Feminismus, Sex und Pornographie

Vorbemerkung: Der folgende Blogpost enthält die Schilderung verschiedener sexueller Praktiken und diskutiert Vergewaltigungen.

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Zu wissen, was es will, ist die größte Herausforderung für das moderne Subjekt. Was es eigentlich will, könnte man auch sagen – denn oft ist dieser Wille, bewusst oder unbewusst, fremdbestimmt; geformt in einem Sozialisationsprozess, angepasst an den Willen anderer Subjekte.

Die Fremdbestimmung, so kann man das Projekt Feminismus definieren, soll nicht strukturell über die Kategorie Geschlecht erfolgen. Menschen sollen tun und wollen können, was sie eigentlich wollen, ohne dass ihre Zugehörigkeit zu einem Geschlecht dieses Tun oder Wollen beeinflusst.

Eine der reinsten Formen des Wollens ist unser sexuelles Begehren. Wir denken darüber oft so, als handle es sich um das Eigentlichste, was wir kennen. Der Gedanke, dass wir in unserem Begehren beeinflusst oder angepasst sein könnten, ist für uns so schwer zu akzeptieren, dass der politische Feminismus oft das Thema Sex ausklammert und als privat markiert.

Was tun Feministinnen und Feministen eigentlich, wenn sie feststellen, dass sich ihre sexuellen Fantasien und Bedürfnisse nicht mit ihren Idealen und politischen Überzeugungen vereinbaren lassen?

Dieser Frage hat Nils Pickert in einem polemischen, in vielem falsch gedachten und unsauber argumentierten Kommentar gestellt, und gefordert:

Warum hält sich [der Feminismus] nicht aus der ganzen Sache raus und warum merkt er nicht, wenn er es schon nicht tut, dass er mit beinahe gleicher weltanschaulicher Wucht wie diverse Religionen versucht, das menschliche Intimleben für seine Deutungshoheit zu vereinnahmen?

Und die empörten feministischen Reaktionen verkündeten in den sozialen Netzwerken fast unisono, dass sie mit Pickerts Forderung einig gingen, toller Sex und feministisches Engagement widersprächen sich nicht. Feministinnen und Feministen hätten gemeinhin wundervollen Sex.

Das will ich nicht bestreiten. Aber entspricht es dem Programm, Sexualität – und womöglich auch gleich noch Pornographie – aussen vor zu lassen und den politischen Kampf auf Medien, Werbung und die etablierte Politik zu beschränken?

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whatpurpose

Bevor ich diese Frage beantworte, möchte ich kurz eine Rezension von Marie Calloways »What Purpose did I Serve in Your Life« einschieben, das ich eben ausgelesen habe. Calloways Buch endet mit der Frage:

I wondered when I would stop abusing myself for the sake of new experiences, new sensations. [240]

Davon handelt das ganze Buch: Calloway – ein Pseudonym – schreibt in minmaler Prosa über ihre eigenen Erlebnisse. Natürlich handelt es sich um einen autobiographischen Pakt, den wir mit Calloway schließen, wir nehmen an, sie selber habe erlebt, worüber sie schreibt. Ob das so ist, ist eigentlich irrelevant für das, was die Lektüre auslöst. Calloway beschreibt zunächst ihren ersten Geschlechtsverkehr, dann mehrere Vorfälle, bei denen sie sich prostituiert hat und mit unbekannten Männern gegen Bezahlung geschlafen hat. Kernstück ist ihre Erzählung »Adrien Brody«, in der sie eine Affäre mit Rob Horning, einem New Yorker Intellektuellen beschreibt.

“Are you attracted to me, like physically?” he asked.
“Yeah, of course,” I said. I didn’t actually know if I was or not.
“Are you attracted to me?” I asked.
“Of course,” he said. [110]

Der Intellektuelle, der Tiefgründiges über Spinoza und Gramsci zu denken scheint, wird in der sexuellen Interaktion mit der 21-jährigen Calloway, die seine Tochter sein könnte, zu einem jämmerlichen Darsteller in einem Amateur-Porno. »His face changed to this huge dumb grin«, heißt es, als er seinen Samen über Calloways Gesicht gespritzt hatte. Seine strukturelle Macht ist gebrochen – aber nur, indem sich Calloway selbst ihm unterworfen hat und eine Rolle spielt, die sie »from a Japanese pornography« übernommen hat.

Die Ich-Erzählerin Marie Calloway handelt und befragt sich gleichzeitig ständig nach der Motivation für ihr Handeln. Sie beobachtet aber nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Sexualpartner, ihre Wünsche, ihre Unsicherheiten, ihre Körper, ihre Aussagen. Dabei nimmt sie im ganzen Buch die Rolle ein, dass sie sexuell gefügig ist und sich von Männern wie eine Maschine [235] benutzen lässt. Sie tut dies, um überhaupt herauszufinden, wie ihr eigenes Begehren funktioniert, was sie erregt, wer sie ist und wie sie mit Männern interagieren kann, ohne unsicher und verletzlich zu sein.

Then I said that I was attracted to him. I wasn’t sure if I was attracted to him or not, but said that I was because I was confused as to how he felt towards me and wanted to know. [171]

Sie scheitert. »I’m totally powerless in the face of men« [138] – so könnte das Fazit lauten. Die einzige Ausnahme ist »Jeremy Lin« (gemeint ist Tao Lin), mit dem die Protagonistin eine Beziehung führt, in der die Machtverteilung diffus ist und nicht über sexuelle Unterwerfung organisiert ist.

Whenever I allowed myself to be used to blatantly I could never reconcile my excitement and my curiosity, my desire to experience, with the feeling of being dehumanized and uncared for. [235]

Für das moderne weibliche Subjekt, so zeigt und Calloway, gibt es es die Aufregung des Begehrens, die Ungewissheit neuer (sexueller) Erfahrungen und strukturelle Macht nur verbunden mit der Entwürdigung und der sozialen Ächtung. Frauen, die sexuell offen sind, müssen damit rechnen, von Männern missbraucht zu werden (obwohl Calloway, wenn ich genau gelesen habe, im Roman nur einmal beiläufig eine Vergewaltigung als solche erwähnt, beschreibt sie im Roman (?) eine Serie von Vergewaltigungen).

Die offene Frage ist, ob die literarische Strategie Calloways aufgeht.

I think deep down I published things because there was a desire to be understood by other people, but that didn’t really happen and it now seems kind of ridiculous to think that could happen.

Das Buch ist schon auf einer anderen Ebene. Es ermöglicht eine Reflexion über eine Reflexion über eine Darstellung von menschlichen Interaktionen. Dass diese Interaktionen sexuelle sind, lese ich als Experimentalanordnung: Die Intimität löst die Figuren aus ihren sozialen Verpflichtungen und dem Wahren eines Scheins.

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Hat Politik im Bett etwas verloren – oder ist Sex ohne soziale Bedeutung, weil er natürlich ist, ohne die Möglichkeit, gesellschaftlich beeinflusst zu werden? So gefragt scheint die Antwort klar.

Fast als Kommentar zu Calloway kann ein Slate-Interview mit dem Journalisten Daniel Bergner gelesen werden, der in seinem Sachbuch darstellt, wie weibliche Sexualität kulturell geformt wurde. Befragt, warum einige Frauen sexuelle Fantasien hätten, die Vergewaltigungen beinhalteten, sagt er:

The force of culture puts some level of shame on women’s sexuality and a fantasy of sexual assault is a fantasy that allows for sex that is completely free of blame. So that’s one reason. Another, […] which I think is very compelling, is this idea that the feeling of being desired is a very powerful one, a very electrical one. And I think at least at the fantasy level, that sense of being wanted, and being wanted beyond the man’s self-control is also really powerful.

Weil Sexualität mit Scham und Schuld verbunden ist und weil das eigene Begehren vom Begehren anderer abhängig ist, spielt die Gesellschaft in die Sexualität rein. Es gibt kein menschliches Verhalten, das nicht auch kulturell geformt wäre.

Diese Formung beschreibt eine andere amerikanische Feministin, Rachel R. White in einem berührenden Essay. Darin sagt sie über Pornografie:

I say that when I’ve gone to tube sites or whatever, I feel this sort of empty sick in my stomach that it’s always the same image, always a woman demeaned and submitting. Teen anal gang bang, Japanese girl submits, black slut with two cocks projected into the retinas of twelve year old boys, images of women getting pleasure solely by being demeaned, being told, “You like that don’t you.” The male viewer rewarded with orgasm, as the women answer “U-huh, I do,” every time.

I can’t be pro-porn if this is 95% of porn. Cannot be a pro porn feminist, if I can’t follow up the acknowledgement that while Sasha Grey liked her violent scenes, while women can want to be submissive, that these are typical and sexist fantasies, and what do these images do in a larger sense?

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Bei Vergewaltigungen, so wird oft gesagt, gehe es nicht um sexuelle Bedürfnisse, sondern um Macht und Unterwerfung. Und diese Aussage ist wohl in einem viel allgemeineren Sinne wahr, als wir denken würden. Bei Sex geht es um Macht und Unterwerfung. Die Vorstellung der westlichen Sexualmoral, dass alle Praktiken unproblematisch seien, mit denen alle Beteiligten einverstanden seien, geht davon aus, dieses Einverständnis erfolge frei, ohne strukturelle Machtverteilung. Wenn sich Alexandria Brown fragt, ob ein Sex-Streik nicht die einzige Möglichkeit sei, wie Misogynie und Sexismus abgeschafft werden könnte, dann schließt sie an diese Überlegungen an.

Ich will keinen Sex-Streik ausrufen. Und ich will mich auch nicht in Schuldzuweisungen ergehen oder anderen ein schlechtes Gewissen machen. Auf die interessanten Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Sex ist nicht apolitisch, im Gegenteil: Sex hat ganz viel mit politischer Macht zu tun. Diese Einsicht hilft dabei, über die eigenen Erfahrungen nachzudenken und sich zu überlegen, woher das eigene Begehren kommt, wie stark es vom Begehren anderer abhängig ist und ob das, was wir tun – ob im Bett oder außerhalb – wirklich das ist, was wir tun wollen, oder das, was von uns erwartet ist und von dem wir denken, die anderen wollen, dass wir es tun.

Wozu Feminismus

Während Julia Seeliger an der Trollcon über »Trollfeminismus« spricht (hier ihr Blogpost dazu), eskaliert in Berlin der Streit um das feministische Kollektiv »Mädchenmannschaft«. Die Berliner taz schreibt:

An diesem Punkt reichte es dem letzten Gründungsmitglied Meredith Haaf […]:„Ich fand es gut, über möglichen Rassismus zu diskutieren. Ich fand es gut, dass wir von einem etwas naiven freundlichen Feminismus à la Alphamädchen wegkamen, den ich heute auch kritisieren würde. Aber die Selbstbezichtigung war mal wieder ein Diktat und keine Diskussion.“ Die „Mädchenmannschaft“ habe keine interne Streitkultur entwickelt, so Haaf: „Das ist jetzt ein radikal queerfeministischer Blog mit ausschließender Sprache. Das ist für die meisten Menschen schwer zugänglich.“ Im Netz ist von einem „repressiven Moloch“ die Rede, von „totalitärem Quatsch“, von „elitärem“ Gehabe.

Darauf reagierte Nadine Lantzsch, aktuelles Mitglied der Mädchenmannschaft, in ihrem Blog:

was gerade passiert, ist in meinen augen eine verschiebung: weg vom alphamädchen-feminismus, der in erster linie gut situierten heteras zugute kommt und strukturfragen nicht mehr stellt, zu mehr machtkritik, zu mehr aufnahme von feministischen diskursen und konfliktlinien, die es bereits vor 20, 30, 40, 100 jahren gab. ein mehr arbeiten mit traditionen und geschichten, ein aufmerksam sein. mehr umsichtigkeit, mehr verantwortung. dies führt weder zu einer abschottung, noch zu elitärem gedünkel, sondern ermöglicht in erster linie konstruktives und produktives feministisches arbeiten. dass sich die mehrheitsgesellschaft davon nicht angesprochen fühlt, die jedes feministische projekt in den tod diskutiert, spart, gängelt und bedroht, ist ein problem dieser und nicht das einen feministisch verorteten projektes.

Für hängt die teilweise gehässige, teilweise unfaire Diskussion um die Vorgänge in der Mädchenmannschaft mit der Frage zusammen, was mit feministischen Aktivitäten, Reflexionen, Diskussionen erreicht werden soll. Die Einsicht, dass nicht alles, was das Label »feministisch« trägt, mit denselben Intentionen, denselben Haltungen und Modellen verbunden ist, ist trivial. Dennoch versuche ich, zu skizzieren, wo Gemeinsamkeiten liegen könnten und sich Differenzen abzuzeichnen beginnen.

Ausgehen möchte ich von diesem Selbsttest, der letzte Woche durch das Internet gefloatet ist (die Quelle ist mir leider nicht bekannt – würde sie gerne einfügen, wenn die jemand hat):

Man kann damit berechnen, wie privilegiert man ist. (Zusatz, 24.10., 15.50: In den Kommentaren und auf Twitter wurde zurecht darauf hingewiesen, dass der Test hoch problematisch ist, weil er erstens feste Zahlenwerte zuordnet und zweitens annimmt, das sei global möglich, ohne einen genaueren Kontext anzugeben. Ich habe aus diesem Grund auch das Feld Religion gelöscht und möchte festhalten, dass der Test Ausgangspunkt ist und nicht Teil meiner Argumentation. Er ist ungenau und übergeneralisiert, wörtlich genommen ist er Nonsense.)

Ich komme hier locker auf 150 Punkte und finde, ich komme damit noch zu gut weg. Ich bin enorm privilegiert.

Das Verständnis von Privilegien könnte zu folgenden Einsichten führen, die der Haltung des Mainstreams teilweise radikal entgegenstehen:

  1. Biologische und/oder soziale Gegebenheiten sind willkürlich mit unterschiedlichen sozialen Rechten bzw. Diskriminierungen verbunden.
  2. Privilegien sind weit gehend unsichtbar und werden von vielen Leuten nicht bemerkt.
  3. Privilegien hängen auf nicht triviale Art und Weise miteinander zusammen (das zeigt obige Darstellung überhaupt nicht: ich kann geringe Körpergröße (-10 Punkte) nicht einfach damit kompensieren, dass ich im städtischen China wohne (+10 Punkte) und Latinos (-50 Punkte) sind nicht auf dieselbe Art und Weise benachteiligt wie Frauen (-50 Punkte)).
  4. Privilegien bzw. ihre Gewährung (und damit auch Diskriminierung) entstehen auf eine komplexe Weise bei der Sozialisierung.
  5. Niemand kann komplett von seinen Privilegien abstrahieren. (Bsp.: Auch wenn mir bewusst ist, wie privilegiert ich bin, so nutze ich mein Privileg, meine Meinung sagen zu dürfen und damit Leserinnen und Leser zu erreichen.)
  6. Es ist unklar, ob eine Gesellschaft ohne Privilegien denkbar ist, oder ob nur Verschiebungen möglich sind.

Feminismus geht aus von der fundamentalen Einsicht, dass Biologie und soziale Rollen nicht deckungsgleich sind – also von Privilegien. Die entscheidenden Unterschiede sind nun: Was ist zu tun? Hier ein paar mögliche Ansätze:

  • Die obigen Einsichten müssen möglichst vielen Menschen bewusst werden, damit sie allenfalls ihre Haltung ändern und Kinder entsprechen erziehen.
  • Die benachteiligten Menschen müssen soziale Räume finden, wo sie sich gegenseitig stärken können.
  • Durch politisches Handeln müssen gesellschaftlichen und gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass die Auswirkungen von Privilegien/Diskriminierung möglichst klein sind.

Die Frage, ob man nun mit Privilegierten wie mir (also mal zunächst einfach heterosexuellen, weißen Männern) über Feminismus sprechen soll, ist vor diesem Hintergrund nicht ganz leicht zu beantworten. Ich brauche keinen Feminismus und verlange z.B. nach Erklärungen, Begründungen, Rechtfertigungen von denen, die ohnehin schon benachteiligt sind. Sie müssen also Energie aufwenden, um denen zu einem Verständnis verhelfen, die gerade davon profitieren, dass sie kein Verständnis haben. Gleichzeitig führt aber die Verweigerung, Erklärungen abzugeben, tolerant gegenüber Uneinsichtigen zu sein, gerade zu einer weiteren Diskriminierung, zu Mechanismen, die verhindern, dass Menschen gehört werden, die etwas zu sagen haben.

Wer die Komplexität von Privilegien erfasst (Stichwort: Intersektionalität), wird schnell unsicher und verunsichert. So gesehen verwundert es nicht, dass das Thema Rassismus zu Konflikten innerhalb der Mädchenmannschaft geführt hat – es ist eben nicht klar, dass aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer Sexualität Diskriminierte nicht auch diskriminieren können, weil sie z.B. aufgrund ihrer Hautfarbe privilegiert sind.

tl;dr: Privilegien sind kompliziert. Es ist unklar, was zu tun ist.

Der Feminismus ist ein Humanismus

In letzter Zeit habe ich einige Diskussionen über Feminismus geführt. Aus diesen Gründen möchte ich hier meine Haltung kurz darlegen, nicht ohne drei Vorbemerkungen:

  • Selbstverständlich gibt es »den Feminismus« nicht. Es gibt verschiedene feministische Bewegungen mit ganz unterschiedlichen Programmen. Im Folgenden werde ich meine persönliche Definition des Begriffs benutzen – denke aber, dass sie durchaus zentrale Elemente des feministischen Diskurses enthält.
  • Feminismus ist heute ein Schlagwort, mit dem ein übertriebener Kampf bezeichnet wird, den verbitterte Frauen führen, die Männer für alles Unglück in ihrem Leben verantwortlich machen und nicht bemerkt haben, dass Gleichstellung längst erreicht ist. – Diese Umdeutung eines Begriffs zu einem Schlagwort ist eine effiziente Strategie, um wichtige feministische Argumente unhörbar zu machen. Sie führt dazu, dass sich heute kaum mehr jemand als Feministin bezeichnet.
  • Es ist nicht selbstverständlich, dass Männer erklären können oder sollten, was Feminismus bedeutet. Frauen brauchen keine Männer, die für sie sagen, was sie meinen. So ist mein Post nicht gemeint, wie man erkennen wird. Alleine die Tatsache, dass ich mich frei äußern kann, eine moderate Leserschaft finde und keine Angst haben muss, sozial oder beruflich unter Druck zu geraten, wenn ich meine Meinung sage, zeigt, dass ich als weißer Mann 2012 enorme Privilegien genieße, die ich mir immer wieder zwanghaft bewusst machen muss, weil sie so selbstverständlich sind.

Der Feminismus entstand tatsächlich als eine Bewegung, die sich gegen die Diskriminierung von Frauen wehrte. Argumentativ orientierte sich diese Bewegung aber schnell an der Begründung, weshalb Frauen weniger Rechte hatten als Männer. Die Begründung war eine Verknüpfung von sozialer Rolle mit der Biologie: Weil da eine Person in einem Frauenkörper steckte, konnte man von ihr erwarten, dass sie auf berufliche Verwirklichung, politische Anteilnahme und Äußerung einer ernst genommenen Meinung verzichtete.

Die Einsicht, dass die Biologie nicht dazu taugt, soziale Normen zu begründen, ist weit reichend: Sie betrifft jede Art von Norm und jede Art von biologischen Gegebenheiten oder Eigenschaften (sexuelle Orientierung, Geschlechtsidentität, Rasse, Alter etc.). Das Fazit ist recht einfach: Menschen sollen als Menschen behandelt werden und nicht als Element einer Gruppe oder Klasse.

Damit ist der Rahmen erweitert: Es geht nicht mehr nur um die Rechte von Frauen oder das Rollenbild der Frau, sondern um Rechte, Normen und menschliche Eigenschaften. Ideal wäre eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Wünsche äußern und ihre Identität formen können und von Gesetzen oder Normen in der Verwirklichung dieser Wünsche und dieser Identität nicht behindert werden. D.h. es wäre ein Gesetz zu fordern, das auf Eigenschaften von Menschen keinen Bezug nimmt, in Gesetzestexten soll z.B. die Eigenschaft, eine »Frau« oder ein »Mann« zu sein, keine Rolle spielen.

Dieses Ideal ist aber utopisch, weil Menschen keine Gemeinschaften ohne Normen bilden können. Die Erfüllung dieser Normen ist mit dem Erhalt von Privilegien und Legitimität verbunden, die Nichterfüllung mit dem Entzug von Rechten und sozialem Ausschluss. Mit »Rechten« und »Privilegien« ist hier nicht mehr nur ein juristischer Bereich gemeint, es geht allgemeiner um menschliche Interaktionen und Status; um die Erfüllung ihrer Wünsche. Es geht zunächst also darum, sich überhaupt bewusst zu machen, wie Status erlangt wird und Privilegien vergeben werden; diese Praxis gilt es dann zu kritisieren.

Präziser äußert sich dazu Nadine Lantzsch:

Ein sexistisches System zeichnet sich dadurch aus, dass zunächst die Kategorie Geschlecht strukturgebend für dieses System ist. Dieses System wird nicht dadurch konterkariert, die strukturgebende Kategorie von vornherein abzuschaffen oder aufzulösen (nein, auch das haben dekonstruktivistische Perspektiven nie gefordert), sondern zu verstehen, wie Geschlecht strukturiert. Momentan ist ein System, in dem Geschlecht keine Rolle spielt, unvorstellbar. Ich gehe davon aus, dass sich das auch in Zukunft nicht ändern wird. Die Kategorie Geschlecht zu verwerfen, würde bedeuten, eine Utopie zu wollen. An dem Wollen ist an sich nichts auszusetzen, allerdings bringt der Fokus auf die Utopie fast zwangsweise mit sich, große Schritte machen zu wollen, ungeduldig zu sein, viele Dinge zu vernachlässigen und sich wieder in Postgender-Haltung oder Revolutionsromantik zu verlieren, was unter’m Strich auch bedeuten würde: Sexismus nicht vollends zu begreifen, die strukturierende und performative Wirkung von Geschlecht aus den Augen zu verlieren und ja – ein sexistisches System aufrecht zu erhalten.

Abbildung aus Simone de Beauvoir: Brigitte Bardot and the Lolita Syndrome. 1959.

Diese Einsicht wird, so meine schon mehrfach geäußerte Kritik, von der Männerrechts- oder Maskulinistenbewegung ignoriert. Sie fokussiert einige Rechtsungleichheiten, die Männer benachteiligen, ohne umfassend über Rollenbilder und Privilegien nachzudenken. Zudem ignoriert sie bei einigen Fragen den politischen Kontext und die Sympathie des Feminismus. Hier zwei Beispiele:

  1. Sorgerecht für Kinder und Alimentzahlung.
    Die heutige rechtliche Praxis orientiert sich, so meine Behauptung, nicht mehrheitlich am Geschlecht der Eltern, sondern an der Aufteilung der Kinderbetreuung. Wer Kinder betreut, erhält das Sorgerecht. Ignoriert wird dabei, dass damit auch eine Sorgepflicht verbunden ist, die Mütter ungefragt automatisch erhalten, Männer jedoch nicht. Männer können vor, nach und während einer Geburt nach Südafrika aufbrechen und sich weder bei der Mutter noch beim Kind je wieder melden – Mütter nicht.
    Eine feministische Position beleuchtet alle Facetten dieses Problems und fragt allgemein, ob die Kinderbetreuung ans Geschlecht (oder an die biologische Tatsache der Geburt) gekoppelt sein müsse und wie Gesellschaften dieses Problem ohne Diskriminierung lösen können.
  2. Wehrpflicht.
    Wehrpflicht betrifft in der Schweiz nur Männer. Anstatt dies einfach als Diskriminierung zu geißeln, die der Feminismus ignoriert, könnte man die Bestrebungen, die Wehpflicht generell aufzuheben, in Betracht ziehen. Diese Bestrebungen würden jede Form von Diskriminierung aufheben.

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Nach dieser Skizze eine Position möchte ich ein Problem ansprechen: Wenn die Kategorien »Mann« und »Frau« in der sozialen Praxis hinterfragt und kritisiert werden, ist es schwierig, diese Kategorien überhaupt zu definieren. Es ist schon rein biologisch nicht einfach, zu sagen, was genau die Zugehörigkeit zu einer der Kategorien ausmacht, viele Merkmale sind nicht polar, sondern graduell strukturiert.

Meiner Meinung nach gibt es zwei Lösungen:

  1. Selbstzuschreibung. Wer sagt, sie sei eine Frau oder er sei ein Mann ist das auch. Man kann sich selber auch als homo- oder heterosexuell, cis- oder transgender bezeichnen oder als Eichhörnchen oder Einhorn. Wenn man sagt, man sei ein Einhorn, ist man eins. Punkt.
  2. Orientierung an Privilegien: Wer das Privileg genießt, nicht durch Normen beschränkt zu werden, ist ein in Bezug auf die Kategorie Geschlecht ein Mann.

Diese zweite Definition scheint zunächst etwas lächerlich zu sein, enthält aber genau den entscheidenden Punkt: Männer, die Kinder betreuen oder über Sexismus nachdenken, erhalten heute eine Art Ansehen oder Status, ohne dies verdient zu haben. Darin manifestiert sich der soziale Geschlechterunterschied: Dass Männer Anerkennung für Handlungen erhalten, für die Frauen keine Anerkennung erhalten. Warum sie nicht darüber definieren?

Der Bechdel-Test – Die Darstellung von Frauen in Filmen

Gestern haben Andreas Kyriacou und Adriano Mannino auf FB diesen Test gepostet, den ich im Anschluss an einige feministische Themen gerne aufnehme.

Der Test misst nicht die Qualität eines Filmes, sondern wie Frauen in ihm dargestellt werden. Er wird bestanden, wenn alle drei Fragen mit »ja« beantwortet werden können:

  1. Im Film kommen mindestens zwei Frauen vor (die einen Namen haben).
  2. Sie reden auch miteinander.
  3. Sie reden über ein anderes Thema als einen Mann.
Der Test stammt aus einem Comic-Strip von Alison Bechdel aus der Serie »Dykes to Watch Out For« (»Lesben, auf die man aufpassen muss«) mit dem Titel »The Rule«:

Der Test wird in folgendem Video ausgeführt:

Auf einer speziellen Seite wird Buch geführt: Welche Filme bestehen den Test und an welchem Kriterium scheitern sie?

Nehmen wir ein paar Filme des letzen Jahres, die den Test nicht bestehen:

  1. The Artist erfüllt allenfalls Teil 1.
  2. Die Abenteuer von Tim und Struppi erfüllt allenfalls Teil 1.
  3. The Girl with the Dragon Tattoo erfüllt nur Teil 1.
  4. Cars 2 erfüllt allenfalls Teil 2, sicher Teil 1. Teil 3 nicht.
  5. Ides of March erfüllt sicher Teil 1, Teil 3 sicher nicht.
  6. Drive besteht alle drei Tests – auch wenn das einzige Gespräch in der Frage besteht, wie es der anderen Person gehe. Antwort: »Fine.« Gespräch fertig.

Also: Bitte mal darauf achten, ob die Filme, die wir schauen, diesen Test erfüllen. Und sich dann überlegen, an wen sich diese Filme wohl richten.

Hier noch die diesjährigen Oskars im Test:

 

Warum Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen. Der neue Sexismus.

Im Blog von Sie kam und blieb wird auf das Buch von Natasha Walter, einer der prominentesten britischen Feministinnen, hingewiesen (und auf die Präsentation des Buches am 17. Februar in Bern). Das Buch heißt auf Deutsch Living Dolls. Warum Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen.

Der englische Untertitel heißt: »The return of sexism.« Walters grundlegende These ist, dass der heutige Sexismus durch die Beteiligung der Frauen von einem früheren unterschiedet. Frauen akzeptieren Sexismus (ein Beispiel von Walter ist die Pornographie, welche in den 80er-Jahren auch von Nicht-Feministinnen abgelehnt werden konnte, heute aber eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint) und wählen ihn sogar aktiv.

Die FAZ formuliert das in ihrer Rezension wie folgt:

Was am heutigen Sexismus irritiert und ihn womöglich als solchen unkenntlich macht, ist die Bereitwilligkeit, mit der sich viele Frauen daran beteiligen: Sie hätten ja, heißt es stets, die Wahl. Genau diese Entscheidungsfreiheit bezweifelt Natasha Walter. In Werbung, Filmen, Musik und Medien werde ein ganz bestimmtes Bild der weiblichen Sexualität gefeiert, dem sich junge Frauen nur schwer entziehen könnten – vor allem Frauen aus eher prekären Verhältnissen, denen die Gesellschaft kaum Aufstiegschancen bietet. Es werde ihnen vermittelt, „dass der Weg zur Selbstverwirklichung der Frau unvermeidlicherweise über die Perfektion ihres Körpers führt“.

Im Guardian führt Walter weiter an, dass diese Unvermeidlichkeit das besondere Problem ist – es gibt keine Möglichkeiten für junge Frauen, auszuscheren:

It has become increasingly difficult for young women to opt out of this culture, to take any path other than that which leads inexorably to fake nails, fake tan and, finally, fake breasts. And, if they do, there are ­serious social penalties.

Das Problem ist das Menschenbild, das sich durch das Modeargument der biologischen Determination in den relevanten Gender-Dimension verändert (um nicht zu sagen: zurückgebildet hat):

[Das Problem ist| the objectification of young women, the suggestion that men and women are simply programmed to behave in certain ways, and that inequality is therefore inevitable.

Walter looks at the way that arguments for biological determinism have suddenly multiplied in recent years. She ­delivers a ­convincing critique of the studies that have been used to imply that children are biologically programmed to fit social stereotypes – that boys have a natural love of blue and cars and guns, and that girls have a natural love of pink and prams and dolls.

Dieses Puppenspielen erhält letztlich wieder den Status des »Natürlichen« – und damit, wie de Beauvoir schon 1947 geschrieben hat, werden Frauen zu Puppen, wollen wie Puppen behandelt werden. Walter beschreibt sehr anschaulich, wie diese Natürlichkeit konstruiert wird: Eine Mutter habe ihr geschrieben, ihr Sohn wolle Ballettstunden nehmen. In der Ballettklasse gäbe es aber bisher nur Mädchen, weshalb ihr Sohn »obviously« nicht mitmachen könne. Dieses »obviously« der ersten Mutter wird bei jedem Jungen, der Ballett interessant findet, genau so wiederholt wie bei jedem Mädchen, das kurze Haare haben möchte – und so wird etwas »natürlich«, was es eigentlich nicht wäre.

Antifeminismus – abschließende Betrachtungen

Vor ein paar Tagen habe ich ein paar Probleme aufgelistet, mit welchen die Bewegung, die sich »Antifeminismus« nennt, zu kämpfen hat. Nämlich: Anstatt konkret Probleme des Rollenbildes »Mann« zu beschreiben und Lösungsansätze aufzuzeigen, fokussiert diese Bewegung auf etwas, was sie selbst »Feminismus« nennt, was aber mit dem, was »Feminismus« war oder ist, herzlich wenig zu tun hat.

Wie sich in diesem humorvollen Artikel von Joel Bedetti zeigt, haben die Vertreter des Antifeminimus’ wohl noch ganz andere Probleme.

Dennoch möchte ich die Diskussion in den Kommentaren zu meinem letzten Post aufgreifen und einige Punkte kommentieren:

  1. Das Problem der Quote.
    In den Kommentaren heißt es:

    Die Quote schafft ja gerade Ungleichbehandlung und zwar alleine aufgrund von Geschlecht! Ausserdem wird den Frauen somit das alleinige Privileg, alleine aufgrund von ihrem Geschlecht über das Gesetz in eine Position zu kommen.

    Eine konstruierte, nicht bewiesene (Ungleichverteilung ist nämlich kein Beweis!) Ungleichbehandlung aufgrund von Geschlecht von Frauen wird durch eine reale Ungleichbehandlung der Männer ersetzt!

    Zunächst fordert »der Feminismus« nicht per se eine Quote – vielmehr ist die Quote heute in Deutschland ein wirtschaftliches Bedürfnis, das deshalb von der CDU/CSU aufgegriffen wird, weil es der Wirtschaft nützt, nicht aber unbedingt »den Frauen«. Man lese dazu Antje Schrupps aufschlussreichen Kommentar.
    Der Logik im oben stehenden Zitat möchte ich dennoch widersprechen: Es gibt nicht realere und weniger reale Formen von »Ungleichbehandlung«. Diskriminierungen sind immer real, insbesondere für die davon Betroffenen. Quoten sind nicht ein Instrument, um diese Formen von Diskriminierung aus der Welt zu schaffen, sondern ein Mittel, den lange Zeit diskriminierten Gruppen dabei zu helfen, Fuss zu fassen. Ob dieses Mittel ideal ist, kann ich nicht beurteilen. Aber wenn in Deutschland Frauenquoten von 40% gefordert werden, kann ich kein Problem hinsichtlich einer Diskriminierung von Männern dabei sehen.

  2. Die Feststellung, die Gleichstellung und Emanzipierung der Frauen gehe zulasten der Männer, ist logisch bedingt: Wenn Männer mehr Rechte/Chancen als Frauen hatten bzw. haben – dann haben sie im Verhältnis zu den Frauen weniger Rechte, wenn diese gleich viel Rechte haben. Das ist nicht ein Problem des Feminismus, sondern ein Problem der jahrhundertelangen Unterdrückung der Frau.
  3. In der aktuellen P.S. hält Markus Ernst Müller treffend fest:

    Was mich jedoch irritiert ist, dass man(n) heute anscheinend die Diskriminierung der Männer behaupten kann, ohne ausgelacht zu werden. Drei Punkte, gebetsmühlenartig repetiert, reichen als Belege dafür: Die Militärpflicht, das höhere Rentenalter der Männer und die Praxis beim Sorgerecht.

    Dazu kommen noch die »Quartiere« in Wien, in denen nur Frauen wohnen dürfen, sowie die »Männersteuer«. Zu diesen Punkten kann man aus heutiger Sicht Folgendes festhalten:
    a) Die Wehrpflicht ist ein alter Zopf und wird in den nächsten 10 Jahren verschwinden.
    b) Die Rentenalter gehören angeglichen – ein Prozess, der in der Schweiz aber noch Jahre dauern wird, weil tendenziell die Rentenalter aus volkswirtschaftlichen Überlegungen angehoben werden müssen (also dasjenige der Frauen erhöht werden muss).
    c) Die Praxis beim Sorgerecht führt zu Fällen, in denen Väter ungerecht behandelt werden – basiert aber auf der Tatsache, dass Frauen hauptsächlich die Betreuung der Kinder übernehmen. Warum sollten Väter, welche sich nicht um ihre Kinder kümmern, generell auch das Sorgerecht erhalten? [Und noch eine Bemerkung zur Schweiz: Wenn man im Konkubinat lebt, ist es problemlos möglich, das gemeinsame Sorgerecht für gemeinsame Kinder zu erhalten.]
    d) Es handelt sich um einen Wohnblock, in dem auch Männer wohnen dürfen.
    e) Die Männersteuer ist gemäß den Zitaten in diesem Post eine weitere Idee, die faktische Ungleichheit der Geschlechter durch eine staatliche Intervention (in einer anderen Form) aufzuheben. Wir sprechen von einer Idee – nicht einer Tatsache. Genau so ist es eine Idee, dass Frauen zur Unterhaltung der Männer attraktiv aussehen sollen. Oder, dass Frauen gut kochen, bügeln und putzen sollten. Oder, dass Frauen weniger gut autofahren können als Männer. Alles Ideen.

  4. Welcher Feminismus?

    Ihr solltet euch mal mit dem HEUTIGEN Feminismus beschäftigen und nicht mit einem fiktiven Feminismus vor 50 Jahren.

    So die Forderung in den Kommentaren. Verwiesen wird dabei auf Matusseks »Die vaterlose Gesellschaft« und seine Sichtweise auf den Feminismus, oder aber auf schwedische Übersetzungen von SCUM. Es tut mir Leid, Herren Antifeministen: Ich glaube noch immer nicht, dass Sie auch nur die leisteste Ahnung haben, was FeministInnen gedacht haben oder aber heute denken – und wie leistungsfähig und fortschrittlich feministische Theorie ist. Vielleicht sprechen Sie nur über konkrete Veränderungen, welche dem Feminismus zugeschrieben werden können: Z.B. ein Bewusstsein für sexuelle Gewalt gegen Frauen, ein Bewusstsein für die Arbeit, welche Frauen im Haushalt und bei der Betreuung von Kindern ohne Anerkennung und ohne finanzielle Entschädigung leisten. Eine Sensibilisierung für das Problem, dass Männer Familie und Karriere selbstverständlich vereinbaren können, Frauen selbstverständlich nicht. Oder aber mindestens die periodische Erwähnung der Tatsache, dass Frauen immer noch weniger verdienen (für die gleiche Arbeit) als Männer.

    Vielleicht wollen auch Sie konkrete Arbeit leisten. Dann fordere ich Sie auf:
    a) Beziehen Sie doch Expertinnen und Experten in ihre Arbeit ein.
    b) Schlagen Sie Wege vor, wie Männer aus ihrem »ungesunden Lebensstil« ausbrechen können.
    c) Zeigen Sie jugendlichen Homosexuellen vor, wie sie ihre sexuelle Präferenz würdig leben können.
    d) Verdeutlichen Sie, dass Ihnen an der Betreuung von Kindern liegt – nicht aber an einem abstrakten Sorgerecht.
    e) Sprechen Sie über Gewalt von Frauen an Männern – aber auch über (sexuelle) Gewalt von Männern an Frauen.

Das Problem der Antifeministen – und Antifeministinnen

Über Michèle Binswanger habe ich mich schon mehrmals ausgelassen – und nehme ihren gestrigen Kommentar zum Widerstand gegen Antifeministen zum Anlass, schnell das Problem dieser Bewegung darzustellen. Binswangers Hauptaussage, dass ein Unterdrücken einer missliebigen Meinung antidemokratisch sei, kann ich dabei unterschreiben: Antifeministen und Antifeministinnen dürfen ausdrücken, was immer sie ausdrücken wollen. Nur gilt es natürlich auch für alle – Zitat Binswanger – »Anti-Antifeministen«: Auch sie dürfen alle Methoden benutzen, um ihre Haltung auszudrücken, alle Methoden, die auch allen anderen Interessensgruppen zur Verfügung stehen.

Das Problem, also ganz knapp, ist der Feminismus als Projektionsfläche. Nicht nur verstehen die Vertreter des Antifeminismus nicht, inwiefern der Feminismus ein Fortschritt gewesen ist (nämlich in der Lösung einer gesellschaftlichen Rolle von einem als natürlich bezeichneten Geschlecht), sondern sie tun auch so, als könnte man diesen Fortschritt rückgängig machen. Nun ist es unmöglich eine gemachte Erkenntnis wieder zu vergessen – und so ist das auch auf einer gesellschaftlichen und kulturellen Ebene.

Binswanger ist, und ich nehme an, darauf bezieht sich auch Bobby California, gesteht auf einer inhaltlichen Ebene der Bewegung ein echtes Anliegen zu:

Die Gleichberechtigung ist stetig vorangeschritten und es ist tatsächlich an der Zeit, dass man sich darüber Gedanken macht, inwiefern Frauen noch benachteiligt werden, oder ob es nicht auch Bereiche gibt, in denen eine Gegenemanzipation der Männer angezeigt wäre. Stichwort tiefere Lebenserwartung und höhere Selbstmordrate bei Männern, die härtere Beurteilung von Männern vor Gericht, ihre Benachteiligung in Familien- und Sorgerechtsfragen, Frauengewalt und Männerdiskriminierung.

Das Problem dabei ist meiner Meinung nach, dass sich eine solche Bewegung nicht als »Gegenemanzipation« verkaufen sollte und sich nicht gegen einen selbst konstruierten Feminismus wenden sollte (selbst in radikalsten Formen hat der Feminismus nicht eine Benachteiligung von Männern gefordert).

Folgendes wäre einer solchen Bewegung zu wünschen:

  1. Einen wachen Blick auf die Realitäten, in denen Frauen heute in vielen Bereichen des Lebens nicht die gleichen Chancen haben wie Männer (beispielsweise lassen sich berufliche Entwicklung und das Mutter-Sein in vielen westeuropäischen Ländern nicht vereinen; man jammert über teure Krippenplätze und sagt sich: »Es lohnt sich ja gar nicht, dass die Mutter noch arbeiten geht.« – anstatt zu sagen: »Es lohnt sich ja gar nicht, dass der Vater 100% arbeitet.«).
  2. Eine Orientierung an den Knackpunkten, die Binswanger anspricht: Sorgerechtsfragen, juristische Benachteiligung, Selbstmordrate, auf einer abstrakteren Ebene: ein negativ geprägtes Männerbild.
  3. Konkrete Vorschläge zum Umgang mit diesen Problem und ihren Ursachen (beispielsweise dem Ideal eines souveränen, unabhängigen, starken Mannes).

Es sind keine einfachen Probleme und es gibt dafür keine einfachen Lösungen – die Orientierung am Feminismus suggeriert fatalerweise aber gerade beides.

P.S.: Ihr Bild auf Newsnetz, Frau Binswanger…