Die Verwahrungsdebatte und die Fälle H. und W.

Die Diskussion über die Massnahme der Verwahrung nimmt in gewissen Medien und Köpfen hysterische Züge an. Diese Hysterie hat Mathias Ninck 2009 in seinem Artikel im Magazin schon konstatiert, in dem er die Situation des Vergewaltigers Markus W. vorstellte, der heute verdächtigt wird, seit seiner Haftlockerung, wieder eine Frau vergewaltigt zu haben. Ninck schrieb:

Nun gibt es eine Spezialgruppe von Gefangenen (zweihundert in der Schweiz), die Verwahrten. Sie haben ihre Strafe abgesessen und bleiben doch eingesperrt. Vorsorglich. Man sperrt sie ein, weil sie ein Delikt begehen könnten. Der Staat stellt, gestützt auf früheres Verhalten, Mutmassungen an zum künftigen Verhalten eines Menschen und setzt ihn hinter Schloss und Riegel. Das ist natürlich eine Anmassung. Sie darf nur dadurch gerechtfertigt werden, dass die öffentliche Sicherheit gefährdet ist. Derjenige, der einen Menschen präventiv gefangen nimmt, muss also dessen Gefährlichkeit belegen können.

Allerdings ist Gefährlichkeit nichts Messbares, nichts Absolutes, sie hängt fast immer von der Situation ab, in der ein Mensch gerade steckt. Das beste psychiatrische Gutachten ist nicht mehr als eine Annäherung an einen Menschen.
Grob gesagt, ist die Verwahrung eines Menschen also ein rechtsstaatlicher Kantengang. In einer entspannten Gesellschaft wäre dies nicht einmal ein Problem. Man würde, wenn an der Gefährlichkeit eines Verwahrten Zweifel aufkämen, diesen bedingt entlassen; man möchte ihm ja nicht Unrecht tun. Soll er sich bewähren! Man täte dies natürlich im Wissen, dass ab und zu Rückfälle passieren. Eine entspannte Gesellschaft weiss, dass es die absolute Sicherheit nicht gibt. Menschliches Verhalten ist immer unsicher.

Der Haken ist, dass wir heute in einer hysterischen Gesellschaft leben. Seit dem Mordfall in Zollikerberg 1993 durch einen Wiederholungstäter ist der Justizvollzug geprägt von den aufgewühlten Reaktionen, die es damals gab. Die Angst vor öffentlicher Empörung hat zu einem radikalen Umdenken geführt, ein restriktives Regime wurde installiert. In der Folge sind kaum mehr Verwahrte in den offenen Vollzug gekommen, geschweige denn in Freiheit. Es sitzen — das ist der Preis für die Null-Risiko-Strategie — nun auch solche hinter Gitter, die dort nicht hingehören. Ihre Klagen hört kaum mehr jemand. Wer heute im Justizvollzug arbeitet, lebt in einer Wolke, auf der mit grossen Buchstaben die Frage steht: «Wird er es wieder tun?» Es ist, als sähen diese Leute nichts anderes mehr.

Nincks Darstellung ist wenig hinzuzufügen: In den Fällen H. (dem Mörder von Lucie) und W. wird eine lebenslange Verwahrung ohne Möglichkeit einer Entlassung oder Haftlockerung von vielen Menschen als einzige akzeptable Strafe angesehen. Diese Sicht fordert vom Staat zwei Dinge:

  1. Möglichst hohe Sicherheit.
  2. Die Verantwortung für die Taten von rückfälligen Straftätern.

In der NZZ formuliert Daniel Gerny diese Sicht wie folgt:

Was spricht eigentlich dagegen, einen Mann lebenslang und unwiderruflich zu verwahren, der über ein Dutzend Mädchen zu sich lockte und eines von ihnen, Lucie, auf bestialische, kaltblütige Art und mit Vorsatz tötete, wobei in diesem Fall bisher selbst eine vierjährige Therapie nichts brachte? Was, ausser Kuschelei, falschem Mitleid oder einem übertriebenen Menschenrechtsverständnis, spricht hier gegen grösstmögliche Sicherheit?

Er widerspricht in der Folge dieser Sicht mit einem differenzierten Argument. Zurecht, wie ich finde. Zunächst ist anzumerken, dass Sicherheit eine bedeutende Aufgabe des Staates ist. Es sollen große Anstrengungen unternommen werden, damit niemand leiden muss oder getötet wird.

Gernys Argumentation bezieht sich auf das Menschenbild: Gehen wir von der Vorstellung aus, Menschen besässen einen Willen, mit dem sie sich für oder gegen eine Tat entscheiden können und der es ihnen auch möglich macht, für eine Tat verantwortlich gemacht zu werden, dann müssen wir auch annehmen, dass Menschen sich ändern können. Wir haben alle schon Fehler gemacht, die meisten auch mehrfach, und trotzdem denken wir, wir können lernen, diese Fehler zu vermeiden. Genau so könnte man zumindest theoretisch den Tätern W. und H. zugestehen, dass sie lernen können, sich den rechtlichen Vorgaben gemäß zu verhalten.

Gerny zeigt die Gefahr auf, welche die Annahme, Menschen seien von Natur aus dazu bestimmt, anderen Leid zuzufügen, mit sich bringt:

Wozu präventives Strafen führt, das im Interesse der Sicherheit schleichend vom Schuldprinzip abrückt, zeigt eine seit einigen Jahren laufende Strafrechtsdebatte vor dem Hintergrund der aktuellen Hirnforschung: Gemäss einigen Erkenntnissen handelt niemand gänzlich frei – womit auch Strafe keine Reaktion auf eine schuldhafte Entscheidung gegen das Recht durch den Täter sein könnte. Sie wäre, so ein Neurophysiologe, höchstens eine Massnahme aufgrund «der Andersartigkeit seiner Hirnfunktion».
So verständlich die Idee einer lebenslangen, nicht überprüfbaren Verwahrung ist: Sie trägt letztlich den Keim des Totalitären in sich – so wie jeder Versuch, die Sicherheit über alles andere zu stellen.

Ist die Idee der Sicherheit wichtiger als alles andere, dann müssen wir uns vom Gedanken der Freiheit verabschieden. Paradoxerweise halten gerade die Menschen am Gedanken absoluter Freiheit fest, die dem Staat skeptisch gegenüberstehen. Sie empfinden das Agieren des Staates in fast allen Belangen als einschränkend, nur nicht dort, wo Menschen eingesperrt werden.

Kommentar auf blick.ch

Diese Haltung kann man nur entwickeln, wenn man Menschen klar in zwei Gruppen teilt: Die, welche keine Rechte haben sollen und können, und die, welche in den Genuss von Freiheit kommen dürfen. Diese Zweiteilung ist in einigen Fällen auf dem Handeln von Menschen basiert, in anderen aber auch auf ihrer Herkunft (Asyldebatte) oder ihrer Natur (bei Homosexuellen, beispielsweise).

Gender und Das Magazin – Birgit Schmid in Zitaten

Als Beispiel für Frauen, welche feministische Positionen und Probleme kennen, aber in ihrer journalistischen Arbeit diese Kenntnisse teilweise vernachlässigen oder ignorieren, habe ich in meinem Blog Michèle Binswanger schon mehrfach erwähnt – und werde damit nun aufhören (Frau Binswanger ist meiner Meinung nach eine intelligente, humorvolle Journalistin, die auch kritikfähig ist: das soll auch mal geschrieben sein).

Per Tweet hat Michèle Binswanger auf die Magazin-Artikel von Birgit Schmid hingewiesen:

Ein Fall für @kohlenklau: “eine Frau bleibt von Natur aus lieber auf sich gestellt, will sie es schaffen.” Birgit Schmid in #dasmagazin

Der betreffende Artikel heißt »Der Vitamin-B-Mangel der Frau«. Daraus die Zitate, welche Schmids Position in Gender-Fragen deutlich machen:

Doch heute schliessen Männer Frauen kaum mehr aus, weil sie halt lieber unter sich bleiben. Sondern, so unbequem es klingt: Eine Frau bleibt von Natur aus lieber auf sich gestellt, will sie es schaffen.

Den meisten Frauen bringt das kompetitive Verhalten keinen Lustgewinn.

So gut Frauen auch im familiären und emotionalen Vernetzen sind, der Sinn für «soziales Kapital» fehlt ihnen.

Männer blicken zudem auf eine lange Erfahrung im halb privaten «Buddying» zurück, geprägt durch Militärdienst oder Studentenverbindung. Man steht notfalls für den andern ein, der nicht zwingend der beste Kumpel sein muss.

Aber wenn eigene Vorteile bedroht sind, scheint die Schwesterlichkeit aufzuhören, ob in einem Netzwerk oder einer Arbeitsgemeinschaft. Könnte ja sein, dass der Vorteil, den ich jemandem verschaffe, mir zum Nachteil wird. Die Rivalität wird nicht offen ausgetragen, das tun Frauen weniger: Sie wetteifern ja offiziell nicht. Frontalangriffe sind plump, unfeine Neigungen zu unterdrücken. Man misst sich viel unterschwelliger, dafür unter Einsatz der ganzen Person. Jede Offensive wird persönlich genommen. Klar, verbindet sich dann eine Frau, für die ihre Karriere zum Überlebenskampf wird, lieber nicht in einem weitläufigen Netz. Denn überall lauert potenzielle Gegnerschaft.

Eine Frau will die Beste, Schönste, Einzige sein und geliebt werden.

Spricht man mit jüngeren Wirtschaftsfrauen, so fällt einem überhaupt auf: Sie scheinen oft gar kein so grosses Problem zu haben, als einzige Frau im Verwaltungsrat einer Firma zu sitzen. Als ob sie es irgendwie halt doch geniessen, diesen Sonderstatus zu haben.

Der Text gehört zu dem, was den Niedergang des Tages-Anzeiger-Magazins ausmacht: Thesenjournalimus. Diese These in der rohesten Form: Es gibt wenig Frauen in Führungspositionen. Grund: Frauen sind selber Schuld. Warum? Sie sind »von Natur aus« so, wie man nicht sein sollte, um Führungspositionen zu erlangen. Schluss: Frauen müssen werden wie Männer. Das System lässt sich ja nicht ändern, denn wir leben in der besten aller möglichen Geschäftswelten.

* * *

Dann noch das zweite Beispiel, ein Text, dessen Titel schon alles sagt: »Männer sind im Bett die neuen Frauen«. Um nur ein Zitat zu verwenden:

Die Emanzipation des Mannes würde dann bedeuten: Er muss keineswegs immer wollen müssen.

Wenn das keine tiefgründige Einsicht ist. Danke, Frau Schmid.

* * *

Zu diesen Themen kann man wenig lesen, das durchdachter wäre als die Blogposts von Antje Schrupp. Birgit Schmid hätte z.B. zum Thema Frauen und Karriere Antje Schrupps Kommentare zur Karriereforschung lesen sollen. Dort heißt es in einem Fazit:

Die Zufriedenheit von Frauen ist ja wohl kein Argument. Frauen sollen sich nützlich machen, das war schon immer so. Die Wirtschaft braucht sie eben. Und diese teure Uniausbildung, die können sie doch nicht einfach so im Mittelfeld verplempern. Also: Ab in die Führungsetagen. Ob es ihnen da gefällt oder nicht. Und bloß nicht rummeckern.

Denn, nicht vergessen: Sie strömen nur so auf den Arbeitsmarkt, die Frauen. Sie sind also potenziell gefährlich. Da wollen wir sie gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen lassen. Nicht, dass sich das ausbreitet. Am Ende fällt den Männern auch noch auf, dass sie in ihren Führungsjobs eigentlich gar nicht so zufrieden sind, wie sie immer dachten. Dass ihnen der ganze Drang zum Führertum bloß ansozialisiert worden ist.

 

»Der Presserat tritt nicht auf die Beschwerde ein«

Als ich 18 Jahre alt war, war ich zum ersten Mal auf einer Gemeindeversammlung in Birmenstorf. Auf meinen Vorschlag hin, das Geld für Busabonnements den Eltern von ortsansässigen SchülerInnen nicht mehr auszuzahlen, sondern ihnen einen Gutschein für ein Abo zuzuschicken (weil Schwarzfahren ein ärgerliches Problem war, das für mich oft zu Busverspätungen führte), erhielt ich von einem Gemeinderat den wohl wohlgemeinten Ratschlag, es doch an einer anderen Gemeindesversammlung noch einmal mit einem Vorstoss zu versuchen: Beim ersten Mal könne man gar keinen Erfolg haben, niemand wolle einem 18-Jährigen zustimmen.

Mit dieser Anekdote leite ich über zu meiner ersten Presseratsbeschwerde wegen den im Magazin veröffentlichten Briefen von Müttern an ihre Kinder, die sie an einer Babyklappe in Lübeck abgegeben haben. Ich habe dahingehend argumentiert, dass

a) persönliche Briefe nur mit dem Einverständnis ihrer Verfasser abgedruckt werden dürfen und

b) die Briefe verstießen gegen die Menschenwürde der in ihnen erwähnten Babys.

Am Samstag habe ich die Erwägung des Presserats erhalten, ich drucke sie unten ab, da sie noch nicht auf der Homepage veröffentlicht sind. [Update: Hier ist die Erwägung online.]  Der Presserat hält meine Beschwerde für »offensichtlich unbegründet«.

Aus seiner Argumentation lässt sich schließen, dass es in der Schweiz okay ist

  1. Briefe abzudrucken, auch wenn die Verfasser und Empfänger nicht einverstanden sind; nämlich dann, wenn man Verfasser und Empfänger nicht um Erlaubnis bitten kann.
  2. persönlichste Stellungnahmen ohne Einwilligung abzudrucken, sofern der Eindruck entsteht, das »Ansehen« der davon betroffenen Personen werde dadurch nicht »beeinträchtigt«.

Man erkennt an meiner etwas säuerlichen Reaktion: Ich halte es immer noch nicht für vertretbar, diese Briefe abzudrucken.

* * *

Als Rückmeldung auf meine Beschwerde habe ich eine Email von einer Familie erhalten, welche ein Kind adoptiert hat, das an einer Babyklappe abgegeben worden ist. Die Email dokumentiert sehr schön, welche Probleme durch eine solche Publikation auch für das Kind (oder v.a. für das Kind) entstehen – und ihre Verfasser geben an, die Mütter hätten diese Briefe »in größtem Vertrauen unter Zusicherung von Anonymität (z.T. persönlich!)« der Leiterin der Babyklappe Lübeck, Friederike Garbe, abgegeben. Diese scheint allerdings das Rampenlicht eher zu suchen als zu meiden – und Anonymität für einen eher weniger wichtigen Wert zu halten.

Die Gelatinisierung der Öffentlichkeit

Meinem letzten Post möchte ich, um ihn vielleicht noch etwas politisch zu wenden, ein Zitat aus einem Interview mit Claudio Magris anhängen, in dem der beschreibt, was er mit Gelatinisierung der Öffentlichkeit in Italien (als Problem für die Berlusconi-Opposition) meint. Und natürlich denke ich, dass er ein Phänomen beschreibt, das nicht nur in Italien zu Problemen führt:

Das ist ein unterschwelliger Prozess, der die Bürger, ohne dass sie es bemerken, dazu bringt, sich für gewisse Dinge zu entscheiden — Fernsehprogramme, Konsumprodukte, einen Lifestyle —, die mit ihren eigentlichen Bedürfnissen und ihrer Wesensart nichts zu tun haben. Er beraubt die Massen auf diskrete, friktionslose Weise ihres individuellen Urteilsvermögens. Ich glaube, die Entwicklung ist gefährlich, weil sie einen fundamental autoritären Charakter hat. Es entsteht ein gelatinöser sozialer Klebstoff, in dem sich alle Opposition verfängt und der jede Alternative zum Verschwinden bringt. Die Sozialgelatine hat die traditionelle Klassengesellschaft nicht nur ihrer Werte beraubt, sondern selbst den oft nur geheuchelten Respekt vor diesen Werten überflüssig gemacht. Sie brauchen nur einmal das entsetzliche Niveau der politischen und kulturellen Debatten in unseren Medien anzusehen.

Wie eine neue Partei aussehen müsste

Die Diskussion um die neuen Parteien (gemeint ist nicht die Piratenpartei, sondern die BDP und die Grün-Liberalen) und ihren Erfolg ist immer auch verbunden mit einer Diskussion um die alten Parteien und ihre Ausrichtung, wie sie beispielsweise von Michael Hermann [Interview im Tagi, pdf] und auch von seinem Zürcher Politologen-Kollegen Fabio Wasserfallen im Magazin geführt wird.

Betrachtet man die WählerInnenprofile, so dürfte man schnell einsehen, dass diejenigen von SVP und Grünen am klarsten sind, gefolgt von der FDP, welche die Schärfung dieses Profils mit einem WählerInnenverlust bezahlt hat und bezahlen wird.

Bei den restlichen Parteien ergibt sich die Situation, dass es neben der traditionellen Klientel (WalliserInnen, Bauern, Gewerkschaften etc.) eine grosse Zahl WählerInnen und Wähler gibt, welche jede der Parteien SP, CVP und GLP (evtl. auch BDP, aber die Partei ist ja eher als lokales Phänomen zu betrachten) wählen könnte – oder keine. In keinem Dossier nehmen sie stark unterschiedliche Positionen ein.

Wünschenswert wäre – beispielsweise für mich, aber ich werde mich bemühen, nicht nur mich als Maßstab zu nehmen – eine neue Kraft in diesem Bereich, welche ein klares Profil hat.

Folgende Positionen würde ich vorschlagen:

1. Transparenz als Vision, d.h.

  • klare und transparente Regelung für die Finanzierung von Parteien
  • u.U. Abschaffung des Milizsystems auf nationaler Ebene im Sinne einer Professionalisierung und der Förderung von Unabhängigkeit
  • einen einheitlichen Mechanismus für alle Formen von Umverteilung (Einkommen, Vermögen, Stadt-Land, jung-alt etc.); z.B. per Steuererklärung. Konkret hieße das: Nach Abschluss der Besteuerung sind alle Ansprüche auf Umverteilung erledigt. (Wünschenswert wäre für mich hier ein sehr soziales System, welches von der Maxime ausgeht, dass alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben sollen, aber schon nur darüber zu diskutieren wäre wohltuend.)
  • einen klaren staatlichen Leistungsauftrag und ein (von der Umverteilung getrenntes) transparentes Verfahren zur Finanzierung dieser Leistungen
  • Verwaltungsakte wie Heirat, Einbürgerung etc. auch als solche deklarieren und dafür klare Kriterien bereitstellen.

2. Politischen Wandel vorantreiben

  • Abbau von traditionellen Vorgaben in der Schweiz, z.B. in Bezug auf Armee, Föderalismus, politisches System. Die Abschaffung der Wehrpflicht ist, wie Andreas Kyriacou immer wieder betont, ein laufender Prozess, den man beschleunigen könnte; föderalistische Strukturen mögen in gewissen Aspekten hilfreich sein, sind aber grösstenteils mit riesigem administrativem Aufwand verbunden, welcher keinen Mehrwert schafft; die politische Arbeit muss dringend professioneller werden, man darf hier gerne auf Philippe Sarasins Diktum verweisen: »Wir sollten endlich aufhören so zu tun, als lebten wir auf dem Dorf.«
  • Massnahmen ergreifen, um das allgemeine Interesse an der Politik zu erhöhen, und dem Eindruck eines Gaps zwischen Bevölkerung und Politik entgegenzuwirken

3. Aussenpolitisch klares Bekenntnis zur EU; generell ein aussenpolitisches Netzwerk mit verlässlichen Partnern aufbauen, wofür der EU-Beitritt unerlässlich ist.

4. sich als echte gesellschaftlich-liberale Kraft positionieren

  • als Vision haben, das alle Menschen ihr Leben so führen können, wie sie es führen möchten; unabhängig von eventuell bestehenden Ungleichheiten
  • dem Trend, bei jedem unerwünschten Ereignis Verbote erstellen zu wollen und mit Überwachung eingreifen zu wollen, umkehren
  • generell: so wenige Gesetze und Verbote erlassen, wie für ein angenehmes Zusammenleben nötig sind
  • neben Gesetzen die Möglichkeit nutzen, für alle Leuten die gleichen Möglichkeiten in Bezug auf Bildung und Lebensgestaltung bereitzustellen (siehe oben) – womit viele Scheinprobleme echt gelöst werden können

Vieles fehlt – das alles scheint mir mehr eine Art Entwurf zu sein, oder vielmehr der unfertige Ausdruck eines Bedürfnisses, eine neue Option zu erhalten, die nicht sachbezogen mit positionslos verwechselt wie die GLP oder ein einziges Thema besetzt wie die Piratenpartei, und dann das nicht mal besonders geschickt. Ob allerdings überhaupt jemand die Energie und die Ressourcen hat, ernsthaft ins etablierte Parteiengefüge einzugreifen, scheint mir zweifelhaft.

Die Genderdebatte – und Das Magazin

Das Magazin des Tagesanzeigers scheint sich dem Thema Gender annehmen zu wollen – wie das der Tagi mit dem unsäglichen Mamablog schon länger tut. Warum unsäglich? Nehmen wir als Beispiel den neuesten Post:

Ja, wir funktionieren anders. Während Frauen sich geliebt fühlen, wenn Männer ihnen zuhören und auf sie eingehen, fühlt sich der Mann geliebt, wenn die Frau Sex mit ihm will und es geniesst. Über Gefühle redet er aber nicht gern. Ja, er legt es in Konfliktsituationen sogar darauf an, sie zu verbergen. Während wir Frauen über Dinge reden und unsere Gefühle zeigen wollen, schaltet der Mann bei auftauchenden Problemen sofort in den Analysemodus.

Solche Aussagen machen die Schreibenden (hier Michèle Binswanger) immer unter dem Vorbehalt, über Klischee bestens Bescheid zu wissen und diese keinesfalls wiederholen zu wollen, und unter der Annahme, sich auf so etwas wie die Realität zu beziehen. Darüber hinaus haben solche Texte den Anspruch, eine Art Vereinfachung für die Geschlechter zu schaffen: Indem der Mann endlich einsieht, dass er zu keiner anderen Liebe fähig ist als zur sexuellen, hört er auf, immer so verkrampft über Gefühle sprechen zu wollen, ohne es zu können – und indem die Frau merkt, dass Gefühle eine Welt ist, in der nur sie sich auskennt, verschont sie den Mann mit den Themen, für welche eine beste Freundin herhalten muss, und ergo: Ihre Beziehung verbessert sich. Solche Texte (und das schwingt immer mit) befreien uns von einem Hardcorefeminismus, der nicht nur realitätsfremd war (weil eben Männer und Frauen doch unterschiedlich sind, unterschiedlich sein müssen), sondern in seinen Forderungen auch letztlich nicht wünschenswert, denn Frauen wollen ja eigentlich nichts anderes als Mütter sein und Männer nichts anderes als Ernährer.

Ganz ähnlich arbeitet Birgit Schmid in ihrem Artikel über den »Mann als Amateur« im Magazin (und dann, eine Woche später, Roten in ihrer Kolumne). Sie konstruiert (wie auch Binswanger) ein Bild von »der Mann«, der, wenn er denn je wieder zu seinem wahren Kern, seinem inneren Mann zurückfindet, so viel besser wäre als Männer, die meinen, sich in die Domäne von Frauen begeben zu müssen und Gespräche führen oder – Gipfel der Peinlichkeit – Kinderwagen stossen. Mit diesen Männern, den richtigen, wahren, echten, mit denen macht auch Sex endlich wieder Spass, für »die Frau«.

Warum ist das eine unreflektierte, ja eigentlich gar dumme Position? Erstens, weil den so Schreibenden klar ist, welche – für alle Betroffenen äußerst negativen – Ausschlussverfahren Normierungen zur Folge haben – und dennoch gerade wieder so eine Norm schaffen. Was ist denn, wenn ich ein Mann bin, der halt nicht so gern in Lagerfeuer uriniert? Bin ich dann weniger wert? Will »die Frau« sich dann weniger auf mich einlassen? Und was ist, wenn ich gar nicht will, dass sich Frauen auf mich einlassen, sondern auf Männer stehe? Bin ich dann auch kein richtiger Mann. Und was ist mit der Frau, die irgendwie auf Männer steht, welche Bücher lesen?

Zweitens werden hier Bilder kreiert, welche mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. In Texten, welche die Differenz zwischen den Geschlechtern betonen, werden immer gewisse Studien zitiert. Dabei wird nicht beachtet, dass diese Studien gerade solche Ergebnisse erzielen, weil sie von Anfang an annehmen, es gäbe eine Geschlechterdifferenz. Zweitens können diese Studien auch nichts darüber aussagen, inwiefern diese Geschlechterdifferenz das Resultat eines sozialen Normierungsprozesses ist (ich merke als Mann irgendwann, dass der normierte Mann halt gern in Lagerfeuer pisst und fange ergo auch damit an, unabhängig von meinen diesbezüglichen Präferenzen).

Und drittens wäre zu fragen, welche Effekte denn solche Texte erzielen. Implizit versuchen sie wohl einen Schaden gutzumachen, welche »uns« der Feminismus zugefügt hat – und »uns« dazu zu verhelfen, ein zufriedeneres Leben zu führen. Dabei wird ein Bild vom Feminismus entworfen, wie es vielleicht in der CDU der 50er-Jahre wahrgenommen worden ist. Die Grundthese des Feminismus lautet: Sowohl soziale wie auch biologische Geschlechterdifferenzen sind das Resultat eines Konstruktionsvorgangs. Graduelle Unterschiede (bezüglich biologischer Ausstattung, Hormone, Eigenschaften) existieren zwischen den Individuen, nicht aber zwischen zwei mit Geschlechter zu bezeichnenden Gruppen von Menschen.

Und das wäre doch die letztlich befreiende Einsicht. Ich pisse gern in Lagerfeuer, weil ich gerne in Lagerfeuer pisse und nicht weil »der Mann« das gerne tut. Und eine Frau rasiert sich dann die Beine, wenn sie das Gefühl von glatten Beinen schätzt oder sonst einen guten Grund dafür findet – nicht aber, weil sie mit unrasierten Beinen nicht einem Bild von einer unbehaarten Frau entspricht (so viel zur »Natürlichkeit« von Geschlechtermerkmalen).

Und dann, wenn man Das Magazin schon seufzend zur Seite legen will, schreibt Daniel Binswanger doch noch etwas Kluges. Über französischen Feminismus. Und über die Frage, ob sich eine Frau über ihre Rolle als Mutter definieren muss oder soll. Und zeigt uns auf, wie so etwas scheinbar »Natürliches« wie Mutterschaft und Stillen enormen historischen Schwankungen unterliegt (immer mit so genannt wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden, notabene) – und so deutlich macht, wie willkürlich so viel von dem ist, was wir gar nicht mehr überdenken. Wie viel möglich wäre. Danke, Daniel Binswanger.

Presserat: Meine erste Beschwerde

Nach einem heiteren Tag auf den Skis – beschwere ich mich durchaus ernsthaft bei Schweizerischen Presserat: Der Abdruck von Briefen von Eltern an ihre Babys, die sie an einer Babyklappe abgeben durch Das Magazin gehört zum ethisch Verwerflichsten, was ich in den letzten Jahren in Medien gelesen habe.

Hier also meine Beschwerde (Ergänzung 16. 2.: Da ich die Beschwerde in Hardcopy einschicken muss, habe ich sie leicht überarbeitet, die eingeschickte Versionen findet sich hier):

Sachverhalt:
Am 6. Februar 2010 hat »Das Magazin« der TAMEDIA nach einer kurzen Einleitung (http://dasmagazin.ch/index.php/alles-uber-meine-mutter/) vier Briefe abgedruckt, welche der Einleitung zufolge in der Babyklappe in Lübeck (Deutschland) abgegeben worden sind. Einer dieser Briefe wurde zuvor (am 27. Dezember 2009) in Deutschland schon von Bild am Sonntag abgedruckt (http://www.bild.de/BILD/news/2009/12/27/brief-einer-mutter/an-ihr-weggebenes-baby-babyklappe.html).
Die Briefe wurden von Eltern oder einem Elternteil von Babys verfasst, welche an der betreffenden Babyklappe abgegeben worden sind. Aus den Briefen lässt sich weder die Identität der Babys noch die der Mutter (bzw. des Vaters) rekonstruieren; es handelt sich aber um äußerst intime Briefe in denen die Beweggründe für das Vorgehen der Eltern dargelegt werden.
Begründung:

Persönliche Briefe dürfen nur mit dem Einverständnis der Verfasser und der Adressaten der Briefe abgedruckt werden – um ihre Privatsphäre zu schützen (Punkt 7 der Erklärung des Presserats). Die Entscheidung von Eltern, ein Kind wegzugeben, gehört zu den privatesten Entscheidungen, die überhaupt möglich sind. Eine Veröffentlichung solch intimer Gedankengänge (welche als Brief an eine lebende Person verfasst worden sind), verletzt m.E. sowohl die Privatsphäre des Babys (siehe auch Punkt 7.4)  als auch die der Eltern – es sei denn, die Redaktion von Das Magazin kann geltend machen, sowohl die Einwilligung der Eltern als auch diejenige der gesetzlichen Vertreter der Babys eingeholt zu haben.

Darüber hinaus wird die Menschenwürde eines Kindes (Punkt 8 der Erklärung), welches von seinen Eltern nicht aufgezogen werden kann oder dessen Eltern sich dieser Pflicht entziehen wollen, massiv beeinträchtigt – auch wenn dies anonym geschieht.
Im konkreten Fall kann m.E. kein Recht der Öffentlichkeit auf Information geltend gemacht werden. In den Briefen ist keine Information enthalten, nach welcher ein konkretes öffentliches Interesse verlangt, zumal es sich um Personen handelt, die öffentlich nicht bekannt sind. Eine sachliche Berichterstattung über das Phänomen »Babyklappe« hätte dieselben Informationen enthalten können, ohne die Briefe abdrucken zu müssen.

Zur Krise der Medien – Ein Beispiel: Das Magazin

Die WoZ dieser Woche ist als »WoZ Spezial« erschienen – und behandelt die Krise der Medien: Eine Krise, die nicht nur durch den Einbruch am Werbemarkt entstanden ist, sondern aus mehreren Gründen zu einer Erosion journalistischer Standards und zu einer Preisgabe der Wertschätzung und des traditionellen Selbstverständnisses von Journalisten, wie Kurt Imhof im Interview mit der NZZ festgehalten hat. In einer Umfrage hat er ermittelt, dass gerade den News-JournalistInnen von Gratiszeitungen und Lokalradios klassische journalistische Werte fehlten, sie sich andererseits aber mit ihrem Beruf identifizierten, und so, wenn sie zu »seriöseren« Medien wechseln, dieser Kultur mitnehmen. Imhof bilanziert:

Das braucht es: Zunächst die Erinnerung an die uralte Einsicht der liberalen Aufklärungsbewegung, dass die Qualität der öffentlichen Kommunikation die Qualität der Demokratie bedingtes braucht auch die ebenso alte Einsicht, dass diese Aufgabe weder ein blosses Geschäft noch eine Aufgabe des Staats sein kann. Daraus folgt auf der strukturellen Seite die Reduktion der Abhängigkeit des Qualitätsjournalismus von Werbeeinnahmen, und zwar durch öffentliche Mittel und Stiftungsmittel sowie durch eine Steigerung der Verkaufspreise, durch den Abbau der Selbstkannibalisierung des Journalismus durch Gratismedien und durch die Lösung der indirekten Bindung der Einnahmen des öffentlichen Rundfunks an Einschaltquoten. Auf der kulturellen Seite ist ein gesteigertes Qualitätsbewusstsein für Journalismus aufseiten der Macher wie des Publikums Voraussetzung wie Produkt der genannten strukturellen Massnahmen.
Zurück zur WoZ. In der Analyse der sich immer mehr verschiebenden Schnittstelle PR – Journalismus bemerkt Susan Boos einleitend:
Der König hält sich Hofberichterstatter, der Diktator verfügt Zensur, und die Demokratie braucht kritischen, unabhängigen Journalismus, würde man meinen. Inzwischen ist aber vieles durcheinandergeraten wie zum Beispiel beim «Magazin» des «Tages-Anzeigers» vom 7. November. Auf dem Titelblatt sind lange Beine in Stilettos abgebildet, nur Beine, kein Kopf. Auf der nächsten Seite zwei dünne Frauen, viel Bein und Stilettos. Auf Seite drei kommt das eigentliche Titelblatt mit einem älteren Herrn in Trenchcoat, darunter das Zitat: «Auschwitz war für mich ein Gewinn.»

Das sitzt: «H&M»-Werbung verschränkt mit Auschwitz. Der ungarische Schriftsteller und Nobelpreisträger Imre Kértesz, der Auschwitz überlebt hat, muss gegen die mageren Models des Modehauses antreten – das lässt sich kaum toppen.

Doch wem fällt es noch auf?
Antwort: Mir ist das heute aufgefallen, und zwar erstens wieder auf der verdammten Titelseite (ich würde gerne eine andere Wortwahl vornehmen, aber es gelingt mir nicht: Wie kann Das Magazin die Titelseite verkaufen?):
Und zweitens beim Text von Daniel Binswanger. Zwar setzt er sich gewohnt kritisch-fundiert mit der Rolle der Schweizer Großbanken auseinander, nennt aber sowohl UBS als auch CS im Titel und siehe da – beim Stichwort »Lobbying-Offensive« platziert die CS doch auch gleich ein Inserat neben diesem Artikel. Die Frage, ob das Huhn (der Text) oder das Ei (die Inserentin) zuerst gewesen seien, drängt sich beängstigenderweise auf.
Es bleibt: Das werbefreie Internet (Kurzanleitung: Firefox installieren, AdBlockPlus installieren, Filterliste abonnieren, fertig) – bei dem zwar Artikel von Inserierenden eingekauft sein mögen – und die WoZ.
Noch ein P.S.: