Die Bedeutung von Ostern

Ich bin kein religiöser Mensch. Auf viele schwierige Fragen habe ich keine bessere Antwort als »Ich weiß es nicht.« Ich kann damit besser umgehen als mit Erzählungen, an die man glauben könnte.

Diesen Erzählungen – das habe ich vor einer Weile schon festgehalten – sollte man meiner Meinung nach mit Respekt begegnen. Zunächst, weil sie für viele Menschen eine große Bedeutung haben; dann, weil sie eine lange Tradition haben und in den Dörfern und Städten, die wir bewohnen, während Jahrhunderten gelesen, gehört und besprochen worden sind – und zuletzt, weil es gute Geschichten sind, über die man nur dann sprechen kann, wenn man sich mit ihnen auseinandergesetzt hat.

Dazu gehört auch die Ostergeschichte. Selbstverständlich kann man da historische Fragezeichen (FB-Link) setzen, kann eine Aufhebung von Tanzverboten fordern (müsste aber konsequenterweise auch eine Aufhebung der Freitage dazunehmen) oder sich darüber lustig machen, dass ein allmächtiger Gott seinen Sohn ans Kreuz nageln lässt, um ihn dann wieder auferstehen zu lassen.

Matthias Grünewald: Detail des Isenheimer Altars. Musée d'Unterlinden, Colmar. Wikimedia.

Diese Aussage von Lutz Fischer-Lamprecht (bzw. seiner Frau) war auf Twitter Gegenstand einer längeren Diskussion. Die Frage war, ob man eine Geschichte wie die Ostergeschichte erklären und verstehen kann. Meine Meinung: Man kann die Geschichte zumindest interpretieren; also erklären, wie man sie selbst versteht. Hier meine Interpretation:

  1. Zunächst ist die Geschichte die Geschichte eines Wunders. Ein Mensch stirbt und aufersteht. Dieses Wunder zeichnet Gott aus (seine Existenz könne sich mit Wundern gar beweisen lassen) – und es zeichnet Jesus aus.
  2. Dann ist es eine Geschichte vom Tod – und damit von der Angst vor dem Tod, dem Leiden vor und während dem Tod. Sie sagt uns: Es ist ungerecht, dass wir leiden und streben müssen. Und: Diese Religion kann damit umgehen, sie bietet Leidenden und Sterbenden Trost an.
  3. Es ist auch eine Abgrenzungsgeschichte: Jesus ist der christliche Messias, den die anderen, die Un- oder Falschgläubigen, in ihrer Ignoranz getötet haben. Das zeichnet uns aus, deshalb gehören wir zusammen. (Das waren die einfachen Punkte.)
  4. Dann geht es ja um den symbolischen Wert des Sterbens von Jesus: Sein Tod führt dazu, dass unsere Sünden vergeben werden. Das ist generell sehr unlogisch: Wenn unsere Sünden zunächst Sünden gegenüber Gott wären, dann könnte Gott die Sünden ja einfach vergeben. In seiner Allgütigkeit und Allmächtigkeit würde ihm das auch nicht besonders schwer fallen, könnte man annehmen. Er hätte sowas wie einen Regenbogen schicken können und einen fähigen Propheten und der hätte uns dann verkünden können, dass diese Erscheinung ein Zeichen dafür sei, dass unsere Sünden vergeben sind. Aber nein: Gott lässt seinen eigenen Sohn umbringen, dem das ganz und gar nicht gefällt. (Da kommen dann Erinnerungen hoch an das Menschenopfer, das derselbe Gott von Abraham verlangt hat, seine ungerechte Bestrafung von Adam und Eva (die haben einen Apfel gegessen) etc.
    Ich verstehe diesen Teil so: Vergebung ist etwas Irrationales und psychologisch Diffiziles. Weder sollte ich mir selbst dafür vergeben, dass ich anderen einen Schaden zugefügt habe (oder mir selbst) – noch sollte ich anderen für die Schäden vergeben, die sie mir selbst zugefügt haben. Menschen brauchen auch im 21. Jahrhundert noch Strafen, von denen sie wissen, dass sie nichts nützen. Sie sehen sich nach Rache etc. Sie handeln nach der Logik des Talion: Gleiches wird mit Gleichem vergolten. Natürlich in einem etwas abstrakteren Sinne – aber Vergebung ist nicht Teil der menschlichen Handlungsweise.
    Der offensichtliche Verstoss Gottes gegen jegliche Logik und jegliche Psychologie durch das Opfer seines Sohnes (den er zudem nicht einmal richtig opfert, sondern eben auferstehen lässt) zeigt uns, dass wir zur Vergebung nur mit einer anderen Logik gelangen. Auch wir müssen (symbolische) Opfer bringen, um uns selbst und anderen vergeben zu können für das, was uns angetan wurde.

Das ist die Aussage, die mir an Ostern gefällt, die ich von der Geschichte mitnehmen (es gäbe sicher viele weitere, das es auch viele Figuren gibt, die ich gar nicht erwähnt habe). Die Aufforderung, für Vergebung zu arbeiten, das Wissen, dass Vergebung nichts Einfaches ist. Ich denke, man kann das auch einfach sagen – aber Geschichten transportieren eine solche Botschaft kraftvoller.
P.S. In eine ähnliche Richtung wie meine geht die Deutung von Zizek in „Gnadenlose Liebe“ (pdf).

Eine Bemerkung zum Mode-Atheismus

Ich beziehe mich im Folgenden direkt auf die Freidenker (Freidenker-Vereinigung der Schweiz), weil diese Bewegung meines Erachtens für einen etwas widersprüchlichen Trend steht, den ich kurz kommentieren möchte.

Eine aufgeklärte Haltung besteht meines Erachtens in der Einsicht, dass alleine die Art (oder der Name) eines Glaubens eines Menschen keine Grundlage für ein Urteil über ihn ist, sondern dass vielmehr die Handlungen eines Menschen beurteilt werden sollen. Wenn also Menschen beispielsweise beten, dann kann ich als aufgeklärter Mensch beispielsweise sagen, dass ich nicht verstehe, warum sie beten, oder anmerken, dass ich nicht an die Wirkung von Gebeten glaube. Aber ich bin nicht berechtigt, sie wegen des Betens anzugreifen, zu beleidigen oder sie lächerlich zu machen.

Diese Haltung ist ein Resultat der fundamentalen Einsicht, dass wir alle an viele Dinge glauben, dass auch unser Bezug zu so genannt wissenschaftlichen Erkenntnissen oft einer des Glaubens ist. Selbstverständlich gibt es eine scharfe Trennlinie: Wissenschaftliche Erkenntnisse ändern sich aufgrund von Ereignissen oder Untersuchungen, Glaubenssätze bleiben unabhängig davon, was passiert, bestehen. Aber viele wissenschaftliche Positionsverschiebungen bleiben uns verborgen und wir halten an überholten Vorstellungen fest – im Modus des Glaubens.

Mir fehlt es, kurz gesagt, bei viele Atheisten und Freidenkern am Respekt gegenüber gläubigen Menschen. Dieser Respekt fehlt deshalb, weil Religion und Glaube in der Sicht der Freidenker (gibts da eigentlich auf freidenkende Frauen?) verkürzt verstanden wird als die Haltung der Angehörigen von evangelikalen amerikanischen Freikirchen, die aufgrund von widersprüchlichen Dogmen irrationale Dinge tun.

Flickr: Gravitat-OFF (CC BY 2.0)

Damit wird eine ganze Tradition ausgeblendet, deren Wert nicht in der Tatsache liegt, dass es sich um eine Tradition handelt, sondern darin, dass differenzierte, hochwertige Auseinandersetzungen mit wichtigen Fragen stattgefunden haben: Die Theologie. Wenn man sich genauer mit der christlichen, jüdischen oder muslimischen Theologie befasst, dann merkt man, dass es kaum naive Zugänge zu Texten gibt, sondern dass methodisch raffinierte Überlegungen zur Auslegung von Texten stattgefunden haben, dass es keine willkürliche Ausschließung wissenschaftlicher Erkenntnisse gibt, sondern Glaube und Wissenschaft gemeinsam gedacht werden, dass Themen umkreist werden, welche auch außerhalb einer bestimmten Religionsgemeinschaft von Bedeutung sind.

Das soll jetzt kein Werbespot für bestimmte Kirchen oder Religionen sein: In jeder langlebigen Institution gibt es strukturelle Verfehlungen, problematische Entwicklungen, Verteidigen von Machtansprüchen. Vielmehr geht es darum, den Glauben an sich genauer zu betrachten.

Auf der Seite der Freidenker gibt es einen »Freidenker-Test«. Hier einige Fragen, von mir nummeriert:

  1. Ich bin offen für Kritik, wende mich gegen Dogmatismus jeglicher Art und trete mit diesem Vorbehalt für meine Überzeugungen ein.
  2. Ich geniesse mein Leben, denn mir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben.
  3. Ich halte die Evolutionstheorie für die einleuchtendste Erklärung unserer Herkunft.
  4. Ich toleriere religiöse Meinungen anderer, solange sie nicht im Widerspruch zu den allgemeinen Menschenrechten stehen.
  5. Ich finde, dass die organisierten Religionen mehr Schaden als Nutzen anrichten.
  6. Ich finde, die Trennung von Staat und Kirche sollte in allen Kantonen der Schweiz vollzogen werden.
  7. Ich gehöre keiner Kirche oder Glaubensgemeinschaft an.

Die damit formulierte Urteil ist nicht sehr subtil: Wer nicht zu den Freidenkern gehört, ist (1.) nicht offen für Kritik, (2.) genießt sein Leben nicht, (4.) toleriert andere Meinungen nicht, (5.) verursacht als Anhänger einer organisierten Religion Schaden. Das handelt sich meines Erachtens um ein Vorurteil.

Ein Beispiel: Die reformierte Kirche in der Schweiz. Die wenigsten Angehörigen dieser organisierten Religion entsprechen dem Bild, das die Freidenker zeichnen. Mir sind weder Schäden, die durch die reformierte Kirche verursache werden, noch dogmatische Positionen oder Intoleranz bekannt, meines Wissens hat die reformierte Kirche auch kaum Probleme mit der Evolutionstheorie oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Zudem leisten Angestellte der reformierten Kirche wertvolle seelsorgerische Dienste, kümmern sich um alte und kranke Menschen, sind Ansprechpersonen für Leidende und engagieren sich in der Jugendarbeit.

So ehrenwert ein Engagement für die Trennung von Kirche und Staat ist, weil diese Verbindung noch immer unverständliche Auswirkungen hat (Kirchensteuer für Unternehmen, besonderer Schutz von christlichen religiösen Symbolen): Wer wirklich frei denkt, muss sich nicht von anderen Menschen und ihren Haltungen abgrenzen.

Wahrheit und Fiktion in sozialen Netzwerken

Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass wir Menschen immer das für wahr halten, woran wir glauben (möchten): Manchmal ist es erstaunlich, wie schnell sich Halbwahrheiten oder falsche Behauptungen in sozialen Netzwerken verbreiten.

Ein Beispiel ist die Studie, wonach die Nutzer von Internet Explorer dümmer seien als die anderer Browser, andere sind die Beschreibungen der Vorgänge bei aktuellen Ereignissen wie den Plünderungen in England. Generell kann man sagen, dass soziale Netzwerke Wahrheit und Fiktion vermischen – ja vermischen müssen.

Dafür sehe ich eine Reihe von Gründen:

  1. Aufmerksamkeit ist die Währung in sozialen Netzwerken. Aufmerksamkeit generiert man mit erstaunlichen Botschaften – z.B. mit erfundenen.
  2. Soziale Netzwerke basieren auf der Verbreitung von Information. Oft werden Informationen verbreitet, die nicht ganz gelesen wurden und deren Titel die Mitlesenden interessieren könnte. Falsche und halbwahre Informationen können viral verbreitet werden, ohne dass die Masse an Lesenden bzw. Verbreitenden darauf aufmerksam würde.
  3. Soziale Netzwerke sind schnell und aktuell. Die Zeit reicht nicht aus, durch Recherchen etc. zu verifizieren, ob eine Information stimmt.
  4. Soziale Netzwerke schaffen Kommunikation in Gruppen. Auch wenn sie nicht so angelegt sind – meistens informieren sich Gleichgesinnte bei Gleichgesinnten. Wenn man also als Nicht-Explorer-Nutzende hört, dass Explorer-User dumm sind, dann passt das zur Gruppenmeinung und kann verbreitet werden.
  5. Soziale Netzwerke verbinden User, welche sich damit unterhalten (und dabei vor allem scherzen), mit solchen, welche sich ernsthaft informieren wollen bzw. andere informieren wollen. Die Abgrenzung fällt nicht immer leicht – wo beginnt die Ironie bzw. der Witz und wo hört die faktische Information auf?

Selbstverständlich hat man als Nutzer von Social Media die Möglichkeit, sich diesem Problem zu stellen. Der Guardian schlägt – im Zusammenhang mit den Ereignissen in London – acht Möglichkeiten vor, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Twitter (und mit sozialen Medien generell) ermöglichen (ich danke Konrad Weber für den Hinweis auf diesen Artikel):

  1. Augenzeugenberichte nur dann verbreiten, wenn man selber Augenzeuge gewesen ist.
  2. Informationen, die man aus erster Hand hat (z.B. Beobachtung) so präzise wie möglich formulieren.
  3. Davon ausgehen, dass andere User scherzen könnten.
  4. Was passieren könnte ist nicht dasselbe wie das, was passiert ist.
  5. Wenn man Gerüchte erkennt, soll man sie direkt infrage stellen.
  6. Wenn man auf falsche Informationen trifft, soll man sie korrigieren.
  7. Sich überlegen, woher man weiß, dass etwas wahr ist. Nachfragen, recherchieren.
  8. Usern folgen, denen man vertrauen kann.

Warum wir nicht an wissenschaftliche Fakten glauben.

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Chris Mooney hat einen sensationellen Artikel für MotherJones verfasst: The Science of Why We Don’t Believe in Science. (Chris Mooney bloggt übrigens auf The Intersection.) Er beantwortet darin die Frage, warum sich Menschen nicht auf wissenschaftliche erhärtete Erkenntnisse einlassen und lieber weiter an etwas glauben, was sich wissenschaftlich nicht nachweisen lässt.

Als Amerikaner bezieht sich Mooney auf die klassischen Beispiele, mit welchen sich die amerikanische Politik beschäftigt:

  • Klimaerwärmung
  • Irakkrieg im Zusammenhang mit der Frage
    a) ob Hussein Massenvernichtungswaffen besessen habe
    b) ob Hussein mit den 9/11-Anschlägen etwas zu tun gehabt habe
  • Evolution vs. Kreationismus
  • Geburtsort und Glaube von Obama
  • Wirksamkeit der Todesstrafe
  • Anti-Impf-Bewegung

Es ist Mooney zugute zu halten, dass er nicht nur Beispiele anschaut, bei welchen die traditionell gläubigen Republikaner unwissenschaftlich argumentieren, sondern (z.B. bei der Impffrage) auch den irrationalen Skeptizismus der Linken unter die Lupe nimmt. Die wesentlichen Erkenntnisse von Mooney sind nun:

1. Wie Überzeugungen wirken.

Wenn wir von etwas überzeugt sind, so werden wir Fakten, die unseren Überzeugungen widersprechen, entweder ignorieren oder die Quellen dieser Fakten für unglaubwürdig halten oder die Fakten direkt bezweifeln. Wir verhalten uns in Bezug auf Überzeugungen wie Sekten, die an den Weltuntergang an einem bestimmten Datum glauben: Selbst wenn dieser Weltuntergang nicht eintritt, führt das nicht dazu, dass sie ihren Glauben abschütteln.

Konkret heißt das: Experten, die eine andere Haltung vertreten als unsere, schätzen wir als unglaubwürdiger ein als solche, welche unsere Haltung stärken. Wir bezweifeln Statistiken, welche unsere Überzeugungen untergraben – und glauben auch unseriösen Studien, welche unsere Überzeugungen stützen.

2. Psychologie der Überzeugungen.

Es gibt grundsätzlich drei Gründe, die dazu führen, dass wir uns so verhalten:

Erstens tendieren wir aufgrund von unbewussten Faktoren wie Emotionen dazu, Sachverhalte einzuschätzen, bevor wir vernünftig über sie nachdenken. Dieses Nachdenken ist dann eher ein Prozess, der dazu führt, unsere subjekten Einschätzungen zu stützen. In anderen Worten: Wir denken eigentlich nie unvoreingenommen nach, sondern wissen unbewusst immer schon, was wir herausfinden möchten. Mooney verwendet Beispiele aus dem Beziehungsbereich: Eltern glauben aus Liebe zu ihren Kindern nie daran, dass diese andere Kinder mobben – auch wenn alle Fakten bzw. Fremdurteile dafür sprechen.

Zweitens haben wir unsere Haltungen langfristig aufgebaut. Diese Investition von Ressourcen muss sich lohnen. Würden wir alles, was wir glauben, ständig hinterfragen, wenn sich eine Möglichkeit bietet, wären wir fast ausschließlich mit dem Hinterfragen beschäftigt – und entsprechend verunsichert und orientierungslos.

Drittens definieren uns unsere Haltungen. Es mag irrational erscheinen, wenn Sektenmitglieder an den Weltuntergang auch dann glauben, wenn er nicht eingetreten ist. Aber dadurch definieren sie sich als Sektenmitglieder – sie gehören gerade deshalb zur Sekte. Wenn nun ein Homöopath an der Wirksamkeit der Homöopathie zu zweifeln glaubt, führt das nicht nur zu einer Kritik an seinem früheren Verhalten (auch von außen), sondern auch zu einer Erschütterung vieler Beziehungen, letztlich zu einer starken sozialen Belastung – es mag also durchaus rational für ihn sein, weiterhin an etwas zu glauben, woran er – nach wissenschaftlichem Maßstab – nicht glauben sollte.

3. Die Konsequenzen.

Mooney gibt auch eine Empfehlung ab, wie mit diesem Problem (z.B. in den Medien) umgegangen werden könnte. Die wichtigste Idee ist, dass die Fakten alleine wenig wirksam sind. Um Leute zu überzeugen, muss man mit Haltungen und oder Werten argumentieren, welchen mit ihren eigenen Haltungen und Werten zumindest teilweise übereinstimmen. Man müsste also beispielsweise Leuten, welche an den Zusammenhang zwischen harten Strafen und Sicherheit glauben, ein Narrativ anbieten, das beim Wert der Sicherheit ansetzt und zeigt, dass eine Alternative eine bessere Umsetzung dieser Werthaltung ermöglicht – oder aber Autoritätspersonen beziehen, welche für Haltungen und Werte stehen und für vernünftige Argumente zugänglich sind. Diese Aufgabe betrifft insbesondere Medien. (Mooney verweist auf diese Studie.)

4. Der politische Aspekt.

Wie einleitend schon erwähnt, untersucht Mooney konservative (rechte) und progressive (linke) politische Bewegungen in Bezug auf Überzeugungen. Dazu macht er drei spannende Aussagen (die ich hier vereinfacht wiedergebe):

  • Rechte und linke Überzeugungen unterliegen den oben beschriebenen Effekten – sie entsprechen de facto Glaubenssystemen.
  • Rechte Überzeugungen werden in der Konfrontation mit gegenteiligen Fakten nicht schwächer – sondern gar stärker. Diese Verstärkung lässt sich bei linken Überzeugungen nicht nachweisen (»backfire effect«).
  • Dem wissenschaftlichen Mainstream widersprechende Haltungen findet man nur bei rechten BerufspolitikerInnen, nicht aber bei Linken (z.B. gibt es in den USA keine DemokratInnen, welche an unwissenschaftliche Zusammenhänge zwischen Impfungen und Krankheiten glauben, aber viele RepublikanerInnen, welche wissenschaftlich erhärtete Fakten zur Klimaerwärmung bestreiten).

Glauben und vergeben – von Bill Maher zu Slavoj Zizek

Es ist Sonntag und es regnet. Ich schiebe einen geplanten Post zurück – und schreibe etwas über den Glauben.

Grundsätzlich halte ich es mit Bill Maher und seiner Frage, aus der er den Film »Religulous« gemacht hat (eine Verbindung von »ridiculous« und »Religion« – der Titel sagt eigentlich schon, was sein Grundannahme ist: Das Religion lächerlich sei.):

Warum ist es gut, zu glauben?

Die Antwort darauf ist: In den meisten Fällen ist es besser, nicht zu glauben – sondern versuchen, etwas so zu verstehen, dass man darüber etwas weiß, oder aber Aussagen anzuzweifeln und lieber mit einem begründeten Zweifel dazustehen als mit unbegründetem Glauben. (Die Frage, wie man glauben und wissen unterscheiden könne, beantworte ich dabei pragmatisch: Etwas zu »wissen« impliziert, dass man bereit ist, dieses Wissen zu ändern, sollte ein methodisch akzeptabler Einwand auftreten – etwas zu »glauben« impliziert, dass man das auch glaubt, wenn alles andere dagegen spricht.)

Nun wäre das keinen Post wert, gäbe es nicht eine Ausnahme – denn dann wäre ich einfach ein weiterer, mehr oder weniger militanter Atheist. Die Ausnahme ist das Vergeben, wie der Titel schon antönt.

Was meine ich damit? Im Alltag verletzen sich Menschen ständig und nehmen Schaden aneinander. Dieser Schaden kann nicht gutgemacht werden: Es gibt keine Möglichkeit, jemanden dafür zu entschädigen, dass man ihn oder sie verlassen hat, vergessen hat, verletzt hat. Das wirkt sich auf beide Personen aus: Die verletzende leidet ebenso daran, wie die verletzte; oder zeitgemäßer: Täter und Opfer leiden beide. (Der gefühllose, reuelose Täter ist ja letztlich nichts als ein Mythos, wie böse Menschen generell: Wir können Sie uns nur in Comics oder James-Bond-Filmen vorstellen.)

Nun brauchen Gesellschaften also eine Methode zur Wiedergutmachung des Nicht-Wiedergutzumachenden. Dieses Paradox könnte man mit dem Strafrecht auflösen, indem die Gesellschaft den Täter bestraft und so Täter und Opfer deutlich macht, dass in dieser sinnlosen Geste der Strafe die Wurzel des Vergebens und Verzeihens liegt. Weil der Täter bspw. ins Gefängnis muss, darf er sich einbilden, ihm könne vergeben werden – und weil das Opfer den Täter im Gefängnis weiß, erhält es die Möglichkeit zur Vergebung.

Nun zeigen diese Gedanken schon, dass das Strafrecht notwendigerweise auf objektivierbare Schäden limitiert bleibt (das Verursachen von Liebeskummer ist nicht strafbar) und gleichzeitig immer noch einer kapitalistischen Logik zu gehorchen scheint: Die Strafe muss eine Art Währung für das Vergehen sein, sie muss gleich groß sein wie das Vergehen, oder zumindest dieser Illusion genügen, eine Strafe könne ein Vergehen aufwiegen – was natürlich nie möglich ist.

Aus diesen Gründen braucht es wohl letztlich eine Form von Glauben: Damit das Unverzeihbare und das nicht zu Vergebende verziehen und vergeben werden kann. Um das in der Sprache der Religion auszudrücken, bin ich theologisch zu wenig geschult und ich lasse es bleiben – zitiere aber Slavoj Zizeks Die gnadenlose Liebe:

Das Opfer Christi ist daher in einem radikalen Sinne sinnlos: kein Tauschakt, sondern eine überflüssige, exzessive, ungerechtfertigte Geste, die Seine Liebe zu uns, zur sündigen Menschheit beweisen soll. Es ist so, wie wenn wir in unserem Alltagsleben jemandem »beweisen« wollen, daß wir ihn/sie wirklich lieben, und dies nur mittels einer überflüssigen Geste der Verausgabung tun können. Christus »zahlt« nicht für unsere Sünden; Paulus hat deutlich gemacht, daß eben diese Logik der Bezahlung, des Tausches, gewissermaßen die Sünde selbst ist und die Wette von Christi Tat darin besteht, zu zeigen, daß diese Kette des Tau- sches durchbrochen werden kann. Christus erlöst die Menschheit nicht dadurch, daß er den Preis für unsere Sünden entrichtet, sondern indem er uns zeigt, daß wir aus dem Teufelskreis von Sünde und Vergeltung ausbrechen können. Statt für unsere Sünden zu bezahlen, löscht Christus sie buchstäblich aus und macht sie durch seine Liebe rückwirkend »ungeschehen«.

* * *

Hier noch der oben erwähnte Film von Bill Maher:

 

Wenn Intelligenz fakultativ wird… – Beten für Heilung

Co-Blogger Flo macht auf den Blog von Dr. Med. Yvette Estermann aufmerksam – und siehe da: Selten liest man Halb- oder Gar-nicht-Gedachtes so frei formuliert. Nicht nur ist die Frau offenbar praktizierende Ärztin, sondern darüber hinaus wurde sie auch noch ins Parlament gewählt. Nun setzt sie sich »mit der ältesten Kultur der Schweiz« (Volkskultur, natürlich, oder auch: Volksmusik) auseinander oder betet im oder fürs Bundeshaus (das kann man auch online tun, grossartige Gebete können dort nachgelesen werden). Zudem verweist die Ärztin auf Studien, welche die Wirkung von Gebeten belegen. Wie Flo richtig festgestellt hat: Wenn solche Leute impfen dürfen, dann wäre es fatal, wenn sich alle impfen lassen müssten.
Die oben erwähnten Studien gibt es allerdings tatsächlich. Zwei, die ich angeschaut habe, finden sich hier:

Dabei werden mit Blindtests Patientgruppen untersucht, für die gebetet wird. Effekte der Statistik ergeben dann scheinbar valide Ergebnisse, die belegen, dass Gebete wirken. Allerdings stellen sich auch diesen Forschern ein paar Fragen, die zeigen, mit welchen Tücken »christian science« zu kämpfen hat:

How God acted in this situation is unknown; i.e., were the groups treated by God as a whole or were individual prayers alone answered?

 

Dass Gott sich für Untersuchungen selten zur Verfügung stellt, ist natürlich ein bemerkenswertes Problem. Anschließen kann man vielleicht noch die Frage, warum er Menschen, für die gebetet wird, eher heilt als solche, für die keine Gebete aufgesagt werden (denn die Betenden müssen die Patienten nicht kennen, allein der Name reicht). Um den Betenden eine Freude zu machen – von der sie nie erfahren werden, weil sie ja nicht wissen, für wen sie beten? Oder um generell einen Anreiz zu weiteren Gebeten zu schaffen? Alles etwas unklar.
Die Christian Science an sich ist aber noch etwas rigider in ihrem Glauben: Gestüzt auf Mary Baker Eddy glauben sie, es gäbe nichts als eine spirituelle Welt (eigentlich nichts ausser Gott). Leiden ist glücklicherweise reine Einbildung, entweder eine Wahrnehmunsstörung (»healing of sickness«) oder basierend auf einer Sünde (»healing of sin«). Beide Ursachen können mit Gebeten problemlos behoben werden, da es eine materielle Welt nicht gibt.
Was philosophisch überzeugend daherkommt, wirkt sich fatal aus: Wie mehrere Studien (z.B. diese) belegen, leben Anhänger dieses Glaubens deutlich weniger lang als vergleichbare andere Gläubige und sterben in 6% der Fälle an Ursachen, die hätten behoben werden können.
Und was es zu den Gebetsstudien noch zu sagen gibt, ist

  1. Statistik- und Reality-Check: hier. (Fazit: Wenn man zwei Gruppen macht, kann es sein, dass es der einen besser geht. Ob gebetet wird oder nicht.)
  2. Das Gebet in seiner reinen Form folgt Zizeks Logik des Opfers (hier nachzulesen); das nämlich nur in einer kaptialistischen Analyse als ein verschobener Kaufvertrag angeschaut werden kann (ich opfere/bete und erhalte später, wofür ich geopfert/gebetet habe), grundsätzlich aber eine Handlung ist, die ich vornehme, um die Existenz Gottes zu bekräftigen, denn wenn ich ihm opfere bzw. zu ihm spreche, dann muss es ihn ja geben. Etwas erhalten muss ich dann nicht.