Ende Februar hat Julia Schramm in der Süddeutschen Zeitung einen Gastbeitrag zur »Beschimpfung öffentlicher Personen im Internet« publiziert. »Wer sichtbar ist, wird niedergemacht«, titelt sie - und hält fest:
Deswegen wird das Web 2.0 zur Nagelprobe für Verantwortliche in Politik, Öffentlichkeitsarbeit und Wirtschaft, die mit (angestautem) Unmut konfrontiert werden, mit Kritik und Wut. Die Kommunikation mit den Machthabern der Gesellschaft wird auf ganz neue Weise direkt, und Resonanz die eigentliche Währung. Sie zu verwehren, bedarf der Rechtfertigung. Gleichzeitig verändern sich die quantitativen Rahmenbedingungen der Kommunikation durch das Netz, nicht die qualitativen.
Die fünf im Titel genannten Persönlichkeiten, von denen drei zurückgetreten und zwei noch im Amt sind, haben alle Fehler gemacht. Einige größere, andere kleinere. Diese Fehler werden in einem medialen Resonanzraum, der mit dem Web 2.0 noch nicht mal so viel zu tun hat, haarklein auseinandergerechnet, im Fall Danthine geht es letztlich um die Frage, wie viel eine Flasche Wein und ein Teller Fisch gekostet hat bzw. kosten darf.
Dabei wird dann ziemlich schnell ein klares Urteil gefällt: Die Fehler sind so massiv, dass sie sich nicht mit einem öffentlichen - oder im Fall Fiala - privaten Amt vereinbaren lassen. Daniel Binswanger schreibt in einem Blogbeitrag:
Wer eine öffentliche Figur beschädigen will, der suche irgendwelche Lappalien und konstruiere den Vorwurf der „moralischen Verfehlung“. Das ist in der Schweizer Publizistik zum neuen courant normal geworden. Das Verfahren hat bereits gigantischen Schaden angerichtet. Jetzt scheint es richtig salonfähig zu werden.
Nun will und kann ich nicht beurteilen, ob es sich um »Lappalien« handelt oder ob nicht in einigen der hier genannten Fälle ein Rücktritt der richtige Schritt war. Aber auf jeden Fall haben diese Personen kein Verbrechen begangen.
Entscheidend scheint mir nun die Erwartungshaltung der interessierten Öffentlichkeit zu sein. Verständlich finde ich, dass man Transparenz fordert und davon ausgeht, dass Verfehlungen und Verstöße, seien sie moralischer oder rechtlicher Natur, nicht einfach ignoriert und versteckt werden. Aber die Kopplung von Amt und Verstößen führt zu abstrusen Forderungen: Wulff sollte nicht traditionsgemäß verabschiedet werden und keine Rente erhalten, Hildebrands Familie darf beim privaten Essen im Restaurant fotographiert und in der Zeitung präsentiert werden, Guttenberg sollte, folgte man einigen Kommentierenden, ins Gefängnis müssen, weil er gegen wissenschaftliche Vorgaben verstossen hat und Fiala müsste wohl auch ihre Einnahmen als PR-Fachfrau von früheren Engagements zurückzahlen, um den Zorn gewisser Interessierter zu stillen.
Ein zweiter Aspekt: Die Medien haben zwar die Aufgabe, solche Verfehlungen publik zu machen und nachzufragen, unbequem zu sein. Aber sie können nicht ihren eigenen Erfolg daran messen, ob sie einen Rücktritt herbeischreiben können oder nicht. Fiala mag ein überrissenes Salär beziehen - aber letztlich ist es die Entscheidung der Aidshilfe Schweiz, ob sie dieses Salär im Verhältnis zu Fialas Leistung angemessen findet und die Entscheidung der Zewo, ob sie die Aidshilfe weiterhin zertifizieren will und kann. Die Fakten sind bekannt. Und es gibt immer verschiedene Möglichkeiten, wie man Sachlagen interpretieren kann und wie man auf sie reagieren soll. Einige Medienschaffende führen Kampagnen, welche nur eine Möglichkeit als akzeptabel erachten: Einen Rücktritt.