Gibt es eine schweizerdeutsche Rechtschreibung?

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Wen man (junge) Menschen fragt, warum sie für persönliche Kommunikation in SMS, Mails etc. Mundart vorziehen, antworten sie meist, weil es keine Rechtschreibung gebe. Stimmt das?

Nein. Und: Ja. Der Reihe nach.

Nein, es stimmt nicht: Es gibt eine Rechtschreibung für Dialekt.

Es gibt sogar mehr als eine. Grundsätzlich kann man zwei Tendenzen unterscheiden:

  • Eine Orientierung an der Standardsprache (z.B. »viel« statt »viil«). Diese Richtung wird von Werner Marti vertreten, das Standardwerk ist seine Bärndütschi Schrybwys.
  • Eine Orientierung an der Aussprache. Diese Richtung wurde von Eugen Dieth vertreten, sein Standardwerk ist die Schwyzertütschi Dialäktschrift von 1938.

Dieths Regeln sehen dann wie folgt aus:

Schryyb wie de schwäzesch! (Ooni ùf di hoochdydsch Räächdschryybig gluegd)

  1. Zwische lange ùn chùùrze Sälbschdlud wird ùnderschiide.
  2. Zwische gschlosene ùn ùfige Sälbschdlud wird ùnderschiide.
  3. Zwische schwache ùn schdaarge Midlud (Lenes ùn Fortes) wird ùnderschiide.

Die Regelung hat durchaus praktische Auswirkungen: In vielen Büchern von Schweizer Schriftstellern (z.B. von Dürrenmatt oder Mundartdichter wie Werner Marti), gibt es Passagen in Mundart, welche verschriftlicht werden müssen. Dafür braucht es eine Regelung.

Ja, es stimmt: Es gibt keine Rechtschreibung fürs Schweizerdeutsche.

Rechtschreibung ist eine Norm. Gesellschaften brauchen Normen, um die Vielfalt von Verhaltensweisen einzuschränken und mit Erwartungen koppeln zu können (wüsste ich nicht, wie man sich in einer Gesellschaft begrüßt, könnte ich kein Begrüßungsritual erwarten und wäre damit überfordert, auf eine der möglichen Gesten zu reagieren).

Normen gibt es auf drei Ebenen:

  1. Als Regelwerk (Kodex, z.B. das ZGB oder das OR).
  2. Dadurch, dass sie von jemandem durchgesetzt werden (einer Instanz, z.B. der Polizei).
  3. Dadurch, dass sie gebraucht werden (von Gruppen, z.B. Begrüssungen oder Mode).

Nun gibt es zwar mehrere Regelbücher für die schweizerdeutsche Schriftweise, aber in der privaten Kommunikation weder eine Instanz, die sie durchsetzt, noch ein normierter Gebrauch. Wer von der Norm abweicht, wird weder darauf aufmerksam gemacht noch »bestraft«. Christiane Stieger schreibt als Fazit einer Untersuchung zum Umgang mit verschriftlichtem Schweizerdeutsch (Zeitschrift Schweizerdeutsch, pdf):

[Es] wird doch deutlich, dass sich «Laien»-Schreiber nicht um festgelegte Schreibregeln, wie sie Marti oder Dieth aufstellen, kümmern; ohne Kenntnis derselben halten sie sich rein intuitiv mal an das eine, mal an das andere Prinzip, wechseln hin und her oder mischen sie, manchmal sogar innerhalb eines Wortes – wichtig scheinen lediglich Dialektsignale und Lesbarkeit.

Oder anders gesagt: Es gibt eine Rechtschreibung für Schweizer Dialekte - aber sie wird im Alltagsgebraucht nicht beachtet.

(Wer sich dafür interessiert, kann hier nachlesen, wie der Bund die Schreibweise von Ortsnamen auf geographischen Karten regelt - und sehen, dass es durchaus Verwendung für Regeln gibt.)

Hier die Rechtschreibungsregeln von Marti in der Übersicht, ebenfalls aus der Zeitschrift Schweizerdeutsch (pdf):