Kinderpornographie - eine Bilanz

Mein gestriger Post wurde erfreulicherweise eifrig diskutiert - teilweise auch eher aggressiv:

Wenn Sie Kinderpornos schönreden, sind Sie in meinem Augen mitverantwortlich dafür, dass Kindern Gewalt angetan wird. - Bobby California

Um das noch einmal zu betonen: Ich will Kinderpornographie nicht schönreden, sondern eine Diskussion führen, ober der gesellschaftliche Umgang damit vernünftig ist oder nicht. Ich habe explizit eine Position zur Debatte gestellt und bin offen für Korrekturen und andere Meinungen: Nicht aber für den Vorwurf, ich hege Sympathien für Produzenten oder Konsumenten von Kinderpornographie. Aber auch wenn man etwas falsch findet, darf man sich dazu ein paar Fragen stellen - ohne sich gleich einem Vorwurf aussetzen zu müssen.

In diesem Sinne möchte ich einige (subjektiv wahrgenommene) Ergebnisse noch einmal aufnehmen:

  1. Kinderpornographie (im Folgenden KP) ist, wenn sie Abbild realer Kinder ist, immer zu verbieten: Weil ein Kind nicht einwilligen kann, so abgebildet zu werden resp. niemand für das Kind diese Entscheidung fällen kann (anders als Bsp. bei medizinischen Behandlungen).
  2. KP kann aber heute auch virtuell hergestellt werden, d.h. gezeichnet und animiert. Für virtuelle KP gelten andere Überlegungen.
  3. Grundsätzlich kann man heute (und v.a. in Zukunft) nicht mehr unterscheiden, ob 1. oder 2. vorliegt.
  4. Auch wenn der Konsum und der Besitz von KP im Falle von 1. zu verbieten ist, so findet im Bezug auf KP eine Stigmatisierung Pädophiler statt, wie sie in diesem Ausmass problematisch ist: Sehr wenige Konsumenten von KP neigen zu Übergriffen, wie Markus Graf in seinem differenzierten Post belegt.
  5. Der Umgang mit KP zeugt in verschiedenen Bereichen von einem double standard: Mit anderen Formen von Pornographie sind in einem vergleichbaren Ausmass negative Effekte für Darsteller und Darstellerinnen verbunden (und sie müsste gleichermassen als Problem in Hinsicht auf sexuelle Gewalt stigmatisiert werden, wäre man konsequent) - dennoch gilt ein Verbot von Pornographie als rückständig und als eine Beschneidung der Meinungsäußerungsfreiheit.
  6. Zu 4.: Viele pornographische Produkte werben damit, Frauen zu verwenden, die »barely 18« etc. sind. Nun kann man sich sagen: Da sich in der Schweiz auch 16-jährige prostituieren dürfen, dürfen sie wohl auch in Pornos mitmachen, also könnte man die Altersgrenze auf 16 Jahre ansetzen. Nun könnte aber auch eine 15-Jährige aussehen wie eine 16-Jährige, oder gar eine 14-Jährige: Wo und wie gibt es für den Konsumenten von harter Pornographie da eine feste Grenze?
  7. Ein weiterer Fall von double standard, den Anna in die Diskussion eingebracht hat: Der »Konsum« von Prostitution müsste gleichermassen verboten werden, wollte man ehrlicherweise verhindern, dass Menschen Opfer sexueller Gewalt werden. Ähnlich habe ich mich schon in diesem Post damit auseinandergesetzt.
  8. KP zeigt auf, inwiefern im Feld der Sexualität Grenzen zwischen Legitimität und Illegitimität gezogen werden. Sexualität ist immer mit Unsicherheit verbunden: Mein Begehren ist etwas dermassen Subjektives (und Unkontrollierbares), dass ich mich nur sehr schwer seiner sozialen Akzeptanz versichern kann. Also hilft es mir, wenn ich mich deutlich abgrenzen kann. Sexualität ist auch in Westeuropa eine normierte: Die Norm ist, dass ein Mann eine oder mehrere gleichaltrige oder jüngere Frauen begehrt, eine Frau hingegen einen gleichaltrigen oder älteren Mann. Nun gibt es Bereiche, die aus dieser Norm ausscheren, aber einmal zur Norm werden könnten: Und es gibt vollkommen illegitime. Und zu denen gehört Pädophilie.
  9. Der Umgang mit dem Illegitimen ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Toleranz wird immer dann zu einer Herausforderung, wenn man sich nicht vorstellen kann, das zu tun was andere tun. Es liegt mir fern, hier ein Rezept anzugeben, wie man mit Pädophilen umgehen soll - dazu habe ich auch keine Berechtigung: Aber die Vorstellung, Pädophile müssten registriert, markiert und für immer weggeschlossen werden irritiert mit zutiefst. (Noch einmal: Ich will nicht, dass sich ein Pädophiler an einem Kind vergreift. Und verbitte mir, dass meine Worte so interpretiert werden.)
  10. Ich wünsche mir weiterhin so viele konstruktive Feedbacks.

Sex is sold - Über Freiwilligkeit und das Argument der Tradition

Strassenprostitution (Quelle: Reuters)Was aber wird hinzukommen? Das wird sich entscheiden, wenn ein neues Geschlechtherangewachsen sein wird: ein Geschlecht von Männern, die nie in ihrem Leben in den Fall gekommen sind, für Geld oder andre soziale Machtmittel die Preisgebung einer Frau zu verkaufen, und von Frauen, die nie in den Fall gekommen sind, weder aus irgendwelchen andern Rücksichten als wirklicher Liebe sich einem Mannhinzugeben, noch dem Geliebten die Hingabe zu verweigern aus Furcht vor den ökonomischen Folgen. Wenn diese Leute da sind, werden sie sich den Teufel darum scheren, was man heute glaubt, daß sie tun sollen; sie werden sich ihre eigne Praxis und ihre danach abgemeßne öffentliche Meinung über die Praxis jedes einzelnen selbst machen - Punktum. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. (1884)

Der Auslöser für diese Gedanken ist die Tatsache, dass auf dem Strassenstrich in Zürich unhaltbare Zustände herrschen, wie z.B. die NZZ hier mit Hintergründen berichtet. Ungarinnen werden von Zuhältern dazu gezwungen, in der Schweiz zu arbeiten, halten sich oft nur wenige Wochen oder Tage hier auf, weil die Zuhälter der Meinung sind, es sei in der Schweiz viel Geld zu verdienen, was dann aber eben nicht stimmt und dazu führt, dass die Preise so tief gesunken sind, dass sich »Stammprostituierte« am Sihlquai darüber beklagen, der Markt werde kaputtgemacht.

Die Situation ist eine Konsequenz aus zwei Gedankengängen: Erstens, dass der freie Markt zu einem fairen Austausch von Gütern und Dienstleistungen führt, weil alle nur das tun, was sie tun wollen, also Prostitution gar kein Problem ist, da die Frauen ihre Dienstleistungen ja nicht anbieten müssten, aber das offenbar wollen - und zweitens, dass Prostitution moralisch ist.

Zuerst zum zweiten Punkt. Das verwendete Argument ist, dass es Prostitution schon immer gegeben habe und dass ein Verbot von Prostitution Prostituierte und Freier in die Kriminalität drängen würde, obwohl sie einem (aufgrund der Tradition gesehen) natürlichen Bedürfnis nachgehen. Nun ist nicht alles, was es schon immer gegeben hat, moralisch (z.B. Diebstahl), ist etwas, was auf einer so krassen Geschlechterhierarchie basiert, meist problematisch und könnte die Kriminalisierung nicht nur Probleme schaffen, sondern auch Probleme lösen. Doch das nur als Denkanstoss - aufgrund der verfügbaren Berichterstattung zum Thema, in der immer noch das Phantasma der anschaffenden Studentin präsent ist und eine Art Bordellromantik, in der Frauen eine spassige Arbeit ausführen und dann mit viel Geld ein Leben in Saus und Braus führen, präsent sind, kann davon ausgegangen werden, dass Prostutierte dann die besten Rahmenbedingungen erleben, wenn sie eine Art Etablissement mieten können, in dem ihre Sicherheit garantiert ist und gewisse Standards gesetzt sind - und dann tun kann, was sie will.

Dann aber zum ersten Punkt. Wenn das kapitalistische Ideal die freie Befriedigung der Bedürfnisse innerhalb der Voraussetzung ist, dass niemand anderes in seiner Freiheit eingeschränkt wird, dann darf man wohl fragen, ob dieses Ideal unter den Voraussetzungen des Kapitalismus erreicht werden kann. Das Beispiel der Prostitution, selbst wenn man von den Tatsache absieht, dass selbst nach liberaler Denkart ein offenbar viel zu großer Staat nicht in der Lage ist, Menschenhandel zu unterbinden, zeigt auf drastische Weise, was unter dem Deckmantel der Freiwilligkeit passiert: Frauen verkaufen Dienstleistungen, die langfristig mit massiven psychischen und oft auch physischen Schäden verbunden sind. Ob man ein Bedürfnis haben kann, das solche Schäden mit sich zieht, wage ich stark zu bezweifeln - und ganz allgemein die These in den Raum stellen, dass kapitalistische Kaufkraft Abhängigkeiten schafft und so auch Unfreiheit.