Glauben und vergeben – von Bill Maher zu Slavoj Zizek

Es ist Sonntag und es regnet. Ich schiebe einen geplanten Post zurück – und schreibe etwas über den Glauben.

Grundsätzlich halte ich es mit Bill Maher und seiner Frage, aus der er den Film »Religulous« gemacht hat (eine Verbindung von »ridiculous« und »Religion« – der Titel sagt eigentlich schon, was sein Grundannahme ist: Das Religion lächerlich sei.):

Warum ist es gut, zu glauben?

Die Antwort darauf ist: In den meisten Fällen ist es besser, nicht zu glauben – sondern versuchen, etwas so zu verstehen, dass man darüber etwas weiß, oder aber Aussagen anzuzweifeln und lieber mit einem begründeten Zweifel dazustehen als mit unbegründetem Glauben. (Die Frage, wie man glauben und wissen unterscheiden könne, beantworte ich dabei pragmatisch: Etwas zu »wissen« impliziert, dass man bereit ist, dieses Wissen zu ändern, sollte ein methodisch akzeptabler Einwand auftreten – etwas zu »glauben« impliziert, dass man das auch glaubt, wenn alles andere dagegen spricht.)

Nun wäre das keinen Post wert, gäbe es nicht eine Ausnahme – denn dann wäre ich einfach ein weiterer, mehr oder weniger militanter Atheist. Die Ausnahme ist das Vergeben, wie der Titel schon antönt.

Was meine ich damit? Im Alltag verletzen sich Menschen ständig und nehmen Schaden aneinander. Dieser Schaden kann nicht gutgemacht werden: Es gibt keine Möglichkeit, jemanden dafür zu entschädigen, dass man ihn oder sie verlassen hat, vergessen hat, verletzt hat. Das wirkt sich auf beide Personen aus: Die verletzende leidet ebenso daran, wie die verletzte; oder zeitgemäßer: Täter und Opfer leiden beide. (Der gefühllose, reuelose Täter ist ja letztlich nichts als ein Mythos, wie böse Menschen generell: Wir können Sie uns nur in Comics oder James-Bond-Filmen vorstellen.)

Nun brauchen Gesellschaften also eine Methode zur Wiedergutmachung des Nicht-Wiedergutzumachenden. Dieses Paradox könnte man mit dem Strafrecht auflösen, indem die Gesellschaft den Täter bestraft und so Täter und Opfer deutlich macht, dass in dieser sinnlosen Geste der Strafe die Wurzel des Vergebens und Verzeihens liegt. Weil der Täter bspw. ins Gefängnis muss, darf er sich einbilden, ihm könne vergeben werden – und weil das Opfer den Täter im Gefängnis weiß, erhält es die Möglichkeit zur Vergebung.

Nun zeigen diese Gedanken schon, dass das Strafrecht notwendigerweise auf objektivierbare Schäden limitiert bleibt (das Verursachen von Liebeskummer ist nicht strafbar) und gleichzeitig immer noch einer kapitalistischen Logik zu gehorchen scheint: Die Strafe muss eine Art Währung für das Vergehen sein, sie muss gleich groß sein wie das Vergehen, oder zumindest dieser Illusion genügen, eine Strafe könne ein Vergehen aufwiegen – was natürlich nie möglich ist.

Aus diesen Gründen braucht es wohl letztlich eine Form von Glauben: Damit das Unverzeihbare und das nicht zu Vergebende verziehen und vergeben werden kann. Um das in der Sprache der Religion auszudrücken, bin ich theologisch zu wenig geschult und ich lasse es bleiben – zitiere aber Slavoj Zizeks Die gnadenlose Liebe:

Das Opfer Christi ist daher in einem radikalen Sinne sinnlos: kein Tauschakt, sondern eine überflüssige, exzessive, ungerechtfertigte Geste, die Seine Liebe zu uns, zur sündigen Menschheit beweisen soll. Es ist so, wie wenn wir in unserem Alltagsleben jemandem »beweisen« wollen, daß wir ihn/sie wirklich lieben, und dies nur mittels einer überflüssigen Geste der Verausgabung tun können. Christus »zahlt« nicht für unsere Sünden; Paulus hat deutlich gemacht, daß eben diese Logik der Bezahlung, des Tausches, gewissermaßen die Sünde selbst ist und die Wette von Christi Tat darin besteht, zu zeigen, daß diese Kette des Tau- sches durchbrochen werden kann. Christus erlöst die Menschheit nicht dadurch, daß er den Preis für unsere Sünden entrichtet, sondern indem er uns zeigt, daß wir aus dem Teufelskreis von Sünde und Vergeltung ausbrechen können. Statt für unsere Sünden zu bezahlen, löscht Christus sie buchstäblich aus und macht sie durch seine Liebe rückwirkend »ungeschehen«.

* * *

Hier noch der oben erwähnte Film von Bill Maher:

 

7 thoughts on “Glauben und vergeben – von Bill Maher zu Slavoj Zizek

  1. Die christliche Symbolik des Reinwaschens durch Christi Blut finde ich etwas unappetitlich. Die Frage der Vergebung und Versöhnung ist auf gesellschaftlicher Ebene sehr interessant. Bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit für die es keine quid pro quo Vergeltung im Strafgesetzbuch gibt werden neue Formen entwickelt, wie zB die Versöhnungs- und Wahrheitskommissionen, die versuchen den Opfern von Staatsterror, Genozid, Diskriminierung, Gehör und Würdigung und Anerkennung zuteil werden zu lassen, den Tätern ermöglichen, ihre Verbrechen einzugestehen und die Konsequenzen auf sich zu nehmen. Dabei spielt Öffentlichkeit eine grosse Rolle. Beispiele Peru, Argentinien, Südafrika, Chile. Die Idee, dass eine Gesellschaft ihre Traumata auf diese Weise bewältigen kann um weiter zu funktionieren finde ich spannend. Versöhnung heisst auch nicht Vergessen oder Ungeschehen machen, im Gegensatz zur Schlusstrichpolitik Chiles und Spaniens: Reissen wir keine alten Wunden auf, wir müssen nach vorne schauen!
    Ein schönes Thema für den Sonntag.
    Hier einige Anstösse
    Desmond Tutu machte den Anfang:
    http://www.suedafrika.net/suedafrika/geschichte/wahrheit-versoehnung.html
    Eine umfassende Diss zu Peru:
    http://homepage.univie.ac.at/evelyne.puchegger-ebner/files/Publikationen%20Ramirez/Diplomarbeit%20Ramirez.pdf
    Chile:
    http://www.gerechtigkeit-heilt.de/texte/chile_0905.html

    • Es geht mir weder um die Symbolik noch um den christlichen Weg – sondern, dass Vergeben in jeder Dimension (ob gesellschaftlich oder persönlich) eine Herausforderung ist, welche rational nicht bewältigbar ist, sondern uns immer überfordert und überfordern muss. Diese Figur ist für mich eine, die mit Glauben zu tun hat.
      Und dabei habe ich mich noch nicht einmal auf Verbrechen in dieser Dimension bezogen, wie sie in diesem Kommentar aufgelistet sind: Weil allein die Abstraktion beispielsweise bei Staatsterror oder Diskriminierung die Komplexität unglaublich erhöhen. Man weiß nicht einmal, wer wie darunter leidet, wenn man zu den Tätern gehört. Und man weiß vielleicht nicht einmal, in welchem Sinne man Täter ist.

  2. Das ist mir wichtig: Wissen und Glauben schliessen sich nicht aus. Wenn man an etwas ‚glaubt‘ oder sich eben in einem Schöpfungssystem aufgehoben und ‚gemeint‘ weiss, benötigt man diesbezüglich keine ‚Beweise‘. Deshalb kann man mit Gläubigen auch nie eine Diskussion führen, die sich nicht im Kreis dreht. Persönlich diskutiere ich nicht über meinen ‚Glauben‘, spirituelle Orientierung, oder wie man es nennen möchte. Das schliesst aber nicht aus, dass man in der realen Welt wissen will und hinterfragen will und kritisch sein kann!

    • In der Hinsicht auf den gleichen Gegenstand oder die gleiche Frage (z.B. »Wie lange gibt es schon Menschen auf der Erde?«) schließen sich glauben und wissen m.E. schon aus – ich kann ja nicht gleichzeitig überzeugt sein, zwei Antworten seien richtig.
      In Bereichen, die echte »Spiritualität« betreffen, gibt es diesen Konflikt aber m.E. nicht, also z.B. bei der Frage: »Was passiert mit mir, wenn ich tot bin?«. Ich würde darauf einfach antworten: Ich kann mir das nicht vorstellen und ich mache mir deswegen darüber keine Gedanken, weil ich darüber nichts wissen kann. (Wobei mein Wissensbegriff kein naiv-positiver ist, sondern im Sinne meiner oben stehenden Definition.) Und würde allen anderen Menschen alle Antworten zugestehen, die sie sich darauf geben möchten.

  3. Ich verstehe nicht, was Vergebung mit Glauben zu tun haben soll. Natürlich kann Vergebung religiös vereinnahmt werden (wie eigentlich alles), aber an sich ist es etwas Unreligiöses.

    Nicht alles, was nicht rein rational abgehandelt werden kann, ist gleich Glaubenssache. Das ist bei der Liebe so, und das ist bei der Vergebung so. Es geht um Gefühle, aber es geht für mich nicht um Glauben. Und sowohl bei der Liebe wie bei der Vergebung unterstützt rationales Denken das Finden von dauerhaften Lösungen. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Vergebung ist das rationale Sich-Hineinversetzen in den Täter. Wieso hat er mir das angetan? Was sind die Ursachen für sein Handeln? Was ging in ihm vor? Gerade hier ist Glaube, insbesondere Glaube an Schuld, an Willensfreiheit und die Existenz des Bösen, eher im Weg, als dass er eine Unterstützung wäre.

    Ebenfalls rationales Denken braucht man, um einzusehen, dass Rache(gefühle) mir als Opfer nichts bringen, sondern mich bloss krank machen. Vergebung hat für mich also viel mit Rationalität und mit Gefühlen, aber nichts mit Glauben zu tun.

    Und: Ich denke nicht, dass Strafe irgendwie den Vergebungsprozess ermöglicht oder unterstützt. Vergebung ist etwas persönliches, das nicht vom Staat übernommen werden kann und unabhängig von Strafe geschieht. Vielmehr erübrigt sich bei einer Vergebung die Strafe aus Sicht der Opfer.

    • Danke für diesen aufschlussreichen Kommentar. Mit dem Sich-Hineinversetzen bin ich völlig einverstanden: Glaube schadet da wohl mehr, als dass er hilft.
      Ich wollte eigentlich in meinem Post nicht Irrationalität mit Glauben identifizieren, sondern habe das Problem der Vergebung so verstanden: Weil es uns überfordert, ist es ein Problem, das wir rational nicht zu lösen in der Lage sind.
      Glaube und oder Strafrecht können Hilfsmittel sein, und zwar in dem Sinne:
      1.) Glaube: Eine dritte Instanz tritt zwischen mich und mein Opfer/meinen Täter und vermittelt, sie leistet (symbolisch; bspw. im Abendmahl) das, was wir alleine nicht geschafft hätten – das funktioniert aber nur, wenn man daran glaubt. [Disclaimer: Ich bin weit davon entfernt, eine Form von religiösem Glauben missionarisch zu empfehlen, ich hoffe, das ist klar…]
      2.) Strafe: Ein (ebenfalls symbolisches) Opfer – also eine sinnlose Geste – ermöglich ebenfalls das eigentlich unmöglich. Die Vergebung liegt für mich in der Absurdität der Strafe und wiederum im Staat, der als Dritter so tut, als hätte er Verfahren, mit denen das Unmögliche möglich gemacht werden kann. (Hier muss natürlich bedacht werden, dass die »Größe« dieses Opfers nicht zum ausschlaggebenden Kriterium werden darf und die Rationalität dafür sorgen muss, dass die Sinnlosigkeit der Gester nicht zu ihrem Qualitätsmerkmal wird.)

  4. Pingback: Ein Herz für Blogs | Nichts ist klar.

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