Lassen sich Respekt und Vertrauen verdienen?

Erst wenn mein Vertrauen missbraucht wurde, kann ich wissen, dass jemand mein Vertrauen nicht verdient. Der positive Nachweis der Möglichkeit, jemandem vertrauen zu können, kann nicht erbracht werden. Niemand kann mir beweisen, meines Vertrauens würdig zu sein. Vertrauen kann zwar erwidert werden, aber auch damit ist der Nachweis nicht erbracht, dass eine Person vertrauenswürdig ist.

Ich muss Menschen, aber auch Systemen vertrauen, um die Komplexität meiner Umwelt zu reduzieren – so die einschlägige Definition von Niklas Luhmann. Vertrauen kann aber auch produktiv eingesetzt werden: Vertraut mir jemand ganz bewusst, so fällt es mir sehr schwer, die Person zu enttäuschen, weil sie mich mit einem positiven Bild von mir konfrontiert. Ein einfaches Beispiel: Jemanden im Zug bitten, kurz auf den Laptop / das Gepäck aufzupassen, während man zur Toilette geht. Die Peson müsste ein rechtes Maß an krimineller Energie aufbringen, um das Gerät oder das Gepäck selber zu entwenden, und passt mit großer Wahrscheinlichkeit gut auf.

I find it hard to gain respect. Jacob Crose, society6

I find it hard to gain respect. Jacob Crose, society6

Ähnlich verhält es sich mit Respekt. Valentin Abgottspon kritisiert heute »Gratisrespekt«, er sei »überbewertet«. Die Implikation: Respekt muss verdient werden. Eine Person müsste also beweisen, dass sie es verdient, von mir respektiert zu werden – ich verstehe darunter eine Achtung, aus der ein Verhalten folgt, das sich weit gehend mit den Erwartungen dieser Person deckt. Man denkt z.B. an Fachkompetenz oder ein autoritäres Auftreten, wahrscheinlich an eine Lehrerin, die eine Klasse im Griff hat, ohne ein ausgeklügeltes System von Strafen einführen zu müssen.

Mein Vorschlag wäre ein anderer: Menschen einfach als Grundhaltung respektieren. Natürlich können sie meinen Respekt verlieren. Ich respektiere Menschen nicht, die anderen bewusst schaden. Ich stelle mich ihnen entgegen, kritisiere sie, verhalte mich gerade nicht so, wie sie es gerne hätten. Aber wenn ich andere häufig respektiere, ohne dass sie den Beweis erbringen müssen, diesen Respekt zu verdienen, dann werde wohl auch ich eher respektiert. Und das mag ich.

Natürlich meine ich mit Respekt nicht, keine Kritik zu üben, eigene Gedanken zu verschweigen; sondern vielmehr: Die Möglichkeiten eines Dialogs aufrecht zu erhalten.

 

Wissen, Verschwörungstheorien und Medien – zu Osama und Obama

Kürzlich habe ich zwei skeptische Posts veröffentlich: Im einen habe ich behauptet, dass wir Menschen stets das für wahr halten, woran wir glauben – im anderen die Gründe beschrieben, warum Menschen nicht an wissenschaftlich gesicherte Fakten glauben.

Präsident Obamas große Erfolge der vergangenen Woche, die Publikation seines Birth Certificates in der long form sowie die illegale Ermordung Osama bin Ladens, fanden beide nicht nur die Aufmerksamkeit der internationalen Massenmedien, sondern waren und sind auch Gegenstand von Verschwörungstheorien. Zwischen diesen beiden Kontexten (Massenmedien und Verschwörungstheorien) besteht ein Zusammenhang, der, so werde ich argumentieren, in Zukunft von großer Bedeutung sein wird.

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.

Das ist der erste Satz von Niklas Luhmanns Aufsatz Die Realität der Massenmedien. Zunächst gilt es, die klassische Definition von Wissen festzuhalten. Wissen ist

  • eine begründete
  • wahre
  • Überzeugung.

Das Problem der Medien setzt nun dort ein, wo sich die ersten beiden Punkte zu vermischen scheinen: Ich begründe heute eine Überzeugung durch den Verweis auf Medien – aber leite auch die Wahrheit meiner Überzeugungen durch den Verweis auf Medien ab. Und jede mediale Darstellung ist einem Zweifel ausgesetzt, den ich nicht ausräumen kann: Medien wurden von Regierungen instrumentalisiert, folgen den Interessen ihrer Besitzer – so dass es zumindest möglich ist, dass ihre Darstellungen verzerrt oder falsch sein könnten.

Betrachtet man nun das Problem von einer anderen Seite, dann zeigt sich: Wissen definiert sich nur noch über die Überzeugung. Wenn ich daran glauben will, dass Obama in Kenya geboren ist – dann finde ich dafür Begründungen und es entspricht dann auch der »Wahrheit« – zumal es diesbezüglich keine von medial vermittelten Inhalten (z.B. einer Geburtsurkunde) losgelöste Wahrheit oder Realität gibt. Analog kann ich behaupten, bin Laden sei schon 5, 10 oder 20 Jahre tot gewesen, es habe ihn nie gegeben, alle seine Videos seien Inszenierungen gewesen, die Al Kaida habe mit 9/11 gar nichts zu tun etc. etc.

Die Konsequenzen sind klar: Weil es keine Möglichkeiten gibt, zu beweisen, dass man Massenmedien trauen kann (vgl. diese unglaubliche Übersicht über Verschwörungstheorien mit Regierungsbeteiligung – von denen wohl mehr wahr sind, als man denken möchte), gibt es auch keine Möglichkeit mehr, Wissen von Nicht-Wissen, Behauptung von Lüge und Lüge von Wahrheit zu trennen. Ich weiß nichts über die Situation in Misrata, außer Fernsehbildern und Reportagen, von denen die einen wohl gestellt und die anderen wohl subjektiv eingefärbt sind. Gaddafi könnte einen Polka tanzen, tot sein, verletzt oder könnte nie gelebt haben – woher soll ich das wissen? In Zukunft werden wir dieses Problem bei jeder Meldung haben, mit der das Weltgeschehen auf unseren Bildschirmen erscheint.

Wenn das ein zu skeptisches Fazit ist, dann borge ich mir eines von Voltarie: »Il faut cultiver son jardin.« Man sollte seinen eigenen Garten bestellen. Ich kann wissen, was in meinem Garten passiert – und mein Handeln daran orientieren, ohne befürchten zu müssen, manipuliert zu werden.

Fernsehen und Internet – oder doch noch zu Wikileaks

Als ich in die Oberstufe ging, war die Aussage, man habe zuhause keinen Fernseher, klares Indiz dafür, dass man auch einem bildungsbürgerlichen Haushalt stammte. Vor einigen Tagen habe ich den Fernseher in meiner Wohnung weggeräumt – und ich bin sicher, ich werde ihn nie vermissen: Nicht, weil ich nun nur noch Bücher lesen werden und Gesellschaftsspiele spielen, sondern weil das Gerät »Fernseher« in einem digitalen Zeitalter obsolet geworden ist. In zehn Jahren werden Jugendliche wohl nicht mehr verstehen, wie es war, als Fernsehsendungen nur zu einer bestimmten Zeit liefen.

Ganz allgemein: Mein Fernsehen, meine Filme, meine Bücher, meine Zeitschriften, meine Tageszeitungen – sie sind alle im Internet. Luhmann schrieb am Anfang von Die Realität der Massenmedien:

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.

Heute kann man »Massenmedien« getrost durch »Internet« ersetzen. Klar gibt es noch JournalistInnen, welche Wissen auf Papier vermitteln – aber dieses Papier wird mit digitalen Inhalten gedruckt, genau so wie das Fernsehen mit digitalen Inhalten gemacht wird.

Das an sich ist eine völlig triviale Feststellung. Das Problem entsteht, wenn man sich die Konsequenzen vor Augen führt. Die Konsequenzen zeigt uns der Fall Wikileaks auf. Die Infrastruktur, welche wir für das Internet benötigen, wird staatlich kontrolliert. Und zwar nicht unbedingt so, dass der Staat, in dem ich lebe, die Infrastruktur kontrolliert, die ich nutze – sondern so, dass irgendein Staat Infrastruktur zur Verfügung stellt, Instanzen kontrolliert und letztlich Inhalte überwachen und ausschließen kann. Anonymous formuliert das wie so:

In the 21st century, technology allows states to bemore intrusive than ever, and governments are making the most of these new abilities.

Die Gefahr ist dabei, dass diese Kontrollmechanismen intransparent sind und bleiben und man sich so lange nicht für das Internet interessiert, wie es als Tummelplatz von Jugendlichen und Technikfreaks angeschaut wird – und doch letztlich sämtliche Alternativen absorbiert. Die Horrorvision: Ein kontrolliertes, reguliertes, unfreies Internet ohne demokratische Kontrolle – und keine anderen Medien, welche eine andere Perspektive anbieten können.

Die Hoffnung besteht, dass es immer Staaten geben wird, welche mächtig und vernünftig genug sind, um sich wehren zu können. Diese Hoffnung ist aber eine kleine – welche Staaten sollen das denn letztlich sein?

* * *

Der Journalismus-Professor Jay Rosen hat fünf Konsequenzen aus der Wikileaks-Geschichte (in Bezug auf journalistische Arbeit) gezogen. Er hat sie getwittert, ich übersetze sie recht frei:

  1. Wikileaks ist der erste staatenlose Verlag (»news organisation«), der aufzeigt, wie statisch Journalismus im herkömmlichen Sinne funktioniert.
  2. Die Quellen, welche Wikileaks die Dokumente zuspielen, wählen Wikileaks um zu zeigen, dass diese Art von Journalismus der herkömmlichen vorzuziehen ist.
  3. Die Presse als »Wachhund« ist gestorben und wurde ersetzt durch eine Überwachung der Mächtigen, bei der die herkömmliche Presse nur noch ein Teil ist.
  4. Staaten haben ein Gewaltmonopol. Aber er hat kein Monopol auf legitimer »digitaler Gewalt«.
  5. Wenn Journalisten etwas wissen, was sie der Öffentlichkeit nicht mitteilen können, entfremden sie sich von diesem Publikum. Wikileaks minimiert dieses Problem.