Zum Bettagsaufruf 2012

113 Parlamentarierinnen und Parlamentarier haben zum »Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag« einen Aufruf erlassen, wie die NZZ gestern berichtet hat. Dieser Aufruf ist nicht neu, er wurde auch schon vor einem Jahr erlassen, damals unterzeichneten 89 Mitglieder des Parlaments, wie man in einem Beitrag von ideaSpektrum nachlesen kann (pdf).

Bevor ich den Aufruf kommentiere, hier der Wortlaut des diesjährigen Aufrufs:

Meinen Haupteinwand hat eine der treibenden Kräfte hinter dem Aufruf, Nationalrat Erich von Siebenthal (SVP, BE) in einem Interview selbst formuliert:

Es gab solche, die sagten: «Ich will den Glauben für mich persönlich leben.» Das ist zu respektieren, ist der Glaube doch eine andere Dimension als die Politik.

Der Glaube ist eine andere Dimension als die Politik. Politikerinnen und Politiker haben die Aufgabe, die unser Zusammenleben und das Zusammenleben mit dem Ausland auf der Ebene des Gesetzes zu organisieren (siehe auch den Kommentar von Andreas Kyriacou). Ein Aufruf dazu, Busse zu tun, zu danken und zu beten ist nicht ihre Aufgabe. Sehr salopp gesagt: Sie verschwenden mit einem solchen Auftrag Ressourcen, die man besser einsetzen könnte.

Diesen Haupteinwand möchte ich noch etwas konkretisieren, indem ich skizziere, welche Implikation ein solcher Aufruf hat. Dabei möchte ich vorausschicken, dass ich das Recht auf eine freie Ausübung der Religion für ein wichtiges Recht halte, im Sinne des Artikels 15 der Bundesverfassung aber der Meinung bin, »[j]ede Person [habe] das Recht, ihre Religion und ihre weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen und allein oder in Gemeinschaft mit anderen zu bekennen«. Dieser Artikel erlaubt selbstverständlich Parlamentarierinnen und Parlamentariern, sich zu ihrem Glauben zu bekennen – aber man müsste sich schon fragen, welches Signal ein Aufruf von gewählten Regierungsmitgliedern in Bezug auf diese verfassungsmässig garantierte Freiheit aussendet.

Nun zu den Implikationen, die ich schnell aufliste:

  1. Die Schweiz wird als Nation von Gott gesegnet und geschützt, ein Gebet kann dazu beitragen, dass das auch in Zukunft passiert.
  2. Gott ist verantwortlich dafür, dass die Schweiz und Europa in »Freiheit« leben – und damit auch verantwortlich dafür, dass diese Freiheit andernorts nicht gewährleistet ist.
  3. Weisheit und gerechtes Handeln ist bei denen, die Verantwortung tragen, nur durch die Unterstützung Gottes zu sichern.
  4. Es gibt »kollektives Fehlverhalten« in der Schweiz.
  5. Die Möglichkeit, sich den Schwachen und Benachteiligten in der Schweiz und in der Welt anzunehmen, ist nur dann gegeben, wenn Gott unsere Gebete erhört.
  6. Die wichtigsten christlichen Werte sind »Treue, Wahrhaftigkeit und Genügsamkeit«.

Die Implikation, Gott kümmere sich besonders um gewisse Nationen oder Gruppen von Menschen, ist zumindest theologisch fragwürdig. In vielen Vorstellungen hat Beten eine individuelle Funktion, das irdische Wohlergehen ist kaum beeinflussbar durch Frömmigkeit. Denkt man das anders, dann müsste man zumindest einen Ansatz zu einer Erklärung haben, warum viele fehlerlose und gläubige Menschen qualvolle Leben verbringen mussten – eine Erklärung, die nur zynisch sein kann.

Eben so zynisch ist es, darauf hinzuweisen, dass Gott einem die Kraft geben müsse, sich den Schwachen und Benachteiligten der Welt anzunehmem, wenn Parlamentarier wie NR von Siebenthal in der letzten Session einer Verschärfung des Asylgesetzes zugestimmt haben, die gerade die Benachteiligten in der Schweiz und in der Welt betrifft: Die Flüchtlinge.

Und es scheint mir Schönfärberei, von »Fehlverhalten« zu sprechen, ohne das konkret zu bennen. Wenn ich zu Gott bete: Für welches »kollektive Fehlverhalten« soll ich mich genau entschuldigen und um Vergebung bitten?

Ein letztes Wort zu den christlichen Werten: Auch hier werden willkürliche Verzerrungen vorgenommen. Der zentrale Wert des Christentums ist Vergebung – der fehlt. »Treue« ist gerade nicht entscheidend: Gott ist bereit, Untreuen zu vergeben, sie in sein Himmelreich aufzunehmen. Und was meint genau »Genügsamkeit«? Heißt das, auf Verwaltungsratsmandate zu verzichten, die einen in der politischen Arbeit beeinflussen und die zu Einnahmen führen, die man nicht nötig hat? Heißt Genügsamkeit, die eigenen Bezüge ständig zu erhöhen und die von Invaliden, Kranken und Armen ständig zu senken?

Damit schließe ich. Ich respektiere gläubige wie nicht-gläubige Menschen, aber ich bitte sie, mich nicht zu etwas aufzufordern, das ich nicht verstehe und das nicht einmal im Sinne dessen ist, was man Christentum nennt. Die Schweiz muss und soll sich nicht primär an christlichen Werten orientieren, sondern am Wohlergehen der Menschen, die in der Schweiz leben.

Die Zugbrücke – eine Ethik-Übung (The Drawbridge)

Es gibt eine berühmte Geschichte, die in Management-Seminaren, Ethik-Kursen und ähnlichen Ausbildungsmodulen Studierenden vorgelegt wird (hier als pdf mit einer zusätzlichen, ähnlichen Aufgabe). Die Geschichte heißt »The Drawbridge«, die Autorin ist unbekannt. Die Erzählung soll als Vorlage für eine Gruppenarbeit (mindestens vier Studierende pro Gruppe) dienen. Ich habe sie auf Deutsch übersetzt, die damit verbundene Aufgabe steht unter der Geschichte.

Als er das Schloss verließ, um seine abgelegenen Provinzen zu besuchen, warnte der eifersüchtige Baron seine hübsche Frau: »Verlasse das Schloss nicht, während ich weg bin, sonst werde ich dich schwer bestrafen, wenn ich zurückkomme.« 

Aber mit der Zeit fühlte sich die junge Baronin einsam und entschied sich, trotz der Warnung ihres Mannes, ihren Liebhaber zu besuchen, der in der Nähe auf dem Land lebte. Das Schloss lag auf einer Insel in einem breiten, schnell fließenden Fluss. Es gab eine Zugbrücke, welche die Insel an der schmalsten Stelle des Flusses mit dem Festland verband. Die Baronin dachte: »Mein Mann wird sicher nicht vor mir zurück sein«, und befahl einem Diener, die Zugbrücke runterzulassen und sie so lange unten zu lassen, bis sie zurückgekehrt sei.

Nach einigen angenehmen Stunden mit ihrem Liebhaber kehrte die Baronin zur Zugbrücke zurück, wo sie einen Verrückten vorfand, der wild mit einem langen und extrem scharfen Messer umherfuchtelte.

Er schrie rasend: »Versuche nicht, diese Brücke zu überqueren, oder ich töte dich.« Die Baronin kehrte um, um ihr Leben fürchtend, und bat ihren Liebhaber um Hilfe.

Dieser sagte: »Unsere Beziehung ist eine rein romantische, ich will dir nicht helfen.« Die Baronin wandte sich darauf an einen Fährmann auf dem Fluss und bat ihn, sie in seinem Boot über den Fluss mitzunehmen.

»Ich mache das gern, aber nur, wenn du mir meinen Lohn von fünf Gulden bezahlst.« Die Baronin protestierte: »Ich habe kein Geld dabei!« – »Zu schade«, versetzte der Fährmann, »kein Geld, keine Überfahrt.« 

In ihrer wachsenden Angst rannte die Baronin weinend zu einem Freund, dem sie ihr Problem schilderte. Sie bat ihn, ihr genug Geld zu leihen, damit sie den Fährmann bezahlen könnte.« 

Der Freund sagte: »Hättest du deinen Ehemann nicht betrogen, wäre dies nicht passiert. Ich gebe dir kein Geld.« 

Es dunkelte ein und die Baronin hatte die letzte Möglichkeit ausgeschöpft. Sie kehrte zur Brücke zurück, versuchte sie zu überqueren und wurde vom Verrückten umgebracht. 

Aufgabe: 

  • Jedes Mitglied der Gruppe soll für sich eine Rangliste in Bezug auf die moralische Bewertung des Verhaltens der beteiligten Personen erstellen: Baron, Baronin, Freund, Fährmann, Liebhaber, Verrückter. [hier in alphabetischer Reihenfolge wiedergegeben]
  • Danach sollen die Ranglisten in der Gruppe verglichen und die Begründungen für die Rangierung diskutiert werden. [Alternative: Danach soll sich die Gruppe für eine Rangliste entscheiden, ohne dass abgestimmt werden darf.]
  • Nun dürfen alle Teilnehmenden ihre Liste ändern, wenn sie das möchten.
  • Darauf folgt eine Auswertung im Plenum, welche folgende Punkte enthalten kann:
    1.) Wer hat die Rangliste geändert? Warum?
    2.) Welche Figuren ragen durch ihr Verhalten heraus? Warum?
    3.) Welche Rolle spielt das Geschlecht der Personen?
    4.) Welche Rolle spielt der sozio-historische Hintergrund für die Bewertung?

Warum wir nicht an wissenschaftliche Fakten glauben.

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Chris Mooney hat einen sensationellen Artikel für MotherJones verfasst: The Science of Why We Don’t Believe in Science. (Chris Mooney bloggt übrigens auf The Intersection.) Er beantwortet darin die Frage, warum sich Menschen nicht auf wissenschaftliche erhärtete Erkenntnisse einlassen und lieber weiter an etwas glauben, was sich wissenschaftlich nicht nachweisen lässt.

Als Amerikaner bezieht sich Mooney auf die klassischen Beispiele, mit welchen sich die amerikanische Politik beschäftigt:

  • Klimaerwärmung
  • Irakkrieg im Zusammenhang mit der Frage
    a) ob Hussein Massenvernichtungswaffen besessen habe
    b) ob Hussein mit den 9/11-Anschlägen etwas zu tun gehabt habe
  • Evolution vs. Kreationismus
  • Geburtsort und Glaube von Obama
  • Wirksamkeit der Todesstrafe
  • Anti-Impf-Bewegung

Es ist Mooney zugute zu halten, dass er nicht nur Beispiele anschaut, bei welchen die traditionell gläubigen Republikaner unwissenschaftlich argumentieren, sondern (z.B. bei der Impffrage) auch den irrationalen Skeptizismus der Linken unter die Lupe nimmt. Die wesentlichen Erkenntnisse von Mooney sind nun:

1. Wie Überzeugungen wirken.

Wenn wir von etwas überzeugt sind, so werden wir Fakten, die unseren Überzeugungen widersprechen, entweder ignorieren oder die Quellen dieser Fakten für unglaubwürdig halten oder die Fakten direkt bezweifeln. Wir verhalten uns in Bezug auf Überzeugungen wie Sekten, die an den Weltuntergang an einem bestimmten Datum glauben: Selbst wenn dieser Weltuntergang nicht eintritt, führt das nicht dazu, dass sie ihren Glauben abschütteln.

Konkret heißt das: Experten, die eine andere Haltung vertreten als unsere, schätzen wir als unglaubwürdiger ein als solche, welche unsere Haltung stärken. Wir bezweifeln Statistiken, welche unsere Überzeugungen untergraben – und glauben auch unseriösen Studien, welche unsere Überzeugungen stützen.

2. Psychologie der Überzeugungen.

Es gibt grundsätzlich drei Gründe, die dazu führen, dass wir uns so verhalten:

Erstens tendieren wir aufgrund von unbewussten Faktoren wie Emotionen dazu, Sachverhalte einzuschätzen, bevor wir vernünftig über sie nachdenken. Dieses Nachdenken ist dann eher ein Prozess, der dazu führt, unsere subjekten Einschätzungen zu stützen. In anderen Worten: Wir denken eigentlich nie unvoreingenommen nach, sondern wissen unbewusst immer schon, was wir herausfinden möchten. Mooney verwendet Beispiele aus dem Beziehungsbereich: Eltern glauben aus Liebe zu ihren Kindern nie daran, dass diese andere Kinder mobben – auch wenn alle Fakten bzw. Fremdurteile dafür sprechen.

Zweitens haben wir unsere Haltungen langfristig aufgebaut. Diese Investition von Ressourcen muss sich lohnen. Würden wir alles, was wir glauben, ständig hinterfragen, wenn sich eine Möglichkeit bietet, wären wir fast ausschließlich mit dem Hinterfragen beschäftigt – und entsprechend verunsichert und orientierungslos.

Drittens definieren uns unsere Haltungen. Es mag irrational erscheinen, wenn Sektenmitglieder an den Weltuntergang auch dann glauben, wenn er nicht eingetreten ist. Aber dadurch definieren sie sich als Sektenmitglieder – sie gehören gerade deshalb zur Sekte. Wenn nun ein Homöopath an der Wirksamkeit der Homöopathie zu zweifeln glaubt, führt das nicht nur zu einer Kritik an seinem früheren Verhalten (auch von außen), sondern auch zu einer Erschütterung vieler Beziehungen, letztlich zu einer starken sozialen Belastung – es mag also durchaus rational für ihn sein, weiterhin an etwas zu glauben, woran er – nach wissenschaftlichem Maßstab – nicht glauben sollte.

3. Die Konsequenzen.

Mooney gibt auch eine Empfehlung ab, wie mit diesem Problem (z.B. in den Medien) umgegangen werden könnte. Die wichtigste Idee ist, dass die Fakten alleine wenig wirksam sind. Um Leute zu überzeugen, muss man mit Haltungen und oder Werten argumentieren, welchen mit ihren eigenen Haltungen und Werten zumindest teilweise übereinstimmen. Man müsste also beispielsweise Leuten, welche an den Zusammenhang zwischen harten Strafen und Sicherheit glauben, ein Narrativ anbieten, das beim Wert der Sicherheit ansetzt und zeigt, dass eine Alternative eine bessere Umsetzung dieser Werthaltung ermöglicht – oder aber Autoritätspersonen beziehen, welche für Haltungen und Werte stehen und für vernünftige Argumente zugänglich sind. Diese Aufgabe betrifft insbesondere Medien. (Mooney verweist auf diese Studie.)

4. Der politische Aspekt.

Wie einleitend schon erwähnt, untersucht Mooney konservative (rechte) und progressive (linke) politische Bewegungen in Bezug auf Überzeugungen. Dazu macht er drei spannende Aussagen (die ich hier vereinfacht wiedergebe):

  • Rechte und linke Überzeugungen unterliegen den oben beschriebenen Effekten – sie entsprechen de facto Glaubenssystemen.
  • Rechte Überzeugungen werden in der Konfrontation mit gegenteiligen Fakten nicht schwächer – sondern gar stärker. Diese Verstärkung lässt sich bei linken Überzeugungen nicht nachweisen (»backfire effect«).
  • Dem wissenschaftlichen Mainstream widersprechende Haltungen findet man nur bei rechten BerufspolitikerInnen, nicht aber bei Linken (z.B. gibt es in den USA keine DemokratInnen, welche an unwissenschaftliche Zusammenhänge zwischen Impfungen und Krankheiten glauben, aber viele RepublikanerInnen, welche wissenschaftlich erhärtete Fakten zur Klimaerwärmung bestreiten).

Die Gelatinisierung der Öffentlichkeit

Meinem letzten Post möchte ich, um ihn vielleicht noch etwas politisch zu wenden, ein Zitat aus einem Interview mit Claudio Magris anhängen, in dem der beschreibt, was er mit Gelatinisierung der Öffentlichkeit in Italien (als Problem für die Berlusconi-Opposition) meint. Und natürlich denke ich, dass er ein Phänomen beschreibt, das nicht nur in Italien zu Problemen führt:

Das ist ein unterschwelliger Prozess, der die Bürger, ohne dass sie es bemerken, dazu bringt, sich für gewisse Dinge zu entscheiden — Fernsehprogramme, Konsumprodukte, einen Lifestyle —, die mit ihren eigentlichen Bedürfnissen und ihrer Wesensart nichts zu tun haben. Er beraubt die Massen auf diskrete, friktionslose Weise ihres individuellen Urteilsvermögens. Ich glaube, die Entwicklung ist gefährlich, weil sie einen fundamental autoritären Charakter hat. Es entsteht ein gelatinöser sozialer Klebstoff, in dem sich alle Opposition verfängt und der jede Alternative zum Verschwinden bringt. Die Sozialgelatine hat die traditionelle Klassengesellschaft nicht nur ihrer Werte beraubt, sondern selbst den oft nur geheuchelten Respekt vor diesen Werten überflüssig gemacht. Sie brauchen nur einmal das entsetzliche Niveau der politischen und kulturellen Debatten in unseren Medien anzusehen.

Helvetische Tugenden?

Urs Schoettli, Fernostkorrespondent der NZZ, blickt in der heutigen NZZ zurück auf das Jahr 2009 und das Selbstverständnis der Schweiz, selbstverständlich mit großem Gewicht auf der Minarettinitiative. Der Artikel kommt ausgewogen daher, präsentiert aber in wirrer Manier Halbgedachtes. Schon nur die Beschreibung der Situation in der Schweiz lässt aufhorchen:

Unzählige Eidgenossen, die nie ans Auswandern gedacht haben und die ihrem Geburtsort ihr ganzes Leben hindurch treu geblieben sind, sehen sich plötzlich in die Fremde versetzt. Sie müssen ihre Kinder in Schulen schicken, in denen die Schweizer eine Minderheit sind. Sie begegnen auf der Strasse, im Tram, am Arbeitsplatz, beim Einkaufen oder beim Ausgehen immer mehr Ausländern. Dies sorgt für Beunruhigung, zuweilen führt es gar zu Angst. Dabei können die meisten Kontakte mit Ausländern reibungslos verlaufen.

Zunächst sticht einmal der Begriff »Eidgenossen« ins Auge, der von so genannten Patrioten zur Abgrenzung von potentiell eingebürgerten oder nicht patriotisch genug denkenden Menschen gebraucht wird. Diese Eidgenossen also sind ihrem Ort treu geblieben, der ihnen aber »plötzlich« fremd geworden ist. Warum plötzlich? Wo waren denn diese Eidgenossen in den letzten 30 Jahren, als immer mehr Menschen, welche die Arbeiten verrichten, welche diese »unzähligen Eidgenossen« nicht verrichten wollen, in die Schweiz gekommen sind?

Und dann kommen die Modalverben: Kinder »müssen« in die Schule geschickt werden (dort sind Schweizer eine Minderheit, welche Nation stellt denn dort die Mehrheit der Lernenden, Herr Schoettli? Oder sind vielleicht alles Minderheiten vorhanden?), während Begegnungen mit Ausländern »reibungslos verlaufen« »können« – womit Schoettli impliziert, dass dies lediglich eine Möglichkeit darstellt.

Nur nachvollziehbar, dass der unselige Artikel als nächstes auf den Terrorismus eingeht. Die Frage wäre: Wie kommt es, dass ich Ausländern begegne (in meinem »Geburtsort«), und dann an Terroristen denke und vielleicht Angst bekomme? Das ist doch nicht ein sachliches, sondern ein psychologisches Problem.

Herr Schoettli lässt sich dann über Integration aus, über politische Systeme in den Ländern der Zuwanderer, der Unterschied zum schweizerischen System (dazu nur: lasst doch alle Ausländer mittun, dann lernen sie sehr gut, wie unser System funktioniert) und kommt dann zu den helvetischen Tugenden:

Man denke an die Bedeutung der Pflicht, an den Respekt für das Alter und für Autorität, an den hohen Stellenwert der Familie, an die grosse Wertschätzung für Erziehung und Bildung sowie für Disziplin und Ordentlichkeit. Im Gefolge der sogenannten «68er Revolution» hat die Eidgenossenschaft viel, sehr viel verludert. Es genügt, Japan zu besuchen, um zu realisieren, was alles an öffentlicher Sauberkeit, Ordentlichkeit und Höflichkeit in unserem Land leichtfertig aus dem Fenster geworfen worden ist. Auch bei Kleidung und Umgangsformen sind die allgemeinen Standards deutlich heruntergekommen. Es ist leicht, solche Kritik als typisch «kleinbürgerlich» abzutun. Besonders verfänglich ist das Argument, dass es schliesslich um Inhalte und nicht um Formen gehe. Vergessen wird dabei leicht, dass häufig die Protagonisten solcher Argumente nicht nur die Formen des zivilisierten Zusammenlebens missachten und kleinreden, sondern auch gar keine Inhalte haben.

»Kleinbürgerlich« ist noch der netteste Begriff, den ich im Kopf hatte, als ich die Auflistung der Werte gelesen habe: Pflicht, Respekt, Familie, Erziehung und Bildung, Disziplin und Ordentlichkeit. Denken wir mal darüber nach: Respekt für das Alter schenke ich Herrn Schoettli gerne, das kann nie ganz falsch sein. Dann aber: Woher kommt eine Pflicht? Eine Autorität? Ein Bild von einer Familie? Die Vorstellung der richtigen Erziehung? Disziplin? Schnell merkt man: Dazu braucht es eine Ideologie. Und diese Ideologie ist, wenn erst einmal Pflichtbewusstsein, Disziplin und Ordentlichkeit herrschen, völlig egal. Was viele Menschen in der Schweiz gemerkt haben, ist, dass diese Werte gefährlich sind. Gefährlich für Menschen und Gesellschaften, welche sich blind an ihnen orientieren. »Es genügt, Japan zu besuchen«, mein Herr Schoettli. Das denke ich auch: Man sehe sich an, wie sehr japanische Jugendliche unter den kulturellen Zwängen und gesellschaftlichen Vorgaben leiden. Wie lebensunwert das Leben eines oder einer japanischen Berufstätigen ist. Wie xenophob die japanische Gesellschaft ist.

Auch wenn mir Herr Schoettli wegen meiner Geringschätzung seiner Tugenden sämtliche Inhalte abspricht, werde ich nun doch formulieren, welche Tugenden ich mir für die Schweiz wünschte: Respekt gegenüber Menschen, egal welche Entscheidungen sie für sich selbst gefällt haben, wie sie denken, woher sie kommen, welcher Religion sie angehören, welche Lebenshaltung sie haben; Ermunterung aller, sich Gedanken über das Leben und die eigenen Bedürfnisse zu machen und die Möglichkeiten schaffen, dass sich Menschen kreativ ausleben können, ohne ökonomischen Sachzwängen zu unterliegen, Bildung und Erziehung als Chancen, dass Menschen sich entwickeln und nicht in vorgefertigte Rollenbilder gezwängt werden, nur damit sie später regelmäßig den Müll rausbringen und die Schweizer Strassen sauber halten; Familien, in denen alle Formen des Zusammenlebens möglich sind, in denen es Menschen wohl ist; und nicht die, welche man aus irgendeinem Grund für richtig hält. Und vor allem die Einsicht, dass die Bewohner eines Landes nicht weil sie in diesem Land wohnen oder gar in diesem Land geboren worden sind, einen anderen Wert als andere Menschen haben und auch nicht mit Tugenden geboren worden sind.