Warum nie etwas einfacher wird - über die Herausforderung von Google und der Cloud

Computer vereinfachen unser Leben. Könnte man denken. Tatsächlich ist aber wohl auch 2011 der Aufwand, Computer in unser Leben zu integrieren, größer als der Aufwand, den sie uns abnehmen. Computer bringen uns dazu, Dinge zu tun, die wir nie hätten tun wollen - und lassen uns dabei die Leichtigkeit, mit denen man diese unnötigen Abläufe abwickeln kann, als eine Verbesserung unser Lebensqualität erscheinen.

Diese skeptische Überlegung gilt nicht nur für die Computer, sondern auch für Leistungen des Internets. Ich möchte ein Beispiel kommentieren, das auf der Hand liegt: Google. Google ermöglicht mir heute die Unabhängigkeit von einem Computer. Ich kann auf meinem Google-Profil alle meine Dokumente abspeichern und in jedem Browser bearbeiten, ich kann alle meine Homepages über Google verwalten, editieren, updaten, ich kann meine Mails über Google abrufen, meine Suchanfragen speichern, meine Lesezeichen abspeichern und veralten etc. Kurz: Alles, was eine Anwenderin am Computer machen muss, kann sie in einem Browser mit ihrem Google-Profil tun. Sie braucht dazu keinen Speicherplatz (der ist im Netz, d.h. in der Cloud), muss dafür nichts zahlen, die Services sind zuverlässig, schnell, hochwertig.

Wo nun liegt der Nachteil? Ich möchte zwei Probleme ansprechen, das erste konkreter und das zweite philosophischer, wer nicht mehr mag, kann sich ja ausklinken.

  1. Google löscht offenbar Profile ohne Vorwarnung und ohne konkrete Angabe von Gründen. Ob wahr oder nicht - es könnte wahr sein. Um also sichergehen zu können, dass die Dokumente tatsächlich auch dann verfügbar sind, wenn Google einen Fehler macht, mit etwas, was ich tue, nicht einverstanden ist etc. - um sicher zu sein, müsste ich alles, was ich bei Google speichere, auch noch bei einem anderen Dienst speichern oder auf einer Harddisk.
    Dadurch wird die Einfachheit und Einsparung, die mir Google ermöglichen könnte, aufgehoben: Ich muss meine Daten redundant speichern, mehrere Dienste in Anspruch nehmen und habe einen entsprechenden Zusatzaufwand.
  2. Frank Schirrmacher hat in der FAZ die Leistungen von Google wie folgt gedeutet:

    Die Auslagerung unseres Wissens ins Netz, so die Schlussfolgerung, korrespondiert mit einer Auslagerung unseres Gedächtnisses ans Netz – und genau mit dem, was die Google-Chefs seit jeher als ihre wahre Vision und ihr Geschäftsmodell annoncierten. Warum soll man sich darüber aufregen? […] Bisherige Speichermedien speicherten Vergangenheit – man kann sogar sagen, das Speichern machte sie zur Vergangenheit, im günstigsten Fall zu Bestandteilen eines verbindlichen Kanons. […] Googles Allwissenheit ist nicht literarisch, sondern sozial. Sie ist nicht nur „Wissen“, sondern Erkenntnis über den Gebrauch des Wissens, die wiederum das Wissen permanent verändert. […]

    Google übernimmt nicht nur das Speichern faktischer Wissensinhalte; Google – und das hat es bei noch keiner Externalisierung gegeben – übernimmt auch die Berechnung, Organisation und Deutung der Assoziationen, die wir beim Gebrauch dieses Wissens haben – wahrscheinlich ist das sogar der eigentliche, in der Tat faszinierende Hauptzweck einer Operation, die mittlerweile genau weiß, wie lange ein Cursor unschlüssig auf einer Straße bei Google Earth verweilt, der vorher bei Google Search auf Spielbanken geklickt hat.

    […]

    Das ist keine Auslagerung von Erinnerung mehr, sondern deren Ersatz, und weil es sehr angenehm ist und dem Leser viel Zeit spart […], machen wir alle gerne mit. Wir zahlen den Preis gerne: Es macht Spaß, das Gehirn auszuräumen und mehr Raum für anderes zu haben.

    Dazu gehört natürlich gerade die Vernetzung von all dem, was mir wichtig ist bei der Arbeit am Computer - Google sucht nicht nur, sondern mail für mich, erstellt Dokumente, speichert sie, betreibt Webseiten, unterhält mein soziales Netzwerk etc.

    Doch so klar zu bewerten ist die Tatsache nicht. (Das klingt auch in Schirrmachers Text schon an - wir wollen das ja alle.) So hat sich denn auch eine äußerst spannende Diskussion auf Google+ ergeben, die man hier und hier nachlesen kann (mit sehr prominenten TeilnehmerInnen, u.a. auch Schirrmacher selbst). Den anderen Pol bilden die Sozialwissenschafler im Blog Sozialtheoristen, die Schirrmacher wie folgt kommentierten:

    Man kann zumindest sagen, dass Google eine unglaubliche (aber fassbare) Menge an Daten vorliegen hat. Mausbewegungen, individualisierter Webtraffic, Inhalte & Verknüpfungen, freiwillige Profildaten, Verbindungsdaten, Bewegungsdaten usw. Aber was kann man mit solch einem Datenschatz tun? Wie generiert man daraus konstruktives, nutzbares Wissen?

    Eine der wichtigsten Lehren in meinem Studium war folgende: Qualitative Studien sind wichtig, quantitative Studien sind was für politische Zuarbeiten oder BWL-Übungen – man kann mit ihnen fast nichts gewinnen außer Antworten auf einfache Fragen. […]

    Solche Datenbanken sind nur für diejenigen interessant, die konkrete Anliegen haben. Die Politik will wissen, was zu entscheiden ist; Verkäufer wollen wissen, welche Verkaufsstrategie sich als erfolgreichste herausgestellt hat. Doch die gesellschaftswissenschaftlich interessante Herangehensweise ist ja genau umgekehrt: das absichtlich autistische Herantreten an ein soziales Phänomen, das hinter keinem konkreten Anliegen, keiner konkreten Fragestellung verborgen wird. Und das – ganz wichtig – unmittelbar beobachtet werden kann. „Wie ist diese soziale Ordnung möglich?“ Und: „Welche Probleme werden hier gelöst?“ Ein fragmentiertes Datenmaterial, wie es Google vorliegt, hilft da kaum weiter. […] Google registriert nur, was passiert, wenn etwas passiert – und das ist viel zu wenig, geradezu wertlos.

Wenn daran anschließen die Frage beantwortet werden soll, warum die Dinge nicht einfacher werden, dann ist die Antwort wohl ein Verweis auf das System: Wir setzen für das, was wir tun, bestimmte Ressourcen ein - die absorbiert werden. Können wir anstatt auf einer Schreibmaschine mit einem monochromen Bildschirm Texte speichern und ausdrucken - dann setzen wir die zusätzlichen Ressourcen dafür ein, das immer schneller, schöner, unabhängiger etc. tun zu können. Und reduzieren schließlich die Komplexität nicht, sondern halten sie konstant.

Payback - Frank Schirrmacher und die brave new digital world

Es gibt einen Grad von Unterdrückung, der als Freiheit empfunden wird. - Heiner Müller, Quelle

In seinem an die Payback-Karte angelehnten Titel - in der Schweiz müsste das Buch »Cumulus« heißen und darf nicht mit dem brillanten Essay von Atwood über den Umgang mit Schuld und Schulden verwechselt werden - beklagt der konservative deutsche Denker Frank Schirrmacher, der (post)-moderne Mensch sei nicht mehr Herr, sondern Knecht der digitalen Arbeitsmethoden. Während er glaube, den Computer zu benutzen - benutzt der Computer eigentlich den Menschen, um es pointiert auszudrücken.

Schirrmacher führt mehrere Argumente ins Feld:

  1. Die Benutzung von Computern verändert uns physisch. Neurologische Prozesse führen zu einer Anpassung unserer Kognition an die Vorgehensweise von Rechnern, insbesondere erwerben wir die Fähigkeit zum Multitasken. Schirrmacher beschreibt im Abschnitt »Mein Kopf kommt nicht mehr mit«, dass er sich unkonzentriert fühle und vergesslich geworden sei - und wertet diese Veränderung somit negativ.
  2. Die ständige Nutzung von digitalen Medien führt zu einer Unterdrückung der Menschen, welche sie glücklich als Freiheit erleben. Wer im Internet etwas sucht, findet auch - und meint, gefunden zu haben, was gesucht worden ist. Freier Wille wird suggeriert - tatsächlich wird aber durch mächtige Instanzen gesteuert, was man findet. Auch die totale Individualität digitaler Welten (iTunes sucht das Musikprogramm, das mir als Individuum entspricht) ist nichts als die Kontrollübernahme durch diese digitalen Welten (iTunes bestimmt, was mir als Individuum zu entsprechen hat).
  3. Die mangelnden Filter im Internet führen zu einem ständig ablaufenden Entscheidungsprozess, was wichtig/unwichtig oder relevant/irrelevant sei. Diese Entscheidungen überfordern den Menschen, Sie führen zu einer »Ich-Erschöpfung« (Roy Baumeister; Entscheidungen zu fällen ist für Menschen ein Kraftakt, siehe hier). Es sei zu fordern, dass Informationen dem Hirn unterzurodnen seien - und nicht die Hirnaktivität den Informationen.
  4. Es gibt einen »digitalen Darwinismus«: »fittest« heißt heute, am besten an die Informationen angepasst, als bestinformiert, und zwar nicht im Sinne von »wichtigen«/»relevanten« Informationen, sondern den Informationen, welche nach dem »Mätthäus-Effekt« als wichtig erscheinen.

Nun wird Schirrmacher zwar als konservativer Vordenker sofort breit und grundsätzlich positiv rezensiert vom Feuilleton, erfährt aber sofort auch Kritik der »digital natives«, der Menschen, welche mit dem Internet groß geworden sind. Diese Kritik ist sehr aufschlussreich, zeigt sie doch, wie Recht Schirrmacher eigentlich hat: Tim Cole moniert, Schirrmacher sei ein »digitaler Xenophobe«, der deswegen nicht mehr mitkomme, weil er keine Ahnung von der digitalen Welt hat. Damit nimmt er ein Argument auf, das in Technologiedebatten, wie die Zeit-Rezension erhellend anmerkt, seit einigen Jahren zu einer »self-evident truth« geworden ist: Wer technische Innovationen kritisiert, versteht sie nicht, sonst würde er sie nicht kritisieren (sehr verbreitet in der Gamer-Community: Wer Killerspiele verbieten will, hat noch nie welche gespielt oder nicht richtig, denn sonst würde er Spiele nicht verbieten wollen). Weiter schreibt Cole, Schirrmacher habe ein falsches Menschenbild, weil sich Menschen nicht beeinflussen liessen und sehr gut zwischen relevanten und irrelevanten Informationen unterscheiden können; um dann ein interessanten Evolutionsargument anzufügen:

Und Schirrmacher hat zweitens keine Ahnung von Evolution. Er kann – oder will – nicht erkennen, dass Homo Sapiens sich in den vergangenen Jahrtausenden stets und immer wieder einer veränderten Kommunikations- und Informationsumgebung anpassen musste, und dass er es ganz gut gemacht hat.

Die Informationsumgebung wird also eine natürliche Umgebung gesehen, an die sich der Mensch anzupassen hat - und nicht mehr als eine kulturell erschaffene Umwelt, welche auch verändert werden könnte (im Rahmen einer Anpassung, vielleicht). Die digitale Welt ersetzt also eine selektive Natur: Was nichts anderes als eines von Schirrmachers Argumenten ist, dass sich der Mensch der Technik untergeordnet hat und weiter unterordnen wird.

Soviel zur Kritik der Kritik, die mir im Moment noch sehr dünn erscheint. Nun aber zur Kritik an Schirrmacher noch meine Begegnung mit seinem neuen Buch:

  1. Ich lese meine Tweets (nicht Tweeds, ein offenbar peinlicher Schreibfehler in Schirrmachers Buch) und stosse auf diesen von @Zeitonline_all:
  2. Ich lese auf meinem iPhone unterwegs die Zeit-Rezension.
  3. Ich lese auf meinem Laptop auf dem Weg zur Arbeit (nächster Tag) die Renzension in der Süddeutschen Zeitung sowie Blogeinträge zu Payback.
  4. Ich drucke wichtige Texte aus und bearbeite sie mit dem Bleistift, ich lese sie also linear, wie Schirrmacher eine seiner Meinung nach gefähredete Tätigkeit bezeichnet:
  5. Ich schreibe den Blogpost, ohne auch nur in dem Buch gelesen zu haben.

Das mag nun problematisch erscheinen, hat aber auch Vorteile, es ist ein modernes Vorgehen. Es scheint mir ausgewogen, mehrperspektivisch zu sein, es ist eine effiziente Art zu Arbeiten, welche nicht obeflächlich ist, aber oberflächlich sein könnte. Und nebenbei habe ich Tweets gelesen, welche völlig sinnlos und irrelevant waren und auch solche Blogeinträge; ich verfüge aber über eine relativ gute Filterkompetenz.

Fazit: Das Diktat der Technik ist eine realistische Gefahr. Die Technik kann aber auch gegen sich selbst gewendet werden oder dazu benutzt werden, die drohende Gefahr zu mildern oder abzuwenden, weniger, aber wichtigere Entscheidungen von uns zu verlangen. Und die Technik hat uns nicht zur Konsumenten und Rezipienten gemacht, sondern auch zu Produzenten (wie ich hier). Steven Pinker, der amerikanische Populärpsychologe, hat gesagt, man solle, wenn man das Internet (Facebook etc.) kritisiere, mal darüber nachdenken, worüber man denn bei einem Abendessen am Familientisch so rede:

I mention this because so many discussions of the effects of new information technologies take the status quo as self-evidently good and bemoan how intellectual standards are being corroded (the ‘google-makes-us-stoopid’ mindset). They fall into the tradition of other technologically driven moral panics of the past two centuries, like the fears that the telephone, the telegraph, the typewriter, the postcard, radio, and so on, would spell the end of civilized society.