Warum ich keine alten Männer wähle - Widerstand gegen die Methode Smartvote

Im ars libertatis-Blog wird wie auch in den Kommentaren zum letzten Blogpost vorgeschlagen, die Wahlempfehlungen von smartvote als Masstab für die eigenen Wahlentscheidungen zu verwenden. Man sollte also genau dann keine alten Männer wählen, wenn keine alten Männer in den Smartvote-Empfehlungen auftauchen. Wie schon im letzten Blogpost setze ich 55 als die Grenze zwischen alt und jung an - und wie schon im letzten Blogpost will ich damit nicht ausdrücken, dass Menschen über 55 nicht leistungsfähig seien, keine gute Politik machen könnten oder gesellschaftlich benachteiligt werden sollen. Das der Disclaimer.

Meine Smartvote-Empfehlungen für meinen Wohnkanton Zürich sehen wie folgt aus, wenn man nur die ersten 50 Kandidierenden betrachtet (Übereinstimmung über 67%):

  • 26 Männer, 24 Frauen
  • Jahrgang > 1980: 20
    Jahrgang < 1956: 8 + 2 mit 1956
  • alte Männer: Andreas Gross (70.7%), Thomas Hardegger (69.2%).
  • SP: 16 = 32%
    JUSO: 7 = 14%
    Grüne: 14 = 28%
    AL: 7 = 14%
    andere: 12%.

Was heißt das nun? Sollte ich nun Hardegger und Gross wählen, weil sie auf meiner Smartvote-Liste auftauchen?

Antwort: Ich werde sie nicht wählen. Ich werde nicht einmal den obersten Kandidaten auf meiner Empfehlungsliste wählen, Dominik Bucheli von den Konfessionslosen mit dem ich offenbar in 76,7% der Positionen übereinstimme. Weiter werde ich sicher nicht die CSP wählen, die in der Person von Regula Strässle auf meinen Empfehlungen auftaucht. Und auch Katrin Cometta-Müller von der grünliberalen Partei werde ich nicht wählen.

Warum nicht?

  • Die obersten 50 Kandidierenden trennen nicht mal 10% auf der Smartvote-Skala. Was heißt das? Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was 75% Übereinstimmung heißt. Eigentlich finde ich das wenig - d.h. es gibt niemanden, der mehr als 75% mit mir übereinstimmt. Aber ob 75% oder 65% - das wird wohl kaum relevant sein.
  • Man scheint zwar Personen zu wählen, wählt aber Parteien. Zuerst wird bestimmt, wie viele Sitze welche Partei bekommt - und dann, welche Personen. Ich wähle keine Partei, die ihre Ressourcen für den Kampf für die Trennung von Staat und Kirche verbraucht - und damit zwar ein Anliegen unterstützt, das auch ich habe, meines Erachtens aber dringendere Probleme außer acht lässt. Ich wähle ebenfalls keine Partei, die in ihrem Namen Religion und Politik verbindet. Und ich wähle auch keine Partei, die weder grün noch liberal ist. Weiter würde ich keine Partei wählen, die eine Listenverbindung mit einer Partei hat, die ich nicht wählen möchte.
  • Und ich wähle keine alten Männer, aus den Gründen, die ich schon dargelegt habe. Aus mangelnden Alternativen werde ich Hardegger die Ständeratsstimme geben. Andy Gross ist ein verdienter und fähiger Politiker. Er ist in meiner Einschätzung engagiert, gebildet, souverän und politisch weitsichtig. Aber ich werde ihn trotzdem nicht wählen - es gibt weibliche Kandidierende, die diese Qualitäten auch mitbringen. Und jüngere.

Dieses Wählverhalten ist zumindest teilweise auch ein Widerstand gegen die Methode Smartvote. Viele aufgeklärte Wählende in der Schweiz lassen sich von einem Algorithmus sagen, wen sie zu wählen haben. Das alleine scheint mir problematisch genug. Es führt nämlich dazu, dass PolitikerInnen darauf achten werden, wahlfähige Smartvote-Profile zu haben - und nicht darauf, gute Politik zu machen.

Oder in den Worten der großen Smartvote-Kritikerin Regula Stämpfli:

Da sehen Sie direkt das Smartspider-Netz, das jedes kritische Denken als linke Fliegen gefangen hält. Smartvote proklamiert eine objektive Verortung von links und rechts. Smartvote lässt politische Argumente verstummen. Smartvote vermisst Politiker, statt ihnen zuzuhören. Wie meinte schon Hannah Arendt? Nur Gewalt ist stumm. Wer die Sprache zugunsten von Zahlen aus der Demokratie streicht, handelt antidemokratisch. Mittlerweile ist jeder demokratische Zusammenhang smartvotisiert, also eine eigentliche Unternehmensrechnung. Jede Staatsinterven­tion etwa wird links verortet. Weshalb galt aber der reine Sozialismus für Milliardäre, also das Bankenrettungsprogramm durch den Staat, nicht als extrem links? […]
Weil Smartvote eben nicht, wie vorgegeben wird, Politik objektiv vermisst, sondern ideologisch positioniert. Weil es selbst Hermann klar war, dass er in Definitions­schwierigkeiten käme, würde er die UBS-Rettung als «links» verkaufen. Obwohl er das gemäss seiner Logik hätte tun müssen. Dieses Beispiel wie überhaupt die Finanzkrise beweist, wie nahe wir Menschen an den Abgrund kommen, wenn wir Zahlen mehr vertrauen als dem Denken.

 

Vermögens- und Einkommensverteilung in der Schweiz

In einer Diskussion mit der Grünen Partei der Schweiz sowie der SP hat der Kommunikationsberater Dominik Feusi auf Twitter die Behauptung bestritten, wonach die Verteilung der Kaufkraft in der Schweiz immer ungleicher werde:

Die Frage, ob es tatsächlich stimmt, dass die Reichen sich immer mehr leisten können, während die Armen immer weniger Kaufkraft haben, interessiert mich. Die Frage, welche Daten denn wirklich aktuell und akkurat sind, lasse ich zunächst beiseite. Ich lasse mich gerne korrigieren, sollten die Daten nicht stimmen.

Die Frage ist natürlich, wie man Kaufkraft bestimmt. Betrachten wir zuerst die Einkommen (Quelle: verteilungsbericht.ch):

Man kann also bilanzieren: In den 10 Jahren vor 2008 sind die Löhne aller Einkommensgruppen gewachsen - und das teuerungsbereinigt. Die mittleren und tiefen Löhne sind aber weniger stark gewachsen als die Produktivität in dieser Zeit zugenommen hat. Das heißt: Die Angestellten mit mittleren und tieferen Löhne arbeiten mehr (bzw. produktiver), verdienen aber nicht mehr.

Betrachten wir zudem das Vermögen, so stellen sich erste Zweifel an der These ein, wonach alle mehr Kaufkraft besäßen:

Die Frage wäre dann zu stellen, wie man eine Steigerung der Kaufkraft misst. Selbstverständlich gibt es dafür volkswirtschaftliche Messmethoden - psychologisch beurteilen Menschen aber ihre Kaufkraft in Relation zur Kaufkraft von anderen (nicht in Relation zur Kaufkraft gesellschaftlich gleich gestellter vor 10 Jahren). Dann dürfte klar sein, dass Menschen mit mittleren und kleineren Einkommen und Vermögen weniger vom ganzen Kuchen haben als früher.

Die Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung wird mit dem Gini-Koeffizienten gemessen. Die Daten für die ganze Schweiz sind in den letzten Jahren sehr selektiv vorhanden - eine Studie (pdf) sagt beispielsweise in den Jahren vor 2003 sei er leicht gesunken, Wikipedia verwendet einen Wert von 1992. (Vielleicht kann das ja mal jemand korrigieren - ich bin mir nicht sicher, welches der aktuellste korrekt gemessene Wert ist.)

Fazit: In der Schweiz werden die Reichen reicher. Ob die Armen ärmer werden, kommt auf die Betrachtungsweise an. Die entscheidende Frage ist wohl, ob die Reichen reicher werden, weil sie mehr leisten (wie wohl so genannt wirtschaftsliberale Menschen behaupten würden und deshalb »Freiheit« fordern) - oder ob sie reicher werden, weil - vielleicht auch anderswo als in der Schweiz - die Armen arm bleiben oder ärmer werden.

Die Situation in der Schweiz wurde wohl 2006 von Markus Schneider bereits treffend beschrieben:

Die gründlichste Analyse über die «Verteilung des Wohlstands in der Schweiz» stammt vom Büro Ecoplan. Sie bestätigt: Das verfügbare Einkommen von Otto Normalverdiener stieg nur leicht, es stieg bei den «Reichen» stärker, aber es stieg bei den «Armen» ebenfalls stärker. Insgesamt sei die Verteilung von 1990 bis 1998 etwas «ungleicher» geworden, was sich bis 2001 wieder angeglichen habe. Neuere Studien gibt es nicht.

Nun liesse sich behaupten: Die Verhältnisse in der Schweiz seien schon längst «unzumutbar ungleich». Internationales Mass dafür ist der Gini-Koeffizient, den der italienische Statistiker Corrado Gini entwickelt hat. Dieser Wert kann zwischen 0 und 1 liegen; je höher er liegt, umso grösser die Ungleichheit.

Die neuesten Zahlen, sie finden sich im «Human Development Report 2004» der Weltbank, bestätigen alle Vorurteile. Am «gleichsten» präsentiert sich die Einkommensverteilung in Skandinavien und in Japan mit einem Gini-Koeffizienten von 0,25. Deutschland folgt mit 0,28, dann Österreich, Holland, Frankreich und schliesslich die Schweiz mit 0,33. Noch «ungleicher» hingegen ist die angelsächsische Welt: Grossbritannien weist einen Gini von 0,36 auf, die USA 0,40. Ganz zu schweigen ist von den Entwicklungsländern. In China, offiziell immer noch kommunistisch, liegt der Gini bei 0,45, in Argentinien bei 0,52, in Botswana und Sierra Leone bei 0,66.

Nun darf man sich im Guten streiten, welches Mass an Ungleichheit optimal sei.