JRZ: Beanstandung bei der Ombudsstelle von SRF

Eben habe ich mich bei der Ombudsstelle über die Aktion »Jeder Rappen zählt« beschwert. Grund für die Beschwerde ist folgende Überlegung: Die staatliche Finanzierung von Medien ist in ihrer Form und in ihrer Begründung äußerst umstritten. Der Medienwandel lässt immer problematischer erscheinen, dass Radio und Fernsehen staatlich finanziert werden. Zudem halte ich es für stossend, dass die Unterhaltung der Zielgruppe von SRF mit Steuergeldern finanziert wird; die Unterhaltung vieler anderer Menschen nicht. Unterhaltung ist nicht Aufgabe des Staates. Aus diesen Gründen liegt mir an einer schlanken Interpretation des Auftrags. Ein jährlich wiederkehrendes, schon länger stark kritisiertes Projekt, das nicht auf einem klaren Auftrag besteht, sollte geprüft werden, finde ich.

jrz

Hier ein Auszug aus der Beschwerde:

Im Zusammenhang mit »Jeder Rappen zählt« möchte ich mich über zwei Aspekte der Sendungen im Rahmen dieser Sammelaktion beschweren.

Erstens entspricht die Aktion und die damit verbundenen Sendungen meines Erachtens nicht dem Auftrag von SRF gemäß Art. 93 BV. Die Hauptfunktion, Spenden für ein Hilfsprojekt zu sammeln. ist nicht Aufgabe von SRF.

Problematisch erscheint mir das insbesondere, weil hier ein staatlich finanzierte Akteur mit starker medialer Präsenz Hilfswerke und NGOs konkurrenziert, die in Hilfsprojekten langjährige Erfahrung haben.

Zweitens ermöglicht die Sendung Privaten und Unternehmen, sich über Spenden zu profilieren. Dabei handelt es sich meiner Meinung nach klar um Schleichwerbung und unterschwellige Werbung, die gemäß Art. 10, Abschnitt 2 RTVG untersagt sind.

 

Kotzen, motzen, helfen - eine Reprise

Alice Gabathuler schreibt in einem Kommentar zu meinem JRZ-Post:

[…] wichtig ist doch, dass etwas getan wird. Während unsere Politiker fleissig Entwicklungshilfegelder sparen, tun viele Leute wenigstens was. Allen einfach nur „Marketing“ oder „sich gut fühlen zu wollen“ zu unterstellen, ist so was von billig. Natürlich geht es auch um PR. Aber wenn sie ihren (guten) Zweck erfüllt: Warum nicht. Federer und Nadal haben über 2 Millionen zusammengebracht. Geld, mit dem man Sinnvolles tun kann.

Kotzt ihr dann ruhig mal weiter. Ich freue mich darüber, dass irgendwo in einer Schule in Afrika ein Kind eine Ausbildung erhält, irgendwo in Asien ein Kind keine Kinderarbeit mehr machen muss.

Und in einem Tweet an mich heißt es:

Und das stimmt: Wenn man rein die Wirkung dieser Handlungen anschaut so haben JRZ und Federer vs. Nadal-X-Mas-Edition viel mehr Wirkung als kritische Blogposts, und die Notleidenden kümmert es letztlich nicht, auf welche Art und Weise das Geld gesammelt worden ist, mit dem ihr Leben verbessert wird.

Das aber war nicht meine Perspektive in meinem Post - aber ich will mich nicht wiederholen, sondern zwei Bemerkungen anfügen:

  1. Zum Kotzen finde ich nicht die SchülerInnen, welche für JRZ Kuchen verkaufen oder ihr Taschengeld spenden; und auch nicht die Tennisbegeisterten, welche viel für ein Ticket zahlen und wissen, dass das Geld einem guten Zweck dient. Zum Kotzen finde ich die Marketingmaschine der Swisscom, von Ringier, von SF, von DRS etc., eine Marketingmaschine, welche von Menschen getragen wird, die entweder nicht sehen oder nicht sehen wollen, dass diese Maschine nichts tut, von dem sie sich keinen Mehrwert verspricht. Sprich: Die armen Kinder in Asien und Afrika werden in ihrem Elend dazu benutzt, dass die Leute mehr telefonieren, ein neues Handy kaufen und mehr Medien konsumieren. Und das ist doch zum Kotzen, oder nicht?
  2. Ein Zitat von Adorno aus einem Gespräch mit Arnold Gehlen (vgl. dazu auch diesen Zeit-Essay):

    Ich habe eine Vorstellung von objektivem Glück und objektiver Verzweiflung, und ich würde sagen, daß die Menschen so lange, wie man sie entlastet und ihnen nicht die ganze Verantwortung und Selbstbestimmung zumutet, daß so lange auch ihr Glück in dieser Welt Schein ist.

    Die Menschen werden durch diese Aktionen entlastet - sie haben das Gefühl, es reiche, ein paar Franken zu spenden und Radio zu hören, oder aber sich gemütlich einen Tennismatch anzusehen. Dieses Helfen tut nicht weh und es erlaubt einem, die Augen vor der - auch in der Schweiz präsenten - Not zu verschließen. Dies hat auch »Sie kam und blieb« schon deutlich formuliert:

    Ist es tatsächlich euer Ernst, dass ihr euch solidarisch fühlt, indem ihr… […]

    …bei einer Ersteigerung von einem dekadentem Cüppli-Date mit Mister Schweiz zugunsten von hungernden Kindern mitmacht?
    …in der Mittagspause schnell beim Bundesplatz vorbeigeht und ein 20er-Nötli den Schlitz runterlässt (und die Gelegenheit grad noch rasch nutzt, um mit dem I-Phone die bärtigen Radiohelden und deren C-Klasse-Superstar-Interviewpartner zu fötelen) und dabei die Obdachlosen, an denen ihr vorbeigeeilt seid, wie immer ignoriert (ist ja schon chli unangenehm, Menschen, denen es elend geht, direkt gegenüber zu stehen, dann lieber ein 20er-Nötli für die armen Kinderlein weit weg, deren traurigen Blick ich wegklicken kann, wenn ich grad keine Lust hab)?

Noch einmal JRZ - »Fundraising« und »Gegenaktion«

Vorgestern habe ich kurz notiert, warum die die Aktion »Jeder Rappen zählt« zum Kotzen finde - und nicht nur die Aktion, sondern vor allem auch die damit verbundenen Aktionen wie die von @leumund (Money-Quote: »Ehrlich gesagt, ich hatte in keiner Weise darüber nachgedacht dass mir jemand ankreiden würde damit mehr Follower zu generieren.«) und von TrittbrettfahrerInnen. Dies habe ich nicht nur aus einer persönlichen Befindlichkeit notiert, sondern theoretisch auch etwas illustriert - insbesondere festgehalten, dass »helfen« nicht ein Marketingprojekt sein soll und darf, sondern eine Pflicht ist für uns.

Die Reaktion der Betroffenen enthielt ungefähr drei Aspekte:

  • Solange man »hilft«, darf man alles.
  • So geht eben »Fundraising«.
  • Mach doch eine Gegenaktion.

Die Gegenaktion müsste natürlich wie folgt aussehen:

Gerade so setzt sie sich aber derselben Kritik aus, die ich in meinem Blogpost formuliert habe.

Zu den anderen beiden Punkten: »Fundraising« habe ich in meinem Austauschjahr in den USA erlebt. Wir haben in der High School damals mit schöner Regelmäßigkeit saure Gurken, M&Ms oder industrielle Backwaren verkauft, um für irgendein Projekt irgendwelche Funds zu raisen. Natürlich geht das. Man überredet Leute, etwas zu tun, was sie nicht tun würden, wenn man sie nicht überreden würde - und verhilft ihnen dafür im Fall von JRZ zu etwas Aufmerksamkeit.

Ich habe nicht gesagt, dass man sowas verbieten sollte. Aber ich bin überzeugt, dass das niemand zu einer besseren Person macht und man sich auf so gespendete Franken an JRZ nichts einbilden darf und soll.

Eine »Gegenaktion« müsste sich von all diesen verqueren moralischen Vorstellungen lösen und darin bestehen, dass man es mit sich selber vereinbart, vom steuerbaren Einkommen im nächsten Kalenderjahr mindestens 10% zu spenden. Dazu als Input der streitbare Peter Singer:

Das Magazin: Wie könnte man die psychologischen Barrieren abbauen, die uns hindern, Unbekannten zu helfen?
SINGER: Oft braucht es nur einen kleinen Schubs. Wie beim Organspenden. In Deutschland sind lediglich zwölf Prozent der Bevölkerung als Organspender registriert, in Österreich 99,98 Prozent. Der Grund ist einfach: In Österreich ist man automatisch Organspender. Will man es nicht sein, muss man dies ausdrücklich kundtun. In Deutschland ist es genau umgekehrt.
Das Magazin: Also eine Art obligatorische Entwicklungshilfe, ein Lohnabzug oder eine Steuer?
SINGER: Manche Banker machen das — Bear Stearns etwa, bevor das Institut in der Finanzkrise an JPMorgan ging. Rund tausend der höchstbezahlten Angestellten waren verpflichtet, vier Prozent ihres Einkommens und Bonus an Non-Profit-Organisationen zu spenden. Sie mussten ihre Steuererklärung vorlegen zum Beweis, dass sie es getan hatten. Es war Teil der Unternehmenskultur — 2006 gingen so 45 Millionen Dollar an die Wohlfahrt. Goldman Sachs macht etwas Ähnliches, Google ebenso.
Das Magazin: So werden Banker plötzlich zu Vorbildern.
SINGER: Wenn aus Grossunternehmen, Universitäten und anderen Institutionen ein Prozent der Saläre Organisationen gespendet würden, welche die Weltarmut bekämpfen, würde das nicht nur Milliarden von Dollar bereitstellen. Es würde auchdie Angestellten zu mehr Generosität bewegen. Wer nicht mitmachen will, muss nicht. Doch es sollte als normales Verhalten gelten, dass man spendet — und nicht, dass man es nicht tut.

Die Obszönität des Helfens - Warum »Jeder Rappen zählt« zum Kotzen ist

Die staatlichen Medien der Schweiz organisieren dieses Jahr zum zweiten Mal einen Spendenaufruf unter dem Titel »Jeder Rappen zählt«. Ziel ist - um es auf den Punkt zu bringen - die ertragreichste Zeit der etablierten Hilfswerke zu nutzen, um ihnen mit einem Medienspektakel, das von den Gebührenzahlenden finanziert wird, die Mittel zu entziehen. Das an sich ist zum Kotzen.

Das ist der Song zu dieser Aktion. Auch der - zum Kotzen.

Und das größte Problem ist die kapitalistische Inszenierung des Helfens. Ein Bewusstsein für die Ungerechtigkeit, die darin besteht, dass wir ein Leben auf Kosten anderer Menschen führen, dass wir also nicht helfen können, um noch bessere Menschen zu sein, sondern helfen müssen, wenn wir überhaupt einen Rest Anstand in uns verspüren - sowas liegt jenseits des Horizonts dieser Aktion.

Dazu kann man gut noch einmal Lukas Bärfuss lesen:

Die Motive der Ausbeutung sind nicht kompliziert. Gier ist nicht kompliziert, Verschwendung ist nicht kompliziert, Gleichgültigkeit ist nicht kompliziert. Mord und Vertreibung sind nicht kompliziert. Im Gegenteil: Sie bezeichnen die grösstmögliche Vereinfachung der menschlichen Existenz – die Reduktion auf Gewinn und Verlust. Genauso wenig komplex ist unsere eigene Verstrickung, zum Beispiel in jenes Morden im Kongo, dem grössten Massaker seit dem Zweiten Weltkrieg. Unsere Interessen liegen offen zutage.

Kompliziert ist alleine die Verwirrung, in die uns diese Mitverantwortung führt. Kompliziert ist, dass wir einsehen, wie ungerecht der Wohlstand verteilt ist und dass wir gleichzeitig kaum bereit sind, etwas daran zu ändern. Kompliziert ist, dass wir unsere eigene Verantwortung abschieben auf ein System. Kompliziert ist, dass wir glauben, Freiheit besitzen zu können.

Oder aber Slavoj Žižek:

Es ist eine Sache zu sagen: «Lasst uns hungernden Kindern helfen.» Etwas ganz anderes aber ist es zu sagen: «Ist es nicht wunderbar, wie gut man sich fühlt, wenn man hungernden Kindern hilft?» Und das hasse ich. Diese Selbstgerechtigkeit. Starbucks verkündet: «Wenn Sie bei uns einen Cappuccino kaufen, ist er teurer, weil Sie nicht nur den Cappuccino kaufen, sondern auch die Ethik, denn ein Teil des Gewinns geht an…»
[…] Schön, dass wir nicht mehr gegen Konsum sein müssen. Konsum selbst wird zum Kampf, für Ökologie, Antirassismus, was auch immer. Diese Verlogenheit hasse ich.

Diese Verlogenheit finde ich bei Unternehmen auch zum Kotzen - kann mir aber vorstellen, dass findige MitarbeiterInnen irgendwie Ideen generieren müssen, mit denen man Kunden noch mehr Geld abknöpfen kann, und wenn man ihnen vorgaukelt, etwas für bedürftige Kinder tun zu wollen. Bei Personen, die solche Aktionen nutzen, um ein paar Follower/Freunde zu generieren, aber noch viel mehr. Ich hätte nicht übel Lust gehabt, auf dieses Angebot mit einem Gegenangebot zu reagieren - denke aber, die Aktion disqualifiziert sich selbst.

Begriffe wie Kotzen verwende ich in diesem Blog sonst selten - ich entschuldige mich dafür. Um es noch einmal festzuhalten: Es geht mir nicht primär um das Motiv, weshalb man hilft. Oder wem man hilft. Sondern um den Eindruck, als sei helfen Teil eines Marketingspiels, Teil unserer Freiheit, Teil unseres Images - und nicht unsere Pflicht. Weil wir nichts von dem, was wir jeden Tag genießen, verdient haben.