Wissen, Verschwörungstheorien und Medien – zu Osama und Obama

Kürzlich habe ich zwei skeptische Posts veröffentlich: Im einen habe ich behauptet, dass wir Menschen stets das für wahr halten, woran wir glauben – im anderen die Gründe beschrieben, warum Menschen nicht an wissenschaftlich gesicherte Fakten glauben.

Präsident Obamas große Erfolge der vergangenen Woche, die Publikation seines Birth Certificates in der long form sowie die illegale Ermordung Osama bin Ladens, fanden beide nicht nur die Aufmerksamkeit der internationalen Massenmedien, sondern waren und sind auch Gegenstand von Verschwörungstheorien. Zwischen diesen beiden Kontexten (Massenmedien und Verschwörungstheorien) besteht ein Zusammenhang, der, so werde ich argumentieren, in Zukunft von großer Bedeutung sein wird.

Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.

Das ist der erste Satz von Niklas Luhmanns Aufsatz Die Realität der Massenmedien. Zunächst gilt es, die klassische Definition von Wissen festzuhalten. Wissen ist

  • eine begründete
  • wahre
  • Überzeugung.

Das Problem der Medien setzt nun dort ein, wo sich die ersten beiden Punkte zu vermischen scheinen: Ich begründe heute eine Überzeugung durch den Verweis auf Medien – aber leite auch die Wahrheit meiner Überzeugungen durch den Verweis auf Medien ab. Und jede mediale Darstellung ist einem Zweifel ausgesetzt, den ich nicht ausräumen kann: Medien wurden von Regierungen instrumentalisiert, folgen den Interessen ihrer Besitzer – so dass es zumindest möglich ist, dass ihre Darstellungen verzerrt oder falsch sein könnten.

Betrachtet man nun das Problem von einer anderen Seite, dann zeigt sich: Wissen definiert sich nur noch über die Überzeugung. Wenn ich daran glauben will, dass Obama in Kenya geboren ist – dann finde ich dafür Begründungen und es entspricht dann auch der »Wahrheit« – zumal es diesbezüglich keine von medial vermittelten Inhalten (z.B. einer Geburtsurkunde) losgelöste Wahrheit oder Realität gibt. Analog kann ich behaupten, bin Laden sei schon 5, 10 oder 20 Jahre tot gewesen, es habe ihn nie gegeben, alle seine Videos seien Inszenierungen gewesen, die Al Kaida habe mit 9/11 gar nichts zu tun etc. etc.

Die Konsequenzen sind klar: Weil es keine Möglichkeiten gibt, zu beweisen, dass man Massenmedien trauen kann (vgl. diese unglaubliche Übersicht über Verschwörungstheorien mit Regierungsbeteiligung – von denen wohl mehr wahr sind, als man denken möchte), gibt es auch keine Möglichkeit mehr, Wissen von Nicht-Wissen, Behauptung von Lüge und Lüge von Wahrheit zu trennen. Ich weiß nichts über die Situation in Misrata, außer Fernsehbildern und Reportagen, von denen die einen wohl gestellt und die anderen wohl subjektiv eingefärbt sind. Gaddafi könnte einen Polka tanzen, tot sein, verletzt oder könnte nie gelebt haben – woher soll ich das wissen? In Zukunft werden wir dieses Problem bei jeder Meldung haben, mit der das Weltgeschehen auf unseren Bildschirmen erscheint.

Wenn das ein zu skeptisches Fazit ist, dann borge ich mir eines von Voltarie: »Il faut cultiver son jardin.« Man sollte seinen eigenen Garten bestellen. Ich kann wissen, was in meinem Garten passiert – und mein Handeln daran orientieren, ohne befürchten zu müssen, manipuliert zu werden.

2 thoughts on “Wissen, Verschwörungstheorien und Medien – zu Osama und Obama

  1. Ich bin gerade über Folgendes gestolpert, obwohl ich nicht ganz damit einverstanden bin, dass ‚professional news organizations‘ so neutral sind/waren wie hier formuliert.

    „Until very recently, if every professional news organization in the nation examined a charge and found it baseless, it was — for all intents and purposes — dropped. Today, the growth of the Internet has drained the noun „news“ of its former authority. If you don’t like the facts presented on the sites of established news organizations, you simply keep clicking until you find one whose „facts“ accord with your beliefs.“ [http://lat.ms/jqbDI9]

  2. Wenn man sich nur auf seinen Garten beschränkt, kapituliert man, fällt zurück ins Biedermeiertum und überlässt den Hohlköpfen das Handeln. Die Lösung ist ein immerwährender Zweifel und eine ständige innere Revolte. Das Aushalten des absurden, dass sich immer weiter in der menschlichen Existenz häuft.

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