Der Zerfall der Zeitung

Auf seinem Blog präsentiert David Worni einige Ideen, wie Zeitungen in einer digitalisierten Medienlandschaft präsent sein sollten. Einige haben mit Usability zu tun – die halte ich für sehr interessant und leicht umsetzbar. Andere aber auch mit der Natur der Zeitung und der Lektüre von journalistischen Texten. So schriebt Worni über die Sicht der »Nichtzeitungsleser« (und -innen, wohl):

Keine Abos von ganzen Zeitungsformaten, sondern eine individuell zusammenklickbare Zeitung. […] Abos werden nach Anzahl abonnierten Themen berechnet. Ich möchte wirklich nicht den Sportteil mitbezahlen, der interessiert mich überhaupt nicht.
Wir möchten Qualität, die beste sogar. Und wir möchten nur für Lesefutter zahlen, welches uns auch interessiert. Wir möchten uns auch gerne weitere interessante Artikel verkaufen lassen, welche uns vielleicht noch interessieren könnten.

Jeremy Stout, Society6.

Auf der Ebene der Ressorts ist die Idee einleuchtend und nicht neu: Ich abonniere nicht mehr die ganze Zeitung, sondern halt nur noch die Teile einer Zeitung, die mich ansprechen und »interessieren«.

Dieses »interessieren« ist ja der auffällige Teil an Wornis Kritik: Er möchte nur noch das aus einer Zeitung lesen, was ihn eben »interessiert« – aber auch das, »was [ihn] vielleicht noch interessieren könnte«. Die Zeitungsmacherinnen und -macher würden wohl sagen: Unsere Zeitung ist das, was dich auch noch interessieren könnte. Stimmt offenbar nicht.

Aber auch auf einzelne Themen oder Ressorts runtergebrochen gälte Wornis Kritik immer noch: Vielleicht interessiert mich Sport, aber nicht Eishockey und beim Tennis nur das der Frauen. Also müsste die Klickbarkeit der Zeitung sehr fein einstellbar sein.

Das bedeutet letztlich, dass ich kein Vertrauen mehr habe in die Marke, die Redaktion, die Journalistinnen und Journalisten. Sie können mir keinen Text mehr anbieten, der mich auf den ersten Blick nicht interessiert. Ich laufe Gefahr, nur noch das wahrzunehmen, was ich kenne – das klassische Problem der Filterblase.

Es mag Medien geben, für die sich dieser Weg empfiehlt: Texte anzubieten, die für sich stehen, ohne eine Redaktion, eine Marke, ein Konzept im Hintergrund; leicht lesbar und leicht zahlbar. Mir scheint aber ein anderer sinnvoller.

Auf dem NZZ-Folio steht meist nur ein Wort. Mich interessiert das Wort meistens nicht; es gibt selten Titel-Themen, auf die ich mich besonders freue. Trotzdem lese ich jeden Monat fast jedes Wort im NZZ Folio. Es ist eine Marke, die für qualitativ hochwertige Texte steht, für ungewohnte Perspektiven, Tiefgang, Überraschungen und Qualität. Die Texte stehen in einem Bezug zueinander, zum Thema und zum Artwork. Ich vertraue der Marke NZZ Folio und seinem Team und werde deshalb dafür besorgt sein, am ersten Montag des Monats ein Folio in der Hand halten zu können.

Genau gleich vertraue ich anderen Medienmarken: Einen Text aus der NZZ, FAZ, Süddeutschen, dem Freitag, der Zeit verlinke ich meist ohne ihn zu überprüfen. Nicht aus Naivität – aus Erfahrung. Was diese Zeitungen drucken oder online stellen, haben mehrere Augenpaare gelesen und für gut und richtig befunden. Es ist stilistisch überzeugend, gut recherchiert, kontextualisiert. Ich zahle immer wieder für die Texte dieser Medienmarken.

Für Texte aus dem Hause Tamedia bezahle ich nicht – das Magazin ist eine immer seltenere Ausnahme. Die Newsnet-Kooperation hat die Marke zerstört. Es steht zwar »Tages-Anzeiger« auf der Seite, die Texte stammen aber aus verschiedenen Medienhäuser und sind unterschiedlichster Qualität.

Hier klicke ich mir gerne zusammen, was mich interessiert – ganz ähnlich, wie das David Worni beschreibt. Nur muss ich dafür nicht auf revolutionäre Angebote der Medienhäuser warten: Social Media ermöglicht mir ein individuelles Medienmenu. Und ein kostenloses.

Warum ich kein Internet-Superstar sein möchte – eine Bemerkung zur Funktion von Socialmedia

David Worni erklärt in seinem neuesten Blogpost, wie man »ohne Socialmedia-Burnout« erfolgreich auf Twitter und Facebook aktiv ist: »Unterhaltung mit einem Schuss Mehrwert« – »mehr Erfolg mit weniger Aufwand«. Nun kann man es nicht bestreiten: Worni ist erfolgreich in der Socialmedia-Welt unterwegs. Vor gefühlten Jahren habe ich mich schon einmal kritisch über die Oberflächlichkeit dieses Erfolgs ausgelassen, finde aber die Blogposts nicht mehr in den Untiefen des Internets und möchte auch diese Kritik nicht mehr aufrollen.

Es geht mir vielmehr um die Frage, weshalb man Twitter und Facebook braucht. Meine Grundregel lautet:

Biete deinen Mitlesenden etwas.

Was man ihnen bietet, hängt von den eigenen Interessen und Fähigkeiten ab. Aber man bietet ihnen nichts, indem man die eigene Person in den Mittelpunkt stellt. Die Untersuchung, die feststellt, dass sich Twitter-Benutzer nicht für Tweets interessieren, in denen der persönliche Sandwich-Konsum, Pendelerlebnisse und unangenehme Momente beim Aufstehen dokumentiert werden, überrascht mich nicht. Deshalb würde ich Worni widersprechen, wenn er schreibt:

[Z]eige mal was aus deinem Leben (Foto von dir, deinem Umfeld), man kann sich so besser eine Vorstellung machen, wem man folgt und es stärkt die Beziehung zwischen dir und deinen Followern (es sei denn, die Fotos sind hässlich).

Damit zeigt sich, dass er eine Art persönliche Beziehung zwischen sich und seinen Followern anstrebt. Er will – pointiert gesagt – geliebt werden. Er will ein Superstar sein, auch wenn er mit dem Begriff kokettiert.

Diese Vorstellung stammt für mich aus einer Experimentalphase von Socialmedia, wo man das Gefühl hatte, bei Facebook eine neue Art Freunde zu versammeln, mit denen man dann seine eigene Digitalnativeness abfeiert und sich mit seinen Twitter-Followern zu Tweetups verabredet, wo man Bier trinkt oder Laubsägewettbewerbe abhält. Das Motto: »Wir gehören zusammen, weil wir auf Twitter sind.«

Mein Motto: »Ich will das lesen, was andere schreiben und verlinken – nicht weil sie spannende Personen sind, sondern weil die Texte lesenswert sind.« Twitter ist meine Zeitung, nicht mein Turnverein.

Nun ist klar: Worni kann sein Ding machen und ich meines. Das Konzept der Filtersouveränität bedeutet, dass jeder diese Inhalte bereitstellen kann, die er will – andere filtern dann so, wie sie wollen. Und ich habe auch auf Twitter und Facebook Menschen getroffen, mit denen ich persönlich bekannt sein möchte, die mich als Personen interessieren. Aber ich betrachte mich dann als erfolgreich, wenn Leute mit meinen Inhalten etwas anfangen können, wenn sich Informationen verbreiten, sich Wissen entwickelt. Sie können gerne auch einfach mitlesen, ohne dass ich jemanden als Schmarotzer bezeichnen würde. Meine Ferienfotos zeige ich meinen Freunden und meiner Familie.

Wenn Worni mit der Regel schließt »befolge nie irgendwelche Regeln, die du scheisse findest«, dann würde ich leicht modifiziert sagen:

Befolge nie irgendwelche Regeln, ohne sie ab und zu zu verletzen.

So hats mal in den Flumserbergen ausgehen, als ich da war.