Was das Lügen erleichtert

Kenny_Louie, CC BY

Kürzlich habe ich über die Frage gebloggt, warum Menschen sich unethisch verhalten. Dan Ariely, dessen erstes Buch, Predictably Irrational, sehr spannend war, hat neue Forschung zur Frage, warum Menschen lügen, in ein neues Buch verpackt: The (Honest) Truth about Dishonesty. Diese Frage hängt stark damit zusammen, warum Menschen überhaupt elementare moralische Gebote verletzen.

In einem Artikel im Wall Street Journal fasst Ariely seine Forschung zusammen. Er beschreibt ein Grundexperiment: Eine Gruppe Menschen erhält ein Blatt, auf dem 20 solcher Matrizen mit derselben Aufgabenstellung zu sehen sind:

Aufgabe: Welche Zahlen zusammen ergeben 10?

Nun werden sie gebeten, die Aufgaben zu lösen. Durchschnittlich kann man in der vorgegebenen Zeit vier Aufgaben lösen. Pro richtige Aufgabe geben die Forscher den Probanden Geld, z.B. 50 cents.

Mit diesem Experiment wird nun untersucht, unter welchen Bedingungen Menschen lügen oder betrügen: Die Probanden können nämlich selber angeben, wie viele Aufgaben sie lösen konnten und dürfen zudem das Blatt vorher vernichten. Die Resultate sind erstaunlich:

  • Praktisch niemand gibt an, alle Aufgaben gelöst zu haben, obwohl das nicht überprüft werden könnte und man dafür bezahlt würde.
  • Eine geringere Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, hat keinen Einfluss auf das Mass, in dem gelogen wird.
  • Der zu erwartende Gewinn hat keinen Einfluss darauf, wie stark Menschen lügen.
  • Wenn andere einen Vorteil haben, wenn man selber lügt, sind viele Menschen stärker bereit, zu lügen.
  • Wenn andere offensichtlich sehr stark betrügen (Ariely benutzte einen Schauspieler), betrügt man selber auch stärker.
  • Je indirekter man lügen kann, desto stärker tut man es (wenn z.B. nicht Geld bezahlt wird, sondern Jetons, die man wieder in Geld umtauschen kann).
  • Wenn man selber schon in anderen Bereichen lügen muss, ist man bereit, viel stärker zu lügen.
  • Man wird ehrlicher, wenn man an ethische Regeln erinnert wird (z.B. die 10 Gebote).
  • Man wird ehrlicher, wenn man vor dem Experiment unterschreiben muss, dass man nicht lügen wird.

Arielys These ist, dass sehr wenige Menschen gar nicht lügen oder immer lügen – fast alle jedoch eine Tendenz dazu haben, unter gewissen Bedingungen leicht zu lügen. Das lässt sich wohl verallgemeinern: Wenn man sicherstellen will, dass Menschen sich anständig verhalten, müssen sie direkt miteinander interagieren, dürfen keine negativen Beispiele sehen und sollen an die eigene Verpflichtung erinnert werden, anständig zu sein. Strafen hingegen oder mehr Kontrollen haben keinen Effekt darauf.

Als Beispiel schlägt Ariely vor, dass man bei der Steuererklärung vor dem Ausfüllen mit der Unterschrift erklären muss, dass alle Angaben wahr seien – und nicht nachher. Er hat diesen Effekt bei Versicherungen untersucht und deutliche Veränderungen messen können.

3 thoughts on “Was das Lügen erleichtert

  1. Manchmal ist lügen auch geboten, um andere nicht zu verletzen. Sie fragt: Liebster, findest du mich zu dick? Er: Aber nein, ganz und gar nicht. (Und denkt das Gegenteil.)

  2. Pingback: Deutsche lügen nicht | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

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