Warum die Orientierung am Shareholder Value »die dümmste Idee der Welt« ist

Disclaimer: Dieser Post basiert auf einem Forbes-Artikel von Steve Denning über das Buch »Fixing the Game« von Roger L. Martin (siehe unten), dem wesentliche Elemente und alle nicht weiter nachgewiesenen Zitate entnommen sind.

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Um die Funktionsweise des Shareholder Value-Prinzips zu erklären, gibt es eine geeignete Metapher. Nehmen wir an, Unternehmen seien Fussballclubs. Sie bestreiten Spiele, auf die man wetten kann. Ein Unternehmen, das dem Shareholder Value-Prinzip folgt, ist nun wie ein Fussballclub, der sich an den Spielenden orientiert, die auf Fussballspiele wetten: Das Ziel ist nicht mehr, ein Spiel zu gewinnen, sondern das Resultat zu erzielen, auf welches die Spieler gesetzt haben. Mehr noch: Die Aufgabe der Coaches und PräsidentInnen der Fussballclubs wäre es nicht, hauptsächlich Spiele zu gewinnen, sondern die Erwartungen an die Resultate zu managen, dafür zu sorgen, dass die Wettenden mit den Resultaten zufrieden sind. Würde heute ein Fussballteam in 96% der Fälle das Resultat erzielen, auf welches das meiste Geld gewettet wurde, entstünde ein handfester Wettskandal, die Verantwortlichen würden angeklagt, Spiele manipuliert zu haben.

Auf der Ebene der Unternehmen sind solche Quoten nichts Außergewöhnliches oder gar Verwerfliches. Der legendäre Manager Jack Welch (von 1981-2001 CEO von General Electrics) hat von 1989 bis 2001 in 41 von 46 Quartalen die Voraussagen der Analysten auf den Cent genau getroffen - eine Quote, die nur erreicht werden kann, wenn die Ergebnisse gemanaged werden. Jack Welch ist heute vehementer Gegner des Shareholder Values. Er sagt:

On the face of it, shareholder value is the dumbest idea in the world. Shareholder value is a result, not a strategy… your main constituencies are your employees, your customers and your products. Managers and investors should not set share price increases as their overarching goal. … Short-term profits should be allied with an increase in the long-term value of a company.

Also etwa: Shareholder Value ist deshalb eine Konzept, das nicht funktioniert, weil der Fokus nicht mehr auf dem Kunden und den Produkten liegt, die man Kunden verkaufen kann, sondern auf Erwartungen an einen abstrakten und kurzfristig beeinflussbaren Messwert wie der Aktienpreise. Kurz: Das Ziel eines Unternehmens darf nur sein, Kunden etwas zu verkaufen.

Es gibt - vereinfacht gesagt - zwei Märkte:

  • einen so genannt realen Markt, in dem Güter produziert und gehandelt werden
  • und einen »Erwartungsmarkt«, in dem Aktien und Aktienderivate basierend auf Prognosen und Einschätzungen gehandelt werden.

Die Shareholder Value-Idee hat nun den Fokus auf diesen zweiten Markt verlagert und von den Unternehmensverantwortlichen verlangt, ihren Handeln auf diesen Markt hin auszurichten. Die Idee war grundsätzlich die: Manager maximieren zunächst ihren eigenen Profit. Sie sollten aber den Profit der Menschen maximieren, denen ein Unternehmen gehört - und das sind die Shareholder. Also sollten sie auch dann viel Geld verdienen, wenn die Shareholder viel Geld verdienen. Die Idee war, dass sie dies über den realen Markt täten: Indem sie den Unternehmenserfolg in Bezug auf die Herstellung und den Verkauf von Gütern optimierten, würden sie auch den Shareholder Value optimieren.

Indes passierte genau das Gegenteil. Die Auswirkungen dieses Management-Konzeptes waren fatal:

  • Von 1960-80 (vor der Shareholder Value Ära) verdienten die CEO der größten amerikanischen Unternehmen in Bezug auf den Nettogewinn 33% weniger: Sie verdienten also mehr Geld für die Share Holder und weniger selbst. Von 1980 bis 1990 verdoppelte sich ihr Einkommen, von 1990 bis 2000 vervierfachte es sich. Die Shareholder Value-Idee führte also zu einer Verachtfachung der Management-Entlöhnung.
  • Im Vergleich mit 1965 beträgt die Kapitalrendite dieser Unternehmen heute noch ungefähr ein Viertel.

Das Missverständnis ist grundsätzlich folgendes: Erfolg im realen Markt beeinflusst den Erwartungsmarkt. Shareholder profitieren, wenn ein Unternehmen erfolgreich ist. Dieser Zusammenhang lässt sich jedoch nicht umkehren: Zufriedene Shareholder garantieren nicht den Erfolg im realen Markt. Der Erwartungsmarkt basiert auf Täuschungen und Vorenthaltung von Information - beides ist im realen Markt nur eingeschränkt möglich.

Mittlerweile zeichnet sich aber ein Wechsel zu einem anderen Paradigma ab. Das beeindruckendste Beispiel ist Apple. Steve Jobs richtete die Firma nur auf den realen Markt aus und ignorierte die Bedürfnisse der Shareholder fast gänzlich - wovon sie letztlich im großen Stil profitierten.

Dieser Paradigmenwechsel, so fordert das Roger L. Martin in seinem Buch Fixing the Game, muss forciert werden. Unternehmen müssen längerfristige Ziele anvisieren und die Leute zu Entscheidungsträgern machen, welche tatsächlich mit dem Kerngeschäft zu tun haben - nicht Buchhalter und Manager, welche lediglich Kennzahlen zu frisieren suchen und Leute entlassen, weil das für die Shareholder gut aussieht.

Der Paradigmenwechsel kann sich momentan nicht durchsetzen, weil zu viele Leute davon profitieren, dass er sich nicht durchsetzt. Upton Sinclair schrieb:

It is difficult to get a man to understand something, when his salary depends upon his not understanding it.

Und doch wird er sich durchsetzen - weil er profitabler ist als die Orientierung am Shareholder Value.

Ein exzellentes Portrait für die Teilnehmer am Erwartungsmarkt, die enorme Gehälter dafür erhalten, Dinge zu handeln, deren Wert niemand kennt, ist der Film Margin Call. Hier der Trailer:

 

Transparenz: Löhne, Wikileaks und Google Trends

Transparenz halte ich grundsätzlich für wertvoll. Egal wie man etwas macht - man soll darlegen, wie man es macht, damit andere es nachvollziehen können.

Generell in Bezug auf Löhne: Nehmen wir als Beispiel einen Fussballverein. Der handelt mit jedem Spieler und seinem Agenten in zähen Verhandlungen Löhne, Prämien etc. aus - und zwar geheim. Warum ändert ein Verein nicht diese Politik und sagt: Wir bezahlen für Anforderungsprofil A 250k p.a. plus diese Prämien, für Anforderungsprofil B 150k und für Anforderungsprofil C 80k. Wer will bei uns spielen?

Genau so könnten auch Firmen operieren - die öffentliche Hand tut das bei ehemaligen Beamten (z.B. Lehrpersonen) auch. Wenn ich es richtig verstehe, ist der Grund, warum Löhne in Firmen nicht transparent gemacht werden, der, dass man dadurch auf Marktschwankungen reagieren kann. Sind Arbeitskräfte gesucht, so können kurzfristig höhere Löhne bezahlt werden, sind Arbeitsplätze gesucht, können tiefere Löhne vereinbart werden. Wären die Löhne transparent, würden alle für gleiche Anforderungen gleich hohe Löhne fordern - was aber ja eigentlich gerecht wäre, oder? (Nebenbei könnte man dasProblem lösen, dass Frauen für die gleiche Arbeit schlechter bezahlt werden.)

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Die Veröffentlichung verschiedenster Dokumente durch Wikileaks, welche die letzte Woche medienwirksam inszeniert worden ist (exemplarisch sei die Präsentation durch den Guardian genannt), stellt nun aber die Frage (natürlich gibt es viele andere Vorfälle, welche diese Frage ebenfalls aufwerfen, z.B. die neueste Fichenaffäre):

Kann/soll es in einer Demokratie Dokumente geben, welche von der Öffentlichkeit nicht eingesehen werden können oder dürfen? Und was wäre ein Kriterium dafür?

Wenn ich die Frage brainstorme, fallen mir folgende Aspekte ein:

  • Transparenz kann innerhalb einer Gruppe herrschen, welche die Öffentlichkeit vertritt - e.g. innerhalb einem gewählten Parlament, dass stellvertretend für die Bevölkerung sicherstellt, dass alles mit rechten Dingen zu und her geht.
  • Einsehbar müssen Dokumente sein, die meine persönlichen Daten beinhalten (Strafregister, Betreibungsauszug, Krankenakten etc.).
  • Wenn man ein Kriterium festlegt (e. g. »nationale Sicherheit«), dann kann dieses Kriterium dazu benutzt werden, um Dokumente geheim zu halten, die nicht geheim gehalten werden sollten.
  • Man würde in jedem Fall eine Meta-Transparenz erwarten: Dass klar gemacht wird, in welchem Fall wie Transparenz verhindert wird in einem demokratischen Staatsgefüge.

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Google Trends scheint nun aber ein Problem gerade durch die Transparenz zu verursachen: So genannte Content-Farms (Link via Fefe) erstellen »Content«, also Texte, die nur deshalb geschrieben werden, um bei Google-Suchanfragen häufig gefunden zu werden (»How to Massage a Dog That Is Emotionally Stressed«) - ohne dass die VerfasserInnen eine Ahnung vom Thema hätten oder auch nur anstrebten, einen guten Text zu schreiben. So also vermüllt Google das Netz - indem es nicht mehr Inhalte absucht, sondern die Erstellung von sinnlosen Inhalten provoziert, weil die gefundenen Texte mit Werbung zu Geld gemacht werden können, ebenfalls über Google.

Würde Google keine Trends publizieren, könnte man nicht darauf reagieren und sie fürs Werbegeschäft ausnutzen…

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Ich schließe. Ein Fazit fällt mir nicht ein - außer dass die Dinge immer etwas komplizierter sind, als man denken könnte. Und als man es sich wünschen würde.

Wie schießt man einen Penalty richtig?

Der Vorwurf an Blogs, mal wieder von Blog-Kritiker Bobby California geäußert, Printmedien nicht zu ersetzen, sondern nur wiederzukäuen, was diese schreiben, mag auf den ersten Blick auch auf diesen Beitrag zutreffen. Kaum schreibt die NZZ was über Penalties, nehme ich das Thema auf. Natürlich wusste ich schon was über Spieltheorie und Penalties und natürlich werde ich mich hüten, den Artikel wiederzukäuen - und doch sehe ich nicht wirklich, was das Problem daran sein soll, einen Hinweis auf einen Artikel zu garnieren oder mit einem Kommentar zu diesem Artikel zu garnieren: Schließlich will ich mit diesem Blog kein Geld verdienen und habe auch nicht den Anspruch, dass ihn die Leute statt der NZZ abonnieren sollen. (Zudem zeigt gerade dieser Artikel, dass die NZZ momentan neben der WoZ das einzige Schweizer Printmedium ist, für das man bezahlen sollte.)

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Das gesagt zum Problem: Wie sollte man einen Penalty schießen? Grundsätzlich - so:

Der klassische Panenka war der entscheidende Penalty im Finale der EM 1976 - und offenbar der erste Penalty der so in die Mitte geschossen worden ist.

Die Spieltheorie des Penalties besagt:

(1) Der Schütze und die Torwart sollten eine Strategie wählen, bei der ihre Trefferquote unabhängig von der Richtung ihrer Richtungswahl ist.

Grund: Gäbe es eine Seite, bei der z.B. der Schütze sicherer wäre, dann könnte der Torwart diese Asymmetrie ausnutzen.

(2) Idealerweise wird die Richtung vor dem Schuss zufällig gewählt, wobei u.U. gewisse Richtungen mit höherer Wahrscheinlichkeit vertreten sein sollen.
(2a) Insbesondere die so genannt »natürliche« Seite sollte von einem Schützen häufiger gewählt werden (natürlich = die Seite des Fusses, mit dem er schießt).

Dann nämlich kann verhindert werden, dass eine Strategie für die Analysten des gegnerischen Teams erkennbar wird. Die Studien von Ignacio Palacio-Huerta zeigen, dass besonders erfolgreiche Spieler (er nennt Buffon und Zidane) sich gerade so verhalten, als würden sie die Richtung zufällig wählen.

(3) Wie diese Studie zeigt, wir die Mitte als Option von Torwarten offenbar systematisch unterschätzt und sollte häufiger in Betracht gezogen werden.

Und vielleicht zum Schluss noch eine sehr allgemeine Bemerkung, die bei diesen Untersuchungen eines »Nullsummenspiels« (Torwart und Spieler können gleich viel verlieren bzw. gewinnen - und immer wenn der eine verliert, gewinnt der andere) oft vergessen geht:

(4) Wenn man nicht aufs Tor schießt, trifft man sicher nicht.

Der Kontinent Afrika // Deutschland - Fussball, Rassismus und Nationalismus

Bei der Analyse von Cobra Verde (Werner Herzog, D 1989) wird ab und zu angemerkt, das Ende sei symbolisch für das Verhältnis von Afrika zu den Kolonialisten zu lesen:

Die zahllosen Kommentare zu Afrika während der Fussballweltmeisterschaft 2010 können ähnlich symbolisch gelesen werden. Zwar warnte Richard Reich in der NZZ Beilage zur Fussball WM vor Beginn dieser Veranstaltung:

Man muss nicht in hundertjähriger Welteroberer-Literatur graben, um auf lupenreinen Rassimus zu stossen. Dieser lauert auch 2010 noch überall.

Und tatsächlich: Der Ghanaer Hans Sarpei ist auf ARD plötzlich deshalb ein guter Verteidiger, weil er seit seiner Kinderheit die »deutschen Tugenden Ordnung und Disziplin«gelernt hat.

Ghana ist generell ein treffendes Beispiel: Die Rede davon, die Nationalmannschaft dieses Landes vertrete einen ganzen Kontinent, kann man kaum noch hören, auch wenn Sie nicht von Europäern geäußert wird. David Signer bringt das in der NZZ wie folgt auf den Punkt:

Nix «Heimspiel». Der Ivoirer kümmert sich im Allgemeinen einen Dreck darum, was in Kamerun geschieht, und die Südafrikaner halten sowieso alle andern für Wilde. Ein Nigerianer würde es kaum wagen, mit seiner Nationalflagge durch die Strassen Johannesburgs zu kurven: Seine Landsleute gelten dort allesamt als Drogendealer und Gangster, und falls sie einer geregelten Arbeit nachgehen: Umso schlimmer, dann nehmen sie den Einheimischen den Job weg.

Deshalb ist es auch so symbolisch wie falsch, wenn bei afrikanischen Mannschaften immer gesagt wird, »die Afrikaner«. Natürlich sagt man auch »die Asiaten«oder »die Südamerikaner« - aber Rassismus ist es doch, wenn einer Rasse gewisse Eigenschaften zugeschrieben werden, die dann wieder gewertet werden können.

Wie wenig solche Analysen den Fussball treffen, sieht man nur schon, wenn man die Herkunft der Spieler mal genau analysiert. Selbst in Nordkoreas Team findet sich ein Spieler, der für Japan, Südkorea oder Nordkorea hätte spielen können, und so geht es anderen Mannschaften auch: Der Argentinier Higuain wurde schon für Frankreichs Nationalteam nominiert, die Boateng-Brüder spielen in zwei verschiedenen Nationalmannschaften (Deutschland und Ghana), leben aber beide im nächsten Jahr in England.

Man darf sich also fragen: Was bedeutet es, dass alle zwei Jahre zu einem großen Fussballfest plötzlich die Nationen so viel Bedeutung erhalten? Dass man Fahnen montiert, sich T-Shirts überzieht und in Analysen Politik, Kultur und Geschichte so vermischt, dass plötzlich der Kick elf Männer auf einem Platz eine nationale Dimension bekommt?

Man kann sagen, dass es völlig harmlos sein, wenn die oben abgebildeten Bauarbeiter aus Ostdeutschland, die in der Schweiz leben, ihre deutsche Fahne montieren (Bild aus der Zeit, übrigens). Das ist doch noch ganz lustig, wie sich die Deutschen verkleiden, gar nicht ernst gemeint, und wenn schon habe die Flagge Deutschlands eine demokratische Symbolik.

Und andererseits kann man sich schon fragen: Warum sind gerade Menschen, die Grenzen überschritten haben, die täglich mit der Frage von Integration oder Ausschließung konfrontiert sind, die explizit nicht in Deutschland leben wollen, obwohl sie sicher dort leben könnten, warum kramen sie plötzlich die Symbole einer Nation hervor, der sie den Rücken gekehrt haben? Und kommt bei ihnen dann plötzlich nicht ein Gefühl auf, das etwas mit »wir« zu tun hat, und einem Gefühl der Überlegenheit über »die anderen« - obwohl niemand so genau sagen kann, wann man wir und wann man die anderen ist? (Vgl. dazu diese Geschichte aus der Morgenpost über die Deutschlandfahne in Neukölln.)

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Mein Vorschlag wäre: Schauen wir die Spiele an. Fiebern wir mit. Aber versuchen wir einen Moment lang zu vergessen, dass hier Nationen vertreten werden - weil dem nicht so ist. 11 oder 24 Männer mit ihren Betreuern repräsentieren kein Land, keine Nation, keine Grenzziehung, keine Kultur. Aber sie können Fussball spielen. Und auch wenn Sepp Blatter (nicht der Hund) in seiner Senilität, Eitelkeit und was auch immer diesen Mann noch zu einem wahnwitzigen Clown-Diktator im Anzug gemacht haben mag, auch wenn der meint, er habe einem Kontinent einen Dienst erwiesen, weil er ihn mit Fussball und Kommerz bedacht hat - es geht nicht um Kontinente und nicht um Politik oder Entwicklungshilfe. Sondern um Fussball - und wie man damit Geld verdienen kann.

Abschließend sei noch mal David Signer zitiert:

Millionen von barfüssigen Kindern in den Armenvierteln träumen davon, ein zweiter Eto’o oder Drogba zu werden. Wozu noch in die Schule? Besser auf einen weissen Scout warten, der einen ins Paradies nach Europa holt. In diesem Sinne ist Sepp Blatter kein Entwicklungshelfer, eher eine Art Rattenfänger von Hameln.

Die WM - und Pop-Nationalismus

Wir Heutigen kennen Langeweile als verscheuchte Langeweile. — Wilhelm Genazino

Morgen beginnt die WM - und wir werden wieder wissen, wie wir drei Wochen lang unsere Langeweile verscheuchen können. Fernseher an, Bier auf - und jeden Tag läuft etwas ganz Wichtiges am Fernsehen. Morgen um vier Uhr beispielsweise wird Südafrika gegen Mexiko antreten. Und wir werden gebannt hinsehen.

Die Frage, warum man sich denn ausgerechnet Südafrika gegen Mexiko anschauen soll, und ob denn jemand auch nur einen Spieler der beiden Mannschaften kennt, wird von Experten wie Laien weggewischt: Um Stimmung geht es. Um Dabeisein. Erinnerungen. Mitfiebern. Zusammensein. Lauter Gutes, das uns der Fussball bringt.

Fragte man aber noch etwas mehr nach Südafrika und Mexiko, so kämen wohl bald kulturelle Klischees: Die Südafrikaner sind doch die mit der Apartheid. Und die Mexikaner die mit den lustigen Hüten und Gitarren. Und Tacos essen die. Mit scharfer Sosse. Sowas, halt, kennen wir ja alle.

Und das ist noch der harmlose Teil. Wenn es dann um die Länder geht, für die man wirklich einsteht - Deutschland, die Schweiz, Italien, Spanien etc.: Dann geht es plötzlich um nationale Erfahrungen. Da werden Fahnen geschwenkt. Bei Twitter Avatare geschmückt. Trikots getragen. Autos eingefärbt. Etc. Und so locker das alles sein mag, so gern wie wir die fremden Menschen alle umarmen mögen, die mit uns für die gleiche Mannschaft waren; so rückständig ist es doch.

Nationen sind Konstruktionen, und es ist weder lustig noch zeitgemäß, so zu tun, als bedeute es etwas, SchweizerIn zu sein oder aber wenn die Schweiz ein WM-Spiel gewinnt. Beides bedeutet nichts über das hinaus, was es besagt: Einen Schweizer Pass haben. Ein Spiel gewinnen.

Und wenn das bei Deutschen eine besonders hässliche Fratze zu haben scheint, so spielt das doch gar keine Rolle: Weder barbeinige Brasilianerinnen noch der glatzköpfige Serbe sollen wegen eines Fussballspiels so stolz auf ihr Land sein, dass sie den Eindruck haben, ihre Nation sei »besser« als eine andere, die Mitglieder ihrer Nation sollten mehr Rechte haben als andere Menschen etc. Und all das sagt niemand, es geht ja schließlich nur um Fussball - und doch ist es mitgemeint.

Soviel Kritik bevors losgeht. Morgen bin ich dann auch mit dabei. Wenn auch ohne Fanshirt.