Gestern führte ich eine Twitter-Diskussion, in deren Verlauf mir vorgeworfen worden ist, ich halte Anstand für ein ein überholtes Konzept, weil ich Folgendes getwittert habe (den Vorwurf hat Andreas Gossweiler mittlerweile gelöscht):
Der Kontext, in dem ich mich so geäußert habe, war das Editorial der letzten Weltwoche. Dort warf Roger Köppel Markus Schär vor, die liberale Ideologie verraten zu haben:
Kürzlich erklärte mir der Mitarbeiter eines liberalen Schweizer Think-Tanks, warum er gegen längere Ladenöffnungszeiten sei: Er wohne in der Nähe eines Restaurants, es herrsche täglich Lärm bis zehn Uhr abends, irgendwann müsse genug sein.
Schär antwortete darauf mit einem offenen Brief, den er via Twitter verbreitete:
Wie Freiheit und Verantwortung oder eigene und fremde Freiheit miteinander verschränkt sind, halte ich für interessante, aber kaum mit einfachen Festlegungen lösbare Probleme. Dass die eigene Freiheit dort aufhöre, wo die fremde beginne, ist so simpel wie nichtssagend - weil ja genau unklar ist, wo denn dieses Aufhören und Beginnen anzusetzen wären.
Und in diesem Zusammenhang ging es dann um Anstand. Den Vorwurf, ich fände Anstand unwichtig, wies ich intuitiv zurück: Ich mag anständige Menschen. Gerne steige ich zuerst aus dem Zug aus, bevor andere einsteigen, finde eine saubere Toilette vor und werde gefragt, ob der Platz neben mir noch frei sei.
Und dennoch halte ich das Konzept Anstand für obsolet. Das werde ich kurz begründen.
Fragt man Leo, was Anstand auf englisch heißt, werden im Wesentlichen diese Möglichkeiten angeboten:
Zurückübersetzt, könnte man folgende Liste mit Synonymen anfertigen:
- Schicklichkeit
- Manieren
- Integrität
- Bescheidenheit
- Korrektheit
- Sittsamkeit
Wenn man nun Integrität und Bescheidenheit mal weglässt - das erste als ein schwer zu definierendes Konzept, zu dem viel mehr gehört als Anstand; das zweite als eine Tugend, die genau zu fassen ist und alleine nicht ausreicht, um Anstand zu erklären - dann bedeutete Anstand, das zu tun, was sich »schickt«, was »korrekt« ist, der »Sitte« entspricht oder festgelegten »Manieren«: Also einer willkürlichen Norm zu entsprechen.
Der Sinn dieser willkürlichen Norm ist, menschliches Verhalten erwartbar und anschließbar zu machen. Wenn alle nach Lust und Laune in den Bus ein- und aussteigen würden, dann ginge das viel länger und man wüsste nicht, wann man an der Reihe ist. Also gibt es eine - in diesem Fall - vernünftige Regel. Gerade daran zeigt sich, weshalb das Konzept Anstand unnötig ist: Es lässt sich durch Moral, Vernunft, Recht und psychologische Klugheit komplett ersetzen.
Wer in den Zug einsteigt, bevor alle ausgestiegen sind, verlängert den Prozess. Das ist unvernünftig. Wer die Toilette verschmutzt hinterlässt, handelt nicht moralisch. Wer sich hinsetzt, ohne seinen Sitznachbarn darauf aufmerksam zu machen, könnte diesen verärgern, erschrecken oder stören. Das ist unklug.
Meine Großeltern zogen drei Kinder groß und handelten - so mein Eindruck - ihr ganzes Leben nach der Maxime: »Was könnten die anderen Leute denken?« Wer Anstand als Begründung vorgibt, etwas zu tun oder nicht zu tun, folgt genau diesem Denken. Die Person akzeptiert, dass menschliches Verhalten Regeln folgen soll, die nicht durch Vernunft, Moral, Recht oder Klugheit begründet werden können, sondern durch einen traditionell und kulturell gefestigten Kodex, über den es nur implizites Wissen gibt.
Das gilt meiner Meinung nach speziell für die Erziehung: »Das ist unanständig« sollten Eltern vermeiden. Kinder sprechen mit vollem Mund. »Tut das nicht.« - »Warum?« - »Das ist unanständig.«:
- »Ich verstehe dich schlecht.«
- »Im mag es nicht.«
Ganz ehrlich zu sein und seine Gefühle auszudrücken ist oft wirkungsvoller und ehrlicher, als Anstand zu bemühen.


