Auf seinem Blog präsentiert David Worni einige Ideen, wie Zeitungen in einer digitalisierten Medienlandschaft präsent sein sollten. Einige haben mit Usability zu tun - die halte ich für sehr interessant und leicht umsetzbar. Andere aber auch mit der Natur der Zeitung und der Lektüre von journalistischen Texten. So schriebt Worni über die Sicht der »Nichtzeitungsleser« (und -innen, wohl):
Keine Abos von ganzen Zeitungsformaten, sondern eine individuell zusammenklickbare Zeitung. […] Abos werden nach Anzahl abonnierten Themen berechnet. Ich möchte wirklich nicht den Sportteil mitbezahlen, der interessiert mich überhaupt nicht.
Wir möchten Qualität, die beste sogar. Und wir möchten nur für Lesefutter zahlen, welches uns auch interessiert. Wir möchten uns auch gerne weitere interessante Artikel verkaufen lassen, welche uns vielleicht noch interessieren könnten.
Auf der Ebene der Ressorts ist die Idee einleuchtend und nicht neu: Ich abonniere nicht mehr die ganze Zeitung, sondern halt nur noch die Teile einer Zeitung, die mich ansprechen und »interessieren«.
Dieses »interessieren« ist ja der auffällige Teil an Wornis Kritik: Er möchte nur noch das aus einer Zeitung lesen, was ihn eben »interessiert« - aber auch das, »was [ihn] vielleicht noch interessieren könnte«. Die Zeitungsmacherinnen und -macher würden wohl sagen: Unsere Zeitung ist das, was dich auch noch interessieren könnte. Stimmt offenbar nicht.
Aber auch auf einzelne Themen oder Ressorts runtergebrochen gälte Wornis Kritik immer noch: Vielleicht interessiert mich Sport, aber nicht Eishockey und beim Tennis nur das der Frauen. Also müsste die Klickbarkeit der Zeitung sehr fein einstellbar sein.
Das bedeutet letztlich, dass ich kein Vertrauen mehr habe in die Marke, die Redaktion, die Journalistinnen und Journalisten. Sie können mir keinen Text mehr anbieten, der mich auf den ersten Blick nicht interessiert. Ich laufe Gefahr, nur noch das wahrzunehmen, was ich kenne - das klassische Problem der Filterblase.
Es mag Medien geben, für die sich dieser Weg empfiehlt: Texte anzubieten, die für sich stehen, ohne eine Redaktion, eine Marke, ein Konzept im Hintergrund; leicht lesbar und leicht zahlbar. Mir scheint aber ein anderer sinnvoller.
Auf dem NZZ-Folio steht meist nur ein Wort. Mich interessiert das Wort meistens nicht; es gibt selten Titel-Themen, auf die ich mich besonders freue. Trotzdem lese ich jeden Monat fast jedes Wort im NZZ Folio. Es ist eine Marke, die für qualitativ hochwertige Texte steht, für ungewohnte Perspektiven, Tiefgang, Überraschungen und Qualität. Die Texte stehen in einem Bezug zueinander, zum Thema und zum Artwork. Ich vertraue der Marke NZZ Folio und seinem Team und werde deshalb dafür besorgt sein, am ersten Montag des Monats ein Folio in der Hand halten zu können.
Genau gleich vertraue ich anderen Medienmarken: Einen Text aus der NZZ, FAZ, Süddeutschen, dem Freitag, der Zeit verlinke ich meist ohne ihn zu überprüfen. Nicht aus Naivität - aus Erfahrung. Was diese Zeitungen drucken oder online stellen, haben mehrere Augenpaare gelesen und für gut und richtig befunden. Es ist stilistisch überzeugend, gut recherchiert, kontextualisiert. Ich zahle immer wieder für die Texte dieser Medienmarken.
Für Texte aus dem Hause Tamedia bezahle ich nicht - das Magazin ist eine immer seltenere Ausnahme. Die Newsnet-Kooperation hat die Marke zerstört. Es steht zwar »Tages-Anzeiger« auf der Seite, die Texte stammen aber aus verschiedenen Medienhäuser und sind unterschiedlichster Qualität.
Hier klicke ich mir gerne zusammen, was mich interessiert - ganz ähnlich, wie das David Worni beschreibt. Nur muss ich dafür nicht auf revolutionäre Angebote der Medienhäuser warten: Social Media ermöglicht mir ein individuelles Medienmenu. Und ein kostenloses.