner Zeitung die Verbreitung dieses Ausdrucks im Volksmund bezweifelt hatte,[11] gab ein Journalist dieses Blattes an, er habe die Formulierung „Stalins Badezimmer“ erfunden und als im Volksmund üblich in diesen Wikipedia-Artikel eingefügt.[12]

Nun könnte man aus dieser Geschichte ableiten, dass auf Wikipedia nicht die Wahrheit steht. Ich wage es aber, genau das Gegenteil zu behaupten: Was auf Wikipedia steht, ist die Wahrheit.

Diese These möchte ich kurz ausführen. Charles Sanders Peirce definiert Wahrheit verkürzt als das, was übrigbleibt, wenn alle Einwände vorgebracht worden sind. Eine Aussage ist so lange wahr, bis jemand eine Einwand dagegen vorgebracht worden hat – und wird wieder wahr, wenn dieser Einwand entkräftet werden kann.

Wikipedia lässt uns nun genau diesen Mechanismus technisch abbilden: Ich mache eine Aussage auf Wikipedia (wie z.B. Kopietz eine gemacht hat) – und diese bleibt so lange wahr, bis jemand einen Einwand vorbringt.

Ich würde also behaupten, dass im Jahr 2010 wahr war, dass die Berliner den Begriff »Stalins Badezimmer« verwendet haben. Ich kann mir vorstellen, dass hier einige LeserInnen etwas einzuwenden haben, da sie davon ausgehen, dass Wahrheit etwas Unveränderliches darstellt, etwas, was sich nicht ändern kann, nur weil jemand auf Wikipedia eine Aussage hinzufügt oder wegnimmt.

Dabei geht aber vergessen, dass Wahrheit verschiedene Komponenten hat:

  1. Meine eigene Erfahrung und Wahrnehmung.
  2. Soziale Faktoren (was meine Familie oder mir wichtige Menschen für wahr halten, halte ich auch für wahr).
  3. Autorität (was ExpertInnen für wahr halten, halte ich auch für wahr).

Diese Punkte geben der Wahrheit etwas Dynamisches, bewirken, dass sie verändert werden kann. Das ist nichts Problematisches, bewirkt aber ein Umdenken. Nehmen wir an, wir streiten mit jemandem darüber, ob wahr sei, dass

a) Ottawa die Hauptstadt von Kanada sei
b) Charles Dickens der Autor von Moby Dick sei
c) der Schmelzpunkt von Gold bei über 1000 Grad Celsius liege.

Nun können wir das zwar versuchen durch unsere Erfahrung oder Wahrnehmung nachzuweisen – werden aber meistens scheitern und uns auf eine Art Quelle beziehen müssen.

Nun gibt es statische Quellen (z.B. das Buch Moby Dick, auf dessen Titelseite Herman Melville steht oder das Chemiebuch) und es gibt dynamische Quellen wie die Wikipedia. Die Wikipedia hat den Vorteil, dass dort statische Quellen eingebunden werden und jede Person, die mit dem Artikel nicht einverstanden ist, einen Änderungsvorschlag machen kann.

Mit anderen Worten: Wikipedia vereint alle Prinzipien der Wahrheit und ermöglicht gerade ein Gleichgewicht von Erfahrung, Wahrnehmung, sozialen Faktoren und Expertenwissen. Was auf Wikipedia steht, ist die Wahrheit – und die Wahrheit ist, was auf Wikipedia steht.

Von diesem Grundsatz mögen gewisse Artikel kurzzeitig abweichen – nur um dann angepasst zu werden.

* * *

Diese Diskussion schließt an an ein Gespräch, das ich mit Michèle Binswanger und Viktor Giaccobo auf Twitter zu den Verschwörungstheorien um 9/11 geführt habe. Ich bin z.B. nicht in der Lage, statische Aussagen zum Einstürzen verschiedener Türme in New York zu beurteilen. Und meine GesprächspartnerInnen sind das in den meisten Fällen auch nicht. Wahr ist für mich das, was bei der Lektüre eines Wikipedia-Artikels nach Abzug aller – dort formulierten – Einwände übrig bleibt. Wer etwas anderes für wahr hält, soll – so meine vielleicht etwas pointierte Meinung – doch bitte den entsprechenden Artikel anpassen.

Wahrheit und Fiktion in sozialen Netzwerken

Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass wir Menschen immer das für wahr halten, woran wir glauben (möchten): Manchmal ist es erstaunlich, wie schnell sich Halbwahrheiten oder falsche Behauptungen in sozialen Netzwerken verbreiten.

Ein Beispiel ist die Studie, wonach die Nutzer von Internet Explorer dümmer seien als die anderer Browser, andere sind die Beschreibungen der Vorgänge bei aktuellen Ereignissen wie den Plünderungen in England. Generell kann man sagen, dass soziale Netzwerke Wahrheit und Fiktion vermischen – ja vermischen müssen.

Dafür sehe ich eine Reihe von Gründen:

  1. Aufmerksamkeit ist die Währung in sozialen Netzwerken. Aufmerksamkeit generiert man mit erstaunlichen Botschaften – z.B. mit erfundenen.
  2. Soziale Netzwerke basieren auf der Verbreitung von Information. Oft werden Informationen verbreitet, die nicht ganz gelesen wurden und deren Titel die Mitlesenden interessieren könnte. Falsche und halbwahre Informationen können viral verbreitet werden, ohne dass die Masse an Lesenden bzw. Verbreitenden darauf aufmerksam würde.
  3. Soziale Netzwerke sind schnell und aktuell. Die Zeit reicht nicht aus, durch Recherchen etc. zu verifizieren, ob eine Information stimmt.
  4. Soziale Netzwerke schaffen Kommunikation in Gruppen. Auch wenn sie nicht so angelegt sind – meistens informieren sich Gleichgesinnte bei Gleichgesinnten. Wenn man also als Nicht-Explorer-Nutzende hört, dass Explorer-User dumm sind, dann passt das zur Gruppenmeinung und kann verbreitet werden.
  5. Soziale Netzwerke verbinden User, welche sich damit unterhalten (und dabei vor allem scherzen), mit solchen, welche sich ernsthaft informieren wollen bzw. andere informieren wollen. Die Abgrenzung fällt nicht immer leicht – wo beginnt die Ironie bzw. der Witz und wo hört die faktische Information auf?

Selbstverständlich hat man als Nutzer von Social Media die Möglichkeit, sich diesem Problem zu stellen. Der Guardian schlägt – im Zusammenhang mit den Ereignissen in London – acht Möglichkeiten vor, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Twitter (und mit sozialen Medien generell) ermöglichen (ich danke Konrad Weber für den Hinweis auf diesen Artikel):

  1. Augenzeugenberichte nur dann verbreiten, wenn man selber Augenzeuge gewesen ist.
  2. Informationen, die man aus erster Hand hat (z.B. Beobachtung) so präzise wie möglich formulieren.
  3. Davon ausgehen, dass andere User scherzen könnten.
  4. Was passieren könnte ist nicht dasselbe wie das, was passiert ist.
  5. Wenn man Gerüchte erkennt, soll man sie direkt infrage stellen.
  6. Wenn man auf falsche Informationen trifft, soll man sie korrigieren.
  7. Sich überlegen, woher man weiß, dass etwas wahr ist. Nachfragen, recherchieren.
  8. Usern folgen, denen man vertrauen kann.

Wissen, Verschwörungstheorien und Medien – zu Osama und Obama

Kürzlich habe ich zwei skeptische Posts veröffentlich: Im einen habe ich behauptet, dass wir Menschen stets das für wahr halten, woran wir glauben – im anderen die Gründe beschrieben, warum Menschen nicht an wissenschaftlich gesicherte Fakten glauben.

Präsident Obamas große Erfolge der vergangenen Woche, die Publikation seines Birth Certificates in der long form sowie die illegale Ermordung Osama bin Ladens, fanden beide nicht nur die Aufmerksamkeit der internationalen Massenmedien, sondern waren und sind auch Gegenstand von Verschwörungstheorien. Zwischen diesen beiden Kontexten (Massenmedien und Verschwörungstheorien) besteht ein Zusammenhang, der, so werde ich argumentieren, in Zukunft von großer Bedeutung sein wird.

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.

Das ist der erste Satz von Niklas Luhmanns Aufsatz Die Realität der Massenmedien. Zunächst gilt es, die klassische Definition von Wissen festzuhalten. Wissen ist

  • eine begründete
  • wahre
  • Überzeugung.

Das Problem der Medien setzt nun dort ein, wo sich die ersten beiden Punkte zu vermischen scheinen: Ich begründe heute eine Überzeugung durch den Verweis auf Medien – aber leite auch die Wahrheit meiner Überzeugungen durch den Verweis auf Medien ab. Und jede mediale Darstellung ist einem Zweifel ausgesetzt, den ich nicht ausräumen kann: Medien wurden von Regierungen instrumentalisiert, folgen den Interessen ihrer Besitzer – so dass es zumindest möglich ist, dass ihre Darstellungen verzerrt oder falsch sein könnten.

Betrachtet man nun das Problem von einer anderen Seite, dann zeigt sich: Wissen definiert sich nur noch über die Überzeugung. Wenn ich daran glauben will, dass Obama in Kenya geboren ist – dann finde ich dafür Begründungen und es entspricht dann auch der »Wahrheit« – zumal es diesbezüglich keine von medial vermittelten Inhalten (z.B. einer Geburtsurkunde) losgelöste Wahrheit oder Realität gibt. Analog kann ich behaupten, bin Laden sei schon 5, 10 oder 20 Jahre tot gewesen, es habe ihn nie gegeben, alle seine Videos seien Inszenierungen gewesen, die Al Kaida habe mit 9/11 gar nichts zu tun etc. etc.

Die Konsequenzen sind klar: Weil es keine Möglichkeiten gibt, zu beweisen, dass man Massenmedien trauen kann (vgl. diese unglaubliche Übersicht über Verschwörungstheorien mit Regierungsbeteiligung – von denen wohl mehr wahr sind, als man denken möchte), gibt es auch keine Möglichkeit mehr, Wissen von Nicht-Wissen, Behauptung von Lüge und Lüge von Wahrheit zu trennen. Ich weiß nichts über die Situation in Misrata, außer Fernsehbildern und Reportagen, von denen die einen wohl gestellt und die anderen wohl subjektiv eingefärbt sind. Gaddafi könnte einen Polka tanzen, tot sein, verletzt oder könnte nie gelebt haben – woher soll ich das wissen? In Zukunft werden wir dieses Problem bei jeder Meldung haben, mit der das Weltgeschehen auf unseren Bildschirmen erscheint.

Wenn das ein zu skeptisches Fazit ist, dann borge ich mir eines von Voltarie: »Il faut cultiver son jardin.« Man sollte seinen eigenen Garten bestellen. Ich kann wissen, was in meinem Garten passiert – und mein Handeln daran orientieren, ohne befürchten zu müssen, manipuliert zu werden.

Die Wahrheit – oder: Warum alles so ist, wie wir denken, dass es ist.

Ohne jetzt ins Detail zu gehen: Eines der gravierendsten Missverständnisse über die Wahrheit ist die Meinung, eine wahre Aussage müsse die Realität korrekt abbilden. Vielmehr ist eine Aussage dann wahr, wenn sie das Realitätskonzept der Menschen richtig abbildet, anders gesagt: Wahr ist meist das, was die Menschen für wahr halten – und nicht, was wahr ist.

Dazu drei Beispiele, die klären sollen, wie das gemeint ist:

  1. Freier Wille.
    Wir schreiben und oft in einem stärkeren Ausmass freien Willen zu als anderen Menschen. Dazu schreiben Emily Pronin und Matthew Kugler, die das in Princeton untersucht haben: 

    The present experiments suggest that people, on the whole, believe that their own lives are more guided by free will than others’ lives.

  2. Vermögensverteilung.
    Menschen denken (zumindest in den USA), dass das Vermögen gerechter verteilt sei, als es das tatsächlich ist. Dazu eine Graphik von MotherJones
  3. Die Invalidenversicherung.
    In einem Artikel für Agile hat Mia aufgezeigt, wie die Missbrauchspolemik in Bezug auf die IV »vom Stammtisch in den Bundesrat« gekommen sei. 

    Als schliesslich im Herbst 2010 die offiziellen Zahlen zur Betrugsbekämpfung in der Invalidenversicherung des Vorjahrs veröffentlicht wurden, «vergass» das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV), in der Medienmitteilung die Gesamtzahl der überprüften Dossiers (108’000) zu erwähnen. Es stellte nur die aus dieser Gesamtzahl herausgefilterten Verdachtsfälle (1180) den aufgedeckten Betrugsfällen (240) gegenüber – so dass der Tagesanzeiger am folgenden Tag effektvoll titeln konnte: «Jeder fünfte Verdachtsfall ein Betrug».
    Und bei den meisten Lesern und Leserinnen blieb im Unterbewusstsein wohl hängen: «Jeder fünfte ein Betrüger.» Womit dann auch die Ungleichbehandlung und der Generalverdacht gegenüber den IV-BezügerInnen gerechtfertigt wären.

Das letzte Beispiel zeigt: Diese Realitätskonzepte, auf welchen unser Handeln basiert, sind nicht immer einfach »automatisch« entstanden, sondern können auch gezielt manipuliert werden.

Entscheidend ist dann aber die Einsicht, dass jedes Handeln (vor allem auch das Politische) nicht ausgeht von Tatsachen, sondern von vermeintlichen Tatsachen.

Das merken wir bei einfachen Beispielen aus unserem Alltag, z.B. Trivialmedizin oder Kochen. Darf man im Winter mit nassen Haaren nach draussen gehen? Nützt es etwas, wenn man Cola trinkt bei Unwohlsein? Nur reguläres Cola oder auch Cola light? Soll man das Salz beim Kochen von Pasta ins Kalte oder kochende Wasser geben? Soll man eine Speise möglichst früh oder möglichst spät würzen? Kann man Wasser auch zwei Mal kochen, um einen schmackhaften Tee zu machen?

Selbstverständlich könnten wir in diesen Fällen Expertinnen und Experten fragen. Aber wir tun es nicht – wir leben unser Leben so, als spielte es keine Rolle, wie die Dinge wirklich sind. Und verpassen dabei wohl die eine oder andere Gelegenheit, die Dinge zu ändern.