Der »Tag der Arbeit« fällt dieses Jahr auf einen Samstag. »Schade«, werde sich viele ArbeitnehmerInnen denken, »dann habe ich ja gar nicht frei.« Damit ist schon angedeutet, was das Problem mit diesem Tag ist; einige weitere Aspekte sollen hier angedeutet werden:
- Bewusstsein für die Bedeutung von Arbeit.
In der Schweiz (und in vielen anderen Industrieländern) fehlt ein Bewusstsein davon, welche Auswirkungen Arbeit auf unsere Lebensqualität hat. Ein Leben ohne Arbeit ist in den Köpfen der SchweizerInnen ein leeres Leben. Die Möglichkeit, weniger zu arbeiten, ist verbunden mit dem Gefühl einer Entwertung. Anliegen wie Bedingungsloses Grundeinkommen werden allenfalls mit einem müden Lächeln quitiert - für umsetzbar oder gar wünschenswert hält sie kaum jemand. - Kapitalismus überwinden - ein Ungedanke.
Das neue SP-Parteiprogramm (hier ein lesenswerter Blogpost bei Nichtsistklar dazu) enthält ihn noch einmal: Den Gedanken an die Möglichkeit, der Kapitalismus könnte »überwindbar« sein. Dieser Gedanke ist eigentlich verboten - an Möglichkeiten zu denken, wie denn der Kapitalismus und in welche Richtung überwunden werden könnte (und warum), darf man sich gar nicht erlauben, denn: Sowjetunion, gar nicht geklappt, unzufrieden, DDR, geh doch nach Havanna, wenn’s dir hier nicht passt.
Dabei dürfte man sich doch einmal fragen, warum wir in einem System leben, in dem:
a) man alleine dadurch, dass man Geld besitzt, Geld verdient
b) es Menschen gut geht, wenn es anderen schlecht geht
c) Menschen pro Jahr so viel verdienen wie 1000 oder 10’000 oder 100’000 andere - die hart arbeiten
- Gewalt an der Demo.
Worüber man hingegen gerne wird diskutieren werden, sind so genannte »linke Chaoten«, welche unschuldigen Coiffeuren die Fensterscheibe zerschlagen, weil sie wohlstandsverwahrlost sind, unser Bildungssystem verweiblicht ist und die Justiz nur kuschelt, anstatt die harte Hand auszufahren. Bequem ist es, mit solchen Scheinwahrheiten darüber hinwegzusehen, dass
a) Sicherheit zwar wünschenswert ist, ein Mehr an Sicherheit aber immer auf Kosten der Freiheit geht (vgl. Zygmunt Baumann) - und es vielleicht verkraftbar ist, wenn am 1. Mai ein paar Scheiben in Bruch gehen
b) wir in einem System leben, in dem Widerstand gegen das System nicht möglich ist, weil nichts außerhalb des Systems ist - oder, wenn das zu abstrakt ist: Wie äußern Jugendliche, Secondos und Migranten ein Unbehagen an einem System, in dem nur die Leute etwas zu sagen haben, die das System akzeptieren und tragen? Gewalt kann also auch gelesen werden als Zeichen für eine Ohnmacht, sich zu artikulieren - und daher eine andere Besorgnis erregen als die um den Coiffeur, der eine neue Scheibe braucht.
c) Medien PolitikerInnen dazu einladen, Ein-Satz-Lösungen zu postulieren, wo es solche nicht geben kann. Wer denkt, man könne sinnvolle Lösungsvorschläge zu juristischen oder pädagogischen Problemen als knappe Maxime raushusten, ist wohl kaum dazu befähigt, sich eine Meinung zu bilden. Genauso wird die Diskussion über Umzug, Fest und Krawalle am ersten Mai eine ziemlich sinnleere sein, die nur darin mündet, dass alle gerne sagen, wie man es besser machen könnte, niemand es aber selber besser machen möchte, sondern gerne anderen dabei zusieht, wie sie scheitern. - Bürgerlich werden…
…ist leider keine Option, wie auch Constatin Seibt in seinem lesenswerten Artikel bilanzieren muss.
Und hier noch zwei Links zum Thema:
Pedro Lenz’ Partitur (WoZ) und ein Text auf dem Monde Dimplomatique-Archiv vom letzten Jahr: »Ich bin sozial unruhig« von Mathias Greffrath.
Das Hauptproblem mit dem 1. Mai ist doch folgendes: Auf der einen Seite steht die organisierte „Arbeiterschaft“ in Gestalt der Gewerkschaften, die in ihrem Strukturkonservativismus am Modell des (arbeits-)lebenslangen 100%-Pensum möglichst bei derselben Firma hängt und dieses nach wie vor ohne Rücksicht auf den Wandel der Realität durchsetzen will. Damit zementieren sie den Arbeitsmarkt für ihre Klientel. Sie sind also Besitzstandswahrer.
Auf der anderen Seite steht die wachsende Gruppe all jener, deren Modell von Erwerbsleben viel fliessender und flexibler ist. Also alle jene (mich eingeschlossen) die nicht nur (mehrere) Teilzeitpensen mit Selbständigkeit und Freelancer-Arbeiten mischen, sondern dies auch noch - horribile dictu - gerne tun. Kurz: All jene, deren Arbeitsverhältnisse von den Besitzstandswahrern als „prekär“ abqualifiziert werden.
Mit grossen Reden (die übrigens auch nur „Ein-Satz-Lösungen“ postulieren), dem Schwingen von roten Fahnen und Steinewerfen gewinnt man bei letzteren Gruppe keinen einzigen Blumentopf.
Anders ausgedrückt: Wie bitte sollen SP und Gewerkschaften überhaupt das System überwinden, wo sie doch schon längst ein arrivierter Teil desselben sind (gilt übrigens auch für 99,9% aller anderen politischen Organisationen)? Wenn wirklich jemand den Kapitalismus in irgend eine Richtung „überwindet“, dann ist es die oben genannte zweite Gruppe - denn diese addressiert genau jene von Dir angesprochenen Probleme aktiv und löst bzw. überwindet sie.
Danke für diesen Kommentar - dem ich nur beipflichten kann. Die Frage wäre, wer denn die politische Vertretung dieser zweiten Gruppe sein könnte, bzw. wer sich überhaupt mit diesen Problemen auseinandersetzt.
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