Ich beziehe mich im Folgenden direkt auf die Freidenker (Freidenker-Vereinigung der Schweiz), weil diese Bewegung meines Erachtens für einen etwas widersprüchlichen Trend steht, den ich kurz kommentieren möchte.
Eine aufgeklärte Haltung besteht meines Erachtens in der Einsicht, dass alleine die Art (oder der Name) eines Glaubens eines Menschen keine Grundlage für ein Urteil über ihn ist, sondern dass vielmehr die Handlungen eines Menschen beurteilt werden sollen. Wenn also Menschen beispielsweise beten, dann kann ich als aufgeklärter Mensch beispielsweise sagen, dass ich nicht verstehe, warum sie beten, oder anmerken, dass ich nicht an die Wirkung von Gebeten glaube. Aber ich bin nicht berechtigt, sie wegen des Betens anzugreifen, zu beleidigen oder sie lächerlich zu machen.
Diese Haltung ist ein Resultat der fundamentalen Einsicht, dass wir alle an viele Dinge glauben, dass auch unser Bezug zu so genannt wissenschaftlichen Erkenntnissen oft einer des Glaubens ist. Selbstverständlich gibt es eine scharfe Trennlinie: Wissenschaftliche Erkenntnisse ändern sich aufgrund von Ereignissen oder Untersuchungen, Glaubenssätze bleiben unabhängig davon, was passiert, bestehen. Aber viele wissenschaftliche Positionsverschiebungen bleiben uns verborgen und wir halten an überholten Vorstellungen fest - im Modus des Glaubens.
Mir fehlt es, kurz gesagt, bei viele Atheisten und Freidenkern am Respekt gegenüber gläubigen Menschen. Dieser Respekt fehlt deshalb, weil Religion und Glaube in der Sicht der Freidenker (gibts da eigentlich auf freidenkende Frauen?) verkürzt verstanden wird als die Haltung der Angehörigen von evangelikalen amerikanischen Freikirchen, die aufgrund von widersprüchlichen Dogmen irrationale Dinge tun.
Damit wird eine ganze Tradition ausgeblendet, deren Wert nicht in der Tatsache liegt, dass es sich um eine Tradition handelt, sondern darin, dass differenzierte, hochwertige Auseinandersetzungen mit wichtigen Fragen stattgefunden haben: Die Theologie. Wenn man sich genauer mit der christlichen, jüdischen oder muslimischen Theologie befasst, dann merkt man, dass es kaum naive Zugänge zu Texten gibt, sondern dass methodisch raffinierte Überlegungen zur Auslegung von Texten stattgefunden haben, dass es keine willkürliche Ausschließung wissenschaftlicher Erkenntnisse gibt, sondern Glaube und Wissenschaft gemeinsam gedacht werden, dass Themen umkreist werden, welche auch außerhalb einer bestimmten Religionsgemeinschaft von Bedeutung sind.
Das soll jetzt kein Werbespot für bestimmte Kirchen oder Religionen sein: In jeder langlebigen Institution gibt es strukturelle Verfehlungen, problematische Entwicklungen, Verteidigen von Machtansprüchen. Vielmehr geht es darum, den Glauben an sich genauer zu betrachten.
Auf der Seite der Freidenker gibt es einen »Freidenker-Test«. Hier einige Fragen, von mir nummeriert:
- Ich bin offen für Kritik, wende mich gegen Dogmatismus jeglicher Art und trete mit diesem Vorbehalt für meine Überzeugungen ein.
- Ich geniesse mein Leben, denn mir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben.
- Ich halte die Evolutionstheorie für die einleuchtendste Erklärung unserer Herkunft.
- Ich toleriere religiöse Meinungen anderer, solange sie nicht im Widerspruch zu den allgemeinen Menschenrechten stehen.
- Ich finde, dass die organisierten Religionen mehr Schaden als Nutzen anrichten.
- Ich finde, die Trennung von Staat und Kirche sollte in allen Kantonen der Schweiz vollzogen werden.
- Ich gehöre keiner Kirche oder Glaubensgemeinschaft an.
Die damit formulierte Urteil ist nicht sehr subtil: Wer nicht zu den Freidenkern gehört, ist (1.) nicht offen für Kritik, (2.) genießt sein Leben nicht, (4.) toleriert andere Meinungen nicht, (5.) verursacht als Anhänger einer organisierten Religion Schaden. Das handelt sich meines Erachtens um ein Vorurteil.
Ein Beispiel: Die reformierte Kirche in der Schweiz. Die wenigsten Angehörigen dieser organisierten Religion entsprechen dem Bild, das die Freidenker zeichnen. Mir sind weder Schäden, die durch die reformierte Kirche verursache werden, noch dogmatische Positionen oder Intoleranz bekannt, meines Wissens hat die reformierte Kirche auch kaum Probleme mit der Evolutionstheorie oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Zudem leisten Angestellte der reformierten Kirche wertvolle seelsorgerische Dienste, kümmern sich um alte und kranke Menschen, sind Ansprechpersonen für Leidende und engagieren sich in der Jugendarbeit.
So ehrenwert ein Engagement für die Trennung von Kirche und Staat ist, weil diese Verbindung noch immer unverständliche Auswirkungen hat (Kirchensteuer für Unternehmen, besonderer Schutz von christlichen religiösen Symbolen): Wer wirklich frei denkt, muss sich nicht von anderen Menschen und ihren Haltungen abgrenzen.