113 Parlamentarierinnen und Parlamentarier haben zum »Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag« einen Aufruf erlassen, wie die NZZ gestern berichtet hat. Dieser Aufruf ist nicht neu, er wurde auch schon vor einem Jahr erlassen, damals unterzeichneten 89 Mitglieder des Parlaments, wie man in einem Beitrag von ideaSpektrum nachlesen kann (pdf).
Bevor ich den Aufruf kommentiere, hier der Wortlaut des diesjährigen Aufrufs:
Meinen Haupteinwand hat eine der treibenden Kräfte hinter dem Aufruf, Nationalrat Erich von Siebenthal (SVP, BE) in einem Interview selbst formuliert:
Es gab solche, die sagten: «Ich will den Glauben für mich persönlich leben.» Das ist zu respektieren, ist der Glaube doch eine andere Dimension als die Politik.
Der Glaube ist eine andere Dimension als die Politik. Politikerinnen und Politiker haben die Aufgabe, die unser Zusammenleben und das Zusammenleben mit dem Ausland auf der Ebene des Gesetzes zu organisieren (siehe auch den Kommentar von Andreas Kyriacou). Ein Aufruf dazu, Busse zu tun, zu danken und zu beten ist nicht ihre Aufgabe. Sehr salopp gesagt: Sie verschwenden mit einem solchen Auftrag Ressourcen, die man besser einsetzen könnte.
Diesen Haupteinwand möchte ich noch etwas konkretisieren, indem ich skizziere, welche Implikation ein solcher Aufruf hat. Dabei möchte ich vorausschicken, dass ich das Recht auf eine freie Ausübung der Religion für ein wichtiges Recht halte, im Sinne des Artikels 15 der Bundesverfassung aber der Meinung bin, »[j]ede Person [habe] das Recht, ihre Religion und ihre weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen und allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu bekennen«. Dieser Artikel erlaubt selbstverständlich Parlamentarierinnen und Parlamentariern, sich zu ihrem Glauben zu bekennen - aber man müsste sich schon fragen, welches Signal ein Aufruf von gewählten Regierungsmitgliedern in Bezug auf diese verfassungsmässig garantierte Freiheit aussendet.
Nun zu den Implikationen, die ich schnell aufliste:
- Die Schweiz wird als Nation von Gott gesegnet und geschützt, ein Gebet kann dazu beitragen, dass das auch in Zukunft passiert.
- Gott ist verantwortlich dafür, dass die Schweiz und Europa in »Freiheit« leben - und damit auch verantwortlich dafür, dass diese Freiheit andernorts nicht gewährleistet ist.
- Weisheit und gerechtes Handeln ist bei denen, die Verantwortung tragen, nur durch die Unterstützung Gottes zu sichern.
- Es gibt »kollektives Fehlverhalten« in der Schweiz.
- Die Möglichkeit, sich den Schwachen und Benachteiligten in der Schweiz und in der Welt anzunehmen, ist nur dann gegeben, wenn Gott unsere Gebete erhört.
- Die wichtigsten christlichen Werte sind »Treue, Wahrhaftigkeit und Genügsamkeit«.
Die Implikation, Gott kümmere sich besonders um gewisse Nationen oder Gruppen von Menschen, ist zumindest theologisch fragwürdig. In vielen Vorstellungen hat Beten eine individuelle Funktion, das irdische Wohlergehen ist kaum beeinflussbar durch Frömmigkeit. Denkt man das anders, dann müsste man zumindest einen Ansatz zu einer Erklärung haben, warum viele fehlerlose und gläubige Menschen qualvolle Leben verbringen mussten - eine Erklärung, die nur zynisch sein kann.
Eben so zynisch ist es, darauf hinzuweisen, dass Gott einem die Kraft geben müsse, sich den Schwachen und Benachteiligten der Welt anzunehmem, wenn Parlamentarier wie NR von Siebenthal in der letzten Session einer Verschärfung des Asylgesetzes zugestimmt haben, die gerade die Benachteiligten in der Schweiz und in der Welt betrifft: Die Flüchtlinge.
Und es scheint mir Schönfärberei, von »Fehlverhalten« zu sprechen, ohne das konkret zu bennen. Wenn ich zu Gott bete: Für welches »kollektive Fehlverhalten« soll ich mich genau entschuldigen und um Vergebung bitten?
Ein letztes Wort zu den christlichen Werten: Auch hier werden willkürliche Verzerrungen vorgenommen. Der zentrale Wert des Christentums ist Vergebung - der fehlt. »Treue« ist gerade nicht entscheidend: Gott ist bereit, Untreuen zu vergeben, sie in sein Himmelreich aufzunehmen. Und was meint genau »Genügsamkeit«? Heißt das, auf Verwaltungsratsmandate zu verzichten, die einen in der politischen Arbeit beeinflussen und die zu Einnahmen führen, die man nicht nötig hat? Heißt Genügsamkeit, die eigenen Bezüge ständig zu erhöhen und die von Invaliden, Kranken und Armen ständig zu senken?
Damit schließe ich. Ich respektiere gläubige wie nicht-gläubige Menschen, aber ich bitte sie, mich nicht zu etwas aufzufordern, das ich nicht verstehe und das nicht einmal im Sinne dessen ist, was man Christentum nennt. Die Schweiz muss und soll sich nicht primär an christlichen Werten orientieren, sondern am Wohlergehen der Menschen, die in der Schweiz leben.
