Deutsche lügen nicht

Wie die FAZ berichtet, hat ein Team des Forschungsinstituts zur Zukunft der Arbeit ein einfaches Experiment durchgeführt (Beschreibung und Resultate als pdf hier): Sie ließen ein Forschungsinstitut 700 Deutsche zwischen 18-70 Jahren anrufen, die zufällig ausgewählt wurden. Sie wurden gebeten, eine Münze zu werfen. Zeigt die Münze Zahl, so bekamen sie sofort 15 Euro - entweder per Post oder als Amazon-Geschenkgutschein (der Code konnte per Telefon übermittelt werden).

Die ForscherInnen rechneten damit, dass 75% der Befragten angeben würden, ihre Münze zeige Zahl - dass also die Hälfte der Unglücklichen lügen würde. Tatsächlich - das kann man der Grafik entnehmen - gaben nur 44.4% an, ihre Münze habe Zahl gezeigt.

 

Was heißt das? Die Menschen haben weniger oft das Gewinnereignis angegeben, als es eingetreten ist. Die befragten Deutschen haben insgesamt nicht gelogen, um sich einen Vorteil zu verschaffen - obwohl das niemand herausgefunden hätte. Die FAZ schreibt:

Nur wenige Menschen lügen direkt, die meisten bekommen dabei ein schlechtes Gewissen. Stattdessen schummeln die Leute oft nur ein wenig, um sich ein kleines bisschen besser darzustellen.

Die Studie untersucht zum ersten Mal Menschen, die sich in ihrem privaten Umfeld befinden. Bisher wurden solche Experiment - z.B. von Ariely, der Bedingungen erforscht hat, unter denen Menschen öfter oder weniger oft lügen - immer Laborbedingungen angewandt, meistens wurden Studierende befragt.

Die Schlüsse daraus sind v.a. für Steuererhebungen und Versicherungen interessant, die davon ausgehen müssen, dass Menschen die Wahrheit sagen. Offenbar kann man annehmen, dass sie das im Allgemeinen tun - sogar fast immer.

Mein Einwand würde das Design der Studie betreffen: Wenn mir jemand am Telefon einen Gewinn verspricht, rechne ich immer mit einem Betrugsversuch. Könnte es nicht sein, dass das der Grund ist, warum weniger oft als erwartet das Gewinnresultat bekannt gegeben wurde?

 

Was das Lügen erleichtert

Kenny_Louie, CC BY

Kürzlich habe ich über die Frage gebloggt, warum Menschen sich unethisch verhalten. Dan Ariely, dessen erstes Buch, Predictably Irrational, sehr spannend war, hat neue Forschung zur Frage, warum Menschen lügen, in ein neues Buch verpackt: The (Honest) Truth about Dishonesty. Diese Frage hängt stark damit zusammen, warum Menschen überhaupt elementare moralische Gebote verletzen.

In einem Artikel im Wall Street Journal fasst Ariely seine Forschung zusammen. Er beschreibt ein Grundexperiment: Eine Gruppe Menschen erhält ein Blatt, auf dem 20 solcher Matrizen mit derselben Aufgabenstellung zu sehen sind:

Aufgabe: Welche Zahlen zusammen ergeben 10?

Nun werden sie gebeten, die Aufgaben zu lösen. Durchschnittlich kann man in der vorgegebenen Zeit vier Aufgaben lösen. Pro richtige Aufgabe geben die Forscher den Probanden Geld, z.B. 50 cents.

Mit diesem Experiment wird nun untersucht, unter welchen Bedingungen Menschen lügen oder betrügen: Die Probanden können nämlich selber angeben, wie viele Aufgaben sie lösen konnten und dürfen zudem das Blatt vorher vernichten. Die Resultate sind erstaunlich:

  • Praktisch niemand gibt an, alle Aufgaben gelöst zu haben, obwohl das nicht überprüft werden könnte und man dafür bezahlt würde.
  • Eine geringere Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, hat keinen Einfluss auf das Mass, in dem gelogen wird.
  • Der zu erwartende Gewinn hat keinen Einfluss darauf, wie stark Menschen lügen.
  • Wenn andere einen Vorteil haben, wenn man selber lügt, sind viele Menschen stärker bereit, zu lügen.
  • Wenn andere offensichtlich sehr stark betrügen (Ariely benutzte einen Schauspieler), betrügt man selber auch stärker.
  • Je indirekter man lügen kann, desto stärker tut man es (wenn z.B. nicht Geld bezahlt wird, sondern Jetons, die man wieder in Geld umtauschen kann).
  • Wenn man selber schon in anderen Bereichen lügen muss, ist man bereit, viel stärker zu lügen.
  • Man wird ehrlicher, wenn man an ethische Regeln erinnert wird (z.B. die 10 Gebote).
  • Man wird ehrlicher, wenn man vor dem Experiment unterschreiben muss, dass man nicht lügen wird.

Arielys These ist, dass sehr wenige Menschen gar nicht lügen oder immer lügen - fast alle jedoch eine Tendenz dazu haben, unter gewissen Bedingungen leicht zu lügen. Das lässt sich wohl verallgemeinern: Wenn man sicherstellen will, dass Menschen sich anständig verhalten, müssen sie direkt miteinander interagieren, dürfen keine negativen Beispiele sehen und sollen an die eigene Verpflichtung erinnert werden, anständig zu sein. Strafen hingegen oder mehr Kontrollen haben keinen Effekt darauf.

Als Beispiel schlägt Ariely vor, dass man bei der Steuererklärung vor dem Ausfüllen mit der Unterschrift erklären muss, dass alle Angaben wahr seien - und nicht nachher. Er hat diesen Effekt bei Versicherungen untersucht und deutliche Veränderungen messen können.