Wozu Feminismus

Während Julia Seeliger an der Trollcon über »Trollfeminismus« spricht (hier ihr Blogpost dazu), eskaliert in Berlin der Streit um das feministische Kollektiv »Mädchenmannschaft«. Die Berliner taz schreibt:

An diesem Punkt reichte es dem letzten Gründungsmitglied Meredith Haaf […]:„Ich fand es gut, über möglichen Rassismus zu diskutieren. Ich fand es gut, dass wir von einem etwas naiven freundlichen Feminismus à la Alphamädchen wegkamen, den ich heute auch kritisieren würde. Aber die Selbstbezichtigung war mal wieder ein Diktat und keine Diskussion.“ Die „Mädchenmannschaft“ habe keine interne Streitkultur entwickelt, so Haaf: „Das ist jetzt ein radikal queerfeministischer Blog mit ausschließender Sprache. Das ist für die meisten Menschen schwer zugänglich.“ Im Netz ist von einem „repressiven Moloch“ die Rede, von „totalitärem Quatsch“, von „elitärem“ Gehabe.

Darauf reagierte Nadine Lantzsch, aktuelles Mitglied der Mädchenmannschaft, in ihrem Blog:

was gerade passiert, ist in meinen augen eine verschiebung: weg vom alphamädchen-feminismus, der in erster linie gut situierten heteras zugute kommt und strukturfragen nicht mehr stellt, zu mehr machtkritik, zu mehr aufnahme von feministischen diskursen und konfliktlinien, die es bereits vor 20, 30, 40, 100 jahren gab. ein mehr arbeiten mit traditionen und geschichten, ein aufmerksam sein. mehr umsichtigkeit, mehr verantwortung. dies führt weder zu einer abschottung, noch zu elitärem gedünkel, sondern ermöglicht in erster linie konstruktives und produktives feministisches arbeiten. dass sich die mehrheitsgesellschaft davon nicht angesprochen fühlt, die jedes feministische projekt in den tod diskutiert, spart, gängelt und bedroht, ist ein problem dieser und nicht das einen feministisch verorteten projektes.

Für hängt die teilweise gehässige, teilweise unfaire Diskussion um die Vorgänge in der Mädchenmannschaft mit der Frage zusammen, was mit feministischen Aktivitäten, Reflexionen, Diskussionen erreicht werden soll. Die Einsicht, dass nicht alles, was das Label »feministisch« trägt, mit denselben Intentionen, denselben Haltungen und Modellen verbunden ist, ist trivial. Dennoch versuche ich, zu skizzieren, wo Gemeinsamkeiten liegen könnten und sich Differenzen abzuzeichnen beginnen.

Ausgehen möchte ich von diesem Selbsttest, der letzte Woche durch das Internet gefloatet ist (die Quelle ist mir leider nicht bekannt – würde sie gerne einfügen, wenn die jemand hat):

Man kann damit berechnen, wie privilegiert man ist. (Zusatz, 24.10., 15.50: In den Kommentaren und auf Twitter wurde zurecht darauf hingewiesen, dass der Test hoch problematisch ist, weil er erstens feste Zahlenwerte zuordnet und zweitens annimmt, das sei global möglich, ohne einen genaueren Kontext anzugeben. Ich habe aus diesem Grund auch das Feld Religion gelöscht und möchte festhalten, dass der Test Ausgangspunkt ist und nicht Teil meiner Argumentation. Er ist ungenau und übergeneralisiert, wörtlich genommen ist er Nonsense.)

Ich komme hier locker auf 150 Punkte und finde, ich komme damit noch zu gut weg. Ich bin enorm privilegiert.

Das Verständnis von Privilegien könnte zu folgenden Einsichten führen, die der Haltung des Mainstreams teilweise radikal entgegenstehen:

  1. Biologische und/oder soziale Gegebenheiten sind willkürlich mit unterschiedlichen sozialen Rechten bzw. Diskriminierungen verbunden.
  2. Privilegien sind weit gehend unsichtbar und werden von vielen Leuten nicht bemerkt.
  3. Privilegien hängen auf nicht triviale Art und Weise miteinander zusammen (das zeigt obige Darstellung überhaupt nicht: ich kann geringe Körpergröße (-10 Punkte) nicht einfach damit kompensieren, dass ich im städtischen China wohne (+10 Punkte) und Latinos (-50 Punkte) sind nicht auf dieselbe Art und Weise benachteiligt wie Frauen (-50 Punkte)).
  4. Privilegien bzw. ihre Gewährung (und damit auch Diskriminierung) entstehen auf eine komplexe Weise bei der Sozialisierung.
  5. Niemand kann komplett von seinen Privilegien abstrahieren. (Bsp.: Auch wenn mir bewusst ist, wie privilegiert ich bin, so nutze ich mein Privileg, meine Meinung sagen zu dürfen und damit Leserinnen und Leser zu erreichen.)
  6. Es ist unklar, ob eine Gesellschaft ohne Privilegien denkbar ist, oder ob nur Verschiebungen möglich sind.

Feminismus geht aus von der fundamentalen Einsicht, dass Biologie und soziale Rollen nicht deckungsgleich sind – also von Privilegien. Die entscheidenden Unterschiede sind nun: Was ist zu tun? Hier ein paar mögliche Ansätze:

  • Die obigen Einsichten müssen möglichst vielen Menschen bewusst werden, damit sie allenfalls ihre Haltung ändern und Kinder entsprechen erziehen.
  • Die benachteiligten Menschen müssen soziale Räume finden, wo sie sich gegenseitig stärken können.
  • Durch politisches Handeln müssen gesellschaftlichen und gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass die Auswirkungen von Privilegien/Diskriminierung möglichst klein sind.

Die Frage, ob man nun mit Privilegierten wie mir (also mal zunächst einfach heterosexuellen, weißen Männern) über Feminismus sprechen soll, ist vor diesem Hintergrund nicht ganz leicht zu beantworten. Ich brauche keinen Feminismus und verlange z.B. nach Erklärungen, Begründungen, Rechtfertigungen von denen, die ohnehin schon benachteiligt sind. Sie müssen also Energie aufwenden, um denen zu einem Verständnis verhelfen, die gerade davon profitieren, dass sie kein Verständnis haben. Gleichzeitig führt aber die Verweigerung, Erklärungen abzugeben, tolerant gegenüber Uneinsichtigen zu sein, gerade zu einer weiteren Diskriminierung, zu Mechanismen, die verhindern, dass Menschen gehört werden, die etwas zu sagen haben.

Wer die Komplexität von Privilegien erfasst (Stichwort: Intersektionalität), wird schnell unsicher und verunsichert. So gesehen verwundert es nicht, dass das Thema Rassismus zu Konflikten innerhalb der Mädchenmannschaft geführt hat – es ist eben nicht klar, dass aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer Sexualität Diskriminierte nicht auch diskriminieren können, weil sie z.B. aufgrund ihrer Hautfarbe privilegiert sind.

tl;dr: Privilegien sind kompliziert. Es ist unklar, was zu tun ist.

Der Feminismus ist ein Humanismus

In letzter Zeit habe ich einige Diskussionen über Feminismus geführt. Aus diesen Gründen möchte ich hier meine Haltung kurz darlegen, nicht ohne drei Vorbemerkungen:

  • Selbstverständlich gibt es »den Feminismus« nicht. Es gibt verschiedene feministische Bewegungen mit ganz unterschiedlichen Programmen. Im Folgenden werde ich meine persönliche Definition des Begriffs benutzen – denke aber, dass sie durchaus zentrale Elemente des feministischen Diskurses enthält.
  • Feminismus ist heute ein Schlagwort, mit dem ein übertriebener Kampf bezeichnet wird, den verbitterte Frauen führen, die Männer für alles Unglück in ihrem Leben verantwortlich machen und nicht bemerkt haben, dass Gleichstellung längst erreicht ist. – Diese Umdeutung eines Begriffs zu einem Schlagwort ist eine effiziente Strategie, um wichtige feministische Argumente unhörbar zu machen. Sie führt dazu, dass sich heute kaum mehr jemand als Feministin bezeichnet.
  • Es ist nicht selbstverständlich, dass Männer erklären können oder sollten, was Feminismus bedeutet. Frauen brauchen keine Männer, die für sie sagen, was sie meinen. So ist mein Post nicht gemeint, wie man erkennen wird. Alleine die Tatsache, dass ich mich frei äußern kann, eine moderate Leserschaft finde und keine Angst haben muss, sozial oder beruflich unter Druck zu geraten, wenn ich meine Meinung sage, zeigt, dass ich als weißer Mann 2012 enorme Privilegien genieße, die ich mir immer wieder zwanghaft bewusst machen muss, weil sie so selbstverständlich sind.

Der Feminismus entstand tatsächlich als eine Bewegung, die sich gegen die Diskriminierung von Frauen wehrte. Argumentativ orientierte sich diese Bewegung aber schnell an der Begründung, weshalb Frauen weniger Rechte hatten als Männer. Die Begründung war eine Verknüpfung von sozialer Rolle mit der Biologie: Weil da eine Person in einem Frauenkörper steckte, konnte man von ihr erwarten, dass sie auf berufliche Verwirklichung, politische Anteilnahme und Äußerung einer ernst genommenen Meinung verzichtete.

Die Einsicht, dass die Biologie nicht dazu taugt, soziale Normen zu begründen, ist weit reichend: Sie betrifft jede Art von Norm und jede Art von biologischen Gegebenheiten oder Eigenschaften (sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, Rasse, Alter etc.). Das Fazit ist recht einfach: Menschen sollen als Menschen behandelt werden und nicht als Element einer Gruppe oder Klasse.

Damit ist der Rahmen erweitert: Es geht nicht mehr nur um die Rechte von Frauen oder das Rollenbild der Frau, sondern um Rechte, Normen und menschliche Eigenschaften. Ideal wäre eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Wünsche äußern und ihre Identität formen können und von Gesetzen oder Normen in der Verwirklichung dieser Wünsche und dieser Identität nicht behindert werden. D.h. es wäre ein Gesetz zu fordern, das auf Eigenschaften von Menschen keinen Bezug nimmt, in Gesetzestexten soll z.B. die Eigenschaft, eine »Frau« oder ein »Mann« zu sein, keine Rolle spielen.

Dieses Ideal ist aber utopisch, weil Menschen keine Gemeinschaften ohne Normen bilden können. Die Erfüllung dieser Normen ist mit dem Erhalt von Privilegien und Legitimität verbunden, die Nichterfüllung mit dem Entzug von Rechten und sozialem Ausschluss. Mit »Rechten« und »Privilegien« ist hier nicht mehr nur ein juristischer Bereich gemeint, es geht allgemeiner um menschliche Interaktionen und Status; um die Erfüllung ihrer Wünsche. Es geht zunächst also darum, sich überhaupt bewusst zu machen, wie Status erlangt wird und Privilegien vergeben werden; diese Praxis gilt es dann zu kritisieren.

Präziser äußert sich dazu Nadine Lantzsch:

Ein sexistisches System zeichnet sich dadurch aus, dass zunächst die Kategorie Geschlecht strukturgebend für dieses System ist. Dieses System wird nicht dadurch konterkariert, die strukturgebende Kategorie von vornherein abzuschaffen oder aufzulösen (nein, auch das haben dekonstruktivistische Perspektiven nie gefordert), sondern zu verstehen, wie Geschlecht strukturiert. Momentan ist ein System, in dem Geschlecht keine Rolle spielt, unvorstellbar. Ich gehe davon aus, dass sich das auch in Zukunft nicht ändern wird. Die Kategorie Geschlecht zu verwerfen, würde bedeuten, eine Utopie zu wollen. An dem Wollen ist an sich nichts auszusetzen, allerdings bringt der Fokus auf die Utopie fast zwangsweise mit sich, große Schritte machen zu wollen, ungeduldig zu sein, viele Dinge zu vernachlässigen und sich wieder in Postgender-Haltung oder Revolutionsromantik zu verlieren, was unter’m Strich auch bedeuten würde: Sexismus nicht vollends zu begreifen, die strukturierende und performative Wirkung von Geschlecht aus den Augen zu verlieren und ja – ein sexistisches System aufrecht zu erhalten.

Abbildung aus Simone de Beauvoir: Brigitte Bardot and the Lolita Syndrome. 1959.

Diese Einsicht wird, so meine schon mehrfach geäußerte Kritik, von der Männerrechts- oder Maskulinistenbewegung ignoriert. Sie fokussiert einige Rechtsungleichheiten, die Männer benachteiligen, ohne umfassend über Rollenbilder und Privilegien nachzudenken. Zudem ignoriert sie bei einigen Fragen den politischen Kontext und die Sympathie des Feminismus. Hier zwei Beispiele:

  1. Sorgerecht für Kinder und Alimentzahlung.
    Die heutige rechtliche Praxis orientiert sich, so meine Behauptung, nicht mehrheitlich am Geschlecht der Eltern, sondern an der Aufteilung der Kinderbetreuung. Wer Kinder betreut, erhält das Sorgerecht. Ignoriert wird dabei, dass damit auch eine Sorgepflicht verbunden ist, die Mütter ungefragt automatisch erhalten, Männer jedoch nicht. Männer können vor, nach und während einer Geburt nach Südafrika aufbrechen und sich weder bei der Mutter noch beim Kind je wieder melden – Mütter nicht.
    Eine feministische Position beleuchtet alle Facetten dieses Problems und fragt allgemein, ob die Kinderbetreuung ans Geschlecht (oder an die biologische Tatsache der Geburt) gekoppelt sein müsse und wie Gesellschaften dieses Problem ohne Diskriminierung lösen können.
  2. Wehrpflicht.
    Wehrpflicht betrifft in der Schweiz nur Männer. Anstatt dies einfach als Diskriminierung zu geißeln, die der Feminismus ignoriert, könnte man die Bestrebungen, die Wehpflicht generell aufzuheben, in Betracht ziehen. Diese Bestrebungen würden jede Form von Diskriminierung aufheben.

* * *

Nach dieser Skizze eine Position möchte ich ein Problem ansprechen: Wenn die Kategorien »Mann« und »Frau« in der sozialen Praxis hinterfragt und kritisiert werden, ist es schwierig, diese Kategorien überhaupt zu definieren. Es ist schon rein biologisch nicht einfach, zu sagen, was genau die Zugehörigkeit zu einer der Kategorien ausmacht, viele Merkmale sind nicht polar, sondern graduell strukturiert.

Meiner Meinung nach gibt es zwei Lösungen:

  1. Selbstzuschreibung. Wer sagt, sie sei eine Frau oder er sei ein Mann ist das auch. Man kann sich selber auch als homo- oder heterosexuell, cis- oder transgender bezeichnen oder als Eichhörnchen oder Einhorn. Wenn man sagt, man sei ein Einhorn, ist man eins. Punkt.
  2. Orientierung an Privilegien: Wer das Privileg genießt, nicht durch Normen beschränkt zu werden, ist ein in Bezug auf die Kategorie Geschlecht ein Mann.

Diese zweite Definition scheint zunächst etwas lächerlich zu sein, enthält aber genau den entscheidenden Punkt: Männer, die Kinder betreuen oder über Sexismus nachdenken, erhalten heute eine Art Ansehen oder Status, ohne dies verdient zu haben. Darin manifestiert sich der soziale Geschlechterunterschied: Dass Männer Anerkennung für Handlungen erhalten, für die Frauen keine Anerkennung erhalten. Warum sie nicht darüber definieren?

Gedanken zum Tag der Frau

Ronnie Grob hat Recht. Ein Tag nützt wenig. Und doch kann er zum Anlass genommen werden, mal wieder zu sagen, weshalb es so einen Tag vielleicht doch noch braucht.

  1. In den letzten Jahren wird Geschlecht vermehrt wieder als etwas Biologisches gedacht – mit fatalen Konsequenzen. Sozial vermittelt und erworbene Fähigkeiten und Eigenschaften werden auf genetische Ursachen reduziert. Damit werden Geschlechterrollen als etwas Vorgegebenes und Unveränderliches betrachtet: Wenn Mädchen von Natur aus gerne mit Puppen spielen, mit sprachlichen Fähigkeiten und Verständnis gesegnet sind, Konkurrenz ablehnen und Kompromisse suchen, so wird ihnen die Möglichkeit abgesprochen, sich in der heutigen Berufswelt durchzusetzen und politische Verwantwortung zu übernehmen. Der Blick wird dann abgezogen von den sozialen Problemen, welchen Frauen daran hindern, Beruf und Familie zu verbinden, Karriere zu machen, Politik zu betreiben – erfolgreich zu sein.
  2. Die Biologisierung führt auch zu einer verstärkten Normierung. Diese Normierung betrifft besonders den Körper der Frau. Er ist den Blicken der Gesellschaft ausgesetzt und muss Anforderungen genügen. Er ist exponiert, wird aber in einer neuen Prüderie gleichzeitig auch versteckt. Frauen und Mädchen wollen nicht schlank sein, sie müssen schlank sein.
  3. Viele Frauen sind Opfer männlicher Gewalt. Nicht alle Männer sind Täter. Nicht alle Sexualität ist gewaltsam. Aber das hat auch kaum jemand ernsthaft behauptet. Aber männliche Sexualität ist in vielen Vorstellungen mit Gewaltvorstellungen vermengt, Gewalt an Frauen ist eine gesellschaftliche Realität, die zu wenig Aufmerksamkeit erhält.
  4. Die Bewegung, welche sich für die Frauen einsetzt, der Feminismus, ist völlig diskreditiert. Die Bewegung schein in ihren Zielen lächerlich zu sein, ihre prominenten Vertreterinnen sind keine Identifikationsfiguren mehr und ihre Inhalte werden verknappt auf die Projektion, Frauen wollten Männer dominieren und die Macht an sich reißen.
  5. Die Männerbewegung erhält für Anliegen Aufmerksamkeit, welche an Ausmass und Bedeutung mit den Anliegen der Frauenbewegung nicht vergleichbar ist. Man kann Unrecht schlecht miteinander vergleichen: Aber wenn man immer wieder hören muss, wie benachteiligt Männer bei Scheidungen werden und wie wenig Männer das gemeinsame Sorgerecht für ihre Kinder bekommen, so vergisst man vielleicht, wie viele Frauen sich in unerträglichen Situationen befinden, bevor sie sich scheiden lassen, wie viele Frauen kein Geld von den Männern erhalten, die die Väter ihrer Kinder sind und wie viele Frauen alleine für ihre Kinder sorgen müssen, ohne das so geplant und gewollt zu haben.
  6. Die ganze Diskussion ist auch verheterosexualisiert: Es wird generell angenommen, eine Frau brauche einen Mann und ein Mann eine Frau. Die Annahme ist falsch. Es ist nicht einmal klar, was eine Frau und ein Mann denn genau sind.
  7. Zum Schluss eine Forderung: Wir sollten weniger von Geschlechtern reden und mehr von Menschen. Diese Menschen schlüpfen in Rollen. Sie haben Körper. Sie verwandeln sich. Sie arbeiten. Sie haben Familien. Sie gehören zu Familien. Sie mögen einige Dinge und andere nicht. Sie tun Gutes und Böses.
Frauen boxen am Strand, 1920. Quelle: http://flysongbird.blogspot.com/

Frauen boxen am Strand, 1920. Quelle: http://flysongbird.blogspot.com/

Zwei empfehlenswerte Text zum Tag der Frau:

    1. Pia Horlacher im Medienspiegel zu Geschlechter-Debatten.
    2. Ein Blogpost von Nadine Lantzsch auf ihrem Blogs Medienelite (CC BY-NC 3.0):

Ihr Lieben, wie jedes Jahr ist der 8. März der Tag, an dem uns mitgeteilt, dass Gleichberechtigung ein nahezu erreichtes Ziel ist und deshalb werden Blumen an die Gattinnen, Freundinnen, Kolleginnen verteilt, der Chef lässt die Mama mal eher nach Hause, die Medien räumen dem Thema mal einen Platz ein (weil es sich so gehört), ein großzügiger Chefredakteur sagt großmännische Sätze wie „das mit demLohnausgleich, das kommt bald, nur Geduld“, eine Frau darf im Fernsehen erzählen, wie schlimm das Patriarchat auch für Männer ist und irgendeine wird wieder nicht umhin kommen zu sagen: „Ich bin keine Feministin, aber…“ – Nehmt das nicht hin, lasst euch nicht abspeisen mit hohlen Phrasen und kleinen wie großen Gesten! Dieser Tag ist ein Tag wie jeder andere auch: Denn täglich findet sexualisierte und häusliche Gewalt statt, werden Selbstbestimmungsrechte über den eigenen Körper, die eigene Sexualität, die eigenen Grenzen ignoriert und verletzt, müssen Menschen in Armut leben, werden ausgebeutet, an der Verwirklichung ihres eigenes Lebensglückes gehindert und wie eine Ware behandelt. Heute ist nicht nur ein Tag, um darauf hinzuweisen, sich widerständig mit den herrschenden Verhältnissen zu zeigen und das Label Feminismus ohne Abgrenzungen gegen die dreckigen, emanzenhaften, männerhassenden und verbitterten Feminist_innen zu benutzen, sondern sich solidarisch mit all jenen zu zeigen, die aus diesen Gründen verbittert, frustriert und wütend sind. Heute ist der Tag, an dem ihr feiern solltet, dass jeden Tag überall Kämpfe gegen Unterdrückung stattfinden, die noch lange nicht vorbei sind! Wir sind wütend und stolz darauf! Einen wunderschönen Frauenkampftag euch allen, bleibt schmutzig! ♥

Privilegien, Minderheiten, Normen und Diskriminierung

Eines der spannendsten Probleme, die es heute gibt, sind verschiedene Formen subtiler Diskriminierung. Was meint subtil? Es geht nicht primär um Formen der Diskriminierung, die von einer gesetzlichen Ungleichheit ausgeht oder durch Mechanismen, die brutalen Zwang voraussetzen; sondern eben Handlungsweisen, die alltäglich sind und »normal« wirken – und dennoch diskriminieren.

Ein Beispiel: Homosexuelle Menschen werden, wenn man sie dann einmal besser kennt, gerne mal gefragt, wie oder wann sie denn entdeckt haben, dass sie homosexuell seien. Ersetzt man nun homo- durch heterosexuell, merkt man sofort, warum diese Frage problematisch ist: Man denkt nicht einmal daran, dass jemand entdecken könnte, heterosexuell zu sein, weil wir davon ausgehen, dass irgendwie alle heterosexuell sind oder sein sollten – bis sie merken, dass sie »anders« sind. Und gerade dieses Anderssein ist ja dann letztlich das Problem.

An diesem Punkt ist nämlich das moderne Denken stehen geblieben. Spricht man mit aufgeklärten, gebildeten Menschen darüber, wird schnell einmal in die Runde geworfen, dass »diese Menschen« ja tatsächlich »anders« seien (also z.B. Frauen, Homosexuelle, Inter- oder Transsexuelle, MuslimInnen, ChinesInnen etc.). Damit wird ein Denken entlarvt, das aus folgenden Bestandteilen besteht:

  1. Das Erstellen und Aufrechterhalten einer Norm (weiß, heterosexuell, cisgender, männlich, arbeitstätig, nicht-behindert).
  2. Das Markieren von allen Menschen, die sich außerhalb dieser Norm befinden.
  3. Die andere Behandlung dieser Normopfer.

Wer nun zu dieser Norm gehört – wie der Autor z.B. – ist privilegiert. Wie schwierig es diese Person auch immer haben mag im Leben (vielleicht wird sie nicht geliebt, ist gescheitert etc.) – sie wird sich nie mit einer Norm auseinandersetzen, der sie nicht genügt. Sie wird nie bei Menschen Unsicherheit damit hervorrufen, wer sie ist; wird nie begründen müssen, warum als die Person, die sie ist, in dieser Gesellschaft lebt.

Und deshalb ist sie automatisch Teil des oben beschriebenen Mechanismus. Weil sie kein Opfer ist, ist sie ein Täter: Sie trägt das System und kommt in Genuss von Privilegien.

Was kann man tun – was kann ich tun? Zunächst einmal einfach zuhören. Nichts sagen, wenn man mit Menschen spricht, die nicht (gleich) privilegiert sind. (Wie subtil die Formen des Machtmissbrauchs und Unrechts gegenüber Minderheiten sind, zeigt diese Seite sehr schön.) – Dann: Über dieses Problem nachdenken. Sich bewusst zu machen, dass niemand sich diesen Mechanismen entziehen kann. – Und schließlich: Andere darauf aufmerksam machen. – Und vor allem nicht: So tun, als ob Rassismus und Sexismus Themen aus einer obskuren Vergangenheiten wären, die heute allenfalls in rückständigen Zivilisationen eine Bedeutung hätten.

Julia Schramm erklärt diesen Zusammenhang etwas ausführlicher, mit Literaturangaben und einer Skizze der Diskurstheorie – eine spannende Lektüre. 

Ich zitiere ihr »tl;dr«:

Unser Denken wird von den Diskursen unserer Gesellschaft geprägt. Als weißer, hetero, cis-gender hast du es im Leben (tendenziell/wahrscheinlich) leichter.  Und manchmal muss man diese Privilegien anerkennen und einfach die Klappe halten. Privilegien haben auch mal einen Preis. Außerdem: Rassismus ist mehr als das N-Wort und Ausländern den Kopf eintreten.

Hintergrund ist der Konflikt um den Auftritt von Noah Sow in Fulda, der sich aus diesen beiden Blogposts rekonstruieren lässt: To Whites It Should Concern von Nadine Lantzsch und Im Herzen die weißeste von allen von Malte Welding.

Bildquelle: http://www.din.de/