Warum wir nicht an wissenschaftliche Fakten glauben.

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Chris Mooney hat einen sensationellen Artikel für MotherJones verfasst: The Science of Why We Don’t Believe in Science. (Chris Mooney bloggt übrigens auf The Intersection.) Er beantwortet darin die Frage, warum sich Menschen nicht auf wissenschaftliche erhärtete Erkenntnisse einlassen und lieber weiter an etwas glauben, was sich wissenschaftlich nicht nachweisen lässt.

Als Amerikaner bezieht sich Mooney auf die klassischen Beispiele, mit welchen sich die amerikanische Politik beschäftigt:

  • Klimaerwärmung
  • Irakkrieg im Zusammenhang mit der Frage
    a) ob Hussein Massenvernichtungswaffen besessen habe
    b) ob Hussein mit den 9/11-Anschlägen etwas zu tun gehabt habe
  • Evolution vs. Kreationismus
  • Geburtsort und Glaube von Obama
  • Wirksamkeit der Todesstrafe
  • Anti-Impf-Bewegung

Es ist Mooney zugute zu halten, dass er nicht nur Beispiele anschaut, bei welchen die traditionell gläubigen Republikaner unwissenschaftlich argumentieren, sondern (z.B. bei der Impffrage) auch den irrationalen Skeptizismus der Linken unter die Lupe nimmt. Die wesentlichen Erkenntnisse von Mooney sind nun:

1. Wie Überzeugungen wirken.

Wenn wir von etwas überzeugt sind, so werden wir Fakten, die unseren Überzeugungen widersprechen, entweder ignorieren oder die Quellen dieser Fakten für unglaubwürdig halten oder die Fakten direkt bezweifeln. Wir verhalten uns in Bezug auf Überzeugungen wie Sekten, die an den Weltuntergang an einem bestimmten Datum glauben: Selbst wenn dieser Weltuntergang nicht eintritt, führt das nicht dazu, dass sie ihren Glauben abschütteln.

Konkret heißt das: Experten, die eine andere Haltung vertreten als unsere, schätzen wir als unglaubwürdiger ein als solche, welche unsere Haltung stärken. Wir bezweifeln Statistiken, welche unsere Überzeugungen untergraben – und glauben auch unseriösen Studien, welche unsere Überzeugungen stützen.

2. Psychologie der Überzeugungen.

Es gibt grundsätzlich drei Gründe, die dazu führen, dass wir uns so verhalten:

Erstens tendieren wir aufgrund von unbewussten Faktoren wie Emotionen dazu, Sachverhalte einzuschätzen, bevor wir vernünftig über sie nachdenken. Dieses Nachdenken ist dann eher ein Prozess, der dazu führt, unsere subjekten Einschätzungen zu stützen. In anderen Worten: Wir denken eigentlich nie unvoreingenommen nach, sondern wissen unbewusst immer schon, was wir herausfinden möchten. Mooney verwendet Beispiele aus dem Beziehungsbereich: Eltern glauben aus Liebe zu ihren Kindern nie daran, dass diese andere Kinder mobben – auch wenn alle Fakten bzw. Fremdurteile dafür sprechen.

Zweitens haben wir unsere Haltungen langfristig aufgebaut. Diese Investition von Ressourcen muss sich lohnen. Würden wir alles, was wir glauben, ständig hinterfragen, wenn sich eine Möglichkeit bietet, wären wir fast ausschließlich mit dem Hinterfragen beschäftigt – und entsprechend verunsichert und orientierungslos.

Drittens definieren uns unsere Haltungen. Es mag irrational erscheinen, wenn Sektenmitglieder an den Weltuntergang auch dann glauben, wenn er nicht eingetreten ist. Aber dadurch definieren sie sich als Sektenmitglieder – sie gehören gerade deshalb zur Sekte. Wenn nun ein Homöopath an der Wirksamkeit der Homöopathie zu zweifeln glaubt, führt das nicht nur zu einer Kritik an seinem früheren Verhalten (auch von außen), sondern auch zu einer Erschütterung vieler Beziehungen, letztlich zu einer starken sozialen Belastung – es mag also durchaus rational für ihn sein, weiterhin an etwas zu glauben, woran er – nach wissenschaftlichem Maßstab – nicht glauben sollte.

3. Die Konsequenzen.

Mooney gibt auch eine Empfehlung ab, wie mit diesem Problem (z.B. in den Medien) umgegangen werden könnte. Die wichtigste Idee ist, dass die Fakten alleine wenig wirksam sind. Um Leute zu überzeugen, muss man mit Haltungen und oder Werten argumentieren, welchen mit ihren eigenen Haltungen und Werten zumindest teilweise übereinstimmen. Man müsste also beispielsweise Leuten, welche an den Zusammenhang zwischen harten Strafen und Sicherheit glauben, ein Narrativ anbieten, das beim Wert der Sicherheit ansetzt und zeigt, dass eine Alternative eine bessere Umsetzung dieser Werthaltung ermöglicht – oder aber Autoritätspersonen beziehen, welche für Haltungen und Werte stehen und für vernünftige Argumente zugänglich sind. Diese Aufgabe betrifft insbesondere Medien. (Mooney verweist auf diese Studie.)

4. Der politische Aspekt.

Wie einleitend schon erwähnt, untersucht Mooney konservative (rechte) und progressive (linke) politische Bewegungen in Bezug auf Überzeugungen. Dazu macht er drei spannende Aussagen (die ich hier vereinfacht wiedergebe):

  • Rechte und linke Überzeugungen unterliegen den oben beschriebenen Effekten – sie entsprechen de facto Glaubenssystemen.
  • Rechte Überzeugungen werden in der Konfrontation mit gegenteiligen Fakten nicht schwächer – sondern gar stärker. Diese Verstärkung lässt sich bei linken Überzeugungen nicht nachweisen (»backfire effect«).
  • Dem wissenschaftlichen Mainstream widersprechende Haltungen findet man nur bei rechten BerufspolitikerInnen, nicht aber bei Linken (z.B. gibt es in den USA keine DemokratInnen, welche an unwissenschaftliche Zusammenhänge zwischen Impfungen und Krankheiten glauben, aber viele RepublikanerInnen, welche wissenschaftlich erhärtete Fakten zur Klimaerwärmung bestreiten).

5 Gedanken zu “Warum wir nicht an wissenschaftliche Fakten glauben.

  1. Diese These basiert auf der Idee von politischen Frames (Deutungsrahmen). In unserer Entwicklung eignen wir uns bestimmte Vorstellungen an, wie etwas funktionieren soll oder ist, wir eignen uns Weltbilder an, die entweder der progressiven oder der konservativen Idee entspricht. Durch gezieltes Wiederholen, Repetieren und damit forciertem Verknüpfen von Gedanken kann man bei einem Menschen einen neuen Rahmen provozieren: Jeder von uns weiss ±, was die Ideen von konservativer Politik ist. Wenn wir über Monate konservative Werte, Vorstellungen, Ideen und Forderungen predigen, fängt der Mensch immer mehr konservativer zu denken, auch wenn er überzeugter Progressiver war. – Und dieser konservative Deutungsrahmen verhindert, wie du via Mooney sagst, dass wir nicht an wissenschaftliche Fakten glauben _können_. Wir können die Idee von einer globalen Erderwärmung gar nicht deuten, uns fehlt etwas im Deutungsrahmen, dass wir dieses Faktum auffangen und deuten.

    Aus schweizerischer Sicht müssen wir einsehen, dass das so ist: Es sind die Rechten, die Konservativen, die sich extrem organisieren, rhetorisch gleichstellen und denselben Zapf in jede Kamera und in jedes Mikrofon reinplappern. Auch wenn eine SVP-Wirtschaftspolitik vielen Arbeitern schadet, wählen sie die SVP, weil die Gegenargumente der Linken gar nicht mehr wirken. Auch wenn die SVP-Gesellschaftspolitik Schwulen, Bisexuellen und Lesben schadet und ihrem Sein widerspricht, gibt es die GaySVP – Es ist widersprüchlich, aber die Vernunft kann hier wirklich nichts bewirken.

    Wer wirklich etwas dagegen tun möchte, kann das nur über die Teilnahme an einem progressiven Verein machen; sei es einer politischen Partei, Gewerkschaft,

  2. Schade (weil in den USA kaum anders möglich), wurde das Ganze nur nach dem alten Links-/Rechtsschema angeschaut.

    Wenn ich z. B. schaue, wie sich einige Mitte-Parteien nun plötzlich von AKW-Befürwortern zu AKW-Gegnern gewandelt haben und dies ohne konkrete, neue wissenschaftlichen Angaben (es liegt ja noch nicht einmal ein Untersuchungsbericht vor), dann wäre eben auch deren Verhalten interessant – zumindest hierzulande.

  3. Pingback: Wissen, Verschwörungstheorien und Medien – zu Osama und Obama | Philippe Wampfler bloggt.

  4. Pingback: Wie Konservative denken: Die Tendenz zur Ignoranz | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

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