Geschlecht ist sozial konstruiert – und das Fundamentalproblem der Gender Studies

Genderforscher glauben, dass „Männer“ und „Frauen“ nicht eine Idee der Natur sind, sondern eine Art Konvention, ungefähr wie die Mode oder der Herrentag.

Dieser Satz aus Harald Martensteins Zeit-Essay über die Genderforschung müsste nicht auf den Glauben von »Genderforscher« (es gibt mehrheitlich Genderforscherinnen, wie Martenstein selbst feststellt) zurückgeführt werden, sondern könnte als Feststellung so lauten:

»Männer« und »Frauen« sind nicht eine Idee der Natur, sondern eine Konvention, ungefähr so wie die Mode oder der Herrentag.

Aber – so würden wohl viele, so auch Martenstein einwenden – da ist doch vieles biologisch festgelegt; man denke nur an Hormone, Chromosomen und Evolution. Tatsächlich: Es gibt viele biologische Zusammenhänge und Kausalitäten, die wir beschreiben könnten. Nur: Erstens vermischen sie sich ständig mit sozialen Faktoren, wie Juliane Goschler in ihrer brillanten Replik auf Martenstein gezeigt hat. Und zweitens ist die Verwendung der Begriffe »Frau« und »Mann« eine soziale. Bevor wir untersuchen können, was »männlich« und »weiblich« ist, müssen wir Menschen ja schon in zwei Gruppen getrennt haben, die wir dann miteinander vergleichen.

Und hier findet ein Vorgang statt, der tatsächlich nur eine Konvention ist: Dass wir biologische Merkmale und statistische Beschreibungen in zwei polare Kategorien teilen. Es gibt kaum biologische Eigenschaften, die entweder vorliegen oder nicht: Meistens handelt es sich um graduelle Abstufungen. Es gibt nicht eine Klitoris oder einen Penis, sondern ein ganzes Spektrum, das von Ärztinnen und Ärzten oft so behandelt wird, als gäbe es tatsächlich nur zwei Möglichkeiten und Abweichungen davon.

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Also: Dass beispielsweise die einen Menschen aggressiver sind als die anderen, lässt sich biologisch und sozial erklären, z.B. durch Hormone, Sozialisation etc. Aber dass wir die Verteilung der Aggressivität meist unter dem Gesichtspunkt des Geschlechts betrachten und hier nach einer Korrelation suchen, ist eine Konvention, es ist willkürlich und es ist nicht biologisch gegeben. Wir könnten genau so gut Menschen danach unterteilen, ob sie vor oder nach dem Geburtstermin auf die Welt gekommen sind. Oder ob sie größer oder kleiner als 1.65 sind.

Kurz: Weil Geschlecht als soziale Unterscheidung verwendet wird (z.B. um verschiedene Toiletten anzubieten, Kategorien in Sportarten einzuführen, Aussagen über Schule zu machen etc.), kann sie logisch nicht biologisch begründet sein. Korrekt wäre zu sagen, dass in die soziale Unterscheidung auch die soziale Wahrnehmung biologischer Faktoren einfließe.

* * *

»Aber Männer sind doch aggressiver als Frauen?« – Will man präzis sein, so müsste man zuerst definieren, was man unter »Männer« versteht – und danach sagen, einige/viele/der Durchschnitt könne in Bezug auf einen bestimmten Test in diesem Maße als aggressiver eingestuft werden als einige/viele/der Durchschnitt von der Gruppe »Frauen«, bei der man wiederum sagen müsste, was man darunter versteht. In einem nächsten Schritt müsste man zeigen können, inwiefern dieses Ergebnis durch biologische Faktoren erklärbar ist.

Könnte man solche Unterschiede präzise beschrieben (das kann man in den wenigsten Fällen), dann hätte das wiederum hauptsächlich soziale Folgen. Sollten wir zwei Gruppen unterschiedlich behandeln, nur weil einige von ihnen in Bezug auf bestimmte Tests ein anderes Resultat erbringen und wir das möglicherweise auch biologisch erklären können?

Das Fazit dieser Überlegungen wäre eigentlich, die Kategorie Geschlecht fallen zu lassen. Ein Staat, der weder im Gesetz noch in der Administration das Geschlecht seiner Bürgerinnen und Bürger erfasst, wäre meines Erachtens in jeder Hinsicht gerechter als ein anderer.

Tatsächlich aber schließen die Gender Studies an diese Überlegungen oft eine Kritik des Umgangs mit Benachteiligten an: Frauen seien, so ein klassisches Argument, in Führungspositionen untervertreten. Paradoxerweise werden in dieser Kritik wiederum Kategorien verwendet, die eigentlich nicht haltbar sind. Die Gender Studies verwenden also gerade die Zuschreibungen, die sie kritisieren wollen. Hanna Meißner hat das wie folgt formuliert:

Geschlecht wird als paradoxe Kategorie begriffen: Sie ist für die Analyse gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse notwendig; zugleich besteht die Gefahr, durch den Bezug auf diese Kategorie das vorauszusetzen und zu bestätigen, was eigentlich Gegenstand der Analyse ist, nämlich die Geschlechterdifferenz. Damit verbunden stellt sich die Frage, ob der Fokus auf die Herstellungsprozesse von Geschlecht dazu führt, dass strukturelle Ungleichheiten in den gesellschaftlichen Geschlechterverhältnissen aus dem Blick geraten.

So gibt es beispielsweise drei sich konkurrenzierende Definitionen von »Mann« in der aktuellen feministischen Debatte:

  1. Fremdzuschreibung (»wer als Mann wahrgenommen wird, ist Mann«)
  2. Selbstzuschreibung bzw. Selbstdefinition (»wer von sich sagt, Mann zu sein, ist Mann«)
  3. strukturelle Position, die mit Privilegien verbunden ist (»wer in einem Genderkontext privilegiert ist, ist ein Mann«).

Alle diese Definitionen können die Probleme der biologischen oder biologistischen Denkweise umgehen, aber sie verwenden immer noch ein Konzept, das an Normen und Klassifikationen orientiert ist, welche die Gender Studies generell kritisieren.

28 thoughts on “Geschlecht ist sozial konstruiert – und das Fundamentalproblem der Gender Studies

  1. „Meistens handelt es sich um graduelle Abstufungen.“

    Davon, dass Männer nicht schwanger werden und Frauen nicht zeugen, gibt es keine graduellen Abstufungen.

      • Aus Ihrem Satz entnehme ich somit, dass diejenigen Männer, welche nicht zeugen, schwanger werden können und diejenigen Frauen, welche nicht schwanger werden, zeugen können. Ja klar, das macht wirklich Sinn. Ich gehe davon aus, dass Ihr Artikel eine Art Satire darstellt, anders ist es nicht erklärbar.

  2. “ Es gibt nicht eine Klitoris oder einen Penis, sondern ein ganzes Spektrum, **Mediziner verleumdender Einschub entfernt (meist sind/waren die drängenden Eltern das Problem – nicht die Ärzte)**, als gäbe es tatsächlich nur zwei Möglichkeiten und Abweichungen davon.“

    Dieser Argumentation folgend gibt es nicht nur Menschen mit Kopf, sondern auch das ganze Spektrum von Menschen mit Köpfen über Anencephale bis hin zu komplett Acephalen. Wer unbedingt auch noch Lebensfähigkeit als Merkmal fürs Mensch-sein brauch der darf gerne eine andere Krankheit, Variation, Mutation, Deformation nennen.

    • Natürlich gibt es auch bei Kopfgrössen ein Spektrum. Und zu sagen, an einem Ort fängt Krankheit oder Behinderung an, ist genau so wenig biologisch gegeben wie die Geschlechterdifferenz. / Mit Lebensfähigkeit hat das allerdings wenig zu tun.

  3. Also ich glaube die Sache mit dem Kontinuum und der Willkürlichkeit von Norm und Abweichung kann ich – im Allgemeinen – verstehen, aber schon das fällt mir alles andere als leicht.

    Dass deine Relativierung auch gerade beim Sex zutrifft, bezweifle ich aus zwei Gedanken: 1. Die Zahlenverhältnisse sprechen stark für zwei Gruppen, das – tatsächlich vorhandene – Kontinuum der äusseren Genitalien ist ja bloss im Promillebereich vertreten (und kann deshalb sehr wohl auch als Abweichung anerkannt werden – aber klar: die Frage nach den Grenzen bleibt dennoch, sind wohl aber enger zu ziehen als es sich Wampfler vorstellt: Schaut man sich die Genese der Genitalien des Embryos an, dann kann man (theoretisch) sehr wohl bestimmen, wo ein Entwicklunsschritt vom üblichen/gesunden abweicht und hätte man die Ressourcen, dann könnte man auch die Ursachen für dieses Abweichen eruieren [eine Fantasieauflistung: ein Nährstoffmangel der Mutter? Mutter stellt ein Soffwechselprodukt nicht ausreichend her? Mutation eines entscheidenden Proteins? Mechanische Störung?]). 2. Das Vorhandensein von zwei Typen Gonaden bringt die Relativierung letztlich zu Fall. Auch die Entgegnungen „Unfruchtbarkeit“ oder „siehst du jemals den Gonadentyp direkt?“ sind bloss oberflächliches Blendwerk (auch oben bei @Hallo?! zielt die Antwort in diese Richtung [und verkennt in geradezu sophistischer Weise das eigentliche Argument]). „Weiblich/Männlich“ definiert sich letztlich am Gonadentyp (bzw. an deren Produkten) und Merkmale die gemeinsam mit dem jeweiligen Typen auftreten (kausal! v.a. Hormone, aber man darf hier auch gerne so etwas wie Sozialisation miteinbeziehen [z.B. „Hodenträger“ werden zu Männern erzogen]) werden zur annäherungsweisen Identifikation herangezogen. Es ist nun wirklich sehr einfach zu sehen, dass man mit bedingten Wahrscheinlichkeiten (P Individuum ist weibliche Gonadenträger gegeben Brüste etc. (sekundäre Geschlechtsmerkmale), gegeben lange Haare, weibliche Kleidung etc. („tertiäre, quaternäre“ Geschlechtsmerkmale)) genügend gut zwei Gruppen unterscheiden kann. So löst sich auch das scheinbare Problem mit den Sterilen. Im übrigen muss Sex (für uns) auch gar nicht erkennbar sein, um dennoch real zu sein. Formen der „Travestie“ – ich meine hier das Vortäuschen – gibt es auch bei einigen Tierarten, kleinere Männchen können auf diese Weise in den Bereich eines dominanten, übermächtigen Männchens eindringen und dessen monopolisierte Weibchen begatten (ausformuliert: Das dominante Männchen kann die männlichen Gonaden des Kontrahenten auch nicht erkennen – dennoch bleiben die Kategorien weibliche und männliche Gonaden [und deren Träger] real).

    Nun, ich lass mich gerne aufklären, wenn ich falsch liege – ist vielleicht auch nicht schlecht, wenn man sieht wo die Verständnisprobleme liegen.

    • Nun haben wir also eine Definitionen: Wie definieren Männer und Frauen nach ihrem gonadalen Geschlecht. http://de.wikipedia.org/wiki/Gonadales_Geschlecht
      Natürlich gibt es hier Zwischen- und Problemfälle, die du dann aufgrund ihrer geringen Häufigkeit einfach als Abweichung definierst. Hoden und Eierstöcke korrelieren dann aber zudem mit vielen anderen Geschlechtsmerkmale, die eben wiederum nicht einfach polar verteilt sind. Je mehr Merkmale wir hinzufügen, desto stärker bricht die Polarität hin zu einem Kontinuum auf. Aber natürlich kann man hier saubere biologische und statistische Aussagen machen – die Frage wäre dann einfach, welche sozialen Folgen diese Aussagen haben sollen. Und da bewegen wir uns automatisch auf einer normativen und rein sozialen Ebene, die – so mein Argument – eine polare Verteilung und Wahrnehmung stärkt und so den Blick auf biologische Gegebenheiten verzerrt.

      • Weil ich es interessant finde, möchte ich gerne nochmals erwidern.

        Zu den Sex-Definitionen: Das habe ich so nicht gesagt. Ich sprach von den Kategorien weiblich/männlich, von Sex – NICHT von Männern und Frauen. Du beschreibst im Text die Sex-Kategorien als künstlich – nur das möchte ich hier bestreiten. Dass ein „Weibchen“ als Mann leben kann, dass es sehr weibliche „Männchen“ gibt etc. ist unbestritten.

        [Ich bewege mich lieber entlang der Aufteilung nach Gonaden, weil so die zahlreichen Probleme der Chromosomen umschifft werden (auch Polyploidien und SRY-Verlustsmutationen haben bestimmbare Gonaden) – und genetische Ansätze noch unbrauchbar (weil zu wenig bekannt, bzw. zu komplex) sind (SRY und Konsorten).]

        Ich denke wirklich, dass du „desto stärker bricht die Polarität hin zu einem Kontinuum auf“ übermässig strapazierst – schau dich um… dieses Kontinuum ist SO einfach nicht gegeben: In der gewaltigen Mehrheit ist die Polarität schlicht und einfach durch die EINDEUTIGEN äusseren Genitalien GEGEBEN – in der winzig kleinen Übergangsgruppe lässt sich wiederum die gewaltige Mehrheit aufgrund der Gonaden (auch wenn die Hoden allenfalls intern liegen!) einer Kategorie zuteilen (zugegeben: In der Vergangenheit wurden Kinder wohl übereilt das genitale Geschlecht aufgezwungen und unpassende Gonaden entfernt – einfach weil es leichter „machbar“ und „kaschierbar“ war. Aus heutiger Sicht war das vermutlich falsch).

        Beim „die Frage wäre dann einfach, welche sozialen Folgen diese Aussagen haben sollen“ bin ich (fast) ganz auf deiner Seite. Auch ist es nur gut, dass überkommene Geschlechterbilder hinterfragt (und damit meine ich speziell auch schlechte soz.-biologische Forschung) werden – nur eben… Sex mit zwei natürlichen (nicht-trennscharfen) Kategorien bleibt dennoch eine Realität.

        Um von unten @Simon_Spiegels Beitrag aufzunehmen: Wie hältst du es denn mit Arten? Gibt es Arten, sind sie real oder handelt es sich um künstliche Kategorien? Und bei Populationen? …etc.

  4. Bis zu einem gewissen Grad handelt es sich hier um einen Irrtum darüber, wie Biologie funktioniert. Wie Dir jeder Biologe bestätigen können sollte (und eigentlich auch jeder Arzt, aber das sind nun mal keine Wissenschaftler .) funktioniert „die Natur“ nie mit absolut trennscharfen Kategorien, sondern immer mit einem Spektrum. Das ist bei der Unterscheidung Mann/Frau nicht anders als bei der Unterscheidung zwischen dem grünen und dem weissen Knollenblätterpilz (sofern es letzteren gibt) oder zwischen unterschiedlichen Raubkatzenarten. Es gibt eine Normalverteilung und es gibt immer Beispiele, die am Rande oder ausserhalb dieser Normalverteilung liegen. Die Tatsache, dass es diese Ausreisser gibt, heisst aber noch nicht, dass die Kategorien deswegen falsch oder unbrauchbar sein müssen.

    Dass vieles von dem, was gemeinhin als typisch „Mann“ resp. „Frau“ wahrgenommen wird, in hohem Masse sozial bedingt wird, ist ebenfalls unbestritten (oder sollte es sein).

    Die Schlussfolgerung, dass Geschlecht rein sozial konstruiert ist, ist aber dennoch falsch. Respektive wäre genau so korrekt für Löwen, Tannen oder Maikäfer. Das zugrundeliegende Problem ist also eigentlich das der Kategorienbildung; abstrakte Kategorien sind gegenüber der empirischen Realität immer vereinfachend. Das heisst aber noch lange nicht, dass die Kategorien als solche reine Konstruktionen sind. Oder vielmehr: Diese Kritik gilt für so ziemlich jede Form der Kategorienbildung (solange wir es nicht mit rein abstrakten Objekten zu tun haben) und wird in ihrer extremen Form — wie jede Form von extremem Konstruktivismus — völlig unproduktiv.

    • Natürlich gilt diese Kritik für jede Form von Kategorienbildung. Ein erster Schritt ist doch, das einmal zu verstehen. Und zu bemerken, dass Kategorien nicht natürlich gegeben sind, sondern eben durch soziale Wahrnehmung und willkürliche Zuschreibungen entstehen. Die Forderung, ohne Kategorien auszukommen, ist dann natürlich schwierig – weil wir ohne nicht denken und sprechen können. Aber die Einsicht verhindert, die »Natur« oder »Biologie« für soziale Normen verantwortlich zu machen. (Nur weil wir die Kategorie »Löwen« mögen, um über Tiere zu sprechen, heißt das nicht, dass wir sie im Zoo einsperren sollen, weil sie biologisch gefährlich sind…)

      • Aber die Forderung oder Aufgabe müsste primär sein zu zeigen, dass viele (alle?) der typischen Rollenzuweisungen eben nicht biologisch bedingt sind. Dass der Rückgriff auf die vermeintlich natürlichen Eigenschaften von Mann und Frau in den allermeisten Fälle schlicht falsch ist und mit dem eigentlichen Problem gar nichts zu tun hat.

        Das erreicht man meiner Meinung nach nicht mit der Radikalthese „biologisches Geschlecht ist nur eine soziale Konstruktion“. Einerseits stimmt das eben nicht (resp. trifft den Kern nicht), andererseits führt es vom eigentlichen Problem weg. Es geht eben gerade nicht um das biologische Geschlecht, sondern um die soziale Konstruktion von Geschlechterrollen</strong. Dass diese beiden Dinge nicht identisch sind, kann man problemlos zeigen – ohne die problematische Behauptung, biologisches Geschlecht sei ebenfalls eine Konstruktion.

        Für mich ist das ein typisches Beispiel wie eine bestimmte Form, von postmoderner/konstruktivistischer Kritik, der ich grundsätzlich zustimmen würde, zu einem Irrläufer werden kann, der sich seinerseits in reine Abstrakta verliert und für den (politischen) Kampf um gewisse Themen letztlich kontraproduktiv wird. Sehr plump gesagt: Die These, dass biologisches Geschlecht eine Konstruktion sei, bringt mir bei Diskussionen um Lohngleichheit, Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen, Krippenplätze oder Elternschaftsurlaub rein gar nichts. Und das sind für mich – da bin ich ganz Materialist – die wirklich relevanten Punkte.

      • Mit den Problemen dieser Konzepte in Bezug auf eine Verbesserung der realen Lebensverhältnisse bin ich sehr einverstanden.
        Aber ich denke, eine über die Trennung eines sozialen und eines biologischen Geschlechts hinausgehende Betrachtung kann schon etwas leisten: Zeigen, dass auch wenn wir Biologie betreiben, wir soziale Konzepte verwenden und Erkenntnisse an soziale Konstruktionen anschließen in unserem Reden darüber. Und gerade die Trennung von Sex und Gender lädt ja dazu ein, zu sagen: »Nein, Aggressivität gehört nicht zu Gender, und mit Autos spielen auch nicht, das kann man alles biologisch erklären, und auch in der Steinzeit konnten die Frauen die Beeren nicht ohne die Hilfe der kartenkundigen Männern mit ihren Gadgets finden…«. Ich will hier nicht eine große soziale Konstruktion aufreißen und alles als konstruiert bezeichnen, sondern einfach darauf hinweisen, dass auch die Biologie von gewissen Annahmen ausgeht und Wissen konstruiert, nicht einfach die reine Natur untersucht.

  5. Nach einigem Kopfzerbrechen verstehe ich langsam um was es hier („gibt es Sex?“) geht. Dir geht es um den ontologischen Unterschied von Objekt und Konzept. Wenn das so klar benannt worden wäre, dann käme es wohl auch weniger zu Verwirrungen und auch ich könnte dir besser folgen. Dennoch muss man immer noch sagen: Auch wenn sich die Konzepte natürlich nicht in der Natur finden (wir benötigen sie bloss, um uns überhaupt unterhalten zu können), so sind disjunkte Merkmale dennoch eine Realität – und gerade beim Sex vergisst du den fundamentalen evolutionären Zusammenhang.

  6. Im oben erwähnten Paper (Carothers und Reis, 2012) geht es um die Frage, ob Sex und Gender »taxonic« oder »dimensional« seien. Sex, so die Annahme, sei »taxonic«, Gender hingegen – so belegen ihre Untersuchungen – »dimensional«. Wenn ich das richtig verstehe, argumentiert @ath_nikow hier ähnlich: http://imgur.com/a/7ERZI
    Wenn wir nun die biologischen Eigenschaften von Menschen beschreiben wollen, dann spricht die statistische Verteilung für zwei Kategorien und für klar weniger häufige Abweichungen. Ich kenne die Daten zu wenig (und bin auch in Statistik zu wenig bewandert), um genau sagen zu können, wie diese Verteilung genau zu beschreiben ist: Aber es reicht für mich zu sehen, dass die Merkmale nicht einfach vorliegen oder nicht (wie eine nicht-weiße Schachfigur zwingend schwarz ist), sondern wiederum zerlegt werden könnten.
    Sozial erachte ich nun die Verfestigung und die Bedeutung der Kategorien: Dass wir nicht biologisch und statistisch genau über Sex (und Gender) nachdenken, sondern davon ausgehen, eine polare Geschlechterordnung sei »natürlich« (ohne im Alltag zu verstehen, was »natürlich« bedeutet oder wie Geschlecht überhaupt definiert werden soll). Zudem wird Geschlecht routinemässig als eine relevante Kategorie angeschaut, auch dort, wo andere Effekte evtl. größer sein könnten.
    Damit sage ich – und das kam sicher im Post zu kurz – dass Biologinnen und Biologen nicht präzise über biologisches Geschlecht sprechen können und dadurch relevante Einsichten gewinnen können. Sie untersuchen aber ganz andere Fragen als die Gender Studies. Wenn die Biologin sagt: »Aber es ist sinnvoll, genau diese zwei Kategorien anzusetzen«, dann fragt der Geschlechtsforscher: »Wofür ist es sinnvoll? Welche soziale Bedeutung können wir daraus gewinnen?« Und sobald in einem sozialen Kontext biologische Aussagen gemacht werden, gewinnen sie auch eine soziale Dimension, egal wie biologisch sie ursprünglich gewesen sein mögen.

  7. „Die Schlussfolgerung, dass Geschlecht rein sozial konstruiert ist, ist aber dennoch falsch. Respektive wäre genau so korrekt für Löwen, Tannen oder Maikäfer. Das zugrundeliegende Problem ist also eigentlich das der Kategorienbildung; abstrakte Kategorien sind gegenüber der empirischen Realität immer vereinfachend. “

    Selbstverständlich ist dieses ‚zugrundeliegende Problem‘ des Verhältnis von Sprache/Wirklichkeit, Type/Token, abstrakter Kategorie/empirischer Realität kein spezifisch den Geschlechterdiskurs betreffendes, sondern eines der Sprache allgemein.
    Niemand beansprucht, dass sich ‚Geschlecht‘ von anderen Begriffen/Kategorien wie ‚Löwe‘, ‚Tannen‘ oder ‚Maikäfern‘ durch eine besondere semantische Struktur unterscheidet. Es tut dies durch seine besondere, machtpolitische Aufladung.

    Ich habe @lieberanonyms Ausführungen zu den Gonaden mit Interesse gelesen – zumal ich zuvor in Diskussionen den von Philippe genannten Punkt der Gradualität von Geschlecht ebenfalls sehr stark zumachen pflege und mich bspw. auf den skandalösen und tragischen Fall ‚Caster Semenya‘ bezog (re: „The [South African sports] ministry did not say if she would be allowed to compete as a woman [b]but they did note that the IAAF’s threshold for when a female is considered ineligible to compete as a woman is unclear.[/b]“), welcher mE sehr schön darstellt, wie 1. biologisches Geschlecht auf soziales Geschlecht eben immer rekurriert und 2. wie komplex die medizinische Feststellung sein kann: Wie sind die am Geschlecht beteiligten Körpersphären zu hierarchisieren, welche ist ausschlaggebend, wenn sich einige ‚widersprechen‘, was tun, wenn die Zuordnung immer weiter ‚entschlüpft‘.
    Jedoch habe ich trotz Gonaden das Gefühl, dass @simifilm und @lieberanonym am (Genderstudies-)Thema vorbeischiessen, wenn ihr aufführt, wie und weswegen die Einteilung in zwei Geschlechter biologisch gerechtfertigt werden kann:
    Niemand hinterfragt die Zeugung und Existenz von Nachwuchs als, lol, soziale Konstruktion. Genausowenig, dass manche Paare eher als ander und manche gar keinen Nachwuchs (darunter z.b. wohl viele „gleichgeschlechtliche“) kriegen können aufgrund irgendwas Biologischem und mit sexueller Fortpflanzung von Säugern Zusammenhängendem.

    Der wesentliche Punkt im Blogpost Philippes ist mE „Bevor wir untersuchen können, was »männlich« und »weiblich« ist, müssen wir Menschen ja schon in zwei Gruppen getrennt haben, die wir dann miteinander vergleichen“. Er besagt, was Judith Butler 1990 in Gender Troubles mit “As a result, gender is not to culture as sex is to nature; gender is also the discursive/cultural means by which “sexed nature” or “a natural sex” is produced and established as “prediscursive,” prior to culture, a politically neutral surface on which culture acts” meinte.

    Habe ich richtig verstanden, dass ihr beide mitunter vorschlägt, die begriffliche Trennung in zwei verschiedene Geschlechtertypen aufrecht zuerhalten, schliesslich kommt beiden eine Form von Wirklichkeit (eine biologische und eine soziale) zu. Wenn die Trennung nicht aufrechterhalten wird, wie bspw. von der Kirche, Konservativen, Essentialisten, etc., dann handelte es sich um Kategorienfehler und die Folgerungen wären daher sowieso ungültig, richtig? Dann weiter: Sexistische Probleme sind soziale Probleme und keine biologischen, sollen daher mit Rückgriff auf das soziale Geschlechtskonzept gelöst werden („die These, dass biologisches Geschlecht eine Konstruktion sei, bringt mir bei Diskussionen um Lohngleichheit, Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen, Krippenplätze oder Elternschaftsurlaub rein gar nichts.“), denn das biologische ist gar nicht problematisch. Man soll also für die politische Debatte v.A. das Verständnis fördern, dass Verhaltensstereotypen sich nicht aus Geschlechtszugehörigkeit ableiten bzw. Bewusstsein um sex/gender fördern.
    Ich denke aber, dass sich der Diskurs mit Aufrechterhaltung der beiden Kategorien eben nicht weiterentwickeln wird. Die Notion, dass das biologische Geschlechtskonzept in der sex/gender Dichotomie auch sozial konstruiert ist, heisst nämlich gerade überhaupt nicht, dass die biologische Wirklichkeit von zwei unterschiedlichen ‚Parteien‘, welche an der sexuellen Fortpflanzung beteiligt sind, bestritten wird. Sie meint, dass das ‚Sprechen über biologische Wirklichkeiten‘ eine soziale Wirklichkeit ist. Dies trifft natürlich auf alle Diskurse zu / ist eine triviale sprachphilosophische Feststellung, hindert uns aber nicht daran Fachdiskurse zu bestimmten Themen zu führen. Die wenigsten Fachdiskurse beinhalten aber dergestallt machtpolitisch aufgeladene Begriffe wie eben Biologie mit Geschlecht, Rasse, Behinderung, Körper, etc. Ich konzeptualisiere biologisches Geschlecht bei Menschen eben nicht biologisch neutral, sondern entweder als entweder Frau oder Mann. Zu sagen, dass auch sex sozial konstruiert ist, heisst dann, dass wir nicht von weiblich/männlich in einem neutralen Beobachtersinn sprechen, die Trennung sex/gender dies aber vorgaukelt. Verstünden wir biologisches Geschlecht tatsächlich so biologisch-neutral wie von @lieberanonym ausgeführt, könnte man semantisch weniger determinierte Fachausdrücke verwenden als Frau/Mann, weiblich/männlich.

    Und nun mein Kernpunkt: Das Aufrechterhalten der Dichotomie biologisches/soziales Geschlecht bzw. sex/gender verhindert machtpolitische Veränderungen. Dass sexistische Politik und sexistisches Verhalten so stark toleriert wird und irgendwie nachwievor der Aufmerksamkeit entgehen kann – obwohl die Einsicht, dass Geschlechter gleichberechtigt sind schon seit Jahrzehnten politischer Konsens darstellt – hängt mE wesentlich damit zusammen, dass Frauenkörper gemäss biologischer Geschlechtskonzeption als ‚andersartig‘ konzeptualisiert werden. Der eine Körper sieht nicht etwa bloss ‚anders‘ aus als der andere, die Unterschiede sind bereits extrem konzeptualisiert und dienen so dem Aufrechterhalten von auch politischen und gesellschaftlich relevanten Unterschieden.

    • Oh no crap, habe Tab nie gereloadet und den Beitrag vorgestern geschrieben >______< sorry, falls ich relevante Entwicklungen der Diskussion übergangen bzw. bloss Zeugs wiederholt habe.

      • tl;dr:

        Der wesentliche Punkt im Blogpost Philippes ist mE “Bevor wir untersuchen können, was »männlich« und »weiblich« ist, müssen wir Menschen ja schon in zwei Gruppen getrennt haben, die wir dann miteinander vergleichen”. Er besagt, was Judith Butler 1990 in Gender Troubles mit “As a result, gender is not to culture as sex is to nature; gender is also the discursive/cultural means by which “sexed nature” or “a natural sex” is produced and established as “prediscursive,” prior to culture, a politically neutral surface on which culture acts” meinte.

    • Ich muss zugeben, dass mir die Phantasie fehlt, wie man von Sex einerseits als soziale Konstruktion sprechen kann und sie andererseits als zweifellos existente biologische Kategorie beibehalten kann. Und ja, ich würde spontan sagen, dass die biologische Kategorie in der Regel wenig problematisch ist, weil es in der politischen Diskussion letztlich fast immer um die soziale geht (selbst wenn vermeintlich von der biologische die Rede ist).

      Ich würde auch der Behauptung widersprechen, dass keine machtpolitischen Veränderung stattfinden (was nicht heisst, dass noch vieles im Argen liegt). Man schaue sich nur die Diskussionen an, die in der Schweiz noch vor wenigen Jahrzehnten angesichts der Einführung des Frauenstimmrechts durchgeführt wurden. Das ist gerade 40 Jahre, klingt aber wie aus viel fernerer Vergangenheit.

      • Existent sind biologische und statistische Beschreibungen. Sozial sind ihre Umdeutungen in zwei polare Kategorien mit einer Vielzahl von Merkmalen.

  8. Pingback: Lieber Herr Martenstein, lieber Herr Fleischhauer | Warum alles auch ganz anders sein könnte.

  9. “ Dass beispielsweise die einen Menschen aggressiver sind als die anderen, lässt sich biologisch und sozial erklären, z.B. durch Hormone, Sozialisation etc. Aber dass wir die Verteilung der Aggressivität meist unter dem Gesichtspunkt des Geschlechts betrachten und hier nach einer Korrelation suchen, ist eine Konvention, es ist willkürlich und es ist nicht biologisch gegeben“

    Wenn es sich grundlegend durch Hormone erklären läßt, dann müssen sich daraus fast zwangsläufig Unterschiede zwischen den Gruppen im Schnitt ergeben. Denn Männer und Frauen haben ja einen vollkommen anderen Hormonspiegel.

  10. 1 – kann man sich darauf einigen, dass gewisse männliche und weibliche Unterscheidungsmerkmale biologisch bedingt und unveränderbar gegeben sind ?

    2 – was ist falsch oder schlecht daran, wenn nun in Ergänzung zur biologisch bedingten Geschlechterbildung kulturell bedingte geschlechterspezifische Merkmale bestehen ?

    3 – warum meinen die Abendländer (sprich Europa inkl. Amerika bzw. bestimmte Eliten), ihr Kulturverständnis sei das einzig richtige und auf jede und jeden und die ganze Welt anzuwenden ? Zumal man sich über dieses westliche Selbstverständnis weder über Völker und Staaten hinweg noch überhaupt in einer mündigen Gesellschaft einig ist und das Ganze überhaupt einem stetigen Wandel unterliegt ?

    • 1 – Nein. Es gibt biologische Merkmale, die aber nicht zwei klare Geschlechter definieren, sondern eine Verteilung.

      2 – Daran ist problematisch, dass Normen entstehen, die zu Privilegien für die führen, die ihnen entsprechen können und zu Sanktionen für andere.

      3 – Mir reicht es, über die westliche Kultur zu sprechen.

    • 1 – Die biologischen Geschlechter sind bei Pflanzen, Tieren und Menschen in der Funktion und der Ausbildung eindeutig. Wenn man darüber sich nicht einig ist, dann kann man sich jede weitere Mühe ersparen :)

      2 – Zeigen Sie mir eine Gesellschaftsordnung, die ohne Normen (Normen, Regeln, Abmachungen, Uebereinkünfte, Gesetze, …) auskommt. Normen sollten möglichst sinnvoll sein, nachvollziehbar, gerecht, und möglichst niemanden grob benachteiligen.

      Glauben Sie wirklich, dass die Gender-Mainstreaming-Ideologie und die Art und Weise, wie sie propagiert wird, nicht problematisch ist, keine Normen darstellt, frei von Privilegien und Sanktionen ist ?

      3 – „Mir reicht es, über die westliche Kultur zu sprechen.“ – umso mehr soll der Mensch der westlichen Welt sich der Gender-Ideologie beugen ? Mit welchem Recht erheben Sie diesen Anspruch ?

      • 1 – Nein – diese „Eindeutigkeit“ gibt es nicht, weder bei Pflanzen noch bei Tieren. Natürlich kann man Fortpflanzung biologisch beschreiben und so ein biologisches Geschlechterkonzept erstellen: Aber damit beseitigt man Abweichungen nicht. Und es führt in der sozialen Diskussion auch nicht weiter.

        2 – Unter den herrschenden Normen leiden viele Menschen. Das reicht für mich aus, um darüber nachzudenken.

        3 – Das verstehe ich nicht.

      • Lieber Philippe,
        Sie verstehen es nicht …
        Hauptsache, Sie bloggen darüber
        What’s the use of getting sober when you’re gonna get drunk again

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