Gedanken zum Tag der Frau

Ronnie Grob hat Recht. Ein Tag nützt wenig. Und doch kann er zum Anlass genommen werden, mal wieder zu sagen, weshalb es so einen Tag vielleicht doch noch braucht.

  1. In den letzten Jahren wird Geschlecht vermehrt wieder als etwas Biologisches gedacht - mit fatalen Konsequenzen. Sozial vermittelt und erworbene Fähigkeiten und Eigenschaften werden auf genetische Ursachen reduziert. Damit werden Geschlechterrollen als etwas Vorgegebenes und Unveränderliches betrachtet: Wenn Mädchen von Natur aus gerne mit Puppen spielen, mit sprachlichen Fähigkeiten und Verständnis gesegnet sind, Konkurrenz ablehnen und Kompromisse suchen, so wird ihnen die Möglichkeit abgesprochen, sich in der heutigen Berufswelt durchzusetzen und politische Verwantwortung zu übernehmen. Der Blick wird dann abgezogen von den sozialen Problemen, welchen Frauen daran hindern, Beruf und Familie zu verbinden, Karriere zu machen, Politik zu betreiben - erfolgreich zu sein.
  2. Die Biologisierung führt auch zu einer verstärkten Normierung. Diese Normierung betrifft besonders den Körper der Frau. Er ist den Blicken der Gesellschaft ausgesetzt und muss Anforderungen genügen. Er ist exponiert, wird aber in einer neuen Prüderie gleichzeitig auch versteckt. Frauen und Mädchen wollen nicht schlank sein, sie müssen schlank sein.
  3. Viele Frauen sind Opfer männlicher Gewalt. Nicht alle Männer sind Täter. Nicht alle Sexualität ist gewaltsam. Aber das hat auch kaum jemand ernsthaft behauptet. Aber männliche Sexualität ist in vielen Vorstellungen mit Gewaltvorstellungen vermengt, Gewalt an Frauen ist eine gesellschaftliche Realität, die zu wenig Aufmerksamkeit erhält.
  4. Die Bewegung, welche sich für die Frauen einsetzt, der Feminismus, ist völlig diskreditiert. Die Bewegung schein in ihren Zielen lächerlich zu sein, ihre prominenten Vertreterinnen sind keine Identifikationsfiguren mehr und ihre Inhalte werden verknappt auf die Projektion, Frauen wollten Männer dominieren und die Macht an sich reißen.
  5. Die Männerbewegung erhält für Anliegen Aufmerksamkeit, welche an Ausmass und Bedeutung mit den Anliegen der Frauenbewegung nicht vergleichbar ist. Man kann Unrecht schlecht miteinander vergleichen: Aber wenn man immer wieder hören muss, wie benachteiligt Männer bei Scheidungen werden und wie wenig Männer das gemeinsame Sorgerecht für ihre Kinder bekommen, so vergisst man vielleicht, wie viele Frauen sich in unerträglichen Situationen befinden, bevor sie sich scheiden lassen, wie viele Frauen kein Geld von den Männern erhalten, die die Väter ihrer Kinder sind und wie viele Frauen alleine für ihre Kinder sorgen müssen, ohne das so geplant und gewollt zu haben.
  6. Die ganze Diskussion ist auch verheterosexualisiert: Es wird generell angenommen, eine Frau brauche einen Mann und ein Mann eine Frau. Die Annahme ist falsch. Es ist nicht einmal klar, was eine Frau und ein Mann denn genau sind.
  7. Zum Schluss eine Forderung: Wir sollten weniger von Geschlechtern reden und mehr von Menschen. Diese Menschen schlüpfen in Rollen. Sie haben Körper. Sie verwandeln sich. Sie arbeiten. Sie haben Familien. Sie gehören zu Familien. Sie mögen einige Dinge und andere nicht. Sie tun Gutes und Böses.

Frauen boxen am Strand, 1920. Quelle: http://flysongbird.blogspot.com/

Zwei empfehlenswerte Text zum Tag der Frau:

    1. Pia Horlacher im Medienspiegel zu Geschlechter-Debatten.
    2. Ein Blogpost von Nadine Lantzsch auf ihrem Blogs Medienelite (CC BY-NC 3.0):

Ihr Lieben, wie jedes Jahr ist der 8. März der Tag, an dem uns mitgeteilt, dass Gleichberechtigung ein nahezu erreichtes Ziel ist und deshalb werden Blumen an die Gattinnen, Freundinnen, Kolleginnen verteilt, der Chef lässt die Mama mal eher nach Hause, die Medien räumen dem Thema mal einen Platz ein (weil es sich so gehört), ein großzügiger Chefredakteur sagt großmännische Sätze wie “das mit demLohnausgleich, das kommt bald, nur Geduld”, eine Frau darf im Fernsehen erzählen, wie schlimm das Patriarchat auch für Männer ist und irgendeine wird wieder nicht umhin kommen zu sagen: “Ich bin keine Feministin, aber…” - Nehmt das nicht hin, lasst euch nicht abspeisen mit hohlen Phrasen und kleinen wie großen Gesten! Dieser Tag ist ein Tag wie jeder andere auch: Denn täglich findet sexualisierte und häusliche Gewalt statt, werden Selbstbestimmungsrechte über den eigenen Körper, die eigene Sexualität, die eigenen Grenzen ignoriert und verletzt, müssen Menschen in Armut leben, werden ausgebeutet, an der Verwirklichung ihres eigenes Lebensglückes gehindert und wie eine Ware behandelt. Heute ist nicht nur ein Tag, um darauf hinzuweisen, sich widerständig mit den herrschenden Verhältnissen zu zeigen und das Label Feminismus ohne Abgrenzungen gegen die dreckigen, emanzenhaften, männerhassenden und verbitterten Feminist_innen zu benutzen, sondern sich solidarisch mit all jenen zu zeigen, die aus diesen Gründen verbittert, frustriert und wütend sind. Heute ist der Tag, an dem ihr feiern solltet, dass jeden Tag überall Kämpfe gegen Unterdrückung stattfinden, die noch lange nicht vorbei sind! Wir sind wütend und stolz darauf! Einen wunderschönen Frauenkampftag euch allen, bleibt schmutzig! ♥

Zur »Sexualisierung der Volksschule«

Heute bin ich auf »Petition zum Schutz unserer Kinder« gestossen, mit welcher ein Komitee die »Sexualisierung der Volksschule« verhindern will. Das Komitte fordert Folgendes:

Die Grundannahmen des Widerstands gegen eine geplante »Sexualisierung« sind folgende:

  1. Kinder seien grundsätzlich asexuell und frei von sexuellen Gefühlen, Fragen oder Interessen.
  2. Sexualität sei ein Bereich, der nur von den Eltern beeinflusst und gesteuert werden dürfe.
  3. Die sexuelle Orientierung sei beeinflussbar.
  4. Die »traditionelle Familie« sei in ihrer Existenz gefährdet, wenn Homosexualität in der Volksschule thematisiert würde.
  5. Die Darstellung von nackten Menschen und sexuellen Praktiken sei grundsätzlich pornographisch.
  6. Sexualkundeunterricht mit Kindern sei von Pädophilie nicht klar abzugrenzen.

Diese Annahmen halte ich aus einem einfachen Grund für hoch problematisch - und für falsch: Sexuelle Gefühle, Neigungen und Praktiken begleiten die menschliche Entwicklung automatisch. Es gibt keine Phase des menschlichen Lebens, in der es keine Sexualität gäbe. Die bewusste Aufnahme von Sexualität als Thema und das Reden und Nachdenken darüber ermöglicht eine differenzierte Wahrnehmung von Sexualität sowie eine Abgrenzung gegen Übergriffe.

Die Vermischung von pädagogischer Vermittlung mit Beeinflussung ist eine perfide Unterstellung. Zudem wird ignoriert, dass gerade das Sprechen über ein tabuisiertes Thema nach gewissen Standards und abgesicherten pädagogischen Methoden erfolgt. Wer über sexuelle Praktiken spricht, befindet sich immer auf einer anderen Ebene als jemand, der sexuelle Praktiken ausübt. Ein Telefongespräch über Sex ist nicht Telefonsex.

Die Voraussetzung, dass es etwas, worüber man nicht spreche - z.B. Homosexualität - nicht gebe, ist kindlich-naiv. Mit anderen Worten: Die Volksschule ist nicht nur heute schon sexualisiert - sie ist schon sexualisiert, seit es sie gibt. Die einzige Frage ist, ob Pädagogen, Eltern und SchülerInnen darüber sprechen können, dürfen und müssen - oder ob sie weiterhin Sexualität verdrängen.

Kinderpornographie - eine Bilanz

Mein gestriger Post wurde erfreulicherweise eifrig diskutiert - teilweise auch eher aggressiv:

Wenn Sie Kinderpornos schönreden, sind Sie in meinem Augen mitverantwortlich dafür, dass Kindern Gewalt angetan wird. - Bobby California

Um das noch einmal zu betonen: Ich will Kinderpornographie nicht schönreden, sondern eine Diskussion führen, ober der gesellschaftliche Umgang damit vernünftig ist oder nicht. Ich habe explizit eine Position zur Debatte gestellt und bin offen für Korrekturen und andere Meinungen: Nicht aber für den Vorwurf, ich hege Sympathien für Produzenten oder Konsumenten von Kinderpornographie. Aber auch wenn man etwas falsch findet, darf man sich dazu ein paar Fragen stellen - ohne sich gleich einem Vorwurf aussetzen zu müssen.

In diesem Sinne möchte ich einige (subjektiv wahrgenommene) Ergebnisse noch einmal aufnehmen:

  1. Kinderpornographie (im Folgenden KP) ist, wenn sie Abbild realer Kinder ist, immer zu verbieten: Weil ein Kind nicht einwilligen kann, so abgebildet zu werden resp. niemand für das Kind diese Entscheidung fällen kann (anders als Bsp. bei medizinischen Behandlungen).
  2. KP kann aber heute auch virtuell hergestellt werden, d.h. gezeichnet und animiert. Für virtuelle KP gelten andere Überlegungen.
  3. Grundsätzlich kann man heute (und v.a. in Zukunft) nicht mehr unterscheiden, ob 1. oder 2. vorliegt.
  4. Auch wenn der Konsum und der Besitz von KP im Falle von 1. zu verbieten ist, so findet im Bezug auf KP eine Stigmatisierung Pädophiler statt, wie sie in diesem Ausmass problematisch ist: Sehr wenige Konsumenten von KP neigen zu Übergriffen, wie Markus Graf in seinem differenzierten Post belegt.
  5. Der Umgang mit KP zeugt in verschiedenen Bereichen von einem double standard: Mit anderen Formen von Pornographie sind in einem vergleichbaren Ausmass negative Effekte für Darsteller und Darstellerinnen verbunden (und sie müsste gleichermassen als Problem in Hinsicht auf sexuelle Gewalt stigmatisiert werden, wäre man konsequent) - dennoch gilt ein Verbot von Pornographie als rückständig und als eine Beschneidung der Meinungsäußerungsfreiheit.
  6. Zu 4.: Viele pornographische Produkte werben damit, Frauen zu verwenden, die »barely 18« etc. sind. Nun kann man sich sagen: Da sich in der Schweiz auch 16-jährige prostituieren dürfen, dürfen sie wohl auch in Pornos mitmachen, also könnte man die Altersgrenze auf 16 Jahre ansetzen. Nun könnte aber auch eine 15-Jährige aussehen wie eine 16-Jährige, oder gar eine 14-Jährige: Wo und wie gibt es für den Konsumenten von harter Pornographie da eine feste Grenze?
  7. Ein weiterer Fall von double standard, den Anna in die Diskussion eingebracht hat: Der »Konsum« von Prostitution müsste gleichermassen verboten werden, wollte man ehrlicherweise verhindern, dass Menschen Opfer sexueller Gewalt werden. Ähnlich habe ich mich schon in diesem Post damit auseinandergesetzt.
  8. KP zeigt auf, inwiefern im Feld der Sexualität Grenzen zwischen Legitimität und Illegitimität gezogen werden. Sexualität ist immer mit Unsicherheit verbunden: Mein Begehren ist etwas dermassen Subjektives (und Unkontrollierbares), dass ich mich nur sehr schwer seiner sozialen Akzeptanz versichern kann. Also hilft es mir, wenn ich mich deutlich abgrenzen kann. Sexualität ist auch in Westeuropa eine normierte: Die Norm ist, dass ein Mann eine oder mehrere gleichaltrige oder jüngere Frauen begehrt, eine Frau hingegen einen gleichaltrigen oder älteren Mann. Nun gibt es Bereiche, die aus dieser Norm ausscheren, aber einmal zur Norm werden könnten: Und es gibt vollkommen illegitime. Und zu denen gehört Pädophilie.
  9. Der Umgang mit dem Illegitimen ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Toleranz wird immer dann zu einer Herausforderung, wenn man sich nicht vorstellen kann, das zu tun was andere tun. Es liegt mir fern, hier ein Rezept anzugeben, wie man mit Pädophilen umgehen soll - dazu habe ich auch keine Berechtigung: Aber die Vorstellung, Pädophile müssten registriert, markiert und für immer weggeschlossen werden irritiert mit zutiefst. (Noch einmal: Ich will nicht, dass sich ein Pädophiler an einem Kind vergreift. Und verbitte mir, dass meine Worte so interpretiert werden.)
  10. Ich wünsche mir weiterhin so viele konstruktive Feedbacks.