Warum Menschen sich unethisch verhalten

In ihrer Vorlesung Über das Böse sagte Hannah Arendt im Rückblick auf ihre Arbeiten zum Totalitarismus und zum Fall Eichmann:

Es wird fast immer übersehen, dass das, was moralisch wirklich zur Debatte steht, nicht beim Verhalten von Nazis, sondern bei denjenigen auftrat, die sich nur »gleichschalteten« und nicht aus Überzeugung handelten. […] Die Moral zerbrach und wurde zu einem bloßen Kanon von »mores« – Manieren, Sitten, Konventionen, die man beliebig ändern kann – nicht bei den kriminellen, sondern bei den gewöhnlichen Leuten. […]
Das größte Böse ist nicht radikal, es hat keine Wurzeln, und weil es keine Wurzeln hat, hat es keine Grenzen, kann sich ins unvorstellbare Extrem entwickeln und über die ganze Welt ausbreiten.

Kurz gesagt: Es gibt keine böse Menschen, es gibt nur Menschen, die Böses tun. Im Folgenden möchte ich zwei Perspektiven auf die Frage diskutieren, warum Menschen böse – oder technisch gesagt: unethisch – handeln.


(I) Der Fall Toby Groves
Warum die Rahmenbedingungen den Blick auf die Ethik verstellen

In einem längeren Artikel von NPR schildern Chana Joffe-Wald und Alix Spiegel den Fall von Toby Groves. Groves Bruder wurde 1986 wegen Bankbetrugs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, worauf Groves seinem Vater versprach, nie etwas Ähnliches zu tun. Groves hielt sich immer für einen starken, ethisch bewusst und korrekt handelnden Menschen. 2008 wurde auch er für dasselbe Verbrechen verurteilt.

Alle Bildrechte bei NPR.

Groves fragte sich, ob sein unethisches Verhalten genetische Ursachen haben könnte. Forschungsergebnisse, z.B. von Ann Tenbrunsel, zeigen aber, dass ethische Folgen von Entscheidungen für uns nur dann eine Rolle spielen, wenn sie im Vordergrund stehen oder deutlich markiert sind. Geht es um eine Geschäftsentscheidung, werden ethische Grenzen viel schneller und ohne schlechtes Gewissen überschritten, als wenn klar ist, dass die Entscheidung moralisch bedeutsam ist.

Alle Rechte für das Bild bei NPR.

Das führte ihm Fall von Groves dazu, dass eine Reihe von Mitarbeitenden und anderen Firmen am Betrug beteiligt waren – und niemand etwas eingewendet hat. Der Artikel zeigt an einem Beispiel, dass Menschen lügen und betrügen, weil sie sich in andere reinfühlen und andere Menschen ihnen wichtig sind.

Was heißt das? Im Fazit des Artikels steht:

Now if these psychologists and economists are right, if we are all capable of behaving profoundly unethically without realizing it, then our workplaces and regulations are poorly organized. They’re not designed to take into account the cognitively flawed human beings that we are. They don’t attempt to structure things around our weaknesses.

Es müssen also z.B. folgende Massnahmen ergriffen werden:

  • Die ethische Bedeutung von Handlungen muss verstärkt deutlich gemacht werden (indem z.B. auf Formularen steht, dass es verboten ist, zu lügen).
  • Menschliche Beziehungen müssen auf der professionellen Ebene immer wieder gebrochen werden – feste soziale Netzwerke verhindern, dass Menschen sich die ethischen Folgen des Handeln von anderen vor Augen halten.


(II) Eine Verkehrsstudie
Warum besser gestellte Menschen sich moralisch schlechter verhalten als schlechter gestellte

Eine Gruppe von Forschenden von der UCLA Berkeley hat in aufschlussreichen Untersuchungen den Zusammenhang zwischen sozialem Status und Unrechtsbewusstsein untersucht.  Fazit: Je weiter oben man sozial steht, desto weniger Hemmungen hat man, sich unethisch zu verhalten.

Wie untersucht man sowas?

  1. Die Forschenden haben Verstöße gegen Verkehrsregeln untersucht und dann aufgrund des Autotyps und -jahrgangs den sozialen Status festgelegt.
  2. Die Forschenden haben Menschen sich selbst einstufen lassen, und dann Gedankenexperimente durchgespielt.
  3. Nebenbei haben sie darauf hingewiesen, es gebe vor der Toilette eine Schale mit Kinderschokolade, von der die Kinder jeweils ein Stück nehmen dürften. Wer sozial weiter oben steht, nahm (heimlich) mehr als eines (1.17), wer weiter unter steht, deutlich weniger (0.6).
  4. In Experimenten haben sie scheinbar zufällige Würfe eines Würfels vorgeführt (am Computer). Je höher die Summe der Ergebnisse, desto mehr Geld erhielten die Teilnehmenden. Sie wussten allerdings nicht, dass die Summer immer 12 betrug. Wer sozial besser gestellt war, hat eher eine höhere Summe angegeben, als tatsächlich auf den Würfeln stand.

Alle diese Experimente wurden darauf geprüft, ob andere Faktoren auch hätten entscheidend sein können. Zudem haben die Forschenden eine Hypothese entwickelt, warum besser Gestellte sich unethisch verhalten könnten.

Die Abbildung zeigt, dass »greed«, also Gier der Grund dafür ist. Sozial höher stehende Menschen haben ein entspannteres Verhältnis zu Gier, sie sind der Ansicht, dass Gier nichts Schlimmes ist und sie auch ein Anrecht darauf haben, gierig zu sein. Deshalb handeln sie unethisch (untere Linie). Wenn Menschen unter dieser Voraussetzung (»Gier ist gut«) handeln, dann gibt es in Bezug auf unethisches Verhalten keine Unterschiede mehr, höhere soziale Klassen verhalten sich dann sogar leicht ethischer (obere Linie).

Die AutorInnen bieten weitere Erklärungen für das Ergebnis an, dass sozial besser Gestellte sich moralisch fragwürdig verhalten:

  1. Sie arbeiten an Orten, wo es weniger strukturelle Hindernisse für unethisches Verhalten gibt (z.B. mehr Privatsphäre etc.).
  2. Es fällt ihnen einfacher, die negativen Auswirkungen von unethischem Verhalten abzufedern.
  3. Ihr Selbstbild zeigt ihnen an, dass sie weniger Rücksicht auf andere nehmen müssen und zu mehr berechtigt sind.
  4. Sie orientieren sich stärker an Zielen und kümmern sich weniger um die Urteile anderer.
  5. Sie sind häufig in einer Wirtschaftstheorie geschult, die das Selbstinteresse als entscheidend für ein positives Gesamtergebnis hält.

Alle diese Gründe führen dazu, dass Gier als legitim und sogar positiv wahrgenommen wird – was wiederum ethische Hemmnisse schwächt.
Die Autorinnen und Autoren merken selbst an, dass die Definition der Begriffe (»ethisch«, z.B.) problematisch ist und das Beschreiben solcher Ursachen wissenschaftlich nicht unproblematisch.

,Das habe ich getan‘, sagt mein Gedächtnis. ,Das kann ich nicht getan haben‘, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.
– Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse 

Ich wurde auf die beiden Artikel hingewiesen – besten Dank! Wer gerne die zweite Untersuchung als pdf hätte, kann mir eine Mail schreiben. 

3 thoughts on “Warum Menschen sich unethisch verhalten

  1. Die nur scheinbar objektiv durchführbare Einteilung von Verhaltensweisen in ethisch und unethisch beeinflusst die Resultate ganz entscheidend. Es besteht die erhebliche Gefahr, dass man eigene „Vorurteile“ empirisch verifiziert.

    Mir ist der gute alte Begriff „böse“ daher lieber als diie pseudoobjektive Kategorie „unethisch“

    • Bin sehr einverstanden: Es gibt sicher Handlungen, die kaum jemand für ethisch vertretbar hält – aber gerade in der zweiten Studie sind die Handlungen nicht einmal in einem gravierenden Sinne böse. Das ist sicherlich ein methodisches Problem.

  2. Pingback: Was das Lügen erleichtert | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

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