Anstand: Ein überholtes Konzept

Gestern führte ich eine Twitter-Diskussion, in deren Verlauf mir vorgeworfen worden ist, ich halte Anstand für ein ein überholtes Konzept, weil ich Folgendes getwittert habe (den Vorwurf hat Andreas Gossweiler mittlerweile gelöscht):

Der Kontext, in dem ich mich so geäußert habe, war das Editorial der letzten Weltwoche. Dort warf Roger Köppel Markus Schär vor, die liberale Ideologie verraten zu haben:

Kürzlich erklärte mir der Mitarbeiter eines liberalen Schweizer Think-Tanks, wa­rum er gegen längere Ladenöffnungszeiten sei: Er wohne in der Nähe eines Restaurants, es ­herrsche täglich Lärm bis zehn Uhr abends, ­irgendwann müsse genug sein.

Schär antwortete darauf mit einem offenen Brief, den er via Twitter verbreitete:

Wie Freiheit und Verantwortung oder eigene und fremde Freiheit miteinander verschränkt sind, halte ich für interessante, aber kaum mit einfachen Festlegungen lösbare Probleme. Dass die eigene Freiheit dort aufhöre, wo die fremde beginne, ist so simpel wie nichtssagend – weil ja genau unklar ist, wo denn dieses Aufhören und Beginnen anzusetzen wären.

Und in diesem Zusammenhang ging es dann um Anstand. Den Vorwurf, ich fände Anstand unwichtig, wies ich intuitiv zurück: Ich mag anständige Menschen. Gerne steige ich zuerst aus dem Zug aus, bevor andere einsteigen, finde eine saubere Toilette vor und werde gefragt, ob der Platz neben mir noch frei sei.

Und dennoch halte ich das Konzept Anstand für obsolet. Das werde ich kurz begründen.

Fragt man Leo, was Anstand auf englisch heißt, werden im Wesentlichen diese Möglichkeiten angeboten:

Zurückübersetzt, könnte man folgende Liste mit Synonymen anfertigen:

  • Schicklichkeit
  • Manieren
  • Integrität
  • Bescheidenheit
  • Korrektheit
  • Sittsamkeit

Wenn man nun Integrität und Bescheidenheit mal weglässt – das erste als ein schwer zu definierendes Konzept, zu dem viel mehr gehört als Anstand; das zweite als eine Tugend, die genau zu fassen ist und alleine nicht ausreicht, um Anstand zu erklären – dann bedeutete Anstand, das zu tun, was sich »schickt«, was »korrekt« ist, der »Sitte« entspricht oder festgelegten »Manieren«: Also einer willkürlichen Norm zu entsprechen.

Der Sinn dieser willkürlichen Norm ist, menschliches Verhalten erwartbar und anschließbar zu machen. Wenn alle nach Lust und Laune in den Bus ein- und aussteigen würden, dann ginge das viel länger und man wüsste nicht, wann man an der Reihe ist. Also gibt es eine – in diesem Fall – vernünftige Regel. Gerade daran zeigt sich, weshalb das Konzept Anstand unnötig ist: Es lässt sich durch Moral, Vernunft, Recht und psychologische Klugheit komplett ersetzen.

Wer in den Zug einsteigt, bevor alle ausgestiegen sind, verlängert den Prozess. Das ist unvernünftig. Wer die Toilette verschmutzt hinterlässt, handelt nicht moralisch. Wer sich hinsetzt, ohne seinen Sitznachbarn darauf aufmerksam zu machen, könnte diesen verärgern, erschrecken oder stören. Das ist unklug.

Meine Großeltern zogen drei Kinder groß und handelten – so mein Eindruck – ihr ganzes Leben nach der Maxime: »Was könnten die anderen Leute denken?« Wer Anstand als Begründung vorgibt, etwas zu tun oder nicht zu tun, folgt genau diesem Denken. Die Person akzeptiert, dass menschliches Verhalten Regeln folgen soll, die nicht durch Vernunft, Moral, Recht oder Klugheit begründet werden können, sondern durch einen traditionell und kulturell gefestigten Kodex, über den es nur implizites Wissen gibt.

Das gilt meiner Meinung nach speziell für die Erziehung: »Das ist unanständig« sollten Eltern vermeiden. Kinder sprechen mit vollem Mund. »Tut das nicht.« – »Warum?« – »Das ist unanständig.«:

  1. »Ich verstehe dich schlecht.«
  2. »Im mag es nicht.«

Ganz ehrlich zu sein und seine Gefühle auszudrücken ist oft wirkungsvoller und ehrlicher, als Anstand zu bemühen.

Handeln die Wählerinnen und Wähler von rechtskonservativen Parteien gegen ihre Interessen?

Vor zwei Monaten habe ich über die Arbeiten von Chris Mooney geschrieben, der erklärt, dass Wählerinnen und Wähler der amerikanischen Republikaner häufig die Realität verkennen und belegte wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen, weil es ihnen Stabilität (z.B. in einer Glaubensgemeinschaft) wichtiger ist als die korrekte Darstellung von Tatsachen.

Jonathan Haidt forscht an der University of Virginia und an der New York University über »Moral Foundations Theory« – und analysiert die Differenz zwischen konservativen und liberalen Wählerinnen und Wählern in den USA von einem anderen Standpunkt aus, wie er in einem lesenswerten Artikel im Guardian und in seinem Buch, The Righteous Mind, darlegt.

Seine Theorie basiert auf der Annahme, Moral bestünde aus sechs Polpaaren:

  1. Fürsorge – Schaden
  2. Fairness – Betrügen
  3. Freiheit – Unterdrückung
  4. Loyalität – Betrug (in einem anderen Sinne als bei 2.)
  5. Autorität – Unterordnung
  6. »Heiligkeit« (Dinge als unantastbar betrachten, nicht nur im religiösen Sinne) – Erniedrigung

Auf yourmorals.org kann man den eigenen moralischen Kompass testen. Haidt tut das, indem er verschiedene Fragen stellt, bei denen es immer darum geht zu sagen, wie viel Geld man erhalten müsse, um eine bestimmte Handlung auszuführen:

Das führt zu einer Darstellung der eigenen Moral, die man wohl besser in einem Smartspider präsentieren würde:

Der grüne Balken sind »meine« Resultate, der blaue der von Liberalen (Linken) und der rechte der von Konservativen (Rechten).

Haidts Folgerungen sind nun folgende:

Konservative haben höhere moralische Standards in den Bereichen Autorität, Loyalität und »Heiligkeit«/Reinheit. Er spricht davon, dass sich Moral wohl ähnlich verhalten wie die Geschmacksempfindungen auf der Zunge – d.h. wir nehmen verschiedene Geschmacksrichtungen war, können sie unterscheiden und bevorzugen. Damit erklärt er nun das Wahlverhalten von Menschen, die Politikerinnen und Politiker wählen, die ihnen mit großer Wahrscheinlichkeit Schaden zufügen:

Many commentators on the left have embraced some version of the duping hypothesis: the Republican party dupes people into voting against their economic interests by triggering outrage on cultural issues. “Vote for us and we’ll protect the American flag!” say the Republicans. “We’ll make English the official language of the United States! And most importantly, we’ll prevent gay people from threatening your marriage when they … marry! Along the way we’ll cut taxes on the rich, cut benefits for the poor, and allow industries to dump their waste into your drinking water, but never mind that. Only we can protect you from gay, Spanish-speaking flag-burners!”

Diese »duping hypothesis«, also die Hypothese, rechtskonservative Parteien würden ihre Wählerschaft täuschen und mit Tricks dazu bringen, ihre Interessen zu vergessen, widerlegt Haidt, indem er darauf hinweist, dass diese Wählerschaft andere Präferenzen hat: Sie ist bereit, die wirtschaftlichen Schäden in Kauf zu nehmen, weil sie besonderen Wert auf Autorität, Loyalität und die »Heiligkeit« von z.B. nationalen Werten legt.

* * *

Meine Meinung: Ich finde Haidts Ansatz deshalb spannend, weil er eine Wahl als eine Entscheidung auffasst und zeigen kann, welche Interessen gegeneinander abgewogen werden. Natürlich basieren diese Entscheidungen häufig auf einer falschen Einschätzung der Realität – worauf Mooney hinweist. Gemeinsam ist beiden Ansätzen, dass Rechtskonservative sich dadurch auszeichnen, dass sie eine Glaubensgemeinschaft bilden. Will man sie von anderen Positionen überzeugen, muss man über ihren Glauben argumentieren: Ihnen zeigen, dass sie loyal bleiben, wenn sie sich anders entscheiden.

* * *

Zusatz 12. Juni 2012: Im Freitag erscheint heute eine Kritik an Haidts Buch. Darin bemängelt George Monbiot, dass Haidt keine Belege für das Wahlverhalten der Bevölkerung anführe. Konkret: Psychologisch mag Haidt Recht haben, politisch liegt er daneben, weil heute zum Beispiel in den USA mehr Menschen aus sozial tieferen Schichten Demokraten wählen, aber insgesamt weniger abstimmten gehen. Monbiots Fazit:

Wenn Haidt und seine Bewunderer Recht hätten, bestünde die richtige Strategie für Labour, die US-Demokraten und andere ehemals fortschrittliche Parteien darin, sogar noch weiter nach rechts zu schwenken. Wenn aber das Problem in Wahrheit nicht darin besteht, dass die abhängig Beschäftigten ihre Wahlpräferenzen gerändert haben, sondern dass sie überhaupt nicht mehr wählen gehen, weil sie zwischen den ihnen offerierten politischen Angeboten keinen Unterschied erkennen, besteht das richtige politische Rezept im genauen Gegenteil: Wieder weiter nach links zu rücken und nicht „Ordnung und nationale Größe“ in den Vordergrund zu stellen, sondern Fürsorge und wirtschaftliche Gerechtigkeit.

Was das Lügen erleichtert

Kenny_Louie, CC BY

Kürzlich habe ich über die Frage gebloggt, warum Menschen sich unethisch verhalten. Dan Ariely, dessen erstes Buch, Predictably Irrational, sehr spannend war, hat neue Forschung zur Frage, warum Menschen lügen, in ein neues Buch verpackt: The (Honest) Truth about Dishonesty. Diese Frage hängt stark damit zusammen, warum Menschen überhaupt elementare moralische Gebote verletzen.

In einem Artikel im Wall Street Journal fasst Ariely seine Forschung zusammen. Er beschreibt ein Grundexperiment: Eine Gruppe Menschen erhält ein Blatt, auf dem 20 solcher Matrizen mit derselben Aufgabenstellung zu sehen sind:

Aufgabe: Welche Zahlen zusammen ergeben 10?

Nun werden sie gebeten, die Aufgaben zu lösen. Durchschnittlich kann man in der vorgegebenen Zeit vier Aufgaben lösen. Pro richtige Aufgabe geben die Forscher den Probanden Geld, z.B. 50 cents.

Mit diesem Experiment wird nun untersucht, unter welchen Bedingungen Menschen lügen oder betrügen: Die Probanden können nämlich selber angeben, wie viele Aufgaben sie lösen konnten und dürfen zudem das Blatt vorher vernichten. Die Resultate sind erstaunlich:

  • Praktisch niemand gibt an, alle Aufgaben gelöst zu haben, obwohl das nicht überprüft werden könnte und man dafür bezahlt würde.
  • Eine geringere Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, hat keinen Einfluss auf das Mass, in dem gelogen wird.
  • Der zu erwartende Gewinn hat keinen Einfluss darauf, wie stark Menschen lügen.
  • Wenn andere einen Vorteil haben, wenn man selber lügt, sind viele Menschen stärker bereit, zu lügen.
  • Wenn andere offensichtlich sehr stark betrügen (Ariely benutzte einen Schauspieler), betrügt man selber auch stärker.
  • Je indirekter man lügen kann, desto stärker tut man es (wenn z.B. nicht Geld bezahlt wird, sondern Jetons, die man wieder in Geld umtauschen kann).
  • Wenn man selber schon in anderen Bereichen lügen muss, ist man bereit, viel stärker zu lügen.
  • Man wird ehrlicher, wenn man an ethische Regeln erinnert wird (z.B. die 10 Gebote).
  • Man wird ehrlicher, wenn man vor dem Experiment unterschreiben muss, dass man nicht lügen wird.

Arielys These ist, dass sehr wenige Menschen gar nicht lügen oder immer lügen – fast alle jedoch eine Tendenz dazu haben, unter gewissen Bedingungen leicht zu lügen. Das lässt sich wohl verallgemeinern: Wenn man sicherstellen will, dass Menschen sich anständig verhalten, müssen sie direkt miteinander interagieren, dürfen keine negativen Beispiele sehen und sollen an die eigene Verpflichtung erinnert werden, anständig zu sein. Strafen hingegen oder mehr Kontrollen haben keinen Effekt darauf.

Als Beispiel schlägt Ariely vor, dass man bei der Steuererklärung vor dem Ausfüllen mit der Unterschrift erklären muss, dass alle Angaben wahr seien – und nicht nachher. Er hat diesen Effekt bei Versicherungen untersucht und deutliche Veränderungen messen können.

Warum Menschen sich unethisch verhalten

In ihrer Vorlesung Über das Böse sagte Hannah Arendt im Rückblick auf ihre Arbeiten zum Totalitarismus und zum Fall Eichmann:

Es wird fast immer übersehen, dass das, was moralisch wirklich zur Debatte steht, nicht beim Verhalten von Nazis, sondern bei denjenigen auftrat, die sich nur »gleichschalteten« und nicht aus Überzeugung handelten. [...] Die Moral zerbrach und wurde zu einem bloßen Kanon von »mores« – Manieren, Sitten, Konventionen, die man beliebig ändern kann – nicht bei den kriminellen, sondern bei den gewöhnlichen Leuten. […]
Das größte Böse ist nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins unvorstellbare Extrem entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten.

Kurz gesagt: Es gibt keine böse Menschen, es gibt nur Menschen, die Böses tun. Im Folgenden möchte ich zwei Perspektiven auf die Frage diskutieren, warum Menschen böse – oder technisch gesagt: unethisch – handeln.


(I) Der Fall Toby Groves
Warum die Rahmenbedingungen den Blick auf die Ethik verstellen

In einem längeren Artikel von NPR schildern Chana Joffe-Wald und Alix Spiegel den Fall von Toby Groves. Groves Bruder wurde 1986 wegen Bankbetrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, worauf Groves seinem Vater versprach, nie etwas Ähnliches zu tun. Groves hielt sich immer für einen starken, ethisch bewusst und korrekt handelnden Menschen. 2008 wurde auch er für dasselbe Verbrechen verurteilt.

Alle Bildrechte bei NPR.

Groves fragte sich, ob sein unethisches Verhalten genetische Ursachen haben könnte. Forschungsergebnisse, z.B. von Ann Tenbrunsel, zeigen aber, dass ethische Folgen von Entscheidungen für uns nur dann eine Rolle spielen, wenn sie im Vordergrund stehen oder deutlich markiert sind. Geht es um eine Geschäftsentscheidung, werden ethische Grenzen viel schneller und ohne schlechtes Gewissen überschritten, als wenn klar ist, dass die Entscheidung moralisch bedeutsam ist.

Alle Rechte für das Bild bei NPR.

Das führte ihm Fall von Groves dazu, dass eine Reihe von Mitarbeitenden und anderen Firmen am Betrug beteiligt waren – und niemand etwas eingewendet hat. Der Artikel zeigt an einem Beispiel, dass Menschen lügen und betrügen, weil sie sich in andere reinfühlen und andere Menschen ihnen wichtig sind.

Was heißt das? Im Fazit des Artikels steht:

Now if these psychologists and economists are right, if we are all capable of behaving profoundly unethically without realizing it, then our workplaces and regulations are poorly organized. They’re not designed to take into account the cognitively flawed human beings that we are. They don’t attempt to structure things around our weaknesses.

Es müssen also z.B. folgende Massnahmen ergriffen werden:

  • Die ethische Bedeutung von Handlungen muss verstärkt deutlich gemacht werden (indem z.B. auf Formularen steht, dass es verboten ist, zu lügen).
  • Menschliche Beziehungen müssen auf der professionellen Ebene immer wieder gebrochen werden – feste soziale Netzwerke verhindern, dass Menschen sich die ethischen Folgen des Handeln von anderen vor Augen halten.


(II) Eine Verkehrsstudie
Warum besser gestellte Menschen sich moralisch schlechter verhalten als schlechter gestellte

Eine Gruppe von Forschenden von der UCLA Berkeley hat in aufschlussreichen Untersuchungen den Zusammenhang zwischen sozialem Status und Unrechtsbewusstsein untersucht.  Fazit: Je weiter oben man sozial steht, desto weniger Hemmungen hat man, sich unethisch zu verhalten.

Wie untersucht man sowas?

  1. Die Forschenden haben Verstöße gegen Verkehrsregeln untersucht und dann aufgrund des Autotyps und -jahrgangs den sozialen Status festgelegt.
  2. Die Forschenden haben Menschen sich selbst einstufen lassen, und dann Gedankenexperimente durchgespielt.
  3. Nebenbei haben sie darauf hingewiesen, es gebe vor der Toilette eine Schale mit Kinderschokolade, von der die Kinder jeweils ein Stück nehmen dürften. Wer sozial weiter oben steht, nahm (heimlich) mehr als eines (1.17), wer weiter unter steht, deutlich weniger (0.6).
  4. In Experimenten haben sie scheinbar zufällige Würfe eines Würfels vorgeführt (am Computer). Je höher die Summe der Ergebnisse, desto mehr Geld erhielten die Teilnehmenden. Sie wussten allerdings nicht, dass die Summer immer 12 betrug. Wer sozial besser gestellt war, hat eher eine höhere Summe angegeben, als tatsächlich auf den Würfeln stand.

Alle diese Experimente wurden darauf geprüft, ob andere Faktoren auch hätten entscheidend sein können. Zudem haben die Forschenden eine Hypothese entwickelt, warum besser Gestellte sich unethisch verhalten könnten.

Die Abbildung zeigt, dass »greed«, also Gier der Grund dafür ist. Sozial höher stehende Menschen haben ein entspannteres Verhältnis zu Gier, sie sind der Ansicht, dass Gier nichts Schlimmes ist und sie auch ein Anrecht darauf haben, gierig zu sein. Deshalb handeln sie unethisch (untere Linie). Wenn Menschen unter dieser Voraussetzung (»Gier ist gut«) handeln, dann gibt es in Bezug auf unethisches Verhalten keine Unterschiede mehr, höhere soziale Klassen verhalten sich dann sogar leicht ethischer (obere Linie).

Die AutorInnen bieten weitere Erklärungen für das Ergebnis an, dass sozial besser Gestellte sich moralisch fragwürdig verhalten:

  1. Sie arbeiten an Orten, wo es weniger strukturelle Hindernisse für unethisches Verhalten gibt (z.B. mehr Privatsphäre etc.).
  2. Es fällt ihnen einfacher, die negativen Auswirkungen von unethischem Verhalten abzufedern.
  3. Ihr Selbstbild zeigt ihnen an, dass sie weniger Rücksicht auf andere nehmen müssen und zu mehr berechtigt sind.
  4. Sie orientieren sich stärker an Zielen und kümmern sich weniger um die Urteile anderer.
  5. Sie sind häufig in einer Wirtschaftstheorie geschult, die das Selbstinteresse als entscheidend für ein positives Gesamtergebnis hält.

Alle diese Gründe führen dazu, dass Gier als legitim und sogar positiv wahrgenommen wird – was wiederum ethische Hemmnisse schwächt.
Die Autorinnen und Autoren merken selbst an, dass die Definition der Begriffe (»ethisch«, z.B.) problematisch ist und das Beschreiben solcher Ursachen wissenschaftlich nicht unproblematisch.

,Das habe ich getan’, sagt mein Gedächtnis. ,Das kann ich nicht getan haben’, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.
– Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse 

Ich wurde auf die beiden Artikel hingewiesen – besten Dank! Wer gerne die zweite Untersuchung als pdf hätte, kann mir eine Mail schreiben. 

Eltern und die Ernährung ihrer Kinder – angewandte Ethik

In einem Interview auf Newsnet formuliert der Leiter der Ethikstelle am Inselspital Bern, Rouven Porz, bemerkenswerte Aussagen in Bezug auf vegane Ernährung:

Die Frage ist also: Welche Handlungen sind so unmoralisch, dass man die Kinder vor ihren Eltern schützen muss? Für mich geht die vegane Ernährung in eine solche falsche Richtung. Sie ist unmoralisch. Die Kinder gehören in dieser Hinsicht also nicht den Eltern, sondern uns allen.

Seine Argumentation ist zunächst deskriptiv: Er stellt fest, dass die Gesellschaft den Eltern nicht sämtliche Freiheiten im Umgang mit ihre Kindern gibt, sondern diese Freiheiten einer bestimmten Beschränkung unterworfen sind – man also über diese Beschränkung nachdenken kann. Das wäre dann Ethik.

So weit bin ich einverstanden. Nun fällt Porz aber einfach ein höchst willkürliches moralisches Urteil, das auf Annahmen in Bezug auf Ernährung basiert: Vegane Ernährung schade Kindern (implizit spricht Porz von »körperlichen Gewalt«), also müsse die Gesellschaft Eltern in dieser Hinsicht Vorschriften machen.

Nun schaden Eltern ihren Kindern auf allen Ebenen des Lebens: Jede Entscheidung, die sie innerhalb der Erziehung fällen, hat wahrscheinlich auch negative Konsequenzen für das Kind. Und jede Entscheidung, die sie nicht fällen, wohl auch.

Die Frage ist letztlich, wie gravierend diese Konsequenzen sind, wie klar absehbar sie sind und wie sicher sie eintreten. In Bezug auf vegane Ernährung gibt es zumindest berechtigte Zweifel daran, dass sie Kindern schade, wenn man ihnen genug Vitamin B12 abgibt (hier die Stellungnahme der Vegangen Gesellschaft Schweiz).

Vergessen geht bei Porz, dass die sich und ihre Kinder vegan ernährenden Eltern ja durchaus ein großes ethisches Bewusstsein aufweisen. Sie beziehen sich häufig auf philosophische Positionen wie die von Peter Singer. Singer selbst reduziert seine Ethik auf eine knappe Formel:

In meiner Theorie geht es um die Vermeidung unnötiger Leiden.

Das Leiden der Tiere, welche industriell gehalten werden, um Lebensmittel zu produzieren, ist in der Ansicht dieser Menschen größer als das Leiden unter einer verantwortungsbewussten veganen Ernährung. Und dieser Gedanke ist nicht völlig von der Hand zu weisen, sondern äußerst rational und äußerst ethisch. Singer merkt weiter an:

Natürlich haben Eltern um das Wohl ihrer Kinder besorgt zu sein. Aber es ist eine Frage des Masses. Wenn die Bevorzugung der eigenen Kinder gegenüber fremden Kindern bedeutet, dass man meint, es sei beispielsweise in Ordnung, dem eigenen Kind ein teures Fahrrad zu kaufen, obwohl das alte noch brauchbar ist, statt den entsprechenden Betrag zu spenden, um anderen Kindern das Leben zu retten: Dann würde ich sagen, eine solche Bevorzugung sei moralisch nicht zu rechtfertigen. Der Grund ist einfach der, dass das Retten eines Lebens moralisch wichtiger ist, als dem eigenen Kind eine Freude zu machen.

Da sollte man wohl mal drüber nachdenken.

Die Zugbrücke – eine Ethik-Übung (The Drawbridge)

Es gibt eine berühmte Geschichte, die in Management-Seminaren, Ethik-Kursen und ähnlichen Ausbildungsmodulen Studierenden vorgelegt wird (hier als pdf mit einer zusätzlichen, ähnlichen Aufgabe). Die Geschichte heißt »The Drawbridge«, die Autorin ist unbekannt. Die Erzählung soll als Vorlage für eine Gruppenarbeit (mindestens vier Studierende pro Gruppe) dienen. Ich habe sie auf Deutsch übersetzt, die damit verbundene Aufgabe steht unter der Geschichte.

Als er das Schloss verließ, um seine abgelegenen Provinzen zu besuchen, warnte der eifersüchtige Baron seine hübsche Frau: »Verlasse das Schloss nicht, während ich weg bin, sonst werde ich dich schwer bestrafen, wenn ich zurückkomme.« 

Aber mit der Zeit fühlte sich die junge Baronin einsam und entschied sich, trotz der Warnung ihres Mannes, ihren Liebhaber zu besuchen, der in der Nähe auf dem Land lebte. Das Schloss lag auf einer Insel in einem breiten, schnell fließenden Fluss. Es gab eine Zugbrücke, welche die Insel an der schmalsten Stelle des Flusses mit dem Festland verband. Die Baronin dachte: »Mein Mann wird sicher nicht vor mir zurück sein«, und befahl einem Diener, die Zugbrücke runterzulassen und sie so lange unten zu lassen, bis sie zurückgekehrt sei.

Nach einigen angenehmen Stunden mit ihrem Liebhaber kehrte die Baronin zur Zugbrücke zurück, wo sie einen Verrückten vorfand, der wild mit einem langen und extrem scharfen Messer umherfuchtelte.

Er schrie rasend: »Versuche nicht, diese Brücke zu überqueren, oder ich töte dich.« Die Baronin kehrte um, um ihr Leben fürchtend, und bat ihren Liebhaber um Hilfe.

Dieser sagte: »Unsere Beziehung ist eine rein romantische, ich will dir nicht helfen.« Die Baronin wandte sich darauf an einen Fährmann auf dem Fluss und bat ihn, sie in seinem Boot über den Fluss mitzunehmen.

»Ich mache das gern, aber nur, wenn du mir meinen Lohn von fünf Gulden bezahlst.« Die Baronin protestierte: »Ich habe kein Geld dabei!« – »Zu schade«, versetzte der Fährmann, »kein Geld, keine Überfahrt.« 

In ihrer wachsenden Angst rannte die Baronin weinend zu einem Freund, dem sie ihr Problem schilderte. Sie bat ihn, ihr genug Geld zu leihen, damit sie den Fährmann bezahlen könnte.« 

Der Freund sagte: »Hättest du deinen Ehemann nicht betrogen, wäre dies nicht passiert. Ich gebe dir kein Geld.« 

Es dunkelte ein und die Baronin hatte die letzte Möglichkeit ausgeschöpft. Sie kehrte zur Brücke zurück, versuchte sie zu überqueren und wurde vom Verrückten umgebracht. 

Aufgabe: 

  • Jedes Mitglied der Gruppe soll für sich eine Rangliste in Bezug auf die moralische Bewertung des Verhaltens der beteiligten Personen erstellen: Baron, Baronin, Freund, Fährmann, Liebhaber, Verrückter. [hier in alphabetischer Reihenfolge wiedergegeben]
  • Danach sollen die Ranglisten in der Gruppe verglichen und die Begründungen für die Rangierung diskutiert werden. [Alternative: Danach soll sich die Gruppe für eine Rangliste entscheiden, ohne dass abgestimmt werden darf.]
  • Nun dürfen alle Teilnehmenden ihre Liste ändern, wenn sie das möchten.
  • Darauf folgt eine Auswertung im Plenum, welche folgende Punkte enthalten kann:
    1.) Wer hat die Rangliste geändert? Warum?
    2.) Welche Figuren ragen durch ihr Verhalten heraus? Warum?
    3.) Welche Rolle spielt das Geschlecht der Personen?
    4.) Welche Rolle spielt der sozio-historische Hintergrund für die Bewertung?

Zum Verhältnis von Rechtsstaat und Macht

Kürzlich hat Anwalt Martin Steiger Folgendes getwittert:

In meiner Reaktion habe ich darauf hingewiesen, dass es eine Differenz zwischen Parteispenden und abstimmen gibt: Abstimmen untersteht dem Prinzip (oder der Fiktion), dass jede und jeder Stimmberechtigte gleich viel Gewicht hat – über Parteispenden können reiche Personen und Institutionen dann Macht ausüben, wenn sie viel Geld haben.

Die Frage, die sich in einer Auseinandersetzung zwischen der Feministin Nadine Lantzsch und dem Juristen Udo Vetter gestellt hat, ist nun, ob der Rechtsstaat ein Konzept ist, welches nicht von Macht geprägt ist.

Lantzschis Position ist dabei diese:

Was ja am Ende, glaubt mensch an die Macht von Sprache, Texten und Diskursen u.a. dazu führt, dass Wichser wie Strauss-Kahn trotz relativ eindeutiger Beweislage wohl am Ende freigesprochen werden. Begründet wird das dann gern mit dem Rechtsstaatlichkeitsprinzip, der Aufklärung und all dem Rotz, der von weißen europäischen Männern in mächtigen Positionen erfunden wurde, um ihren Besitzstand zu wahren und universale Menschenrechte für ihren eigenen Vorteil zu instrumentalisieren.

Udo Vetter hingegen weist Lantzschi auf die Alternative zum Rechtsstaat hin:

Der Gegensatz zum Rechtsstaat ist der Willkürstaat. Im Willkürstaat gibt es möglicherweise auch Regeln. Diese werden aber von denen, die das Sagen haben, außer Kraft gesetzt. Und zwar immer dann, wenn ihnen die Regeln gerade mal nicht in den Kram passen. Zum Beispiel dann, wenn sich das erhoffte Ergebnis nicht erreichen lässt.

Mit anderen Worten: Der Rechtsstaat scheint ohne Alternative zu sein. Antje Schrupp weist darauf hin, dass er in einer historischen Perspektive einen ähnlichen Status hat wie der Kapitalismus (oder die Demokratie): Die Konzepte liefern kein befriedigendes Resultat, sind aber allen anderen historisch jemals existierenden Alternativen überlegen.

Die Argumentation von Vetter ist dabei offensichtlich nicht stichhaltig: Nur weil Lantzschi ein Problem kritisiert, heißt das nicht, dass sie sich eine bestimmte Alternative herbeisehnt. Nur weil jemand darauf hinweist, dass der Kapitalismus dazu geführt hat, dass Menschen hungern und unter unwürdigen Bedingungen Güter für die Reichen herstellen, heißt das auch nicht, dass diese Person den stalinistischen Kommunismus gutheißt.

Worum geht es? Zunächst um die unbefriedigende Tatsache, dass es in einem Rechtsstaat möglich ist, dass ein Vergewaltiger in einem Prozess frei gesprochen wird. (Oder dass ein potentieller Whistleblower wie Rudolf Elmer monatelang in Untersuchungshaft sitzen muss, obwohl er möglicherweise nichts getan hat.) Die Verfahren zur Ermittlung von Schuld und Unschuld sind so angelegt, dass Vergewaltiger durch den Einsatz von geschickten Anwälten und durch die Verunsicherung ihrer Opfer Chancen haben, dass ihnen ihre Schuld nicht bewiesen werden kann. Menschen haben also die Möglichkeit, den Rechtsstaat zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen zu verwenden – mit ihm und durch ihn Macht auszuüben (so z.B. auch bei der Unternehmenssteuerreform in der Schweiz).

Man darf und soll darauf hinweisen, dass das ein Problem ist. Gleichzeitig ist immer zu bedenken, dass die Macht des Staates, welcher Gewalt einsetzen darf zur Umsetzung von Gesetzen, möglichst stark beschränkt werden sollte. Wird eine Frau vergewaltigt, so geht die sie zum Opfer machende Gewalt von einer anderen Person aus. Wird ein Mann zu Unrecht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, so geht die ihn zum Opfer machende Gewalt vom Staat aus. Das ist ein Unterschied, den man auch bei Strafen leicht vergisst. Der Staat ist keine Person, er übt keine Rache aus, sondern er hält ein Verfahren bereit, mit dem Menschen versuchen können, Schuld zu tilgen, Konflikte beizulegen.

Es ist selbstverständlich, dass das oft nicht gelingt. Antje Schrupp ist es zu verdanken, darauf hinzuweisen, dass:

  1. Schuld und Unschuld in den wenigsten Fällen juristisch verhandelt wird, sondern eine Rolle in unserem Alltag spielen (und wir darüber bestimmen können).
  2. Dass juristisch meistens Konflikte zwischen männlichen Tätern und männlichen Opfern verhandelt werden – dass also Frauen tatsächlich im Konzept Rechtsstaat nicht mitgedacht sind und ihre Konflikte ausserhalb des Systems gelöst werden müssen.
  3. Dass das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit mit folgenden Problemen behaftet ist:
    a) Menschen sind nicht gleich und agieren als Individuen in Beziehungskomplexen – Faktoren, welche vom Rechtsstaat ausgeblendet werden (müssen).
    b) Ein strafrechtliches Verfahren kann Schuld nicht aus der Welt schaffen.
    c) Der Rechtsstaat bietet dem Menschen einen moralischen Kompass an (nämlich die Legalität/Illegalität seiner Handlungen), welche ihm ermöglichen, keinen eigenen Kompass zu entwickeln (und Verantwortung nicht übernehmen zu müssen).