Gestern hat Patrick Beuth auf Zeit Online eine wichtige Feststellung kommentiert: Privatsphäre, ein klassisches Freiheitsrecht, wird von Menschen freiwillig abgegeben, wenn sie dafür eine - oft kleine - Entschädigung erhalten. Er zeigt das an den verschiedenen Programmen zur Kundenbindung oder Produkteverbesserung, die für den Verzicht auf ein grundlegendes Recht, nämlich selber bestimmen zu dürfen, was mit persönlichen Daten geschieht, einen finanziellen Ausgleich anbieten.
Beuth fordert zum Gedankenexperiment auf, ob man auch auf andere oder weiter gehende Einschränkungen von Freiheitsrechten für Geld verzichten würde:
Wie günstig muss Ihre Berufsunfähigkeitsversicherung werden, damit der Versicherer bestimmen darf, welchen Beruf Sie auszuüben haben? Wie viele Bratpfannen müsste ein Kaufhaus Ihnen geben, damit es Ihre Wohnung abhören darf? Wie viel Geld würde es mich kosten, damit Sie Ihre Meinung zu diesem Artikel für sich behalten?
Diese Experimente gibt es ja tatsächlich schon im Privatfernsehen: Dort verzichten Menschen für Geld und Aufmerksamkeit auf grundlegende Rechte: Körperliche Integrität, Würde, Bewegungsfreiheit und natürlich besonders Privatsphäre. Was einst Big Brother war wurde zu einer ganzen Serie von Formaten, wo einem großen Publikum gezeigt wird, wie wenig Wert solche Rechte haben.
Man kann diese Entwertung auch in einen anderen Kontext einordnen: Die Bekämpfung von Terrorismus wurde zum Vorwand genutzt, die Rechte von Staaten beliebig auszubauen. Freiheitsrechte waren ursprünglich gedacht als Abwehr gegen einen Staat, der ein Gewaltmonopol beansprucht. Wenn ich darauf vertrauen muss, dass nicht ich selber für meine Sicherheit und meinen Schutz verantwortlich bin, dann muss ich bestimmte Rechte haben, die nicht eingeschränkt werden können.
Dieser Gedanke ging auf Druck verschiedener Bewegungen verloren: Arbeitgeber wollen über Arbeitskräfte frei verfügen, gesellschaftliche Transfers fordern einen lückenlosen Zugriff auf die Einkommens- und Vermögensverhältnisse, die Forderung nach kompletter Sicherheit sieht jede Person als potentielle Bedrohung und beschneidet deshalb ihre Rechte, neue Medien scheinen Verbrecherinnen und Verbrechern so effiziente Mittel in die Hände zu geben, dass alle Kommunikation überwacht werden muss.
Die Reaktion darauf ist eine spießbürgerliche, fast feige: Es gibt keinen systematischen Widerstand, kaum eine politische Bewegung setzt sich für den Wert und den Schutz der Privatsphäre ein. Vielmehr wird Menschen suggeriert, sie könnten ihre Privatsphäre mit einer Schutzfolie auf ihrem Notebook und einem Verschlüsselungsalgorithmus in ihrem Cloud-Speicher sichern oder ihre Sicherheit gewährleisten, wenn sie spezielle Fensterscheiben und -rähmen montierten.
Der Fokus wendet sich ins Private: Als bedrohlich werden die Nachbarn und die Fahrenden aus dem Osten erlebt, nicht die großen Player: Unternehmen und Staaten, denen fast uneingeschränkte Eingriffe in unser Leben möglich sind. Die USA verhaften Menschen jeder Nationalität in jedem Land und foltern sie in Gefängnissen, die niemand kennt. Bei jeder Verhaftung in der Schweiz werden sämtliche Daten von Verdächtigten routinemäßig durchsucht. Alleine die Benutzung unserer Handys und unserer Bankkarten ermöglichen allen, die daran ein Interesse haben, eine fast lückenlose Dokumentation unseres Lebens, dass man über die Angst, der Coop könnte aufgrund unserer Schampoo-Vorliebe etwas über unsere Schuppenprobleme herausfinden, nur müde lächeln kann.