Antifeminismus - abschließende Betrachtungen

Vor ein paar Tagen habe ich ein paar Probleme aufgelistet, mit welchen die Bewegung, die sich »Antifeminismus« nennt, zu kämpfen hat. Nämlich: Anstatt konkret Probleme des Rollenbildes »Mann« zu beschreiben und Lösungsansätze aufzuzeigen, fokussiert diese Bewegung auf etwas, was sie selbst »Feminismus« nennt, was aber mit dem, was »Feminismus« war oder ist, herzlich wenig zu tun hat.

Wie sich in diesem humorvollen Artikel von Joel Bedetti zeigt, haben die Vertreter des Antifeminimus’ wohl noch ganz andere Probleme.

Dennoch möchte ich die Diskussion in den Kommentaren zu meinem letzten Post aufgreifen und einige Punkte kommentieren:

  1. Das Problem der Quote.
    In den Kommentaren heißt es:

    Die Quote schafft ja gerade Ungleichbehandlung und zwar alleine aufgrund von Geschlecht! Ausserdem wird den Frauen somit das alleinige Privileg, alleine aufgrund von ihrem Geschlecht über das Gesetz in eine Position zu kommen.

    Eine konstruierte, nicht bewiesene (Ungleichverteilung ist nämlich kein Beweis!) Ungleichbehandlung aufgrund von Geschlecht von Frauen wird durch eine reale Ungleichbehandlung der Männer ersetzt!

    Zunächst fordert »der Feminismus« nicht per se eine Quote - vielmehr ist die Quote heute in Deutschland ein wirtschaftliches Bedürfnis, das deshalb von der CDU/CSU aufgegriffen wird, weil es der Wirtschaft nützt, nicht aber unbedingt »den Frauen«. Man lese dazu Antje Schrupps aufschlussreichen Kommentar.
    Der Logik im oben stehenden Zitat möchte ich dennoch widersprechen: Es gibt nicht realere und weniger reale Formen von »Ungleichbehandlung«. Diskriminierungen sind immer real, insbesondere für die davon Betroffenen. Quoten sind nicht ein Instrument, um diese Formen von Diskriminierung aus der Welt zu schaffen, sondern ein Mittel, den lange Zeit diskriminierten Gruppen dabei zu helfen, Fuss zu fassen. Ob dieses Mittel ideal ist, kann ich nicht beurteilen. Aber wenn in Deutschland Frauenquoten von 40% gefordert werden, kann ich kein Problem hinsichtlich einer Diskriminierung von Männern dabei sehen.

  2. Die Feststellung, die Gleichstellung und Emanzipierung der Frauen gehe zulasten der Männer, ist logisch bedingt: Wenn Männer mehr Rechte/Chancen als Frauen hatten bzw. haben - dann haben sie im Verhältnis zu den Frauen weniger Rechte, wenn diese gleich viel Rechte haben. Das ist nicht ein Problem des Feminismus, sondern ein Problem der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frau.
  3. In der aktuellen P.S. hält Markus Ernst Müller treffend fest:

    Was mich jedoch irritiert ist, dass man(n) heute anscheinend die Diskriminierung der Männer behaupten kann, ohne ausgelacht zu werden. Drei Punkte, gebetsmühlenartig repetiert, reichen als Belege dafür: Die Militärpflicht, das höhere Rentenalter der Männer und die Praxis beim Sorgerecht.

    Dazu kommen noch die »Quartiere« in Wien, in denen nur Frauen wohnen dürfen, sowie die »Männersteuer«. Zu diesen Punkten kann man aus heutiger Sicht Folgendes festhalten:
    a) Die Wehrpflicht ist ein alter Zopf und wird in den nächsten 10 Jahren verschwinden.
    b) Die Rentenalter gehören angeglichen - ein Prozess, der in der Schweiz aber noch Jahre dauern wird, weil tendenziell die Rentenalter aus volkswirtschaftlichen Überlegungen angehoben werden müssen (also dasjenige der Frauen erhöht werden muss).
    c) Die Praxis beim Sorgerecht führt zu Fällen, in denen Väter ungerecht behandelt werden - basiert aber auf der Tatsache, dass Frauen hauptsächlich die Betreuung der Kinder übernehmen. Warum sollten Väter, welche sich nicht um ihre Kinder kümmern, generell auch das Sorgerecht erhalten? [Und noch eine Bemerkung zur Schweiz: Wenn man im Konkubinat lebt, ist es problemlos möglich, das gemeinsame Sorgerecht für gemeinsame Kinder zu erhalten.]
    d) Es handelt sich um einen Wohnblock, in dem auch Männer wohnen dürfen.
    e) Die Männersteuer ist gemäß den Zitaten in diesem Post eine weitere Idee, die faktische Ungleichheit der Geschlechter durch eine staatliche Intervention (in einer anderen Form) aufzuheben. Wir sprechen von einer Idee - nicht einer Tatsache. Genau so ist es eine Idee, dass Frauen zur Unterhaltung der Männer attraktiv aussehen sollen. Oder, dass Frauen gut kochen, bügeln und putzen sollten. Oder, dass Frauen weniger gut autofahren können als Männer. Alles Ideen.

  4. Welcher Feminismus?

    Ihr solltet euch mal mit dem HEUTIGEN Feminismus beschäftigen und nicht mit einem fiktiven Feminismus vor 50 Jahren.

    So die Forderung in den Kommentaren. Verwiesen wird dabei auf Matusseks »Die vaterlose Gesellschaft« und seine Sichtweise auf den Feminismus, oder aber auf schwedische Übersetzungen von SCUM. Es tut mir Leid, Herren Antifeministen: Ich glaube noch immer nicht, dass Sie auch nur die leisteste Ahnung haben, was FeministInnen gedacht haben oder aber heute denken - und wie leistungsfähig und fortschrittlich feministische Theorie ist. Vielleicht sprechen Sie nur über konkrete Veränderungen, welche dem Feminismus zugeschrieben werden können: Z.B. ein Bewusstsein für sexuelle Gewalt gegen Frauen, ein Bewusstsein für die Arbeit, welche Frauen im Haushalt und bei der Betreuung von Kindern ohne Anerkennung und ohne finanzielle Entschädigung leisten. Eine Sensibilisierung für das Problem, dass Männer Familie und Karriere selbstverständlich vereinbaren können, Frauen selbstverständlich nicht. Oder aber mindestens die periodische Erwähnung der Tatsache, dass Frauen immer noch weniger verdienen (für die gleiche Arbeit) als Männer.

    Vielleicht wollen auch Sie konkrete Arbeit leisten. Dann fordere ich Sie auf:
    a) Beziehen Sie doch Expertinnen und Experten in ihre Arbeit ein.
    b) Schlagen Sie Wege vor, wie Männer aus ihrem »ungesunden Lebensstil« ausbrechen können.
    c) Zeigen Sie jugendlichen Homosexuellen vor, wie sie ihre sexuelle Präferenz würdig leben können.
    d) Verdeutlichen Sie, dass Ihnen an der Betreuung von Kindern liegt - nicht aber an einem abstrakten Sorgerecht.
    e) Sprechen Sie über Gewalt von Frauen an Männern - aber auch über (sexuelle) Gewalt von Männern an Frauen.

Gender und Das Magazin - Birgit Schmid in Zitaten

Als Beispiel für Frauen, welche feministische Positionen und Probleme kennen, aber in ihrer journalistischen Arbeit diese Kenntnisse teilweise vernachlässigen oder ignorieren, habe ich in meinem Blog Michèle Binswanger schon mehrfach erwähnt - und werde damit nun aufhören (Frau Binswanger ist meiner Meinung nach eine intelligente, humorvolle Journalistin, die auch kritikfähig ist: das soll auch mal geschrieben sein).

Per Tweet hat Michèle Binswanger auf die Magazin-Artikel von Birgit Schmid hingewiesen:

Ein Fall für @kohlenklau: „eine Frau bleibt von Natur aus lieber auf sich gestellt, will sie es schaffen.“ Birgit Schmid in #dasmagazin

Der betreffende Artikel heißt »Der Vitamin-B-Mangel der Frau«. Daraus die Zitate, welche Schmids Position in Gender-Fragen deutlich machen:

Doch heute schliessen Männer Frauen kaum mehr aus, weil sie halt lieber unter sich bleiben. Sondern, so unbequem es klingt: Eine Frau bleibt von Natur aus lieber auf sich gestellt, will sie es schaffen.

Den meisten Frauen bringt das kompetitive Verhalten keinen Lustgewinn.

So gut Frauen auch im familiären und emotionalen Vernetzen sind, der Sinn für «soziales Kapital» fehlt ihnen.

Männer blicken zudem auf eine lange Erfahrung im halb privaten «Buddying» zurück, geprägt durch Militärdienst oder Studentenverbindung. Man steht notfalls für den andern ein, der nicht zwingend der beste Kumpel sein muss.

Aber wenn eigene Vorteile bedroht sind, scheint die Schwesterlichkeit aufzuhören, ob in einem Netzwerk oder einer Arbeitsgemeinschaft. Könnte ja sein, dass der Vorteil, den ich jemandem verschaffe, mir zum Nachteil wird. Die Rivalität wird nicht offen ausgetragen, das tun Frauen weniger: Sie wetteifern ja offiziell nicht. Frontalangriffe sind plump, unfeine Neigungen zu unterdrücken. Man misst sich viel unterschwelliger, dafür unter Einsatz der ganzen Person. Jede Offensive wird persönlich genommen. Klar, verbindet sich dann eine Frau, für die ihre Karriere zum Überlebenskampf wird, lieber nicht in einem weitläufigen Netz. Denn überall lauert potenzielle Gegnerschaft.

Eine Frau will die Beste, Schönste, Einzige sein und geliebt werden.

Spricht man mit jüngeren Wirtschaftsfrauen, so fällt einem überhaupt auf: Sie scheinen oft gar kein so grosses Problem zu haben, als einzige Frau im Verwaltungsrat einer Firma zu sitzen. Als ob sie es irgendwie halt doch geniessen, diesen Sonderstatus zu haben.

Der Text gehört zu dem, was den Niedergang des Tages-Anzeiger-Magazins ausmacht: Thesenjournalimus. Diese These in der rohesten Form: Es gibt wenig Frauen in Führungspositionen. Grund: Frauen sind selber Schuld. Warum? Sie sind »von Natur aus« so, wie man nicht sein sollte, um Führungspositionen zu erlangen. Schluss: Frauen müssen werden wie Männer. Das System lässt sich ja nicht ändern, denn wir leben in der besten aller möglichen Geschäftswelten.

* * *

Dann noch das zweite Beispiel, ein Text, dessen Titel schon alles sagt: »Männer sind im Bett die neuen Frauen«. Um nur ein Zitat zu verwenden:

Die Emanzipation des Mannes würde dann bedeuten: Er muss keineswegs immer wollen müssen.

Wenn das keine tiefgründige Einsicht ist. Danke, Frau Schmid.

* * *

Zu diesen Themen kann man wenig lesen, das durchdachter wäre als die Blogposts von Antje Schrupp. Birgit Schmid hätte z.B. zum Thema Frauen und Karriere Antje Schrupps Kommentare zur Karriereforschung lesen sollen. Dort heißt es in einem Fazit:

Die Zufriedenheit von Frauen ist ja wohl kein Argument. Frauen sollen sich nützlich machen, das war schon immer so. Die Wirtschaft braucht sie eben. Und diese teure Uniausbildung, die können sie doch nicht einfach so im Mittelfeld verplempern. Also: Ab in die Führungsetagen. Ob es ihnen da gefällt oder nicht. Und bloß nicht rummeckern.

Denn, nicht vergessen: Sie strömen nur so auf den Arbeitsmarkt, die Frauen. Sie sind also potenziell gefährlich. Da wollen wir sie gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen lassen. Nicht, dass sich das ausbreitet. Am Ende fällt den Männern auch noch auf, dass sie in ihren Führungsjobs eigentlich gar nicht so zufrieden sind, wie sie immer dachten. Dass ihnen der ganze Drang zum Führertum bloß ansozialisiert worden ist.

 

Verbot von politischer Werbung - abschließende Gedanken

Auch auf meinen letzten Post, in dem ich kurz begründet habe, weshalb ich ein Verbot von politischer Werbung bedenkenswert finde, habe ich interessante Rückmeldungen erhalten, auf die ich kurz eingehen möchte.

1.

Zunächst: Die beiden Rückmeldungen haben mich davon überzeugt, dass so ein Verbot mindestens problematisch wäre, gerade weil es eine Reihe von Auslegungsfragen mit sich bringen könnte, welche einerseits dazu geeignet wären, die freie Meinungsäußerung zu tangieren, andererseits ein politisches Instrument zur Benachteiligung bestimmter politischer Interessen werden könnte.

2.

David schreibt:

Die Manipulierbarkeit der Menschen kann man nicht durch Werbeverbote bekämpfen, sondern nur durch Bildung. Auch widerspricht ein Werbeverbot hochgradig meinem Menschenbild. Man muss erwachsenen Menschen zutrauen, sich selber eine Meinung bilden zu können, und sie nicht bevormunden.

Ich kann dazu nur sagen: So denke ich auch. Und dann erinnere ich mich an all diese Plakate, mit denen der öffentliche Grund in der Schweiz wie in keinem anderen Land zugepflastert ist, an die Zuspitzungen, Verdrehungen, Verfälschungen, Suggestionen die auf diesen Plakaten verbreitet werde - und bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich wirklich erwachsenen Menschen zutrauen, dagegen immun zu sein. Wie viele Menschen sind in der Lage abzuschätzen, dass ein verurteilter Vergewaltiger nicht in der Schweiz eingebürgert werden kann? Wie viele können nachrechnen, ob die Steuergerechtigkeitsinitiative für sie eine Mehr- oder Minderbelastung bedeuten würde?

Und doch: All diese Probleme betreffen nicht nur Werbung, sondern jede Form von politischem Diskurs. Und Demokratie bedeutet, in die Urteilsfähigkeit aller Stimmberechtigten zu vertrauen.

3.

David fragt im gleichen Kommentar:

Dann definiere bitte mal, was hiervon du verbieten möchtest:

- Plakatwerbung auf öffentlichem Grund
- Plakatwerbung auf privaten Grund
- Zeitungsinserate
- Flyer in Briefkasten
- Flyer auf der Strasse
- Standaktionen
- Podiumsdiskussionen
- Demonstrationen mit Spruchbändern

und inhaltlich:
- Werbung mit Abstimmungsparolen
- Werbung für Kandidaten/Wahllisten
- Sensibilisierung (z.B. von Umweltschutzverbänden, Behindertenverbänden)
- Werbung für Anlässe (Demoaufrufe, Podiumsdiskussionen, …)

Und nun spiele alle möglichen Kombinationen von Form und Inhalt durch und sage mir, was erlaubt sein soll und was nicht.

Ich hätte das so formuliert: Es ist nicht erlaubt, politische Inhalte mit einem direkten oder indirekten Bezug auf Wahlen, Abstimmungen oder Parteien gegen Bezahlung zu publizieren oder zu verbreiten.

D.h. in Bezug auf die Beispiele: Flyer verteilen ist dann okay, wenn kein Geld fließt, sondern alle Beteiligten das aus Überzeugung machen; Werbung für Anlässe wäre okay, wenn sie nicht mit einer Partei oder einer Parole verbunden sind. Wie schon erwähnt: Mit so einem Verbot wäre viel Auslegungsarbeit verbunden.

4.

David schlägt als Alternative zum Werbeverbot eine staatliche Parteienfinanzierung vor (das hieße wohl, Parteien dürfen sich nur über einen staatlichen Beitrag finanzieren und keine weiteren Zuwendungen erhalten?). Dagegen ist nichts einzuwenden - mit dem letzten Absatz wollte ich sagen:

  1. Es gibt mehrere Methoden, um das unangenehme Problem zu lösen, das finanziell besser situierte Menschen/Unternehmungen politisch mehr Einfluss genießen als andere.
    a) Transparenz bei der Parteienfinanzierung.
    b) Beschränkungen bei der Parteienfinanzierung.
    c) Staatliche Finanzierung der Parteien
    d) fixe Werbepools (z.B. Plakatwände auf öffentlichem Grund und TV-Spots) werden Parteien bei Wahlen und Interessensgruppen bei Abstimmungen zugeteilt.
  2. Ein weiteres Problem ist die individuelle Ebene von MandatsträgerInnen. Lobbying kann nicht verboten werden - aber es ist eines demokratischen Staates unwürdig, dass ParlamentarierInnen finanziell direkt von Unternehmungen und Interessensgruppen abhängig sind.

Fazit

Ein Problem, das wohl eleganter gelöst werden könnte, als ich es vorschlage - aber ein drängendes Problem, welches die politische Landschaft der Schweiz stark beeinflusst und nachhaltig schädigt.

Verbot von politischer Werbung - das spricht dafür

Besten Dank für die Rückmeldungen zum gestrigen Post, in dem ich ein Verbot von politischer Werbung angedacht habe.

Als Argumente gegen ein solches Verbot wurden eingebracht:

  1. Wie definiert man »politische Werbung«?
  2. Einschränkung der Meinungsäußerungsfreiheit
  3. Wenn nicht unbedingt nötig, sollten keine zusätzlichen Verbote erlassen werden, welche die Freiheit einschränken.

Alle diese drei Argumente kann ich nachvollziehen, denke aber, dass sich eine Definition finden ließe - und dass die Meinungsäußerungsfreiheit nicht dadurch tangiert würde, dass man seine Meinung nicht mehr per Werbung verbreiten darf.

Nun zum Hauptgrund: Es geht um die Rolle von Geld in der Politik. In einer demokratischen Gesellschaft sollte es nicht möglich sein, dass politische Entscheidungen gekauft werden (und insbesondere nicht, dass die freie Meinungsbildung durch Propaganda beeinträchtigt wird). Nun wäre ich nicht so naiv, anzunehmen, Geld könnte irgendwie keine Rolle spielen - und auch nicht zu naiv zu meinen, man könne »Information« und »Propaganda« sauber voneinander trennen. Letztlich kann man nicht verhindern, dass Tettamanti nach der Weltwoche auch die Medienmonopole der Nordwestschweiz in die Hände von Chefredaktoren von SVPs Gnaden gibt - und die dürfen natürlich schreiben, was sie wollen.

Aber das Verbot von politischer Werbung scheint mir letztlich eine einfachere und fairere Lösung zu sein als andere Formen von Transparenz im Umgang mit politischer Finanzierung. Natürlich sollte es auch im Parlament griffige Massnahmen geben, um Lobbying zu verhindern - aber die Beeinflussung der StimmbürgerInnen findet hauptsächlich über Propaganda statt.

Das Problem der Antifeministen - und Antifeministinnen

Über Michèle Binswanger habe ich mich schon mehrmals ausgelassen - und nehme ihren gestrigen Kommentar zum Widerstand gegen Antifeministen zum Anlass, schnell das Problem dieser Bewegung darzustellen. Binswangers Hauptaussage, dass ein Unterdrücken einer missliebigen Meinung antidemokratisch sei, kann ich dabei unterschreiben: Antifeministen und Antifeministinnen dürfen ausdrücken, was immer sie ausdrücken wollen. Nur gilt es natürlich auch für alle - Zitat Binswanger - »Anti-Antifeministen«: Auch sie dürfen alle Methoden benutzen, um ihre Haltung auszudrücken, alle Methoden, die auch allen anderen Interessensgruppen zur Verfügung stehen.

Das Problem, also ganz knapp, ist der Feminismus als Projektionsfläche. Nicht nur verstehen die Vertreter des Antifeminismus nicht, inwiefern der Feminismus ein Fortschritt gewesen ist (nämlich in der Lösung einer gesellschaftlichen Rolle von einem als natürlich bezeichneten Geschlecht), sondern sie tun auch so, als könnte man diesen Fortschritt rückgängig machen. Nun ist es unmöglich eine gemachte Erkenntnis wieder zu vergessen - und so ist das auch auf einer gesellschaftlichen und kulturellen Ebene.

Binswanger ist, und ich nehme an, darauf bezieht sich auch Bobby California, gesteht auf einer inhaltlichen Ebene der Bewegung ein echtes Anliegen zu:

Die Gleichberechtigung ist stetig vorangeschritten und es ist tatsächlich an der Zeit, dass man sich darüber Gedanken macht, inwiefern Frauen noch benachteiligt werden, oder ob es nicht auch Bereiche gibt, in denen eine Gegenemanzipation der Männer angezeigt wäre. Stichwort tiefere Lebenserwartung und höhere Selbstmordrate bei Männern, die härtere Beurteilung von Männern vor Gericht, ihre Benachteiligung in Familien- und Sorgerechtsfragen, Frauengewalt und Männerdiskriminierung.

Das Problem dabei ist meiner Meinung nach, dass sich eine solche Bewegung nicht als »Gegenemanzipation« verkaufen sollte und sich nicht gegen einen selbst konstruierten Feminismus wenden sollte (selbst in radikalsten Formen hat der Feminismus nicht eine Benachteiligung von Männern gefordert).

Folgendes wäre einer solchen Bewegung zu wünschen:

  1. Einen wachen Blick auf die Realitäten, in denen Frauen heute in vielen Bereichen des Lebens nicht die gleichen Chancen haben wie Männer (beispielsweise lassen sich berufliche Entwicklung und das Mutter-Sein in vielen westeuropäischen Ländern nicht vereinen; man jammert über teure Krippenplätze und sagt sich: »Es lohnt sich ja gar nicht, dass die Mutter noch arbeiten geht.« - anstatt zu sagen: »Es lohnt sich ja gar nicht, dass der Vater 100% arbeitet.«).
  2. Eine Orientierung an den Knackpunkten, die Binswanger anspricht: Sorgerechtsfragen, juristische Benachteiligung, Selbstmordrate, auf einer abstrakteren Ebene: ein negativ geprägtes Männerbild.
  3. Konkrete Vorschläge zum Umgang mit diesen Problem und ihren Ursachen (beispielsweise dem Ideal eines souveränen, unabhängigen, starken Mannes).

Es sind keine einfachen Probleme und es gibt dafür keine einfachen Lösungen - die Orientierung am Feminismus suggeriert fatalerweise aber gerade beides.

P.S.: Ihr Bild auf Newsnetz, Frau Binswanger…

Eine Überlegung zur Steuergerechtigkeit

Auch wenn das neben der Diskussion über die Ausschaffungsinitiative der SVP etwas vergessen geht: Ende November wird in der Schweiz auch über Steuergerechtigkeit abgestimmt. (Dieses Vergessen ist nicht zufällig, übrigens: Die Ausländerpolitik der SVP ist eine reine Ablenkungsstrategie der unternehmerischen Elite, welche diese Partei lenkt und finanziert. Dieser Elite geht es um nichts anderes, als ihre eigene Position mit allen Mitteln zu festigen und zu verbessern: Und zu diesen Mitteln gehört unter anderem auch Fremdenfeindlichkeit.)

Aber eben: Steuergerechtigkeit. Nun kann man sagen, die Initiative sei nicht im Sinne von Gerechtigkeit, weil z.B. Wettbewerb gerecht sei, nicht aber einheitliche Steuersätze (das Argument des Wettbewerb spielt aber offenbar bei den Ausschaffungen keine Rolle - da scheint eine einheitliche Praxis erstrebenswert zu sein, im bürgerlichen Lager). Die Frage, was denn Steuergerechtigkeit sei, lässt sich für mich am überzeugendsten mit Rawls Schleier des Nichtwissens beantworten:

Man soll annehmen, man wisse (im vorliegenden Fall) nicht, in welchem Kanton man wohnt, wie hoch das eigene Einkommen ist und wie hoch das eigene Vermögen ist. Unter dieser Hypothese soll man sich für einen der beiden Vorschläge (wie bisher oder mit Minimalsteuersätzen für das reichste Prozent aller Besteuerten) entscheiden. Kurz gefasst: Beim Abstimmen so tun, als habe man keine eigenen Interessen, die es zu verfolgen gilt.

* * *

Nun wird man aber auch in diese Überlegung die »Drohung« der Reichen einfließen lassen: Vielleicht ziehen die weg, ins Ausland gar. Man muss nicht Zygmunt Bauman anführen, um feststellen zu können, dass eine internationale Elite gibt, die von der nationalen Rechtssprechung und Solidarität nicht mehr betroffen ist, weil sie sich jederzeit entziehen kann. Insofern wäre es idiotisch, die Gesetze eines Landes den Menschen anzupassen, die sich ohnehin nicht daran halten müssen. Zudem kann man sich - wie auch z.B. bei Beschränkungen medizinischer Forschung - den einfachen Einwand vor Augen halten, dass die Tatsache, dass es Länder gibt, in welchen Vorgänge legal sind, welche wir als moralisch verwerflich, ungerecht, unakzeptabel etc. halten, kein Grund ist, diese Vorgänge auch in der Schweiz zu erlauben. Das wäre - um wieder ein Beispiel aus der Ausländerthematik aufzugreifen - als würde man Zwangsheiraten legalisieren, nur weil Islamisten drohten, diese sonst andernorts durchzuführen.

Glauben und vergeben - von Bill Maher zu Slavoj Zizek

Es ist Sonntag und es regnet. Ich schiebe einen geplanten Post zurück - und schreibe etwas über den Glauben.

Grundsätzlich halte ich es mit Bill Maher und seiner Frage, aus der er den Film »Religulous« gemacht hat (eine Verbindung von »ridiculous« und »Religion« - der Titel sagt eigentlich schon, was sein Grundannahme ist: Das Religion lächerlich sei.):

Warum ist es gut, zu glauben?

Die Antwort darauf ist: In den meisten Fällen ist es besser, nicht zu glauben - sondern versuchen, etwas so zu verstehen, dass man darüber etwas weiß, oder aber Aussagen anzuzweifeln und lieber mit einem begründeten Zweifel dazustehen als mit unbegründetem Glauben. (Die Frage, wie man glauben und wissen unterscheiden könne, beantworte ich dabei pragmatisch: Etwas zu »wissen« impliziert, dass man bereit ist, dieses Wissen zu ändern, sollte ein methodisch akzeptabler Einwand auftreten - etwas zu »glauben« impliziert, dass man das auch glaubt, wenn alles andere dagegen spricht.)

Nun wäre das keinen Post wert, gäbe es nicht eine Ausnahme - denn dann wäre ich einfach ein weiterer, mehr oder weniger militanter Atheist. Die Ausnahme ist das Vergeben, wie der Titel schon antönt.

Was meine ich damit? Im Alltag verletzen sich Menschen ständig und nehmen Schaden aneinander. Dieser Schaden kann nicht gutgemacht werden: Es gibt keine Möglichkeit, jemanden dafür zu entschädigen, dass man ihn oder sie verlassen hat, vergessen hat, verletzt hat. Das wirkt sich auf beide Personen aus: Die verletzende leidet ebenso daran, wie die verletzte; oder zeitgemäßer: Täter und Opfer leiden beide. (Der gefühllose, reuelose Täter ist ja letztlich nichts als ein Mythos, wie böse Menschen generell: Wir können Sie uns nur in Comics oder James-Bond-Filmen vorstellen.)

Nun brauchen Gesellschaften also eine Methode zur Wiedergutmachung des Nicht-Wiedergutzumachenden. Dieses Paradox könnte man mit dem Strafrecht auflösen, indem die Gesellschaft den Täter bestraft und so Täter und Opfer deutlich macht, dass in dieser sinnlosen Geste der Strafe die Wurzel des Vergebens und Verzeihens liegt. Weil der Täter bspw. ins Gefängnis muss, darf er sich einbilden, ihm könne vergeben werden - und weil das Opfer den Täter im Gefängnis weiß, erhält es die Möglichkeit zur Vergebung.

Nun zeigen diese Gedanken schon, dass das Strafrecht notwendigerweise auf objektivierbare Schäden limitiert bleibt (das Verursachen von Liebeskummer ist nicht strafbar) und gleichzeitig immer noch einer kapitalistischen Logik zu gehorchen scheint: Die Strafe muss eine Art Währung für das Vergehen sein, sie muss gleich groß sein wie das Vergehen, oder zumindest dieser Illusion genügen, eine Strafe könne ein Vergehen aufwiegen - was natürlich nie möglich ist.

Aus diesen Gründen braucht es wohl letztlich eine Form von Glauben: Damit das Unverzeihbare und das nicht zu Vergebende verziehen und vergeben werden kann. Um das in der Sprache der Religion auszudrücken, bin ich theologisch zu wenig geschult und ich lasse es bleiben - zitiere aber Slavoj Zizeks Die gnadenlose Liebe:

Das Opfer Christi ist daher in einem radikalen Sinne sinnlos: kein Tauschakt, sondern eine überflüssige, exzessive, ungerechtfertigte Geste, die Seine Liebe zu uns, zur sündigen Menschheit beweisen soll. Es ist so, wie wenn wir in unserem Alltagsleben jemandem »beweisen« wollen, daß wir ihn/sie wirklich lieben, und dies nur mittels einer überflüssigen Geste der Verausgabung tun können. Christus »zahlt« nicht für unsere Sünden; Paulus hat deutlich gemacht, daß eben diese Logik der Bezahlung, des Tausches, gewissermaßen die Sünde selbst ist und die Wette von Christi Tat darin besteht, zu zeigen, daß diese Kette des Tau- sches durchbrochen werden kann. Christus erlöst die Menschheit nicht dadurch, daß er den Preis für unsere Sünden entrichtet, sondern indem er uns zeigt, daß wir aus dem Teufelskreis von Sünde und Vergeltung ausbrechen können. Statt für unsere Sünden zu bezahlen, löscht Christus sie buchstäblich aus und macht sie durch seine Liebe rückwirkend »ungeschehen«.

* * *

Hier noch der oben erwähnte Film von Bill Maher:

 

Die so genannte »Gesetzeslücke» bei der Internetüberwachung

Nachdem heute 10vor10 und sämtliche Boulevardmedien der Schweiz über die Pädophilen berichtet haben, die der Polizei zufolge zu jeder Tages- und Nachtzeit ihr Unwesen im Internet treiben, um Opfer für ihre Schandtaten zu finden, profiliert sich die CVP als Vorreiterin bei der Forderung nach der Möglichkeit, weiterhin »verdeckte Ermittlungen« im Internet durchführen zu können. Die offizielle Sprachregelung ist bereits, dass es sich um eine »Gesetzeslücke« handle.

Pädophilie ist selbstverständlich immer das effizienteste Thema, um ein Vorhaben durchzubringen. Wer auch immer nur Zweifel an der Idee einer verdeckten Ermittlung im Internet zu äußern wagt, steht sofort unter dem Verdacht, Pädophile bei ihren Machenschaften helfen zu wollen. Ich sag deshalb noch kurz: Ich will nicht, dass Kinder Opfer von Pädophilen werden.

Und nun kommt, um was es geht: Ich will nämlich auch nicht im Internet von »verdeckt« ermittelnden Polizisten belauscht werden. Ich will nicht beim Chatten abgehört werden, ich will nicht, dass meine Emails gelesen werden und ich will nicht, dass meine Harddisk durchsucht wird. Weil der Staat das Recht dazu nicht haben sollte, die digitale Privatsphäre seiner Bürger systematisch zu verletzen. Es gibt also keine Gesetzeslücke, wie ich finde.

Und das Argument, dass niemand etwas zu befürchten habe, der nichts Verbotenes tue, kann man sich schenken - ich will auch nicht belauscht werden, wenn ich nichts Verbotenes tue.

* * *

Ich muss noch einen Gedanken anfügen:

Was im »Tatort Internet« offenbar passiert, ist Folgendes: In einem Chatroom gibt sich ein(e) Polizist(in) als Kind aus und trifft dort auf eine Internetidentität, welche sich pädophil verhält. Genau gleich wie es sich nicht um ein Kind handelt, das sich in diesem Chatroom aufhält, könnte es auch sein, dass es sich nicht um einen pädophilen Menschen (oder um einen Menschen mit der Absicht, pädophile Straftaten zu begehen) handelt, der sich im gleichen Chatroom aufhält. Das Problem, ganz kurz, ist die Annahme, Internetprofile seien mit realen Identitäten identifizierbar. Oder in den Worten von Julia Schramm (@laprintemps):

[…] nichtsdestotrotz ermöglicht das Internet eine freiere und ehrlichere, eben weil offen konstruiert und künstlich, Identitätsentwicklung. Hier liegt nicht zuletzt der Grund für einen Angststrang rückständig und übertrieben konservativ denkender Menschen, die ohne eindeutige Schubladen die Orientierung verlieren. [Quelle: Lesenswerter Blogpost zu Internet und Identität]

* * *

Soeben habe ich diesen juristisch differenzierten Post zum deutschen Problem »Tatort Internet« gelesen. Die Rechtsanwälte Lampmann, Behm und Rosenbaum gehen davon aus, dass »die grundsätzliche Frage, ob Kinder und Minderjährige auch vor sexuellen Übergriffen beziehungsweise deren Anbahnung im oder über das Internet (Cyber-Grooming) geschützt werden müssen, [von jedermann] zweifelsfrei von zu bejahen sein [müsste].«

Danach untersuchen sie eine Reihe von medienrechtlichen Fragen zu den Möglichkeiten im Umgang mit diesem Problem und kommen zu folgendem Schluss:

Wer in der aktuellen Diskussion die Problematik des Schutzes von Minderjährigen oder von Kindern mit dem Problem einer damit einhergehenden Persönlichkeitsrechtsverletzung vermischt und zum Ergebnis kommt, dass einem potentiellen Straftäter keinerlei Schutz seines Persönlichkeitsrechtes zukommen darf, hat das rechtstaatliche Prinzip nicht verstanden bzw. ist auf einem emotionalen Schritt stehen geblieben, welcher in letzter Konsequenz ausgerechnet den auf diese Weise vehement geforderten Rechtsstaat in seinem Bestand gefährden kann.

Das würde ich sofort unterschreiben.

Von Gutmenschen und Trollen - oder Nietzsche und Bittermann

Es gibt viele Trollindikatoren, also Hinweise darauf, dass jemandem nicht an einer sachlichen Auseinandersetzung, sondern am Stören solcher Auseinandersetzungen gelegen ist. Der für mich wichtigste im politischen Kontext ist der Begriff »Gutmensch«.

Der Begriff ist wohl, entgegen Wikipedia, weder auf die Nazis noch auf Nietzsche zurückzuführen (»Diese ›guten Menschen‹ – sie sind allesamt jetzt in Grund und Boden vermoralisiert und in Hinsicht auf Ehrlichkeit zuschanden gemacht [...]«), sondern wohl erst seit den 80er-Jahren gebrächlich zu sein. Weite Verbreitung fand er gemäß der GfdS 1994 mit Klaus Bittermanns »Wörterbuch des Gutmenschen«, das sich gegen »Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch« wandte.

Man könnte jetzt wie Evelyn Finger grundsätzlich festhalten, dass der Begriff schief ist:

Heute gilt Gutsein als peinlich, so uncool wie Lichterketten, so von vorgestern wie die Verteidigung einer aufgeklärten Moral und die Hoffnung auf eine bessere Welt. Da darf uns die popkulturelle Konjunktur der Globalisierungskritik nicht täuschen. Dass der »Gutmensch«, aus der politischen Rhetorik stammend, sich in der Alltagssprache niedergelassen hat, kann als Triumph antihumanistischen Denkens gelten.

So weit muss man aber gar nicht gehen. Wenn »Gutmensch« mit Nietzsche und Bittermann eine Person meint, die sich aufgrund von moralischen Werten und anständiger Political Correctness unehrlich verhält und sich von der Wahrheit abwendet, wenn also der Begriff in diesem Sinne scharf gebraucht wird: Dann stört er mich nicht.

In aktuellen Diskussionen wird er aber eher so gebraucht: »Du bist einer von denen, die meine Meinung nicht teilen, und deshalb kannst du grundsätzlich nicht mit mir diskutieren und ich muss auf deine Argumente nicht eingehen. Mag sein, dass die von mir angeführten Statistiken nicht stimmen, mag sein dass meine Argumente nicht gültig sind - aber das ist egal, weil du bist ein »Gutmensch« und das sagt ja wohl alles.«

Dann eben sagt es nur das: Hier ist ein Troll am Werk.