Sex is sold – Über Freiwilligkeit und das Argument der Tradition

Strassenprostitution (Quelle: Reuters)Was aber wird hinzukommen? Das wird sich entscheiden, wenn ein neues Geschlechtherangewachsen sein wird: ein Geschlecht von Männern, die nie in ihrem Leben in den Fall gekommen sind, für Geld oder andre soziale Machtmittel die Preisgebung einer Frau zu verkaufen, und von Frauen, die nie in den Fall gekommen sind, weder aus irgendwelchen andern Rücksichten als wirklicher Liebe sich einem Mannhinzugeben, noch dem Geliebten die Hingabe zu verweigern aus Furcht vor den ökonomischen Folgen. Wenn diese Leute da sind, werden sie sich den Teufel darum scheren, was man heute glaubt, daß sie tun sollen; sie werden sich ihre eigne Praxis und ihre danach abgemeßne öffentliche Meinung über die Praxis jedes einzelnen selbst machen – Punktum. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. (1884)

Der Auslöser für diese Gedanken ist die Tatsache, dass auf dem Strassenstrich in Zürich unhaltbare Zustände herrschen, wie z.B. die NZZ hier mit Hintergründen berichtet. Ungarinnen werden von Zuhältern dazu gezwungen, in der Schweiz zu arbeiten, halten sich oft nur wenige Wochen oder Tage hier auf, weil die Zuhälter der Meinung sind, es sei in der Schweiz viel Geld zu verdienen, was dann aber eben nicht stimmt und dazu führt, dass die Preise so tief gesunken sind, dass sich »Stammprostituierte« am Sihlquai darüber beklagen, der Markt werde kaputtgemacht.

Die Situation ist eine Konsequenz aus zwei Gedankengängen: Erstens, dass der freie Markt zu einem fairen Austausch von Gütern und Dienstleistungen führt, weil alle nur das tun, was sie tun wollen, also Prostitution gar kein Problem ist, da die Frauen ihre Dienstleistungen ja nicht anbieten müssten, aber das offenbar wollen – und zweitens, dass Prostitution moralisch ist.

Zuerst zum zweiten Punkt. Das verwendete Argument ist, dass es Prostitution schon immer gegeben habe und dass ein Verbot von Prostitution Prostituierte und Freier in die Kriminalität drängen würde, obwohl sie einem (aufgrund der Tradition gesehen) natürlichen Bedürfnis nachgehen. Nun ist nicht alles, was es schon immer gegeben hat, moralisch (z.B. Diebstahl), ist etwas, was auf einer so krassen Geschlechterhierarchie basiert, meist problematisch und könnte die Kriminalisierung nicht nur Probleme schaffen, sondern auch Probleme lösen. Doch das nur als Denkanstoss – aufgrund der verfügbaren Berichterstattung zum Thema, in der immer noch das Phantasma der anschaffenden Studentin präsent ist und eine Art Bordellromantik, in der Frauen eine spassige Arbeit ausführen und dann mit viel Geld ein Leben in Saus und Braus führen, präsent sind, kann davon ausgegangen werden, dass Prostutierte dann die besten Rahmenbedingungen erleben, wenn sie eine Art Etablissement mieten können, in dem ihre Sicherheit garantiert ist und gewisse Standards gesetzt sind – und dann tun kann, was sie will.

Dann aber zum ersten Punkt. Wenn das kapitalistische Ideal die freie Befriedigung der Bedürfnisse innerhalb der Voraussetzung ist, dass niemand anderes in seiner Freiheit eingeschränkt wird, dann darf man wohl fragen, ob dieses Ideal unter den Voraussetzungen des Kapitalismus erreicht werden kann. Das Beispiel der Prostitution, selbst wenn man von den Tatsache absieht, dass selbst nach liberaler Denkart ein offenbar viel zu großer Staat nicht in der Lage ist, Menschenhandel zu unterbinden, zeigt auf drastische Weise, was unter dem Deckmantel der Freiwilligkeit passiert: Frauen verkaufen Dienstleistungen, die langfristig mit massiven psychischen und oft auch physischen Schäden verbunden sind. Ob man ein Bedürfnis haben kann, das solche Schäden mit sich zieht, wage ich stark zu bezweifeln – und ganz allgemein die These in den Raum stellen, dass kapitalistische Kaufkraft Abhängigkeiten schafft und so auch Unfreiheit.

8 thoughts on “Sex is sold – Über Freiwilligkeit und das Argument der Tradition

  1. In diesem Falle trifft wohl eher die Tatsache zu, dass auf dem freien Markt angeboten wird, wonach auch die Nachfrage besteht. Dieses Argument schliesst automatisch jede ethische Wertung aus, da es sich irgendwie an den epikureeischen Hedonismus anlehnt, bei dem die Lustbefriedigung von Vornherein als moralisch angesehen wird.

    Zudem haben wir das kapitalistische Ideal, dass niemand anderes in seiner Freiheit eingeschränkt werden sollte, leider irgendwann im Verlauf des letzten Jahrhunderts auf dem Weg liegen gelassen.

    Und zuletzt denke ich, ist das romantische Bild der anschaffenden Studentin grossteils auch dadurch entstanden, dass sie genau dieses Image kreieren wollten, um sich selber zu schützen.

    • Habe die beiden Kommentare zusammengefügt.
      Die Argumentation, dass eine Nachfrage ein Angebot erzeuge und Lustbefriedigung moralisch sei, ist eine, die man schnell annehmen würde. Aber Ethik würde ja gerade voraussetzen, dass es auch Nachfragen gibt, die aus moralischen Gründen nicht befriedigt werden dürfen, und Lustbefriedigung, welche mit Schmerzerzeugung bei anderen Menschen verbunden ist, eher problematisch ist.
      Der Hinweis zu den Studentinnen ist sehr einleuchtend.

      • Es gibt ja bekanntlich auch den Umgekehrten Weg, dass das Angebot die Nachfrage bestimmt. Schwer zu glauben, eben aufgrund der uralten Tradition. Ob die Männer, die diesen Dienst nutzen, zu Vergewaltigern würden, falls das Angebot nicht mehr vorhanden wäre, ist widerlegbar, aber auch nicht anzunehmen. Weshalb sollte eine Frau diese Dienstleistung anbieten, wenn keine Nachfrage besteht (mal theoretisch am Anfang angesetzt)? Weil es für diese Dienstleistung keine Ausbildung braucht, manchmal nicht einmal irgendeine Bewilligung, etc. Das hört sich unheimlich unsensibel an, vorallem weil ich selbst eine Frau bin. Aber was macht eine Frau, die sich unter gewissen Umständen ohne Arbeits-, bzw. Aufenthaltsbewilligung in einem fremden Land befindet, dessen Sprache sie nicht spricht. Das Land ist sehr streng und versucht eine möglichst schattenfreie Wirtschaft zu betreiben. Das einzige Schattenplätzchen ist dann für eine Prostitution. Denn irgendwie braucht sie Geld, auch wenn sie zurück in ihre Heimat will, oder sogar gerade dann. Das habe ich mir nicht aus den Fingern gesaugt, ist zu lesen als Geschichte einer Prostituierten in der annabelle. Dort wird unter anderem übrigens auch über die physischen Probleme von Prostituierten gesprochen.

        Wenn wir gerade bei der annabell sind: Wieseo zum Teufel wollen zurzeit alle etwas über die Problematik der Prostitution in der Schweiz schreiben? W, annabelle, Tagi, NZZ…
        Und vor allem gerade dann, wenn ich „11 Minute“ fertig gelesen habe. Eine fast schon romantische und natürlich spirituel angehauchte Geschichte einer Prostituierten. Der Roman wurde übrigens von diversen, in der Schweiz, an der Langstrasse anschaffenden Prostituierten inspiriert (was auch sonst, Coelho kann gar nicht anders als „inspiriert“ sein).

  2. Ach ja, Coelhos Inspiration ist ebenfalls nix aus den Fingern gesaugtes und auch nix im Internet gelesenes und auch nix sagen-gehörtes. Zu lesen im Nachkommentar des Autors.

  3. Ich denke, nicht alle Frauen sind so dumm, wie sie sich dann hier für ausgeben! Es gibt auch Zeitungen in ihren Herkunftsländern!
    Die Opferrolle, die sich Frauen auch schon mal „anziehen“ ist auch eine Art von Sexismus!

  4. Nachtrag: Unter Schwulen wurde der Sex generell kostenlos und auf gleicher sozialer und sexueller Ebene getauscht.
    Solche Tendenzen sind übrigens in letzter Zeit auch auf dem „Homo-Strich“ festzustellen. Besonders seit es diese „Eingetragene Partnerschaft“ gibt.

    Es gibt normalerweise nur Gratissex bei der Freundin oder der Ehefrau. Es ist interessant, dass jeglicher Sex ausserhalb davon kosten MUSS. Weil sonst würde das bürgerliche Beziehungsmuster unterminieren.

  5. Das die Linke jetzt noch aus den Prostituierten, welche in einer wirtschaftlichen Notlage sind, weil sich in ihrem Land Linke an die Macht gemordet haben, Kapital schlagen will – ist der Deckel der Geschmackslosigkeit.

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