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Beiträge vom Juni 2010

Wie schießt man einen Penalty richtig?

Juni 30, 2010 · 5 Kommentare

Der Vorwurf an Blogs, mal wieder von Blog-Kritiker Bobby California geäußert, Printmedien nicht zu ersetzen, sondern nur wiederzukäuen, was diese schreiben, mag auf den ersten Blick auch auf diesen Beitrag zutreffen. Kaum schreibt die NZZ was über Penalties, nehme ich das Thema auf. Natürlich wusste ich schon was über Spieltheorie und Penalties und natürlich werde ich mich hüten, den Artikel wiederzukäuen - und doch sehe ich nicht wirklich, was das Problem daran sein soll, einen Hinweis auf einen Artikel zu garnieren oder mit einem Kommentar zu diesem Artikel zu garnieren: Schließlich will ich mit diesem Blog kein Geld verdienen und habe auch nicht den Anspruch, dass ihn die Leute statt der NZZ abonnieren sollen. (Zudem zeigt gerade dieser Artikel, dass die NZZ momentan neben der WoZ das einzige Schweizer Printmedium ist, für das man bezahlen sollte.)

* * *

Das gesagt zum Problem: Wie sollte man einen Penalty schießen? Grundsätzlich - so:

Der klassische Panenka war der entscheidende Penalty im Finale der EM 1976 - und offenbar der erste Penalty der so in die Mitte geschossen worden ist.

Die Spieltheorie des Penalties besagt:

(1) Der Schütze und die Torwart sollten eine Strategie wählen, bei der ihre Trefferquote unabhängig von der Richtung ihrer Richtungswahl ist.

Grund: Gäbe es eine Seite, bei der z.B. der Schütze sicherer wäre, dann könnte der Torwart diese Asymmetrie ausnutzen.

(2) Idealerweise wird die Richtung vor dem Schuss zufällig gewählt, wobei u.U. gewisse Richtungen mit höherer Wahrscheinlichkeit vertreten sein sollen.
(2a) Insbesondere die so genannt »natürliche« Seite sollte von einem Schützen häufiger gewählt werden (natürlich = die Seite des Fusses, mit dem er schießt).

Dann nämlich kann verhindert werden, dass eine Strategie für die Analysten des gegnerischen Teams erkennbar wird. Die Studien von Ignacio Palacio-Huerta zeigen, dass besonders erfolgreiche Spieler (er nennt Buffon und Zidane) sich gerade so verhalten, als würden sie die Richtung zufällig wählen.

(3) Wie diese Studie zeigt, wir die Mitte als Option von Torwarten offenbar systematisch unterschätzt und sollte häufiger in Betracht gezogen werden.

Und vielleicht zum Schluss noch eine sehr allgemeine Bemerkung, die bei diesen Untersuchungen eines »Nullsummenspiels« (Torwart und Spieler können gleich viel verlieren bzw. gewinnen - und immer wenn der eine verliert, gewinnt der andere) oft vergessen geht:

(4) Wenn man nicht aufs Tor schießt, trifft man sicher nicht.

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Der Kontinent Afrika // Deutschland - Fussball, Rassismus und Nationalismus

Juni 28, 2010 · 6 Kommentare

Bei der Analyse von Cobra Verde (Werner Herzog, D 1989) wird ab und zu angemerkt, das Ende sei symbolisch für das Verhältnis von Afrika zu den Kolonialisten zu lesen:

Die zahllosen Kommentare zu Afrika während der Fussballweltmeisterschaft 2010 können ähnlich symbolisch gelesen werden. Zwar warnte Richard Reich in der NZZ Beilage zur Fussball WM vor Beginn dieser Veranstaltung:

Man muss nicht in hundertjähriger Welteroberer-Literatur graben, um auf lupenreinen Rassimus zu stossen. Dieser lauert auch 2010 noch überall.

Und tatsächlich: Der Ghanaer Hans Sarpei ist auf ARD plötzlich deshalb ein guter Verteidiger, weil er seit seiner Kinderheit die »deutschen Tugenden Ordnung und Disziplin«gelernt hat.

Ghana ist generell ein treffendes Beispiel: Die Rede davon, die Nationalmannschaft dieses Landes vertrete einen ganzen Kontinent, kann man kaum noch hören, auch wenn Sie nicht von Europäern geäußert wird. David Signer bringt das in der NZZ wie folgt auf den Punkt:

Nix «Heimspiel». Der Ivoirer kümmert sich im Allgemeinen einen Dreck darum, was in Kamerun geschieht, und die Südafrikaner halten sowieso alle andern für Wilde. Ein Nigerianer würde es kaum wagen, mit seiner Nationalflagge durch die Strassen Johannesburgs zu kurven: Seine Landsleute gelten dort allesamt als Drogendealer und Gangster, und falls sie einer geregelten Arbeit nachgehen: Umso schlimmer, dann nehmen sie den Einheimischen den Job weg.

Deshalb ist es auch so symbolisch wie falsch, wenn bei afrikanischen Mannschaften immer gesagt wird, »die Afrikaner«. Natürlich sagt man auch »die Asiaten«oder »die Südamerikaner« - aber Rassismus ist es doch, wenn einer Rasse gewisse Eigenschaften zugeschrieben werden, die dann wieder gewertet werden können.

Wie wenig solche Analysen den Fussball treffen, sieht man nur schon, wenn man die Herkunft der Spieler mal genau analysiert. Selbst in Nordkoreas Team findet sich ein Spieler, der für Japan, Südkorea oder Nordkorea hätte spielen können, und so geht es anderen Mannschaften auch: Der Argentinier Higuain wurde schon für Frankreichs Nationalteam nominiert, die Boateng-Brüder spielen in zwei verschiedenen Nationalmannschaften (Deutschland und Ghana), leben aber beide im nächsten Jahr in England.

Man darf sich also fragen: Was bedeutet es, dass alle zwei Jahre zu einem großen Fussballfest plötzlich die Nationen so viel Bedeutung erhalten? Dass man Fahnen montiert, sich T-Shirts überzieht und in Analysen Politik, Kultur und Geschichte so vermischt, dass plötzlich der Kick elf Männer auf einem Platz eine nationale Dimension bekommt?

Man kann sagen, dass es völlig harmlos sein, wenn die oben abgebildeten Bauarbeiter aus Ostdeutschland, die in der Schweiz leben, ihre deutsche Fahne montieren (Bild aus der Zeit, übrigens). Das ist doch noch ganz lustig, wie sich die Deutschen verkleiden, gar nicht ernst gemeint, und wenn schon habe die Flagge Deutschlands eine demokratische Symbolik.

Und andererseits kann man sich schon fragen: Warum sind gerade Menschen, die Grenzen überschritten haben, die täglich mit der Frage von Integration oder Ausschließung konfrontiert sind, die explizit nicht in Deutschland leben wollen, obwohl sie sicher dort leben könnten, warum kramen sie plötzlich die Symbole einer Nation hervor, der sie den Rücken gekehrt haben? Und kommt bei ihnen dann plötzlich nicht ein Gefühl auf, das etwas mit »wir« zu tun hat, und einem Gefühl der Überlegenheit über »die anderen« - obwohl niemand so genau sagen kann, wann man wir und wann man die anderen ist? (Vgl. dazu diese Geschichte aus der Morgenpost über die Deutschlandfahne in Neukölln.)

* * *

Mein Vorschlag wäre: Schauen wir die Spiele an. Fiebern wir mit. Aber versuchen wir einen Moment lang zu vergessen, dass hier Nationen vertreten werden - weil dem nicht so ist. 11 oder 24 Männer mit ihren Betreuern repräsentieren kein Land, keine Nation, keine Grenzziehung, keine Kultur. Aber sie können Fussball spielen. Und auch wenn Sepp Blatter (nicht der Hund) in seiner Senilität, Eitelkeit und was auch immer diesen Mann noch zu einem wahnwitzigen Clown-Diktator im Anzug gemacht haben mag, auch wenn der meint, er habe einem Kontinent einen Dienst erwiesen, weil er ihn mit Fussball und Kommerz bedacht hat - es geht nicht um Kontinente und nicht um Politik oder Entwicklungshilfe. Sondern um Fussball - und wie man damit Geld verdienen kann.

Abschließend sei noch mal David Signer zitiert:

Millionen von barfüssigen Kindern in den Armenvierteln träumen davon, ein zweiter Eto’o oder Drogba zu werden. Wozu noch in die Schule? Besser auf einen weissen Scout warten, der einen ins Paradies nach Europa holt. In diesem Sinne ist Sepp Blatter kein Entwicklungshelfer, eher eine Art Rattenfänger von Hameln.

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iPad - eine Art Bilanz

Juni 22, 2010 · Hinterlasse einen Kommentar

Ich habe einen Vorschlag für einen Blogartikel: Du bist nun doch schon seit ein paar Wochen iPad Besitzer. Das wäre doch ein Zeitspanne, nach der man ein erstes Resümee ziehen könnte. Wie hat sich das iPad bewährt? Wozu nutzt du das iPad? Was gefällt dir? Wie unterscheidet sich deine iPad Nutzung von den Erwartungen, die du vor dem Kauf hattest?

Diese Aufforderung habe ich kürzlich erhalten - und da ich momentan etwas sporadisch blogge, was entweder der beruflichen Auslastung oder der WM oder beidem zuzuschreiben sein mag, nehme ich die Idee gerne auf.

In aller Kürze: Das iPad hätte ich nicht gebraucht. Ich trage es zwar fleißig mit herum, ertappe mich aber immer dabei, wie ich sowohl iPhone als auch MacBook Pro auch immer dabei habe. Grundsätzlich habe ich zwei Tendenzen festgestellt:

  • Medien (Zeitungen, Webseiten, RSS-Feeds, EBooks, Instapaper etc.) konsumiere ich kaum noch auf dem iPhone, sondern verwende immer das iPad.
  • Sobald ich die Tastatur brauche, und sei es auch nur, um ein Formular auszufüllen, benutze ich nie das iPad, sondern immer das MacBook. Nicht, weil die Tastatur schlecht wäre, sondern weil ich selten in einer Situation bin, wo ich das iPad hinlegen will und kann, um zu tippen.

Wozu brauche ich das iPad?

  1. Zum Lesen von Zeitungen (v.a. Newsnetz, obwohl man kaum von einer Zeitung reden kann). Generell würde ich gerne mehr Zeitung auf dem iPad lesen, v.a. die NZZ oder auch deutsche Zeitungen - bin aber nicht bereit, wie für den Spiegel gleich viel für eine Printausgabe zu zahlen. Ich würde für ein komplettes Jahresabo mit allen Inhalten 100 - 150 Franken zahlen (für die FAZ, die Süddeutsche oder eben die NZZ).
  2. Zum Lesen von Büchern, v.a. Klassikern. Total ärgerlich ist hier, dass Apple in der Schweiz noch keine kostenpflichtigen Titel bereitstellen kann.
  3. Zum Schauen von Videos. Im Gegensatz zum iPhone sehr gutes und großes Display, das aber bei Tageslicht unmöglich spiegelt.
  4. Während der WM schaue ich oft auch TV drauf (z.B. als Zweitscreen neben dem PC, oft auch für Twitter), aber generell schaue ich kein Fernsehen, also kein wirklich bedeutender Punkt.
  5. Als mobiles Internet- und Mailgerät; v.a. für einen Wochenendausflug, auf dem mir der Laptop zu schwer ist. Störend ist dabei, dass man gezwungen wird, Safari zu brauchen - ich benutze sonst Chrome und ab und zu Firefox, habe alle Passwörter darin abgelegt und lasse die Werbung blocken. Diesen Komfort vermisse ich auf dem iPad.

Fazit aber generell: Hätte ich es nicht mehr, das iPad - ich würds kaum vermissen. Neues iPhone oder iPad kaufen - meiner Meinung nach hands down das neue iPhone; schon nur wegen der Kamera. Soweit diese Bilanz - die noch um das ergänzt sein soll, was das Luxusmagazin «Z» so wundervoll formuliert hat (klicken, dann wirds schön groß):

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Anleitung: iPhone und iPad jailbreaken

Juni 17, 2010 · 7 Kommentare

Anleitung: Jailbreaken

Was ist jailbreaken? Grundsätzlich die Modifikation der Software auf Apple-Geräten (iPhone, iPod touch, iPad), so dass Programme und Dateien geladen werden können, die Apple nicht im AppStore zulässt.

Mit gewissen Methoden ist es zudem möglich, die Bindung des iPhones an bestimmte Mobilcarrier (Swisscom, Orange) zu umgehen, und das iPhone mit einer beliebigen SIM-Karte zu benutzen. — Diese Anleitung wurde auf Wunsch von Anonymous erstellt.

  1. Methode für einen dauerhaften Jailbreak aller Apple-Geräte inklusive iPad, unabhängig von der Firmware-Version:
    a) Voraussetzungen: iTunes Version 9, aktiviertes Gerät (iPhone), kein Jailbreak installiert
    b) Gerät synchronisieren mit iTunes
    c) Hier die richtige Version runterladen: http://spiritjb.com/ (Windwos, Mac oder Linux) und installieren
    d) Gerät anschließen und auf den Knopf drücken.
  2. Methode um iPhone unter einem anderen Carrier laufen lassen zu können:
    a) ist eine komplizierte Geschichte, abhängig von der aktuellen Firmware (geht einfacher mit Firmware 3.1.2 als 3.1.3) und vom Gerät (neueste Modelle 3GS erschweren den Jailbreak)
    b) deshalb: Möchte ich keine Verantwortung übernehmen und verlinke auf:
    c) Redsnow: http://wikee.iphwn.org/howto:rs9
    d) Pwnage-Toold: http://blog.iphone-dev.org/post/376648600/pre-game-show
    e) Kommentar: Beide ermöglichen m.E. brauchbare, aber aufwändige Jailbreaks. Mit jedem Update der Firmware sind aufwändige Updates verbunden, ich brauchte mit diesen Methoden jeweils bis zu einem Tag, um das Gerät wieder voll funktionstüchtig hinzukriegen.

Diese Informationen sind heute, 17. Juni 2010 aktuell. Das Erscheinen von OS 4.0 für mobile Apple-Geräte wird das ganze Spiel verändern.

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Die WM - und Pop-Nationalismus

Juni 10, 2010 · 9 Kommentare

Wir Heutigen kennen Langeweile als verscheuchte Langeweile. — Wilhelm Genazino

Morgen beginnt die WM - und wir werden wieder wissen, wie wir drei Wochen lang unsere Langeweile verscheuchen können. Fernseher an, Bier auf - und jeden Tag läuft etwas ganz Wichtiges am Fernsehen. Morgen um vier Uhr beispielsweise wird Südafrika gegen Mexiko antreten. Und wir werden gebannt hinsehen.

Die Frage, warum man sich denn ausgerechnet Südafrika gegen Mexiko anschauen soll, und ob denn jemand auch nur einen Spieler der beiden Mannschaften kennt, wird von Experten wie Laien weggewischt: Um Stimmung geht es. Um Dabeisein. Erinnerungen. Mitfiebern. Zusammensein. Lauter Gutes, das uns der Fussball bringt.

Fragte man aber noch etwas mehr nach Südafrika und Mexiko, so kämen wohl bald kulturelle Klischees: Die Südafrikaner sind doch die mit der Apartheid. Und die Mexikaner die mit den lustigen Hüten und Gitarren. Und Tacos essen die. Mit scharfer Sosse. Sowas, halt, kennen wir ja alle.

Und das ist noch der harmlose Teil. Wenn es dann um die Länder geht, für die man wirklich einsteht - Deutschland, die Schweiz, Italien, Spanien etc.: Dann geht es plötzlich um nationale Erfahrungen. Da werden Fahnen geschwenkt. Bei Twitter Avatare geschmückt. Trikots getragen. Autos eingefärbt. Etc. Und so locker das alles sein mag, so gern wie wir die fremden Menschen alle umarmen mögen, die mit uns für die gleiche Mannschaft waren; so rückständig ist es doch.

Nationen sind Konstruktionen, und es ist weder lustig noch zeitgemäß, so zu tun, als bedeute es etwas, SchweizerIn zu sein oder aber wenn die Schweiz ein WM-Spiel gewinnt. Beides bedeutet nichts über das hinaus, was es besagt: Einen Schweizer Pass haben. Ein Spiel gewinnen.

Und wenn das bei Deutschen eine besonders hässliche Fratze zu haben scheint, so spielt das doch gar keine Rolle: Weder barbeinige Brasilianerinnen noch der glatzköpfige Serbe sollen wegen eines Fussballspiels so stolz auf ihr Land sein, dass sie den Eindruck haben, ihre Nation sei »besser« als eine andere, die Mitglieder ihrer Nation sollten mehr Rechte haben als andere Menschen etc. Und all das sagt niemand, es geht ja schließlich nur um Fussball - und doch ist es mitgemeint.

Soviel Kritik bevors losgeht. Morgen bin ich dann auch mit dabei. Wenn auch ohne Fanshirt.

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Pokern - von Glück und Geschlicklichkeit

Juni 4, 2010 · Hinterlasse einen Kommentar

Die Pokerszene ist empört: Nun befindet doch das Bundesgericht tatsächlich, Poker sei kein »Geschicklichkeitsspiel« - sondern vielmehr ein »Glücksspiel«.

Basis ist das Unterscheidungskriterium der ESBK, der Spielbankenkommission, das wie folgt formuliert ist:

Ausserhalb konzessionierter Spielbanken ist das Glücksspiel um Geld oder geldwerte Vorteile in der Schweiz verboten, nicht aber das Geschicklichkeitsspiel. Deshalb kommt der Frage, ob ein Spielgewinn überwiegend vom Geschick oder vom Glück abhängt, eine zentrale Bedeutung zu.

Die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) prüft auf Gesuch hin oder von Amtes wegen, ob bei einem konkreten Spiel der Gewinn überwiegend durch den Zufall oder das Geschick des Spielers bestimmt wird. In der Praxis werden vor allem automatisierte Spiele beurteilt.

Diese Unterscheidung ist in Bezug auf kommerzielles Glück- bzw. Geschicklichkeitsspiel grundsätzlich sinnwidrig: Wenn es nämlich von meinem Geschick abhängt, ob ich ein Spiel gewinne oder verliere, dann spiele ich nur dann, wenn ich häufiger gewinne als verliere. Was wiederum bedeutet, dass niemand ein für mich attraktives Spiel anbieten wird (man sehe sich mal die in Bars aufgestellten Spielautomaten an).

Das Problem des Glücksspiels hingegen ist, dass viele Menschen sie spielen, auch wenn sie wissen, dass ihre Chance zu gewinnen kleiner ist als die Chance zu verlieren.

Der Gesetzgeber hat nun zwei Absichten:

  • Spielsüchtige und ihr Umfeld schützen
  • mit Glücksspiel Geld verdienen.

Dass sich diese beiden Absichten widersprechen, wird evident, wenn man sich mal in einem Automatenkasino in der Schweiz umsieht. Da gibt es nichts von einer glänzenden Glücksspielwelt, in der High Roller ihr Vermögen ein wenig vermindern - vielmehr sind es sozial schwache Menschen, welche das Geld verspielen, das sie nicht verspielen dürften. (Über die Argumente der Branche selbst habe ich mich hier schon einmal geäußert.)

Konsequent wäre entweder eine völlige Liberalisierung von Glücksspiel (gewisse Standards könnte man durchaus noch staatlich vorgeben, z.B. dass Kunden über die Gewinnchancen orientiert sein müssen) oder aber ein komplettes Verbot. Dazwischen - so finde ich - gibt es keine sauberen Lösungen.

Zurück zum Poker: Glück oder Geschick? Nur in vom Bund konzessionierten Betrieben - oder der kantonalen Gesetzgebung unterstellt?

Leute vom Schlage eines Rainer Kuhns sind da sehr schnell mit einer Antwort: Wäre Poker ein Glücksspiel, gäbe es keine Pokerprofis. Fertig. Wer auch immer eine andere Meinung vertritt, hat keine Ahnung von Pokern.

Ich habe sehr viel Poker gespielt und fast alles gelesen, was es an mathematischer Literatur über Poker gibt. Wie die meisten nicht-professionellen Pokerspieler würde ich aber sagen, dass sich meine Verluste und meine Gewinne die Waage halten: Und wie die meisten nicht-professionellen Pokerspieler würde ich dabei lügen. Wenn es nämlich Pokerprofis gibt, die sehr viel Geld verdienen - muss es Menschen geben, die sehr viel Geld verlieren mit Pokern.

Deshalb muss das Bundesgericht bzw. die ESBK sich nicht fragen, ob es für einen erfahrenen Profi ein Glücksspiel ist, das Pokern - sondern für die Frau von der Strasse. Und dann dürfte es nicht schwer sein, anzuerkennen, dass Glück ein zentraler Faktor ist.

Und zum Schluss möchte ich noch zwei Argumenten begegnen:

  • Pokerturniere sind unproblematisch, weil die Teilnahmegebühr begrenzt ist und sie nicht süchtig machen (so argumentiert bspw. Constatin Seibt): Wer Turniere spielt, spielt auch Cash-Games. Und Cash-Games unterliegen genau den gleichen Mechanismen wie jedes andere Glücksspiel: Sie machen süchtig.
  • Die alte Leier von den Arbeitsplätzen: Rührselige Storys wie diese zeigen uns, wie unmenschlich das Bundesgericht vorgeht, weil Menschen sogar Arbeitsplätze verlieren wegen dem Verbot. Rechtssprechung (so plötzlich dieses Urteil für gewisse Unternehmer erfolgen muss, so absehbar war, dass das Bundesgericht diese Entscheidung wird fällen müssen) orientiert sich nicht an Arbeitsplätzen. Legal ist nicht, was am meisten Arbeitsplätze schafft, sondern was dem Gesetz entspricht. Und das kann sich ändern - so schade das für die Angestellten und die Unternehmenden sein mag.

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Kinderpornographie - eine Bilanz

Juni 2, 2010 · 17 Kommentare

Mein gestriger Post wurde erfreulicherweise eifrig diskutiert - teilweise auch eher aggressiv:

Wenn Sie Kinderpornos schönreden, sind Sie in meinem Augen mitverantwortlich dafür, dass Kindern Gewalt angetan wird. - Bobby California

Um das noch einmal zu betonen: Ich will Kinderpornographie nicht schönreden, sondern eine Diskussion führen, ober der gesellschaftliche Umgang damit vernünftig ist oder nicht. Ich habe explizit eine Position zur Debatte gestellt und bin offen für Korrekturen und andere Meinungen: Nicht aber für den Vorwurf, ich hege Sympathien für Produzenten oder Konsumenten von Kinderpornographie. Aber auch wenn man etwas falsch findet, darf man sich dazu ein paar Fragen stellen - ohne sich gleich einem Vorwurf aussetzen zu müssen.

In diesem Sinne möchte ich einige (subjektiv wahrgenommene) Ergebnisse noch einmal aufnehmen:

  1. Kinderpornographie (im Folgenden KP) ist, wenn sie Abbild realer Kinder ist, immer zu verbieten: Weil ein Kind nicht einwilligen kann, so abgebildet zu werden resp. niemand für das Kind diese Entscheidung fällen kann (anders als Bsp. bei medizinischen Behandlungen).
  2. KP kann aber heute auch virtuell hergestellt werden, d.h. gezeichnet und animiert. Für virtuelle KP gelten andere Überlegungen.
  3. Grundsätzlich kann man heute (und v.a. in Zukunft) nicht mehr unterscheiden, ob 1. oder 2. vorliegt.
  4. Auch wenn der Konsum und der Besitz von KP im Falle von 1. zu verbieten ist, so findet im Bezug auf KP eine Stigmatisierung Pädophiler statt, wie sie in diesem Ausmass problematisch ist: Sehr wenige Konsumenten von KP neigen zu Übergriffen, wie Markus Graf in seinem differenzierten Post belegt.
  5. Der Umgang mit KP zeugt in verschiedenen Bereichen von einem double standard: Mit anderen Formen von Pornographie sind in einem vergleichbaren Ausmass negative Effekte für Darsteller und Darstellerinnen verbunden (und sie müsste gleichermassen als Problem in Hinsicht auf sexuelle Gewalt stigmatisiert werden, wäre man konsequent) - dennoch gilt ein Verbot von Pornographie als rückständig und als eine Beschneidung der Meinungsäußerungsfreiheit.
  6. Zu 4.: Viele pornographische Produkte werben damit, Frauen zu verwenden, die »barely 18« etc. sind. Nun kann man sich sagen: Da sich in der Schweiz auch 16-jährige prostituieren dürfen, dürfen sie wohl auch in Pornos mitmachen, also könnte man die Altersgrenze auf 16 Jahre ansetzen. Nun könnte aber auch eine 15-Jährige aussehen wie eine 16-Jährige, oder gar eine 14-Jährige: Wo und wie gibt es für den Konsumenten von harter Pornographie da eine feste Grenze?
  7. Ein weiterer Fall von double standard, den Anna in die Diskussion eingebracht hat: Der »Konsum« von Prostitution müsste gleichermassen verboten werden, wollte man ehrlicherweise verhindern, dass Menschen Opfer sexueller Gewalt werden. Ähnlich habe ich mich schon in diesem Post damit auseinandergesetzt.
  8. KP zeigt auf, inwiefern im Feld der Sexualität Grenzen zwischen Legitimität und Illegitimität gezogen werden. Sexualität ist immer mit Unsicherheit verbunden: Mein Begehren ist etwas dermassen Subjektives (und Unkontrollierbares), dass ich mich nur sehr schwer seiner sozialen Akzeptanz versichern kann. Also hilft es mir, wenn ich mich deutlich abgrenzen kann. Sexualität ist auch in Westeuropa eine normierte: Die Norm ist, dass ein Mann eine oder mehrere gleichaltrige oder jüngere Frauen begehrt, eine Frau hingegen einen gleichaltrigen oder älteren Mann. Nun gibt es Bereiche, die aus dieser Norm ausscheren, aber einmal zur Norm werden könnten: Und es gibt vollkommen illegitime. Und zu denen gehört Pädophilie.
  9. Der Umgang mit dem Illegitimen ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Toleranz wird immer dann zu einer Herausforderung, wenn man sich nicht vorstellen kann, das zu tun was andere tun. Es liegt mir fern, hier ein Rezept anzugeben, wie man mit Pädophilen umgehen soll - dazu habe ich auch keine Berechtigung: Aber die Vorstellung, Pädophile müssten registriert, markiert und für immer weggeschlossen werden irritiert mit zutiefst. (Noch einmal: Ich will nicht, dass sich ein Pädophiler an einem Kind vergreift. Und verbitte mir, dass meine Worte so interpretiert werden.)
  10. Ich wünsche mir weiterhin so viele konstruktive Feedbacks.

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In eigener Sache

Juni 1, 2010 · 6 Kommentare

Ich habe meine Blogroll geupdatet und möchte hier auch noch auf die neu aufgenommenen Blogs hinweisen:

  • Nation of Swine
    Der Blog der beiden Journalisten Carlos Hanimann und Daniel Ryser - viel Musik, viele Interessen, Fussball und Fussballfans. Jeder Post eine Überraschung, jeder Post hat Qualität.
  • Journalistenschredder
    Ein lebendiger Blog, der eine breite Palette von Medien kritisch liest und immer wieder Diskussionen eröffnet.
  • Substanzielles aus Politik und Medien
    Der Titel sagt schon, um was es geht - ein offener Blog, der sich für Meinung anderer interessiert und sorgfältig Standpunkte darlegt.
  • wahrscheinlich
    Ich versteh den Titel etwas ironisch, als Kommentar, was da teils mit einem Augenzwinkern, teils mit bitterem Ernst gezeigt wird - oft was Kleines, oft was Überraschendes (z.B. dieses Video über die »Evolution der Empathie«).
  • Gesellschaft, Behinderung und die Invalidenversicherung
    Über ein medial sehr eingeengt behandeltes Thema, die IV und den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung, wird tiefgründig und intelligent berichtet. Immer lesenswert.
  • Antje Schrupps Blog
    Feministische Themen mit Tiefgang, Weitblick und absolut zeitgemäss dargelegt.
  • Zum Schluss noch ein Blog, das schon immer in meiner Blogroll war: Zeitgenossinnen
    Es geht immer mal wieder um Gender, um sozialen Zusammenhalt, um Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit - und dann wieder um Poetisches; manchmal aus der Sicht einer Migros-Kassiererin.

Und dann möchte ich noch auf zwei Kommentare hinweisen, die ich heute zu interessanten Artikeln hinterlassen habe: Hier und hier (Video sehr sehenswert…).

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Legalize it? - Kinderpornographie

Juni 1, 2010 · 27 Kommentare

In der Auseinandersetzung der Ruhrbarone mit Jörg Tauss (bzw. umgekehrt) ist mir mal wieder bewusst geworden, dass Kinderpornographie so ziemlich das letzte Tabu ist, das es noch gibt. Man kann auf seinem Computer allerhand tun - sobald man aber Kinderpronos visioniert, hat man ein größeres Problem.

Warum eigentlich? Jede der Argumentationen wird darauf rauslaufen, dass Kinderpornographie deshalb verboten werden muss (und auch tabuisiert), weil letztlich Kinder gegen ihren Willen zu Schaden kommen - und man das verhindern muss. Dagegen ist nichts einzuwenden - auch wenn dieses Argument offenbar bei anderen pornographischen Produkten niemanden zu interessieren scheint.

Nun kann man sich fragen: Bewirkt das Verbot des Konsums (und seine Tabuisierung), was es soll?

Meiner Meinung nach - und ich höre mir gerne Gegenargumente an - nicht. Tauglich wäre ein ähnliche Praxis, wie sie bei Betäubungsmitteln zur Anwendung gelangt: Verkauf, Handel, Distribution und Produktion sind streng verboten - der Konsum hingegen nicht.

Nun könnte man einwenden, dass eben gerade über die Kinderpornographie Pädophile identifiziert und aus dem Verkehr gezogen werden können. Dieses Argument impliziert, dass wer einen Straftatbestand auf einem Medium konsumiert, mutmasslich diesen Straftatbestand auch begeht. Diese Implikation scheint mir grundsätzlich verkehrt zu sein, noch vielmehr in Bezug auf Kinderpornographie: Wäre sie nicht vielmehr ein Mittel für Menschen mit pädophilen Neigungen, gerade nicht zum Opfer (bzw. Täter) dieser Neigungen zu werden? (Den Einwand, dass gerade die mediale Auseinandersetzung mit pädophilen Handlungen auch Phantasie anregen kann, nenne ich schon einmal - ich gestehe: Dazu kenne ich keine Studien und keine harten Fakten).

Vor der Diskussion noch ein Disclaimer: Ich bin für alle Massnahmen, mit denen verhindert werden kann, dass Kinder Opfer von sexueller Gewalt werden (außer für höhere Strafen und mehr Stigmatisierung für Täter, wie ich bereits mehrmals dargelegt habe): D.h. wer Kinder betreut, soll professionell arbeiten müssen, grundsätzlich dem Vier-Augen-Prinzip unterstellt sein etc.

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