Genderforscher glauben, dass “Männer” und “Frauen” nicht eine Idee der Natur sind, sondern eine Art Konvention, ungefähr wie die Mode oder der Herrentag.
Dieser Satz aus Harald Martensteins Zeit-Essay über die Genderforschung müsste nicht auf den Glauben von »Genderforscher« (es gibt mehrheitlich Genderforscherinnen, wie Martenstein selbst feststellt) zurückgeführt werden, sondern könnte als Feststellung so lauten:
»Männer« und »Frauen« sind nicht eine Idee der Natur, sondern eine Konvention, ungefähr so wie die Mode oder der Herrentag.
Aber - so würden wohl viele, so auch Martenstein einwenden - da ist doch vieles biologisch festgelegt; man denke nur an Hormone, Chromosomen und Evolution. Tatsächlich: Es gibt viele biologische Zusammenhänge und Kausalitäten, die wir beschreiben könnten. Nur: Erstens vermischen sie sich ständig mit sozialen Faktoren, wie Juliane Goschler in ihrer brillanten Replik auf Martenstein gezeigt hat. Und zweitens ist die Verwendung der Begriffe »Frau« und »Mann« eine soziale. Bevor wir untersuchen können, was »männlich« und »weiblich« ist, müssen wir Menschen ja schon in zwei Gruppen getrennt haben, die wir dann miteinander vergleichen.
Und hier findet ein Vorgang statt, der tatsächlich nur eine Konvention ist: Dass wir biologische Merkmale und statistische Beschreibungen in zwei polare Kategorien teilen. Es gibt kaum biologische Eigenschaften, die entweder vorliegen oder nicht: Meistens handelt es sich um graduelle Abstufungen. Es gibt nicht eine Klitoris oder einen Penis, sondern ein ganzes Spektrum, das von Ärztinnen und Ärzten oft so behandelt wird, als gäbe es tatsächlich nur zwei Möglichkeiten und Abweichungen davon.
Also: Dass beispielsweise die einen Menschen aggressiver sind als die anderen, lässt sich biologisch und sozial erklären, z.B. durch Hormone, Sozialisation etc. Aber dass wir die Verteilung der Aggressivität meist unter dem Gesichtspunkt des Geschlechts betrachten und hier nach einer Korrelation suchen, ist eine Konvention, es ist willkürlich und es ist nicht biologisch gegeben. Wir könnten genau so gut Menschen danach unterteilen, ob sie vor oder nach dem Geburtstermin auf die Welt gekommen sind. Oder ob sie größer oder kleiner als 1.65 sind.
Kurz: Weil Geschlecht als soziale Unterscheidung verwendet wird (z.B. um verschiedene Toiletten anzubieten, Kategorien in Sportarten einzuführen, Aussagen über Schule zu machen etc.), kann sie logisch nicht biologisch begründet sein. Korrekt wäre zu sagen, dass in die soziale Unterscheidung auch die soziale Wahrnehmung biologischer Faktoren einfließe.
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»Aber Männer sind doch aggressiver als Frauen?« - Will man präzis sein, so müsste man zuerst definieren, was man unter »Männer« versteht - und danach sagen, einige/viele/der Durchschnitt könne in Bezug auf einen bestimmten Test in diesem Maße als aggressiver eingestuft werden als einige/viele/der Durchschnitt von der Gruppe »Frauen«, bei der man wiederum sagen müsste, was man darunter versteht. In einem nächsten Schritt müsste man zeigen können, inwiefern dieses Ergebnis durch biologische Faktoren erklärbar ist.
Könnte man solche Unterschiede präzise beschrieben (das kann man in den wenigsten Fällen), dann hätte das wiederum hauptsächlich soziale Folgen. Sollten wir zwei Gruppen unterschiedlich behandeln, nur weil einige von ihnen in Bezug auf bestimmte Tests ein anderes Resultat erbringen und wir das möglicherweise auch biologisch erklären können?
Das Fazit dieser Überlegungen wäre eigentlich, die Kategorie Geschlecht fallen zu lassen. Ein Staat, der weder im Gesetz noch in der Administration das Geschlecht seiner Bürgerinnen und Bürger erfasst, wäre meines Erachtens in jeder Hinsicht gerechter als ein anderer.
Tatsächlich aber schließen die Gender Studies an diese Überlegungen oft eine Kritik des Umgangs mit Benachteiligten an: Frauen seien, so ein klassisches Argument, in Führungspositionen untervertreten. Paradoxerweise werden in dieser Kritik wiederum Kategorien verwendet, die eigentlich nicht haltbar sind. Die Gender Studies verwenden also gerade die Zuschreibungen, die sie kritisieren wollen. Hanna Meißner hat das wie folgt formuliert:
Geschlecht wird als paradoxe Kategorie begriffen: Sie ist für die Analyse gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse notwendig; zugleich besteht die Gefahr, durch den Bezug auf diese Kategorie das vorauszusetzen und zu bestätigen, was eigentlich Gegenstand der Analyse ist, nämlich die Geschlechterdifferenz. Damit verbunden stellt sich die Frage, ob der Fokus auf die Herstellungsprozesse von Geschlecht dazu führt, dass strukturelle Ungleichheiten in den gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen aus dem Blick geraten.
So gibt es beispielsweise drei sich konkurrenzierende Definitionen von »Mann« in der aktuellen feministischen Debatte:
- Fremdzuschreibung (»wer als Mann wahrgenommen wird, ist Mann«)
- Selbstzuschreibung bzw. Selbstdefinition (»wer von sich sagt, Mann zu sein, ist Mann«)
- strukturelle Position, die mit Privilegien verbunden ist (»wer in einem Genderkontext privilegiert ist, ist ein Mann«).
Alle diese Definitionen können die Probleme der biologischen oder biologistischen Denkweise umgehen, aber sie verwenden immer noch ein Konzept, das an Normen und Klassifikationen orientiert ist, welche die Gender Studies generell kritisieren.
